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Ein gerechtes Ziel lässt sich nicht mit ungerechten Mitteln erreichen

Auch nach 15 Jahren hat der Vortrag von Petra Kelly aus dem Jahre 1988 noch eine erstaunliche Aktualität. Was sie damals zu der Frage nach der Bedeutung von Gandhi und der von ihm praktizierten und gelehrten Gewaltfreiheit ausführte, gilt auch heute noch.

Kelly streicht heraus, dass Demokratie nach Gandhis Überzeugung nur durch Gewaltfreiheit gerettet werden könne. Sie verweist darauf, dass es Gandhi mit seiner Gewaltfreiheit nie um eine taktische, auf einen bestimmten Lebensbereich bestimmte Haltung gegangen sei. Bei seiner Gewaltfreiheit handele es sich vielmehr um eine alle Lebensbereiche in einem konsequenten und durchgängigen Netz umfassende Grundhaltung. Ziele und Mittel müssten aufeinander abgestimmt sein, ein gerechtes Ziel lasse sich nur mit gerechten Mitteln erreichen.
Aktuell ist dieser Vortrag auch insofern, als die Partei Petra Kellys, die Grünen, inzwischen einen Weg an die Macht zurückgelegt haben, der weggeführte von der Philosophie und Praxis eines Gandhis. Diese Partei hat sich abgekehrt von dem, was Petra Kelly betonte: eine kreative, gewaltfreie, dezentralisierte und pazifistische Partei bzw. Bewegung in Opposition zur Regierung, die nicht den Fehler begeht, nach der alten, traditionellen Macht zu greifen, wie die etablierten Parteien es tun. Petra Kelly schien die Umsetzung grüner Utopie in der Regierungsverantwortung nur unter den Vorzeichen einer grundlegend umgestalteten und gewandelten Regierung möglich, die mit den heutigen Modellen nicht zu vergleichen sein würde. Sie betonte, dass dieser Weg viel Geduld und Ausdauer brauche und warnte: “Wenn nicht die gesamte Partei der Grünen davon überzeugt ist, dass Gewaltfreiheit auch eine Lebenshaltung ist, werden wie unsere Glaubwürdigkeit verlieren.”

“Ein gerechtes Ziel lässt sich nicht mit ungerechten Mitteln erreichen”

Vortrag von Petra Kelly im Jahr 1988 bei der Gandhi Foundation in London über die aktuelle Bedeutung Gandhis

Das Problem ist nicht die Atombombe,
sondern das Herz des Menschen.

(Albert Einstein)

Ich empfinde es als eine große Ehre, dass man mich gebeten hat, diesen Festvortrag zu halten. Lassen Sie mich eingangs bemerken, dass wir uns nicht ohne weiteres als Gandhianer definieren sollten, wie einige Mitglieder der gewaltfreien Bewegung es tun. Es war Mahatma Gandhi selbst, der am 28. März 1936 (in “Haarijan”) erklärte, dass es so etwas wie einen “Gandhismus” nicht geben werde. Er wolle einfach von seinen vielen Experimenten mit der Wahrheit und davon berichten, dass sein Leben einzig und allein aus diesen Experimenten bestehe. Lassen Sie mich einige Sätze aus seiner Autobiographie zitieren: “Meine Experimente im politischen Bereich sind jetzt nicht nur in Indien, sondern bis zu einem gewissen Grad in der zivilisierten Welt bekannt. Für mich besitzen sie keinen großen Wert; dies gilt in noch höherem Maße für den Titel ‘Mahatma’, den sie mir eingetragen haben. Oft hat mich dieser Titel zutiefst geschmerzt, und ich kann mich nicht an einen einzigen Moment erinnern, wo er mir geschmeichelt hätte. Über meine Experimente im geistigen Bereich, die nur mir allein bekannt sind und aus denen ich das gewonnen habe, was ich an Kraft für meine politische Arbeit besitze, möchte ich allerdings gerne berichten. Wenn die Experimente wirklich geistiger Natur sind, gibt es keinen Grund für Selbstlob. Sie machen mich höchstens demütiger.”

Vielleicht liegt es gerade an der Demut und an der Art und Weise, wie Gandhi nach der Wahrheit suchte, dass es für uns so schwer ist, uns als Gandhianer zu definieren. Vielleicht müssen wir zunächst unabhängig von unserem Tätigkeitsbereich oder unserem politischen Hintergrund lernen, demütig zu werden, wenn wir wirklich verstehen wollen, was Gandhi mit der Suche nach der “Wahrheitskraft” (“Satyagraha”) meinte.

Ich möchte mit Ihnen gemeinsam ein wenig darüber nachdenken, welche aktuelle Bedeutung Gandhi heute für uns hat, die wir mitten im Atomzeitalter und im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen leben und uns fast täglich neuen Umweltkatastrophen gegenübersehen.

James W. Douglas erklärte einmal, die größte Macht der Atomwaffen bestehe darin, dass sie uns geistig töten können. “Atomwaffen haben so lange die Macht, unseren geistigen Tod zu bewirken, wie wir daran verzweifeln, ihre physische und politische Macht zu überwinden.” Ich habe deswegen meinem Vortrag als Leitwort einen sehr weisen Satz von Albert Einsstein vorangestellt - “Das Problem ist nicht die Atombombe, sondern das Herz der Menschen”. Atomwaffen töten Menschen, lange bevor sie gezündet werden. Sie töten uns durch Strahlungsvergiftung, durch den gesamten Produktionszyklus vom Abbau von Uran in Australien bis zu den Waffentests im Pazifik, in der Wüste Nevada oder in der Sowjetunion. Wir alle wissen, dass kleine indianische Kinder beim Spielen in ihren Reservaten die radioaktiven Rückstände des Uranabbaus einatmen, die der Wind von den Abraumhalden herüber trägt.

Wir alle wissen aus unserer Arbeit in der Friedensbewegung, dass der eigentliche Schaden, den Atomwaffen und andere Massenvernichtungswaffen anrichten, darin besteht, dass sie uns geistig töten. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von “seelischer Abstumpfung”.

(…) Angesichts der fortschreitenden Militarisierung der Erde, der Meere und des Weltraums sehen wir einem mühsamen Kampf entgegen. Aber auch im Bereich des Umweltschutzes werden wir hart kämpfen müssen.

Ich möchte mich nun diesem Themenbereich zuwenden und die Zeit beschreiben, in der wir leben. Aldo Leopold erklärte einmal: “Wir missbrauchen Land, weil wir es als eine Ware ansehen, die uns gehört. Wenn wir Land als eine Gemeinschaft verstehen, der wir angehören, so fangen wir vielleicht an, es mit Liebe und Achtung zu nutzen.” Wir Menschen haben unsere Umwelt beherrscht und ausgebeutet. Wir haben sie wie einen Fluss mit einem scheinbar nie versiegenden Vorrat an sauberem Wasser behandelt. Erst jetzt geht uns langsam auf, dass die Umwelt unseres Planeten Teil eines geschlossenen Systems ist und dass alles, was wir hinzufügen, bleibt. Der Ozonabbau, der saure Regen und die Klimaaufheizung, sie alle stehen mit vom Menschen verursachten Emissionen in die Atmosphäre in Zusammenhang. Dass sich die Lebensbedingungen auf unserem Planeten ändern, zeigt sich an der Häufigkeit von Krebserkrankungen und Leukämie, der Zerstörung unserer Wälder und Seen, dem Abschmelzen der Polarkappen, Unregelmäßigkeiten im Wetter und den sich daran anschließenden Überschwemmungen sowie dem Verlust von Küstenland. Wir müssen erkennen, dass wir bei bestimmten Stoffen keine Kompromisse eingehen dürfen. Dies gilt beispielsweise für Dioxin, Plutonium, Blei und viele andere krebserregende Stoffe. So etwas wie ein kleines bisschen Krebs, ein kleines bisschen Umweltzerstörung oder ein kleines bisschen Tod gibt es nicht. Ein großer Teil der uns bekannten Entwicklung beruht auf der schrecklichen Annahme, dass alles, was groß ist, auch schön ist. Riesige Staudämme, mehrspurige Autobahnen und gewaltige Rodungsprojekte haben fürchterliche Folgen gehabt und eine Kettenreaktion der Umweltzerstörung ausgelöst, zu der auch die Ausbreitung von Krankheiten, Überschwemmungen, Bodenerosion und Wasserverschmutzung gehören. Das Dilemma besteht darin, dass gerade das, was Entwicklung bewirkt - die Industrialisierung - die natürlichen Grundlagen der Entwicklung zerstört. Uns stellt sich ganz eindeutig nach wie vor die Frage, was für eine Art von Entwicklung und welche Art von Wirtschaftswachstum wir wollen. Wenn wir nicht bald lernen, einen lebenserhaltenden Planeten zu pflegen, anstatt ihn auszuplündern, wird es wirklich zu spät sein. Wir müssen global denken, aber lokal handeln! Unser Umweltverständnis und die Notwendigkeit, der Zerstörung der Umwelt Einhalt zu gebieten, müssen den Anstoß für eine gewaltfreie, grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft und der Wirtschaft in der ganzen Welt geben. Wir müssen demokratisch und gewaltfrei die gesamten Grundlagen, Strukturen und Antriebskräfte der Gesellschaft ändern - und das bedeutet zunächst einmal, dass wir uns selbst und unser Verhalten ändern müssen. Wir können unseren Warenkonsum so weit einschränken, dass wir lediglich unseren Teil an den Ressourcen der Welt beanspruchen, ohne anderen wegzunehmen, was ihnen gehört. Dies ist nur ein kleiner Aspekt der Gewaltfreiheit und die letzte Dimension der persönlichen Weigerung, mit korrupten Praktiken zusammenzuarbeiten. Ich glaube, dass sich denjenigen, die den Mut haben, diese Schritte zu tun, eine neue Lebensdimension auftun wird. Die eigentliche Gefahr und die möglichen Lösungen befinden sich nicht irgendwo “außerhalb”. Sie liegen beide in uns, und es bleibt uns eigentlich nur, für unser eigenes Verhalten in der Welt die Verantwortung zu übernehmen, denn das ist das einzige, worüber wir die volle Kontrolle haben. Diese Gedanken führen mich zu Mahatma Gandhi zurück.

Vor kurzem stieß ich auf einem Artikel von Frieda Berrigan, der Tochter von Philip Berrigan, in dem es um das Erwachsenwerden geht. Sie erzählt, wie sie sich die “Sieben sozialen Sünden” von Gandhi an die Wand heftete:

- Politik ohne Grundsätze
- Vergnügen ohne Gewissen
- Reichtum ohne Arbeit
- Wissen ohne Charakter
- Handeln ohne Moral
- Wissenschaft ohne Menschlichkeit
- Religion ohne Opfer

Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir anfangen, diese “Sieben sozialen Sünden” zu verstehen, und Wege finden, sie zu vermeiden.

Für die Grünen sind Mahatma Gandhi und seine Grundsätze meines Erachtens eine sehr wichtige Quelle der Inspiration. Wir machen in unserer Politik immer noch viele Fehler und müssen lernen, als Partei selbstkritischer und bescheidener zu sein. In einem Bereich unseres politischen Tuns hat uns Gandhi ganz besonders inspiriert. Wir glauben, dass ein Lebensstil und Produktionsmethoden, die von einem unerschöpflichen Vorrat von Rohstoffen ausgehen und diese verschwenderisch einsetzen, auch das Motiv für die gewaltsame Aneignung der Rohstoffe anderer Länder sind. Ein verantwortungsvoller Einsatz von Rohstoffen als Teil eines ökologisch orientierten Lebensstils und einer ökologisch orientierten Wirtschaft verringert hingegen das Risiko, dass in unserem Namen gewalttätige Politik verfolgt wird. Eine ökologisch verantwortungsvolle Politik innerhalb der Gesellschaft bietet die Voraussetzung für den Abbau von Spannungen und fördert unsere Fähigkeit, Frieden in der Welt zu schaffen. Der Grundsatz der Achtung und Fürsorge für alles Lebendige, d. h. also der Schutz von Leben und Natur, bildet die Grundlage unserer umweltpolitischen Ziele und unserer Friedensziele.

Da wir uns auf unserem Planeten Erde einer Krise der Zivilisation gegenübersehen, wird Gandhis Idee der Gewaltfreiheit wieder verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Gandhi entlehnte einen Teil seiner Gedanken von Emerson und Thoreau. So war es beispielsweise vor allem Mahatma Gandhi, der den Aufsatz über “Zivilen Ungehorsam” mit dem gewaltfreien Widerstand in Afrika und Indien in Verbindung brachte. Auch für war Mahatma Gandhi eine wichtige Quelle der Inspiration, und er zitierte seine Gedanken während der Bürgerrechtskampagnen in den 60er Jahren sehr häufig. Zu der Zeit studierte ich in den Vereinigten Staaten und konnte mir aus eigener Anschauung eine Vorstellung von der Stärke der Gewaltfreiheit und der schöpferischen Kraft dieses Grundsatzes in der Bürgerrechtsbewegung und in anderen Bewegungen machen.

Lassen Sie mich auch Martin Luther King kurz zitieren, und zwar mit einem Satz aus seinem Buch “Stride toward Freedom”: “Ich war in etwa zu dem Schluss gelangt, dass die Moralvorstellungen von Jesus nur für die Beziehung zwischen einzelnen Menschen gültig seien. Der Grundsatz ‘Halte die andere Wange hin’ und ‘Liebe deine Feinde’ galt, wie ich meinte, nur dann, wenn ein einzelner Mensch sich in einem Konflikt mit einem anderen Menschen befand; wenn es sich um rassische Gruppen und Nationen handelte, schien ein realistischerer Ansatz erforderlich.
Nachdem ich jedoch Gandhis Schriften gelesen hatte, erkannte ich, wie sehr ich mich geirrt hatte. Gandhi ist vielleicht der erste Mensch in der Geschichte, der die Liebesethik von Jesus über die Beziehungen zwischen Einzelpersonen hinaus in einer größeren Dimension zu einer mächtigen, wirksamen gesellschaftlichen Kraft gemacht hat.”

Die geistige Dimensionen der Gewaltfreiheit, so wie Gandhi sie sah und lebte, ist mir außerordentlich wichtig. Gandhi war fest davon überzeugt, dass Männer und Frauen von Natur aus eher nicht gewalttätig sind. Seine Lehren bauten auf seinem Vertrauen in die natürliche Liebesfähigkeit des Menschen auf. Lassen Sie mich einige Gedanken Gandhis zur Gewaltfreiheit zitieren: “Die Demokratie kann nur durch Gewaltfreiheit gerettet werden, denn solange sie durch Gewalt erhalten wird, kann sie nicht für die Schwachen sorgen und sie schützen. Ich verstehe Demokratie so, dass der Schwächste die gleichen Chancen haben sollte wie der Stärkste. Dies kann allein durch Gewaltfreiheit erreicht werden …”

Dies ist wahrscheinlich die größte Herausforderung - wie können wir Demokratie ohne Anwendung von Gewalt praktizieren? Damit stellt sich auch für die Grünen in der Bundesrepublik die Frage, wie wir die Gewalt reduzieren können, die im Namen des Staates ausgeübt wird, beispielsweise durch die Polizei. Diese Vorstellung von einer gewaltfreien Demokratie stellt auch die Grünen vor die Frage, wie wir mit der durch den Staat ausgeübten Gewalt umgehen sollen, wenn unsere Partei sich, beispielsweise in einer Koalition, an der Regierungsverantwortung beteiligt. Die Grünen haben eine solche Erfahrung bereits in der hessischen Landesregierung gemacht, wo wir uns an der Macht beteiligen und sie über andere ausüben, wenn wir gewaltausübenden Kräften beitreten, wenn es uns in Wirklichkeit darum geht, sie zu verwandeln. Ich gehöre also zu denjenigen in der Partei der Grünen, die glauben, dass wir eine kreative, gewaltfreie, dezentralisierte und pazifistische Partei bzw. Bewegung in Opposition zur Regierung bleiben sollten, die nicht den Fehler begeht, nach der alten, traditionellen Macht zu greifen, wie die etablierten Parteien es tun. Es könnte ein Tag kommen, wo wir versuchen, unsere grüne Utopie in der Regierungsverantwortung in die Praxis umzusetzen, aber es würde sich dann um eine grundlegend umgestaltete und gewandelte Regierung handeln, die mit den heutigen Modellen nicht zu vergleichen sein wird. Wir werden viel Geduld und Ausdauer brauchen, wenn wir diesen Weg gehen wollen.

Es gibt dazu einen sehr weisen Gedanken von Gandhi, der einmal gesagt hat: “Ich weiß, dass die Gewaltfreiheit scheinbar nur ungeheuer langsam vorankommt. Die Erfahrung lehrt mich jedoch, dass sie der sicherste Weg zu unserem gemeinsamen Ziel ist.” Und ein weiterer Gedanke: “Gedankenfreiheit kann man nicht predigen. Man muss sie praktizieren.”

Ich möchte mit Ihnen über einige Gedanken Gandhis sprechen, die mich dazu angeregt haben, weiter auf eine größere geistige, gewaltfreie Dimension innerhalb der Partei der Grünen zu drängen. Ich zitiere: “Jesus war der aktivste Widerstandskämpfer in der Geschichte, den wir vielleicht kennen. Dies war Gewaltfreiheit par excellence.” Es gibt aber auch eine Reihe von Zitaten und Gedanken Gandhis, die in der politischen Diskussion gelegentlich missbraucht werden. Dazu gehört beispielsweise folgendes Zitat: “Wenn die Menschen für die Ausübung der Gewaltfreiheit durch die Tapferen noch nicht bereit sind, müssen sie zur Anwendung von Gewalt als Selbstverteidigung bereit sein. Es sollte keine Tarnung geben … dies sollte nie heimlich geschehen.” Auch dieses Zitat wird gelegentlich missbraucht: “Es ist besser, gewalttätig zu sein, wenn in unseren Herzen Gewalttätigkeit ist, als sich in den Mantel der Gewaltfreiheit einzuhüllen, um die Ohnmacht jederzeit vorzuziehen. Es besteht Hoffnung, dass ein gewalttätiger Mensch keine Gewalt mehr ausübt. Für den Ohnmächtigen besteht diese Hoffnung nicht.” Und Gandhi fügte hinzu: “Ich möchte, dass die Gewaltfreiheit der (vielen) Schwachen die Gewaltfreiheit der Tapferen wird. Es mag ein Traum sein, aber ich muss seine Verwirklichung anstreben.”

Gelegentlich missbrauchen militante “autonome Gruppen”, die sich von der Praxis der Gewaltfreiheit entfernt haben, einige dieser Gedanken, um bei Demonstrationen ihr gewaltsames Vorgehen gegen die Polizei und bisweilen auch gegen Demonstranten zu rechtfertigen. Ich meine, dass wir uns in Gesprächen mit denjenigen auseinandersetzen müssen, die bei Demonstrationen Gewalt anwenden, um sie zu überzeugen, dass ihr Weg falsch ist. Absolut falsch! Sie werden hoffentlich irgendwann einmal einsehen, dass Gewalt Gewalt hervorbringt. Gewalt ist in einer Gesellschaft, die sich um Friedfertigkeit bemüht, keine Lösung. Eine Gesellschaft, die sich um den inneren Frieden bemüht, muss lernen, wie Gandhi schrieb, dass Gewaltfreiheit ohne Demut unmöglich ist.

Gandhi spricht von einer gewaltfreien Lebensform - einer Art und Weise zu leben, bei der man sein Leben Ihm - Gott - weiht. Gandhi erklärte, dass Wahrheit und Gewaltfreiheit nicht ohne einen lebendigen Glauben an Gott möglich sind, wobei unter Gott eine aus sich selbst heraus bestehende, allwissende, lebendige Kraft verstanden wird, die jeder in der Welt vorhandenen Kraft innewohnt und von nichts abhängig ist, eine Kraft, die weiter bestehen wird, wenn alle anderen Kräfte möglicherweise vergehen oder zu handeln aufhören.

Der Gedanke Gandhis, der in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Atomzeitalter steht, ist folgender: “In unserem Zeitalter der Atombombe ist reine Gewaltfreiheit die einzige Kraft, die alle Tricks der Gewalt zusammengenommen durcheinander bringen kann.”

Gandhi ging es nie um eine taktische, auf einen bestimmten Lebensbereich oder eine einzelne Bewegung beschränkte Gewaltfreiheit. Bei seiner Gewaltfreiheit handelt es sich um eine Grundhaltung, die alle Lebensbereiche in einem konsequenten und durchgängigen Netz von Verpflichtungen umfasst. So kann man sich beispielsweise nicht im zwischenmenschlichen Bereich gewalttätig verhalten und dabei gleichzeitig im Hinblick auf den Wehrdienst und den Krieg für Gewaltfreiheit eintreten. Außerdem müssen Mittel und Ziele aufeinander abgestimmt sein. Ein gerechtes Ziel lässt sich nicht mit ungerechten Mitteln erreichen.

Echte Gewaltfreiheit bedeutet nicht nur Nichtzusammenarbeit mit offenkundigen Unterdrückern, sondern verlangt auch den Verzicht auf Vorteile und Privilegien, die implizit von Kräften gewährt werden, die das Gewissen nicht akzeptieren kann. Wir haben in meiner Partei häufig bittere Diskussionen darüber geführt, ob es sich bei der Gewaltfreiheit um etwas Taktisches oder um eine Lebenshaltung handelt. Wenn nicht die gesamte Partei der Grünen davon überzeugt ist, dass Gewaltfreiheit auch eine Lebenshaltung ist, werden wie unsere Glaubwürdigkeit verlieren.

Zu den Gruppen, die beispielhaft in der Tradition Gandhis leben, gehört beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Bewegung “Schwerter zu Pflugscharen”, die aus engagierten katholischen Aktivisten besteht. Die Mitglieder dieser Bewegung, wie beispielsweise Philip und Daniel Berrigan , Schwester Anne Montgomery und viele andere, wenden sich gegen das Unrecht, indem sie in Rüstungsfabriken symbolische Akte des zivilen Ungehorsams veranstalten. Gewaltfreier Widerstand dieser Art kann, wie Schwester Montgomery berichtet, im buchstäblichen Sinn des Wortes “entwaffnen”. Bei der Planung ihrer Aktionen experimentiert die Gruppe “Schwerter zu Pflugscharen” mit der Wahrheit. In unserer Zeit lautet die Wahrheit, dass wir uns einer Krise von einem Ausmaß gegenübersehen, wie es sie in der Geschichte bis jetzt nicht gegeben hat: Der Menschheit und auch unserer Erde selbst droht die Zerstörung. Schwester Anne Montgomery schreibt in diesem Zusammenhang: “Wir handeln als Gemeinschaft; wir handeln aus Liebe; wir handeln aus einem Gefühl der Hoffung heraus. Wir halten unbedingt an der Wahrheit fest, dass alles Leben heilig ist, dass alles Töten falsch ist und dass der geistige Tod schlimmer ist als der Tod unserer Körper.”

Die Gruppe “Schwerter zu Pflugscharen” hat durch symbolische, gewaltfreie Aktionen in Rüstungsfabriken Waffen demontiert. Aktionen dieser Art sind gelegentlich als gewalttätig bezeichnet worden, weil sie “Eigentum” zerstören. Ein großer Teil der Gewalt in unserer Gesellschaft führt von der Vergötterung des Eigentums her, von dem zwanghaften Trieb, Besitztümer zu schützen, Bomben und Waffenarsenale zu schützen. Eigentum im eigentlichen Sinne des Wortes ist allein Eigentum, das das menschliche Leben fördert und nicht ärmer macht. Ein Trident-U-Boot ist nach Auffassung dieser Gruppe in diesem Sinne weder Eigentum noch lebensfördernd. Sowohl das göttliche Recht als auch das Völkerrecht erklären, dass Waffen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen und dass wir Mittel und Wege finden müssen, gegen sie anzugehen. Symbolische Aktionen der Gewaltfreiheit, wie sie diese Gruppe veranstaltet, können auf sehr wirksame Weise deutlich machen, dass wir aus einem höheren Gehorsam heraus handeln, dass wir einem höheren Gesetz gehorchen. Philip Berrigan und seine Frau Liz haben wegen ihrer gewaltfreien Aktionen häufig im Gefängnis gesessen. Phil schätzt, dass er und seine Frau in den fünfzehn Jahren ihrer Ehe sechs Jahre voneinander getrennt gelebt haben. Er erklärte mir: “Wir möchten nicht als Helden angesehen werden. Die Opfer, die die Menschen jeden Tag für den Krieg bringen, sind wesentlich größer als das, was wir getan haben.” Patrick O’Neill erklärt in einem Buch, in dem er die Brüder Berrigan beschreibt: “Seit Tausenden von Jahren sind Männer und Frauen bereit, ihr eigenes Leben hinzugeben und andere zu töten. Ich glaube wirklich, dass viele Friedensstifter dazu bereit sein werden müssen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, wenn sich die Gewaltfreiheit durchsetzen soll.”

Für viele Mitglieder der Friedensbewegung ist die “Jonah House Community” in Baltimore, die 1973 von Phil Berrigan und Liz McAlister eröffnet wurde, eine Inspiration. Zu den praktischen und theoretischen Grundsätzen dieser Gemeinschaft gehören unter anderem folgende Prinzipien: Gewaltfreiheit, Gemeinschaft und Widerstand sind konvertibel; allein die Kontemplation - Gebet, Meditation, Reflexion und Analyse - verleiht dem Widerstand Kraft und eine geistige Grundlage. Zu den Grundsätzen des “Jonah House” gehört auch, dass alles allen gemeinsam gehört - es gibt für alle nur ein Bankkonto und nur ein gemeinsames Fahrzeug, und es gibt auch keine persönliche Versicherung - damit auf diese Weise den Armen und auch der Erde größere Gerechtigkeit widerfährt.

Heute gibt es überall auf der Welt Menschen und Gemeinschaften, die nach den Idealen Gandhis zu leben versuchen. Dies gilt beispielsweise für Cesar Chavey und die “Hug the Trees”-Bewegung, deren Mitglieder physischen Widerstand gegen die extreme Abholzung der Wälder im Himalaja leisten.

Eine wichtige Quelle der Inspiration für Gandhi war die Bergpredigt. Ebenfalls wichtig für ihn waren die Werke von Thoreau, Ruskin und Tolstoi . In der Art und Weise, wie Gandhi alle diese Gedanken im sozialen und politischen Bereich anwandte, liegt sein ganz persönlicher, eigenständiger Beitrag. Gandhi hat wesentlich weitergehende Formen des zivilen Ungehorsams, der Nichtzusammenarbeit und des Fastens entwickelt als jeder andere vor ihm und daraus ein gezieltes politisches Instrumentarium gemacht. Gandhi sorgte nicht nur für die politische Wirksamkeit dieses Vorgehens, sondern stellte außerdem sicher, dass es in höchstem Maße gewaltfrei war. Dem Gegner sollte nicht der geringste körperliche oder geistige Schaden zugefügt werden. Körperlicher Zwang war ausgeschlossen. Selbst auf jede Geheimhaltung wurde verzichtet - der Gegner wurde über alle geplanten Maßnahmen unterrichtet. Zu den wesentlichen Bestandteilen der gandhischen Philosophie gehört die Bereitschaft, Leiden zu akzeptieren. Mit diesem Opfer soll das Gewissen des Gegners angerührt werden und schließlich ein Sinneswandel bewirkt werden. Gandhi erklärte dazu: “Ich glaube nicht an die Lehre von dem größten Glück der größten Zahl. Die einzig wahre, würdige und menschlichen Lehre ist das größte Glück für alle.”

Wie Gandhi es sah, bestand seine wichtmiigste politische Arbeit weniger in dem Kampf, in den er verwickelt war, sondern in seinen Bemühungen um eine grundlegende Umgestaltung der indischen Gesellschaft. Abgesehen von seinem politischen Kampf um die Unabhängigkeit Indiens, ließ Gandhi Tausende von Menschen an einem umfassenden “Konstruktiven Programm” mitarbeiten. Mit Hilfe diesem Programm sollten die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Hindus und Moslems beseitigt und die Unterdrückung der Unberührbaren beendet werden. Er wollte rückständige gesellschaftliche Bräuche bekämpfen, wie beispielsweise die Kinderheirat, und die Hygiene sollte verbessert werden. Er bemühte sich darum, die Anbaumethoden in den Dörfern neu zu beleben. Er hielt es für ausgeschlossen, dass man eine gesunde Gesellschaft auf der Grundlage von Städten und Fabriken aufbauen könne.

Eine industrielle Volkswirtschaft stehle den Menschen die Arbeit, wie Gandhi meinte, und gebe sie den Maschinen, wobei die Menschen, die zur Beaufsichtigung der Maschinen eingesetzt würden, ihrer menschlichen Würde beraubt würden. Die Gesellschaft würde dadurch in sich feindlich gegenüberstehende Lager von Besitzenden und Arbeitern gespalten. Gandhi war außerdem der Meinung, dass alle Regierungen, seien sie kommunistisch, sozialistisch oder kapitalistisch, die persönliche Freiheit immer mehr einschränkten. Gandhi erklärte immer wieder, dass Indien nur gesunden könne, wenn es seine Dörfer wieder mit Leben erfülle, in denen - auch heute noch - vier Fünftel der Bevölkerung leben. Er stellte sich eine aus starken Dörfern bestehende Gesellschaft vor, wobei die einzelnen Dörfer politisch eigenständig und wirtschaftlich autark sein sollten. Gandhi ist vielleicht der größte Verfechter des Dezentralismus. E. F. Schuhmacher, der bekannteste dezentralistische Denker der letzten Jahre, hat Gandhi zu Recht “den wichtigsten Lehrer der Ökonomie unserer Zeit” genannt. Eine Gesellschaft der Wohlfahrt für alle - darum ging es Gandhi bei seinem “Konstruktiven Programm”. Mit weniger wollte er sich nicht zufrieden geben.

Eine der wichtigsten Ideen Gandhis für unsere Arbeit in der Partei der Grünen sind seine Vorstellungen von einem gewaltfreien, zivilen Widerstand, bei dem gewaltfreie Methoden der Nichtzusammenarbeit eingesetzt werden, um beispielsweise Widerstand gegen den Einmarsch fremder Truppen oder einen Staatsstreich im Innern zu leisten. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, aus denen wir Hoffnung schöpfen können. So hat beispielsweise Neuseeland eine konsequent antiatomare Haltung entwickelt, und Friedensschiffe haben verhindert, dass mit Atomwaffen bewaffnete Kriegsschiffe und U-Boote in neuseeländische Häfen einfuhren. Ich denke dabei auch an Lech Walesa und die polnische “Solidarnosc”-Bewegung, die kurz vor der offiziellen Anerkennung steht; ich denke an die Einwohner Norwegens, die den Bau eines Staudamms blockiert haben, der ihre Heimat überflutet hätte. Ich denke auch an die amerikanischen Indianer, die Lager in den Black Hills von South Dakota errichten - auf Grund und Boden, der ihren Vorfahren von der amerikanischen Regierung widerrechtlich weggenommen wurde. Und ich denke an ein Friedenszentrum in Jerusalem, das sich für die Versöhnung von Juden und Arabern einsetzt und dabei gewaltfreies Handeln als Alternative zur Gewalt propagiert. Es werden also immer weitere Kreise gezogen, und immer mehr Leute sind bereit, die Botschaft der Gewaltfreiheit zu hören.

In Gandhis Leben gibt es selbstverständlich auch einige Bereiche, zu denen ich einige Fragen habe. Dies gilt beispielsweise - und ich erwähne dies hier in aller Offenheit und Ehrlichkeit - für das Experiment, mit dem er sich in fortgeschrittenem Alter befasste, um herauszufinden, ob er in der Ehe weiterhin das Zölibat verwirklichen könne. Wir müssen uns in diesem Zusammenhang klarmachen, dass Gandhi sich konsequent eine Reihe von persönlichen Härten auferlegte, um auf diesem Wege zu einer Disziplin und Selbstbeherrschung zu gelangen, wie es sie bei den Menschen seiner Zeit nur selten gab und die auch heute nur ganz selten anzutreffen sind. Und wir müssen uns außerdem darüber im Klaren sein, dass kein Mensch auf dieser Welt vollkommen ist oder zu einem vollkommenen Wesen gemacht werden kann. Am wichtigsten bei Gandhi ist, dass er eine totale Revolution und Transformation predigte und zu leben versuchte und dass seine Vorstellung von Wandel ihn dazu führte, seine Experimente mit der Wahrheit auf jeden Bereich des Daseins auszudehnen. Selbst in diesem Punkt müssen wir versuchen, Gandhi und die harten Maßnahmen, die er sich selbst auferlegte, zu verstehen, obwohl sie uns vielleicht erstaunen.

Lassen Sie mich mit einer Anekdote schließen: Wie uns seine Großnichte berichtet, sagte ihr Gandhi am Vorabend seines Todes, dass sie, falls er an einer Krankheit stürbe, der ganzen Welt erzählen solle, dass er ein falscher Mahatma gewesen sei: “Falls aber eine Explosion stattfinden sollte, wie es letzte Woche geschah, oder falls jemand auf mich schießen sollte und seine Kugel in meine bloße Brust eindringen sollte, ohne dass ich einen Seufzer ausstoße und Ramas Namen auf meinen Lippen trage, dann erst sollst du sagen, dass ich ein wirklicher Mahatma war.”

Am darauf folgenden Tag, dem 30. Januar 1948, wurde Gandhi auf dem Weg zu seiner Gebetsversammlung von einem hinduistischen Glaubensbruder erschossen und rief sterbend den Namen Ramas aus. Gandhi starb ohne Zorn und ohne Furcht, genau wie er es gelehrt hatte.

Veröffentlicht am

25. April 2003

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