Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

“Frei werden wir, wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten!” - Ein Nachruf auf Dorothee Sölle

Von Michael Schmid

Soelle.2.jpg“Frei werden wir erst, wenn wir uns mit dem Leben verbünden gegen die Todesproduktion und die permanente Tötungsvorbereitung. Frei werden wir weder durch Rückzug ins Private, ins ‘Ohne mich’, noch durch Anpassung an die Gesellschaft, in der Generale und Millionäre besonders hochgeachtet werden. Frei werden wir, wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten.”

Diejenige, von der diese ermutigenden Sätze für ein engagiertes Leben für den Frieden stammen, Dorothee Sölle, ist tot. Kaum zu glauben, dass wir sie nicht mehr hören werden, diese engagierte Christin. Erst vor wenigen Wochen hatte ich sie noch in Stuttgart bei einer Veranstaltung gemeinsam mit Grupo Sal erlebt. Und nun gestorben, diese lebendige, lebensbejahende, unermüdlich Hoffnung verbreitende Frau!?

Jetzt habe ich meine sämtlichen Bücher von Dorothee Sölle aus dem Regal geholt und auf einen Stapel gelegt, lauter Texte, die sowohl jede Menge politische Radikalität wie spirituelle Tiefe aufweisen. Allein die stattliche Höhe von fast einem halben Meter macht deutlich, dass sie eine für mich äußerst wichtige Autorin war. Aber solcher Äußerlichkeiten bedürfte es nicht, um mir bewusst zu sein, welche Bedeutung Dorothee Sölle in meinem Leben gespielt hat.

Es war wohl in den frühen siebziger Jahren, als ich auf diese Frau stieß. Gerade vorzeitig aus der Bundeswehr entlassen, in die ich aus Besinnungslosigkeit geraten war, mit meiner damaligen Kirche, der katholischen, und meinem christlichen Glauben in die Krise geraten, offensichtlich mit einem bisher vernebelten Blick auf gesellschaftliche Realitäten durchs Leben gestolpert, befand ich mich in einer Phase der Neuorientierung. Irgendwann bin ich dann auf Schriften von Dorothee Sölle gestoßen. Das war wichtig für mich und ist es bis heute geblieben.

“Das Evangelium ist zwar für alle da, aber nicht in der gleichen Weise. Es ist nicht dafür da, dass die Reichen immer reicher werden, die Ausbeuter immer schärfer vorangehen, die Bedürfnisse der Menschen immer mehr den Profiten untergeordnet werden. Eine Liebe ohne Klassenkampf bleibt idealistisch, abstrakt. Die Liebe bedeutet zweierlei, je nachdem, ob sie den Unterdrückten oder den Unterdrückern gilt. Für die Armen sein heißt: sie von der Unterdrückung befreien oder verhindern, dass sie dann zu Unterdrückern werden. Für die Reichen bedeutet sie lieben, sie von der Unterdrückung befreien, weil sie nicht frei sind als Unterdrücker!”

Diese Sätze, von Dorothee Sölle vor fast 30 Jahren in dem Buch “Christen für den Sozialismus” geschrieben, machen ihre Verbindung zwischen Christsein und radikaler Gesellschaftsanalyse deutlich sowie ihre unermüdliche Parteilichkeit für die Armen und Unterdrückten. Die Bewegung “Christen für den Sozialismus” war als ein Zweig der Theologie der Befreiung 1971 in Chile entstanden. Schließlich gab es weltweit Gruppen mit diesem Namen, die ihre Vorstellungen von Christentum und Sozialismus zusammenzudenken und politisch umzusetzen versuchen, so auch ab 1973 in der Bundesrepublik Deutschland. Dorothee Sölle war ein engagiertes Mitglied dieser Bewegung, die hierzulande wesentlich inspiriert war vom ökumenischen “Arbeitskreis Politisches Nachtgebet” in Köln, an dem sie ebenfalls maßgeblich beteiligt war. Mich hat diese Verbindung eines christlichen Glaubens mit einer Vorstellung von Sozialismus als einer notwendigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alternative zu den weltweit totbringenden Mechanismen des kapitalistischen Systems sehr fasziniert. Von Dorothee erhielt ich dann eine Kontaktadresse zu den “Christen für den Sozialismus”. So habe ich es letztlich ihr zu verdanken, dass ich mich dann dieser Bewegung für einige Zeit anschloss.

Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren, hat Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften studiert. Sie war in zweiter Ehe mit dem Theologen und Pädagogen Fulbert Steffensky verheiratet, hat vier Kinder. Sie gehörte zu den bekanntesten Theologinnen unserer Zeit. Ihre Theologie entstand mitten in den politischen Auseinandersetzungen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie war in der Lage, die gesellschaftliche und politische Situation sehr nüchtern zu analysieren, voller Leidenschaft von ihren Visionen zu sprechen, von einer Welt mit menschlichem Antlitz und von einem Gott, der ganz anders ist als der “allmächtige Vater” der Männerkirche, von einem Gott, der uns Menschen braucht.

Die von ihr artikulierte Theologie brachte sie in Widerspruch zu den herrschenden Kirchenleitungen, so dass ihr eine Professur an einer deutschen Hochschule verwehrt blieb. “Links und eine Frau - das geht zu weit.” Ein schwäbischer Pfarrer sagte mir einmal, Dorothee Sölle habe mit ihrer Theologie ganze Generationen von jungen Vikaren verdorben. Nun, ich wünschte mir sehr viel mehr von dem, was dieser erzkonservative Pietist beklagte: dass in der institutionalisierten Kirche mehr von dieser Verbindung zwischen Glauben und engagierter Praxis, mehr von “Mystik und Widerstand” zu spüren wäre, für die Dorothee Sölle lebte. Mehr von den christlichen Fähigkeiten, die für Dorothee Sölle entscheidend waren: Wahrnehmungsfähigkeit für das Leid, das anderen zugefügt wird, und die daraus erwachsende Kraft, dem Unrecht aktiv entgegenzutreten und das Recht des Menschen auf ein anderes Glück zu verwirklichen.

Was übrigens in Deutschland nicht möglich war, gab es dann doch noch im “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”: Dorothee Sölle war von 1975 bis 1987 Professorin am Union Theological Seminary in New York.

Dorothee Sölle war glasklar und scharf in ihrer Kritik von Kapitalismus, Militarismus und Patriarchat, parteiisch für alles Schwache und Verletzliche, in einer tiefen Spiritualität verwurzelt, Träume und Visionen ausmalend, unermüdlich Hoffnung verbreitend. Mit großem Engagement hat sie “Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit” angekämpft und versucht, einer Haltung des “Man-kann-ja-doch-nichts-Machen” entgegenzuwirken. Aus diesem Grund - auch um einen Zwiespalt in die eigene Hoffnungslosigkeit zu säen - hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Ermutigungs- und Hoffnungsgeschichten zu sammeln und weiterzureichen.

Es war wohl die Freundschaft mit radikalen gewaltfreien Minderheiten in den USA, die Dorothee Sölle zur Erkenntnis führten, dass das zu sehr am Erfolg ausgerichtete politische Handeln leicht resignieren lässt. “Es gibt Dinge,” hat sie einmal gesagt, “die mußt Du tun um Deiner eigenen Würde willen, damit Du Dir noch ins Gesicht sehen kannst, nicht nur ein Befehlsempfänger der Regierung, ein gehorsamer Deutscher im schlechtesten Sinne des Wortes bist.” Das relativere die Kategorie Erfolg und wir würden “Dinge tun, weil wir sie für richtig und wahr halten. Auch dann, wenn sie jetzt in unserer Stadt oder vielleicht in meiner Lebenszeit keinen Erfolg haben, werde ich sie trotzdem tun, auch wenn das Leben, das ich habe und zu geben habe für den Frieden, dabei vergeht.” Nur dann werde ich auf Dauer handlungsfähig bleiben, wenn ich den Punkt erreiche, “an dem der Frieden für mich eine zentrale Sache meines Lebens wird, so dass ich diese Berechnungen nicht mehr anstellen kann, was es denn nützt, um mich dann zurückzuziehen in die Gleichgültigkeit, in das Mitmachen, in den Konformismus”.

In ihrem letzten Gedichtband “loben ohne lügen” findet sich auch entsprechend ein gebetsförmig formulierter Text, der den “Minderheiten” gewidmet ist. Unter anderem heißt es dort: “Lehre uns minderheit werden gott / in einem land das zu reich ist / zu fremdenfeindlich und zu militärfromm / paß uns an deine gerechtigkeit an / nicht an die mehrheit / bewahre uns vor der harmoniesucht / und verbeugungen vor den großen zahlen”.

Mit Dorothee Sölle verlieren wir eine wichtige Mitstreiterin für Frieden und Abrüstung, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ihr streitbares, kämpferisches, unerschrockenes und mutiges gesellschaftspolitisches Wirken war geprägt von der tiefen Überzeugung, dass eine gleichberechtigte, solidarische Weltgemeinschaft möglich ist. Wir werden sie vermissen. Aber sie hat uns mit ihren vielen Texten ein reichhaltiges Vermächtnis hinterlassen. Dorothee Sölle lebt weiter in unseren Herzen und durch ihren Geist, der weiter wehen wird.

Auf unserer Website finden sich weitere Texte von und über Dorothee Sölle . Wir sind an weiteren Beiträgen interessiert. Kontakt: info@lebenshaus-alb.de

Veröffentlicht am

04. Mai 2003

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von