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Der Wiedergänger

Kaum ein anderer Politiker ist so häufig mit Adolf Hitler verglichen und gleichgesetzt worden wie Iraks Diktator Saddam Hussein. Warum dies so ist und welche politischen Strategien - gerade zur Rechtfertigung eines Krieges in Irak - damit verfolgt werden, hat der Freiburger Historiker Wolfram Wette untersucht. Wir dokumentieren eine gekürzte Fassung eines Vortrages, den Wolfram Wette beim Kolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) in Iserlohn zum Thema “Demokratien im Krieg” gehalten hat.


Wem der Vergleich Saddam Husseins mit Adolf Hitler dient / über ein immer wiederkehrendes Politikinstrument und Propagandamittel

Von Wolfram Wette

In der Hierarchie der Bösewichte nimmt Adolf Hitler gleich hinter dem Teufel einen prominenten Platz ein. So kann es kaum verwundern, dass auch in der Phase der Mobilisierung für den neuen Krieg gegen Irak immer wieder historische Bezüge zu dieser Verkörperung des Verabscheuungswürdigen hergestellt wurden. Das war die Rolle der Saddam-Hitler-Vergleiche. Gelegentlich wurden sie mit dem Hinweis aus das Münchener Abkommen von 1938 kombiniert, bei dem sich die Westmächte von Hitler hatten über den Tisch ziehen lassen. Zumal für die Angelsachsen ist diese Erfahrung ein Alptraum.

Unverkennbar waren und sind es nicht die Kriegsgegner, sondern die Kriegsbefürworter, die sich der Rede vom “Wiedergänger Hitlers” bedienten. Sie wussten, welche Reflexe sie mit dieser historischen Analogie auslösten. War mit dem “Hitler des Orients” nicht einer aufgetaucht, der sich als genauso schlimm erweisen könnte wie der deutsche Diktator?

Wer auf diese Weise das Bild einer extremen Gefahr signalisierte, wollte zugleich ein gewaltsames Vorgehen legitimieren. Wer sich des Saddam-Hitler-Vergleichs bediente, gab zu erkennen, dass er seine Entscheidung für die Notwendigkeit eines kriegerischen Vorgehens bereits getroffen hatte.

Bereits in der Zeit des Kalten Krieges ist Hitler gelegentlich zu Zwecken aktueller Kriegspropaganda benutzt worden, beispielsweise von Franzosen und Briten während der Suezkrise zur Charakterisierung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el Nasser. Im Vietnamkrieg spielte dieser Vergleich offenbar keine Rolle.

Erst nach dem Ende des Ost-West-Konflikts lässt sich eine verstärkte Indienststellung der Metapher “Hitler” beobachten. Es war jene Zeit des Umbruchs, in welcher entdeckt wurde, dass ein so genannter konventioneller Krieg wieder geführt werden konnte, dies sogar mitten in Europa. Es war zugleich die Phase der Herausbildung einer neuen internationalen Lage, die der damalige US-Präsident George Bush senior als “Neue Weltordnung” unter amerikanischer Führung gestaltet sehen wollte.

Zu einer systematischen Instrumentalisierung Hitlers kam es im Kontext des so genannten zweiten Golf-Krieges, der am 15. Januar 1991 begann.

Soweit bekannt, wurden Saddam und Hitler erstmals in einem kanadischen Dokumentarfilm über Iran aus dem Jahre 1987 in einem Atemzug genannt. Allerdings erregte der Vergleich damals noch kein sonderliches Aufsehen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Die Berichterstattung in den westlichen Ländern über den irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988 vermied eine Stigmatisierung des irakischen Diktators, der von den Westmächten insgeheim unterstützt wurde. Weltweite Beachtung fand der Vergleich wohl erst durch einen Artikel der New York Times vom 5. April 1990, der die alarmierende Nachricht enthielt, dass der irakische Staatspräsident Saddam Hussein “die Juden in Israel auslöschen und den Nahen Osten beherrschen möchte”.

Schließlich griff der amerikanische Präsident George Bush senior in einer Rede vom 8. November 1990 den Vergleich Hitler-Saddam auf. Bush warf den irakischen Truppen, die soeben Kuwait erobert hatten, “ungeheuerliche Akte der Barbarei” vor, “die nicht einmal Adolf Hitler begangen hat”. Damit waren jedoch nicht die Gasangriffe auf den kurdischen Bevölkerungsteil Iraks im Jahre 1988 gemeint, welche Tausenden von irakischen Staatsangehörigen das Leben gekostet hatten, sondern Gräueltaten, die irakische Truppen nach ihrem Einmarsch in Kuwait im August 1990 angeblich begangen hatten. Später wurden diese Informationen als inszenierte Gräuelpropaganda enttarnt.

Mit seiner Rede vom November 1990 verschaffte Präsident Bush dem Saddam-Hitler-Vergleich eine weltweite Resonanz. Wie ein Forschungsinstitut ermittelt hat, wurde Saddam Hussein in den US-amerikanischen Printmedien in der Zeit bis zum Kriegsbeginn 1170-mal mit Hitler verglichen.

Überraschenderweise spielte dieser Vergleich seinerzeit in Deutschland zunächst keine Rolle. Man hatte ihn zwar wahrgenommen, aber als einen “hinkenden” Vergleich abgetan, weil Saddam Hussein andere Vorbilder habe als Hitler, nämlich Saladin und Nebukadnezar. Im Übrigen sei das Ziel des Machtpolitikers Saddam Hussein lediglich, Führer der arabischen Welt zu werden. Auch mit anderen zeitgenössischen Tyrannen wie Pinochet, Ghaddafi, Mobutu, Idi Amin oder Bokassa lasse er sich kaum vergleichen.

Noch einen Tag vor dem Beginn des Golf-Krieges 1991 debattierte der Deutsche Bundestag über die Lage in der Golfregion, ohne dass ein Mitglied der Regierung oder des Parlaments den Hitler-Saddam-Vergleich von Präsident Bush aufgegriffen hätte. Vermutlich spiegelte sich in diesem Verzicht der deutschen Politiker auf das in den USA gezeichnete Feindbild auch die kriegsgegnerische Grundhaltung eines Großteils der deutschen Bevölkerung wider, die sich bereits in mehreren Massendemonstrationen gegen den Krieg lautstark artikuliert hatte und die zudem durch repräsentative Meinungsumfragen belegt war.

Für Verwirrung in der deutschen Öffentlichkeit sorgten damals, im Februar 1991, linke Publizisten wie Wolf Biermann und Hans Magnus Enzensberger, die sich überzeugt gaben, dass man es bei dem irakischen Diktator tatsächlich mit einem “Wiedergänger Hitlers” zu tun habe. Biermann erklärte rundheraus: “Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin für diesen Krieg am Golf!” und begründete seine Haltung hauptsächlich mit der Gefahr, die der irakische Diktator, den er als einen “gestandenen Massenmörder” bezeichnete, für Israel bedeute: “Die Ausrottung war den Juden sowohl von Hitler als auch von Saddam Hussein offen angekündigt.”

Des Weiteren erinnerte Biermann an das Münchener Abkommen von 1938, das Zurückweichen der Westmächte vor Hitler und an jene friedliebenden Franzosen, die damals skeptisch gefragt hatten: “Mourir pour Danzig?” Die Quintessenz seiner Wortmeldung fasste er in der rhetorischen Frage zusammen: “Soll man einen Hitler machen lassen um des Friedens willen?” Damit war eine Reihe von Argumenten formuliert, die in den politischen Debatten der Folgezeit eine große Rolle spielten und bis zum heutigen Tage spielen.

Im Herbst des Jahres 1991, als der Golf-Krieg längst beendet war, wurde eines der Argumente Biermanns durch eine Information des vormaligen Generalsekretärs des Europarates, Georg Kahn-Ackermann, bekräftigt. Der ließ wissen, Saddam Hussein habe ihm im Jahre 1967 in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass er Hitlers Mein Kampf gelesen und es über weite Strecken auswendig gelernt habe sowie dass Hitler seitdem sein Vorbild sei; dessen großer Fehler sei es nur gewesen, so der damalige Politoffizier der Baath-Partei, “dass er die Juden nicht total ausgerottet” habe.

Von dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger stammt die Formulierung, man müsse in Saddam Hussein einen “Wiedergänger” Hitlers sehen, also einen Diktator des Orients, der im Grunde genommen genauso schlimm sei wie der deutsche. Der eine wie der andere, argumentierte Enzensberger 1991, sei nicht etwa bloß der Feind eines bestimmten Volkes, sondern ein “Feind des Menschengeschlechts”.

Offenbar war sich der Autor der Gefahren durchaus bewusst, die darin steckten, dass gerade er, ein politisch unabhängiger, linker Intellektueller, der Gleichsetzung Saddam Husseins mit Hitler eloquente Schützenhilfe leistete. Enzensberger sagte, er wolle die Geschichte nicht als Instrument missbrauchen, sondern sie als Argument, als Erkenntnisinstrument, gebrauchen. Er vergleiche nicht leichtfertig, sondern wolle das “Wesen der Sache” treffen.

Enzensberger machte seine Analogie vornehmlich an der Kategorie des “kollektiven Todesrausches” fest. Sowohl Hitler und Saddam als auch die Bevölkerungen von Deutschland (1944/45) und Irak (1990/91) wollten bis zum “Untergang” kämpfen und sich aufopfern. Ideologische beziehungsweise religiöse Überhöhungen sowie Allmachtsfantasien ersetzten hier wie dort das rationale politische Kalkül. Inzwischen konnten wir allerdings erkennen, dass nicht der Todesrausch, sondern der Machterhalt das Movens des irakischen Diktators ist; und dass es sich bei der Bevölkerung Iraks keineswegs um eine militarisierte, führergläubige Gesellschaft handelt, wie es die deutsche von 1944 gewesen war.

In der Geschichtswissenschaft gehört der Vergleich zu den schwierigsten Künsten. Er dient als ein Erkenntnisinstrument, wenn gewährleistet ist, dass die Vergleichsgrößen stimmig sind und wenn Ähnlichkeiten und Unterschiede systematisch herausgearbeitet werden. Die Benennung der Unterschiede wird in den saloppen Vergleichen, wie sie in Politik und Publizistik üblich sind, in aller Regel nicht geleistet, auch nicht in den Mutmaßungen über den “Wiedergänger Hitlers”.

Enzensberger interessierte sich damals wenig für die extreme Asymmetrie zwischen dem Hitler-Staat von 1939 und Irak von 1991. Er wie andere versäumten es, die militärischen und ökonomischen Potenziale zu vergleichen, die Fähigkeit beziehungsweise Unfähigkeit zur eigenen Rüstungsproduktion, das Menschenreservoir, das Bruttosozialprodukt, die ganz unterschiedlichen politischen Ziele Hitlers und Saddam Husseins sowie die Unterschiede in der politischen Struktur des damaligen Deutschlands und des heutigen Iraks.

In den zwölf Jahren, die seitdem vergangen sind, hat das internationale Embargo Irak zusätzlich massiv geschwächt. Es ist von einem Schwellenland in den Status eines Entwicklungslandes abgestürzt.

Die Politiker, die den irakischen Diktator seinerzeit bewusst vergrößerten, indem sie ihn mit Hitler verglichen, durften voraussetzen, dass sie niemand zur Rechenschaft ziehen würde, wenn sich ihr Vergleich später als absurd herausstellen sollte.

Im Rückblick erkennen wir das ganze Ausmaß der Unsinnigkeit dieses Vergleichs, und zwar nicht nur von der hohen Warte des akademischen Elfenbeinturms aus, in der man es schon immer besser wusste, sondern mittels des Blicks auf die Handlungen eben jener politischen Akteure, die sich damals des Saddam-Hitler-Vergleichs bedient hatten.

Während die Alliierten des Zweiten Weltkrieges Hitler-Deutschland 1945 zur bedingungslosen Kapitulation zwangen, ging man mit Saddam Hussein ganz anders um. Wie es angesichts der Asymmetrie des Konflikts zu erwarten war, erlitt der als “Hitler des Orients” titulierte Diktator Iraks 1991 eine schnelle militärische Niederlage. Aber er wurde von den Siegern am Leben und an den Hebeln der Macht belassen. Auch war er plötzlich nicht mehr der “Feind der Menschheit”, weil man sich von ihm jetzt wieder eine politisch stabilisierende Rolle in der Golfregion erhoffte.

Die Juden in Israel und in aller Welt sahen im Saddam-Hitler-Vergleich immer wieder ein Instrument, um auf die judenfeindliche Politik des irakischen Diktators aufmerksam zu machen. Nicht wenige Juden haben seit 1990 erklärt, dass sie der Macht der US-Streitkräfte weit mehr vertrauen als der Friedensliebe der pazifistischen Bewegungen in den westlichen Demokratien. Während des zweiten Golf-Krieges von 1991 kritisierten sie durchgängig den in der deutschen Öffentlichkeit bekundeten Pazifismus. Dieser habe zumal die Schutzbedürftigkeit des Staates Israel vor irakischen Raketenangriffen nicht berücksichtigt.

In der Summe gilt es zu erkennen, dass der Saddam-Hitler-Vergleich kein historisches Argument darstellt, sondern ein politisches Instrument in der Rhetorik des Krieges, also der Kriegspropaganda. Mit dem Saddam-Hitler-Vergleich wurde und wird die Bedrohung, die vom irakischen Diktator ausging, bewusst und systematisch überzeichnet, um die Politiker und Bürger der westlichen Welt davon zu überzeugen, dass die demokratischen Staaten im Interesse des Weltfriedens zu dem Mittel kriegerischer Gewalt greifen müssten, um die Gefahr einzudämmen. Das ist jedoch nicht gelungen.

Weder dieser Vergleich noch die aggressive Rede von der “Achse des Bösen” haben die Mehrheit der Menschen zu überzeugen vermocht.


Quelle: Frankfurter Rundschau vom 29.03.2003. Wir bedanken uns beim Autor und beim Verlag für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.

Veröffentlicht am

25. April 2003

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