Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Beherrschen und Besitzen (Descartes) - oder Hüten und Bewahren (Gen. 2,15) - was wollen wir?

Vortrag von Dorothee Sölle

Liebe Geschwister, meine Damen und Herrn, lassen Sie mich etwas zum Rhythmus des Lebens sagen.

Gott hat die Welt nicht so geschaffen, wie eine Töpferin einen Topf, ein Konstrukteur eine Maschine schafft, als ein fertiges Ding, das man wegwirft, wenn es nicht mehr funktioniert. Die Schöpfung ist bestimmt von einem Rhythmus, einem Wechsel, den wir als Tag und Nacht, Sommer und Winter, Ebbe und Flut, Wärme und Kälte, Jugend und Alter erleben. Wenn Gott in den biblischen Erzählungen am Ende schließlich alles als sehr gut ansieht, so ist nicht Perfektion, ewige Dauer, unveränderlicher Bestand gemeint, sondern dieser Rhythmus des Lebens. Ich liebe ihn. Der Wechsel der Jahreszeiten ist für mich nicht eine bedauerliche Panne, dass dann schon wieder der Frühling vorbei ist, etwas Vermeidbares, sondern ein Teil, des - fast möchte ich ganz altmodisch sagen - irdischen Lebens, das von und in diesem Wechsel lebt. Was mir Angst macht, ist die technokratische Sicherheit; dass jederzeit alles, was es auf Erden gibt, verfügbar und käuflich ist. Erdbeeren auch im Dezember, Frühling für Touristen jederzeit, man fliegt nur in die Länder, wo er gerade ist, Sex auch im Alter, die Sklavinnen dafür werden immer billiger, Spaß, in der Weltsprache “fun” genannt, immerzu.

Das Element der Zeit, das Kommen und Gehen, der Rhythmus des Lebens wird in die Verfügbarkeit hinein aufgehoben. Je virtueller die Welt wird, desto weniger brauchen wir noch wahrzunehmen, dass die Blätter an den Bäumen kommen und gehen. Schulkinder in Hamburg z.B. wissen nicht mehr, dass eine Zwiebel, in die Erde gesteckt, Zeit braucht, um ein winziges grünes Spitzchen hervorzutreiben - das ist Großstadtmentalität. Sie kennen tausende von Knöpfen, die man an- und ausdrücken kann, aber sie wissen nichts mehr vom Wachsen, vom Rhythmus des Lebens, den nicht wir gemacht haben. Dass wir immer noch zulassen, dass und wie die Schöpfung vom Allmachtswahn und von Besitzgier Stück um Stück vor unseren Augen zerstört wird, ist mir am deutlichsten in diesem Gefühl. Gott hat sich das wohl anders gedacht. Wenn ich mit anderen zusammen im Gottesdienst wiederhole: Ich glaube an Gott den Schöpfer, so ist das nicht eine Erklärung, oder gar eine Analyse der Welt, es bedeutet eher eine Liebeserklärung und das ist etwas ganz anderes. Eine Liebeserklärung, die sich auf diesen Rhythmus dieses Lebens bezieht. Wir können ihn spüren, wir können ihn erleiden, wir können ihn sogar loben. Wir brauchen eine neue Spiritualität, die den Rhythmus des Lebens kennt und akzeptiert, wir brauchen dieses Lob. Wir sollten uns selber unterbrechen, um diesen Rhythmus des Lebens wahrzunehmen und uns in ihn einzustimmen. Er ist vor uns da und nach uns da. “Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat 12 Stunden, dann kommt schon der Tag.” so Berthold Brecht. Diese Hoffnung kann nur überleben, wenn wir lernen in den Rhythmus einzuwilligen.

Ich hab mir in den letzten Jahren angewöhnt meine Vorträge diskursiver Art zu unterbrechen - durch theopoetische oder durch spirituelle Reflexionen. Das Gefühl, dass die Sprache des wissenschaftlichen Diskurses nicht ausreicht, um das, was wir eigentlich miteinander mitteilen sollten, wirklich mitzuteilen, ist immer mehr gewachsen. Wir brauchen noch eine andere Sprache außer der der Theologie. Darauf hat mich vor Jahren Martin Buber aufmerksam gemacht, den ich 1960 besucht habe. Es war ein Urerlebnis für mich und ich hatte mich - eine ganz junge Religionslehrerin die ich war - ich hatte mich als Theologin vorgestellt und nach einem langen Schweigen, das mir entsetzlich peinlich war, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, sagte er plötzlich “Theologie, wie machen Sie das eigentlich? Es gibt doch keinen Logos von Gott, es gibt natürlich Dentologie, Zahnheilkunde, Zoologie, Tierkunde und viele andere Logien - Wissenschaften. Aber in der selben Weise kann man nicht von Gott reden. Da ist doch irgendetwas krank.” Es war ein ungeheurer jüdischer Einwand und der hat mich richtig zum Nachdenken gebracht und eine meiner Antworten darauf lautete: wir müssen vielleicht Geschichten erzählen von Gott, wir müssen vielleicht Lieder zu singen versuchen und Theopoesie lernen.

Ich will mich auch heute unterbrechen. Das Gleichnis vom Feigenbaum ist eine schöne Geschichte aus dem Neuen Testament, der eigentlich umgehauen werden sollte, weil er keine Frucht bringt. Noch trägt unser Baum keine Früchte, noch schieben wir Heimatlose ab, Arbeiterinnen lassen wir nicht arbeiten, noch lieferten und liefern wir den Folterern, was immer sie brauchen können und schnüren den Ärmsten die Kehle zu, als ob ihr Schrei uns nicht stört. Noch wartet Gott vergebens. Noch liegt unsere Zeit in den Händen der Mächtigen. Sie leiten Gift in die Flüsse, Amüsantes in unseren Bildschirm, Schwermetalle in unser Essen und Angst in unser Herz. Noch schreien wir nicht laut genug: Wie lange noch Gott! Wie lange willst du Dir das noch ansehen, ohne ihn umzuhauen, Deinen Feigenbaum? Noch haben wir nicht gelernt umzukehren, noch weinen wir selten, noch. “Noch” ist für mich in den letzten Jahren ein Grundwort der Hoffnung geworden, wenn ich die vielen Feinde, die das Leben hat, ansehe. Dann kann ich nicht in dieser liberalen Nettigkeit sagen: “Ach! Sie haben ein Feindbild. Es gibt doch gar keinen Feind!” Das ist dummes Zeug. Die Fische haben Feinde. Ich kann das zeigen, berechnen, erklären. Die Kinder haben Feinde, die sie nicht in die Schule lassen, und nicht zum Doktor in der Armutswelt. Das Leben hat Feinde. Jesus hat nicht gesagt: “Ihr habt gar keine Feinde, alle sind nett”. Das ist dummes Zeug. Er hat gesagt: “Auch die Feinde sind noch nicht so weit. Sie können umkehren”. Und das ist was ganz anderes. Und deswegen liebe ich das Wort “noch” so sehr. Ein zweiter Teil, da möchte ich etwas auf Descartes eingehen. Ich würde einmal sagen, er hat am Beginn unserer Epoche - die vielleicht, hoffe ich, bald endet - die Menschen als “Herren und Besitzer” - “maître et possesseur de la nature” - bezeichnet.

Unter “Mensch” verstand René Descartes selbstverständlich den weißen Mann - an etwas anderes dachte man nicht - der Sklaven, Frauen und die Natur besaß und beherrschte. “Maître et possesseur de la nature” bedeutet auch, dass die eine Menschheit aufgeteilt wird, in Herrscher und Beherrschte.

Es gibt eine massive Kritik am Christentum, die sich dabei auf einen Bibelvers berufen kann. Ich möchte ihn Ihnen nach der Zürcher Übersetzung vorlesen. Es handelt sich um Genesis 1 Vers 28: “Gott segnete sie (das erste Paar) und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan. Und herrscht über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf Erden sich regen”. Herrscht! Macht euch untertan! Ist das das selbe wie “maître et possesseur”? Es gibt sehr viele Einwände gegen das Christentum von ökologischer Seite, vor allem von den sogenannten “deep ecologists”. In Amerika habe ich das immer wieder gehört. Sie sagten mir: Diese Religion verkündet doch nichts anderes, als dass die Natur beliebig zu benutzen ist, weil wir die Herren sind. Was anderes haben die Christen doch nicht im Kopf. So hab ich das da immer wieder gehört. Es gibt aber einen Einspruch dagegen im zweiten Schöpfungsbericht der Bibel - und auf den möchte ich mal rekurrieren, weil man die Bibel wirklich in all ihrer Widersprüchlichkeit lesen muss. Sie hat repressive, unterdrückerische, sexistische Züge, Herrenallüren und ist auch so benutzt worden. Sie hat aber auch - und das ist die eigentliche Stimme - andere, befreiende, erlösende, gleichbehandelnde, nicht einteilende. Ich frage mich manchmal, ob eigentlich der Papst jemals Gallater 3,28 gelesen hat. “Es ist nicht Jude noch Grieche, es ist nicht Mann noch Frau, wir sind alle eins in Christus”. Diese andere Ausdrucksweise steht im zweiten Schöpfungsbericht und da heißt es: “Und Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.” Buber übersetzt das so: “Gott setzte ihn in den Garten, ihn zu bedienen und zu hüten”. Eine schöne Übersetzung, die Eins-sein herausstreicht - ein völlig anderes Verhältnis als dieses des Herren- und Besitzer-Seins und der Ausplünderung. Wir müssen uns in diesem Zusammenhang die Frage stellen: Wohin gehören wir? Wollen wir zu den Herren und Besitzern gehören, weil wir auch so werden wollen? Wir Frauen haben uns ja oft gefragt: Wollen wir die Hälfte des Kuchens oder wollen wir nicht noch ganz andere Kuchen backen als die bisherigen Herren. Ich neige zur zweiten Ansicht.

Ich denke, ich gehe hier nochmal zurück auf einen Psalm, den ich sehr liebe, das ist der Psalm 104. Und da heißt es : “Alle Augen warten auf dich, dass du ihnen Nahrung gibst zu ihrer Zeit. Wenn du ihnen gibst, sammeln sie ein und tust Du Deine Hand auf, werden sie mit Gutem gesättigt. Verbirgst Du Dein Angesicht, so erschrecken sie. Ziehst Du ihren Atem zurück, so verscheiden sie und kehren zurück zu Ihrem Staub. Sendest Du Deinen Atem aus, so werden sie geschaffen und Du erneuerst das Antlitz der Erde.” Dieser letzte Satz: “renovabis faciem terrae”: “du erneuerst das Angesicht der Erde”, hat mich seit längerer Zeit begleitet, weil er auf so deutliche Weise erzählt von dem, wie das Leben sein kann. Dieser Blickwinkel, der nicht der eines Malers ist, der ein Stilleben mit verschieden angeordneten Gegenständen nachmalt, sondern der eines erzählend Hingerissenen, der mit der Zeit und ihrem Rhythmus lebt, der nichts Ruhendes wahrnimmt, sondern nur das Kommen und Gehen, das Auf- und Niedergehen der Sonne, das Hungerhaben und Sattwerden der Geschöpfe. In diesem Psalm tut sich Gott das Licht um wie einen Mantel.

Und die stärkste Ausdrucksform dieser Dynamik ist die “Geistin”, die ruah. Ich übersetze das gerne in der hebräischen Form als “Geistin”, obwohl ich sonst einiges gegen die “-Innen” habe. Ich denke, dass wir lernen sollten von der Geistin her zu denken. Das kann auch übersetzt werden mit dem Wind oder dem Atem Gottes, die hier in diesem Psalm eine besondere Rolle spielen - und der mir besonders lieb ist. “Du erneuerst das Angesicht der Erde.”

An dieser Stelle wird für mich sehr deutlich wie falsch, wie absurd das deistische Verständnis Gottes ist, als sei er ein Uhrmacher, der alles schön eingerichtet hat und sich dann nicht mehr zu kümmern braucht, der dann nach Hause gehen kann. Die Uhr tickt ja immer schön weiter. Das ist eine völlig falsche Annahme. Wir brauchen Gott in allen Gestalten. Als Vater und als Mutter, als Schöpfer und als Ernährerin, als die, die uns lebendig erhält und die Erde erneuert. Das ist ein wichtiges Element in unserem Weiterdenken. Der Atem, der Hauch, der “Odem”, wie es mit einem altmodischen Wort oft feierlich übersetzt wird, ist allem was lebt gemeinsam. Atmen ist eine Art, die Luft miteinander zu teilen und vielleicht ist diese Gemeinsamkeit ein tiefes Symbol für die Unteilbarkeit des Lebens. Manchmal hab ich Angst davor, dass demnächst auch die Luft rationiert wird und die bessere, weniger vergiftete Luft nur noch für die Reichen da ist. Es gibt natürlich solche geographischen Aufteilungen auch heute schon.

Noch teilen wir die Luft miteinander. Noch ist die Wasserversorgung, jedenfalls bei uns, allen gemeinsam. Noch geht der Himmel über allen auf und ist nicht nur für einen gedacht. Und in dieser Gemeinsamkeit des Lebens steckt auch die Hoffnung für uns, dass wir noch einmal aus dem gegenwärtigem Zustand der Zerstörung, der Privatisierung und des Raubes herauskommen.

Das Wort, das heute so beliebt ist, lautet “privat”. In den USA hört man gerne und immer wieder: “Ach, das ist eine ganz persönliche Meinung, very private”. Und am liebsten würden sie, glaube ich, Gott zur “private property” erklären, denn das ist das höchste, was Nordamerikaner sich denken können - Privateigentum. Privare heißt im lateinischen “rauben”. Das ist ein Raub, das Private. Das ist nicht eine Vervollkommnung des Menschen, sondern eine Zerstörung der Menschlichkeit und genau davon sind wir beherrscht. Alle Kreatur ist daran beteiligt. Ich sag das jetzt noch einmal mit einem Fremdwort: Anthropozentrismus, also die Herrschaft des Menschen und die Überlegenheit des Menschen über alle anderen Kreaturen, dieses “Herr- und Meister-Sein”. Hier offenbart sich eine blinde Überkonzentration auf den Menschen als “Krone der Schöpfung”. Aber dieses Verständnis hat in diesem Psalm überhaupt keinen Platz. “Aller Augen warten auf Dich und du gibst ihnen ihre Speise zu ihrer Zeit”. Das ist ein Lied, das ich hunderte Male gesungen habe in meinem Leben. Ich habe dabei immer nur an die Menschenaugen und den Menschenhunger gedacht. Der Psalm lehrt mich aber, anders zu sehen und zu fühlen, als es in unserer Welt üblich ist. Er führt mich zurück in das Wissen, dass wir ein Teil sind, nicht das Ganze, sterblich, nicht ewig, dass wir teilhaben, nicht herrschen. Und indem er uns auf das Kreaturmaß zurückholt, gibt er uns auch Anteil an der Freude, an dem Jubel der Geschöpfe. Die Psalmen sind ein wunderbares Lehrbuch dafür, dass wir uns in Gott freuen können. Vielleicht das Größte, was unsere Tradition anzubieten hat.

Noch einmal eine Unterbrechung. Gott, Deine Geistin erneuert das Gesicht der Erde, erneuere auch unser Herz und gib uns den Geist der Klarheit und des Mutes, denn das Gesetz des Geistes, der uns lebendig macht in Christus, hat uns befreit von dem Gesetz der Resignation. Lehre uns mit der Kraft des Windes und der Sonne leben und andere Geschöpfe leben lassen. Lehre uns die Kraft der kleinen Leute zu spüren und keine Angst mehr zu haben, wenn wir dem Luxus auf Kosten aller anderen Geschöpfe widersprechen und zuwider handeln. Lehre uns die immer größere Freude beim Lebendigwerden in Deiner lebendigen Welt, weil wir unser Ende nicht fürchten. Gott, Deine Geistin erneuert das Gesicht der Erde, erneuere auch unser Herz und lass uns wieder miteinander leben. Lehr uns zu teilen, statt zu resignieren: das Wasser, die Luft, die Energie und die Vorräte. Zeig uns, dass die Erde Dir gehört und darum schön ist. Wann werden wir lernen hinzuhören auf den Schrei der Mitgeschöpfe und endlich politische Konsequenzen zu ziehen. Ist das wirklich nur der Wille, der fehlt, oder ist es vielleicht noch etwas anderes, das im Grunde unseres Lebens wurzelt.

Eine Art tiefere Lebenseinstellung; etwas, das einmal einer der Propheten der hebräischen Bibel das “Herz aus Stein” genannt hat, das wir gegen ein fleischernes umtauschen sollen. Was die Bibel mit dem Ausdruck Willen meint, ist nicht nur eine rationale Einsicht, der sich dann das Verhalten unterordnet; es ist nicht die Herrschaft der Vernunft über die disziplinlosen Triebe, sondern ein ganzheitlicher Begriff. “Wo euer Schatz ist”, sagt Jesus, “da ist euer Herz”. Wenn also euer Schatz, eure Lust, euer Spaß im schnellen Herumdüsen ist, ist euer Herz nicht gerade beim Überleben der Bäume. Es ist doch klar, dass beides sich ausschließt. Wollen ist das, worauf sich unsere Lebenswünsche richten: Kopf und Herz, Bedürfnis und Intention gehören zusammen.

Wollen ist ein spiritueller Grundbegriff. In einem englischen Kirchenlied heißt es zu Gott gesprochen: “Hauch Du mich an, Atem Gottes, bis ich mit Dir eines Willens bin im Handeln und im Hoffen und im Ertragen - Unto with Thee I will one will to do and to endure.” Das Überleben der Schöpfung erfordert unabdingbar eine andere Spiritualität als die des Herren und Besitzers. Wie könnte sie aussehen? Was müsste sich denn an unserer Lebensfrömmigkeit ändern, so dass wir anfangen, die Schöpfung zu lieben?

Ich möchte hier drei verschiedene Voraussetzungen für eine solche, wie ich denke, ökofeministische Spiritualität erklären. Die erste ist die Annahme der Vergänglichkeit des Ichs. Die christliche Tradition hat sich manchmal etwas schwer getan, Vergänglichkeit und Sünde klar auseinanderzuhalten. Immer wieder hat sie die Frau zum Sündenbock für Sünde und Tod und zur Ursache von Unreinheit und Vergänglichkeit gemacht. Ich zitiere da Rosemary Radford Ruether, eine große amerikanische, ökofeministische Theologin. Und eher dem platonischen als dem hebräischen Denken folgend hat sie (die christliche Tradition) oft die Vergänglichkeit und Sterblichkeit der materiellen Existenz als etwas Schlechtes gedeutet. Sie sind aber nicht schlecht. Nicht unser Begrenztsein trennt uns von Gott. Nicht, dass wir von Erde genommen, wieder zu Erde werden; eingebettet in den Kreislauf alles Lebendigen, das nur eine Zeitlang atmet, ist unser Hauptunglück. Nicht der Tod ist unser Problem, sondern das Töten. Ich glaube, dass ist klar genug, wenn man sich nur etwas in der Welt umschaut. Wir können verlernen, uns an das oft unsterblich geträumte Ego zu klammern. Sterblichkeit ist eine Bedingung, die wir mit allen anderen Lebewesen teilen. Sie anzunehmen, statt unsere Lebensgier zu verlängern, ist eine Gestalt spiritueller Weisheit. Einer der großen christlichen Heiligen hat den Tod unsere Schwester genannt und ihn mit Sonne, Wasser und Erde zusammen gelobt. Eine Spiritualität des Loslassenkönnens gehört zu einem solchen anderen Verhältnis zur Schöpfung.

Ich möchte Ihnen ein Lied zitieren, das ich eben schon anfing, zu zitieren, es heißt “Atme mich an Gott”. Und ich hab es im Licht einer solchen neuen Spiritualität zu übersetzen versucht.
“Atem Gottes, hauch mich an, füll du mich wieder mit Leben, bis dass ich, was du liebst, lieben kann und retten, was du gegeben. Atem Gottes, weh mich an, mein Herz ist Dir offen, bis ich, was Du willst, wollen kann im Handeln und im Hoffen. Atem Gottes, blas mich an, bis ich ganz Dein werde, bis dein Feuer in mir brennt, auf der dunklen Erde.”
Mit der letzten Strophe dieses schönen Liedes über den Atem Gottes, der mich anhaucht, geriet ich in Schwierigkeiten, weil der Verfasser dort vom ewigen Leben spricht und sagt: “Breath on me, Breath of God, so shall I never die …”: “so würde ich niemals sterben …”. Das brachte ich nicht über die Lippen. Ich befinde mich in einer Lebensphase, in der ich lerne, dass Gottes Atem des Lebens mich nicht immer mit Leben füllen wird, dass ich zu Staub zerfalle, wenn Gottes Ruah von mir geht. Soll ich mich dagegen wehren? Brauche ich die Unsterblichkeit der Seele, um Gott zu lieben? Mein innerster Wunsch ist, dass diese Erde bleibt, dass Sommer und Winter, Ebbe und Flut, Land und Meer bleiben und ihren Rhythmus behalten. Dass meine Enkelkinder im Fluß schwimmen und in der Sonne spielen können. Dass die Delphine und Zedern nicht per Video, sondern real erleben dürfen. Ich bin ein Teil der Schöpfung, und ich wünsche mir, dass diese wunderbare Erde bleibt. Im Ozean der Liebe Gottes ist auch Platz für mich kleinen Tropfen. Wenn “so shall I never die”, - “so werde ich niemals sterben” - so gemeint ist, kann ich das mitsingen. Wenn es aber auf die Unsterblichkeit des Ego hinauswill, dann halt ich das für einen falschen Wunsch, der gegen die Geistin des Lebens gerichtet ist.

Ich will nicht erhaben sein über die Natur, mächtiger als sie, vom Kommen und Gehen ausgenommen existieren. Männer, die Ihren Samen einfrieren lassen, Ärzte, die von 150 Jahren Lebensdauer mit Ersatzorganen träumen, stellen säkularisierte Perversionen falscher, religiöser Wünsche dar. Wir brauchen mehr an Geist und einen anderen Atem des Lebens, als den, der sich auf das Individuum als die letzte Realität bezieht. Genau das ist das, was wir haben in unserer Welt. Als ich versuchte, dieses Gebet um Gottes Atem mitzubeten, wurde mir klar, dass wir in unserer Lage um Gottes Geistin nur dann beten, wenn wir die Schöpfung einbeziehen. Heilige Ruach, bewahre die Schöpfung! Eine letzte Strophe dieses Gebets lautete dann: “Atem des Lebens, atme in mir, lehr mich die Luft zu teilen, so wie das Wasser, wie das Brot. Komm, die Erde zu heilen.”

Der zweite wichtige Punkt für eine solche andere ökofeministische Spiritualität, ist die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit alles Seienden. Wie ist die tiefe Grundlage einer Frömmigkeit, die uns Menschen eben nicht mehr als Herren und Besitzer der Natur ansieht? Die Natur ist keine Sache, von der wir nach Belieben mehr produzieren können, Land, Wasser. Das Subjekt der Umkehr, das wir brauchen, beginnt mit dem erschrockenen, verstörten, mitleidenden Ich, aber es geht über in Gruppen, Netzwerke, Gemeinschaften. Wir haben kein Recht, den Generationsvertrag aufzukündigen, wir haben alles Recht ihn einzuklagen.

Noch ein kleiner meditativer Text. Er heißt “Ohne zu lügen”. -
“Schaffe in mir Gott ein neues Herz, das alte gehorcht der Gewohnheit. Schaff mir neue Augen, die alten sind behext vom Erfolg. Schaff mir neue Ohren, die alten registrieren nur Unglück. Und eine neue Liebe zu den Bäumen, statt die voller Trauer. Eine neue Zunge gib mir, statt der von der Angst geknebelten. Eine neue Sprache gib mir, statt der gewaltverseuchten, die ich gut beherrsche. Mein Herz erstickt an der Ohnmacht aller, die Deine Fremdlinge lieben. Schaffe in mir, Gott, ein neues Herz und gib mir einen neuen Geist, dass ich Dich loben kann, ohne zu lügen. Mit Tränen in den Augen, wenn es denn sein muß, aber ohne zu lügen.”

Das ist der Titel meines neuesten Gedichtsbandes, der heißt - “ohne zu lügen” -“Loben ohne Lügen”. Können wir denn auf Gott rechnen? Ich denke, dass ohne die Fähigkeit an Gott und seine weitergehende Schöpfung zu glauben, die Hoffnung vor unseren Augen eingeht. Vielleicht der schönste Vers in diesem Psalm ist der, von der Erneuerung des Gesichts der Erde. “Du machst neu die Gestalt der Erde!” Um das zu verstehen, um sich daran zu halten, brauchen wir Glauben, nicht eine Wahrhalterei von 6 Tagen Schöpfungszeit oder solche naiven Vorstellungen. Sondern wirklichen Glauben im Sinne von Vertrauen. Ich kenne viele Menschen, die diesen Glauben an die Renovation der Schöpfung nicht mehr aufbringen. Es ist zu spät!, sagen sie. Es kann nur noch das Ende der Welt kommen. Mir wird nirgends so deutlich, wie sehr ich den Glauben an Gottes Kraft als einer Gottesgeistin brauche. Mitten in einer geistlosen Welt lebend, will ich darauf vertrauen können, dass sich das Gesicht Gottes dem Gesicht der Erde zuwendet, damit sie leben kann.

Ich schließe mit einem Credo für die Erde, das ich für den letzten Kirchentag geschrieben hab:
“Ich glaube an Gottes gute Schöpfung - die Erde, sie ist heilig. Gestern, heute und morgen. Taste sie nicht an! Sie gehört nicht Dir! Und keinem Konzern! Wir besitzen sie nicht wie ein Ding, das man kauft, benutzt und wegwirft. Sie gehört einem anderen. Was könnten wir von Gott wissen, ohne sie, unsere Mutter; wie könnten wir von Gott reden, ohne die Blumen, die Gott loben, ohne den Wind und das Wasser, die im Rauschen von ihm erzählen. Wie könnten wir Gott lieben, ohne von unserer Mutter das Hüten zu lernen und das Bewahren. Ich glaube an Gottes gute Schöpfung - die Erde. Sie ist für alle da, nicht nur für die Reichen, sie ist heilig, jedes einzelne Blatt, das Meer und das Land, das Licht und die Finsternis, das Geboren Werden und das Sterben. Alle singen das Lied der Erde. Lass uns nicht einen Tag leben und sie vergessen. Wir wollen ihren Rhythmus bewahren und ihr Glück leuchten lassen. Sie beschützen vor Habsucht und Herrschsucht. Weil sie heilig ist, können wir suchtfrei werden. Weil sie heilig ist, lernen wir das Heilen. Ich glaube an Gottes gute Schöpfung - die Erde. Sie ist heilig. Gestern, heute und morgen. Amen.”

Ich danke Ihnen für’s Zuhören.

Mehr zu Dorothee Sölle siehe auf der Lebenshaus-Website (Linksammlung unten) sowie unter folgendem Link:

www.dorothee-soelle.de

Veröffentlicht am

03. Dezember 2001

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