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Ich bewundere Sie, Herr Bush!

Von Fahimeh Farsaie, in: Freitag . Ost-West-Wochenzeitung, 17 vom 18.04.2003

Ich bewundere Sie, Herr Bush!

OFFENER BRIEF DER IRANISCHEN SCHRIFTSTELLERIN FAHIMEH FARSAIE AN GEORGE BUSH

Sehr geehrter Herr Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush,

Sie feiern nun majestätisch Ihren militärischen Triumph gegen den Irak mit Ihren Verbündeten und Unterstützern. Ihr Erfolg ist gleichzeitig der heiß begehrte Sieg der US-amerikanischen Rüstungsindustrie. Denn sie wird in diesem Jahr, nach Berechnungen des US-Außenministeriums, wunderbringende Rüstungsgüter im Wert von 14 Milliarden Dollar verkaufen können. Mit ruhigem Gewissen freut sie sich auf die Wiederherstellung der mehr als 9000 Bomben, die in den Kriegstagen über dem Irak abgeworfen wurden. Ich komme aus einem Land, das vermutlich in absehbarer Zeit eventuell eine Menge von Ihren perfekten Bomben abbekommen wird. Ich stamme nämlich aus einem der Länder der sogenannten »Axis of Evil«, aus dem Iran. Ich bin persische Schriftstellerin und dennoch oder gerade deshalb bewundere ich Sie.

Ich muss aber zugeben, dass ich erst kurz vor diesem Frühlingsanfang die wunderbar verwirrende Bewunderung in mir spürte, als Sie für den seit Ihrer Amtseinführung geplanten Irak-Angriff im Namen der Freiheit warben. Vor diesem unerwarteten Sinneswandel war ich besessen von einem erstaunlich reizvollen Hass gegen Amerika und seine Außenpolitik. Gegen diesen merklich zügellosen Abscheu war ich fast machtlos. Er nahm mich als naive Jugendliche ein und vermehrte sich unwillkürlich in mir. Als Sie in Ihrem historischen Auftritt, den ich im Fernsehen verfolgte, mit erhobenem Zeigefinger die Welt wissen ließen, dass die US-Truppen bald die Gefahr Saddams »auslöschen werde«, verlöschte in mir ebenfalls jene quälende Abscheu und stattdessen erblühte augenblicklich eine einleuchtende Bewunderung. Ich schaute mir jene eindrucksvolle Szene, in deren Hintergrund das prächtige amerikanische Sternenbanner feierlich flatterte, an und fühlte mich von meinem unzüchtigen Hass befreit.

Zugegebenermaßen habe ich mich kaum in all diesen Jahren mit den Ursachen jener Abneigung gegen die Supermacht USA gründlich beschäftigt. Erst in dem erleuchtenden Moment der Bewunderung habe ich mich gefragt, was mich als junge, erfolgreiche Juristin und Schriftstellerin im Iran, die sich immer für die Demokratie und Gerechtigkeit einsetzte, dazu bewegte, den »Vorkämpfer der freien Welt«, als Feind zu betrachten und dagegen zu kämpfen? Und dazu auch noch bewaffnet?

Dafür musste ich zuerst mit mir selbst ringen und einige meiner elementaren Prinzipien opfern; Pazifismus etwa, Glaube an Gewaltlosigkeit, Antimilitarismus. Es war kurz nach dem Sturz des Schah im Jahre 1979. Da tobte der Iran-Irak Krieg: eine Zeit des Grauens, der Lebensmittelknappheit, des nächtlichen Bombardements durch Saddams Militär, das uns mit amerikanischer Unterstützung »Freiheit« schenken wollte.

In dieser Zeit stand ich morgens immer gegen fünf Uhr auf. Zuerst machte ich meine damals achtmonatige Tochter fertig, dann musste ich stundenlang Schlange stehen, um für mein Kind Milch zu bekommen und danach bin ich zur nächsten Moschee, um den Umgang mit Waffen zu lernen. Die Gefahr, dass Saddam mit amerikanischer Hilfe mein Land erobern konnte, war nicht gering. Daher habe ich mich einer von der islamischen Regierung angebotenen militärischen Ausbildung für die Bevölkerung angeschlossen, um uns verteidigen zu können.

In der Moschee meines Viertels waren wir circa 20 Frauen, gehüllt in lange Mäntel und Kopftücher. Wir wälzten uns auf den persischen Teppichen, lernten militärische Übungen, Schießen und Abwehrtechniken. Meine Tochter saß gemütlich in ihrem Babystuhl - den schleppte ich jeden Tag mit -, nuckelte an ihrer Milchflasche und lächelte uns unwissend an.

An diese nun mir absolut lächerlich erscheinende Szene habe ich mich sofort erinnert, als Sie im Fernsehen als Weltverbesserer auftraten. Dabei musste ich an den CIA-Putsch im Jahr 1953 denken, durch den Mossadegh, der demokratisch gewählte Premierminister Irans, »ausgelöscht« wurde. Stattdessen unterstützte Ihr ebenfalls demokratisch gewählter Kollege, Ex-Präsident Nixon das Schah-Regime, das im folgenden Vierteljahrhundert als ein zentraler Stützpfeiler der US-Strategie im Nahen Osten fungierte. Aus Dankbarkeit Ihrem Land gegenüber für die Rückgabe der Macht an ihn, ließ der Schah das amerikanische Militär und die CIA Stützpunkte auf iranischem Boden unterhalten, von denen aus sie die benachbarte UdSSR ausspionierten. Ihr Ex-Präsident setzte dann die Armee des Schahs gegen nationale Befreiungskämpfe in der Golfregion ein und sie brachte unzählig unschuldige Menschen um. Um alles unter Kontrolle zu haben, bildeten dann die amerikanischen Berater die verhasste Geheimpolizei des Schahs - SAVAK - aus, die die Verschleppungen, den Mord und die Folter Tausender Perser auf dem Gewissen hat. Von den Gräueltaten der SAVAK war auch ich betroffen. Wegen der Veröffentlichung einer kritischen Erzählung musste ich monatelang im berüchtigten Ghassr-Gefängnis sitzen. »Schicksal,« sagt meine Tochter, die inzwischen so jung ist wie ich damals war: »Du lebst ja nur in der Vergangenheit. Blick nach vorne!«

Ich blicke nach vorne und sehe Sie im Fernsehen in der Rolle eines charmanten Weltrichters, der mit edlen Worten seinen »in der Geschichte zivilisierter Nationen nahezu beispiellosen« Krieg ankündigt. Dass Sie mit weicher Stimme über die gnadenlose Ausübung der technisch hoch ausgerüsteten US-Militärgewalt gegen Iraker redeten, versetzte mich in gewaltiges Staunen. Das Wort »Krieg« benutzten Sie kaum. Statt dessen sprachen Sie mit ihrem anmutigen Blick, für den die Amerikaner Sie lieben, von »Frieden« und »Freiheit«. Mit rhetorischen Salven faszinierten Sie mich und die Mehrheit Ihrer eigenen Bevölkerung. Da war es für mich und die meisten Amerikaner irrelevant, dass Sie die fairen Ansichten der Weltgemeinschaft ignorierten und das internationale Recht brachen.

Ich bewundere Sie, weil Sie mit einer beneidenswerten Kühnheit, geschickten Fakten-Schminkereien und vorsätzlicher Täuschung einem Teil der Welt und dem amerikanischen Volk vormachten, dass Ihr Krieg ein gerechter Krieg sei. Denn, laut Aussagen des Regierungssprechers Scott McClellan existierten alle Quellen, auf die Sie sich bezogen, um den Angriff gegen den Irak zu rechtfertigen, nicht: so die angeblichen Berichte der Internationalen Atom-Energie-Behörde (IAEA) von 1991 und 2002, die Artikel aus der London Times und New York Times, die angeblichen Beweise der CIA-Informanten, die Satellitenbilder und so weiter.

Nun feiern Sie Ihren militärischen Sieg, und fast die ganze Welt freut sich ungemein, während Sie nebenbei mit den anderen Mächten um die Verteilung der »Kriegsbeute« schachern. Als meine Tochter diese mitbekommen hat, fragte sie mich enttäuscht: »Was denn? Bist du gegen oder für den Krieg? Willst du, dass noch mehr unschuldige Menschen sterben?«

Genau deshalb bewundere ich Sie: Mit ihrer militärischen und politischen Überlegenheit drängen Sie die Menschheit in eine Lage, in der sie den Teufel nur mit dem Beelzebub austreiben kann. Das gilt auch für Ihr nächstes Ziel, den Iran. Ist das nicht bewundernswert?

Hochachtungsvoll Fahimeh Farsaie

Fahimeh Farsaie, Autorin und freie Journalistin, geboren 1952 in Teheran, lebt in Köln. Von ihr erschienen die Romane und Erzählungen: Die gläserne Heimat (1989), Vergiftete Zeit (1991 ), Flucht und andere Erzählungen (1994), Hüte dich von den Männern, mein Sohn (1998)

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Fahimeh Farsaie und Verlag.

Veröffentlicht am

20. April 2003

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