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Um die Wahrheit über den Zustand unserer Welt zu verstehen, müssen wir auf jene Menschen schauen, die am Rande des globalen Kapitalismus stehen

Von Michael Schmid, in: Rundbrief Lebenshaus Schwäbische Alb e.V., März 2001

Das derzeit wichtigste Thema in unserem Land scheint die Vergangenheit von Außenminister Joschka Fischer zu sein. Die Absicht ist klar, die hinter der Kampagne der parlamentarischen Opposition und der ihr mehr oder weniger geneigten Presse steckt: Der Außenminister und damit eine Schlüsselfigur der rot-grünen Bundesregierung soll zu Fall gebracht werden.

Dabei hat es etwas von Komik, dass die Angriffe auf Fischer und die Fragen zu seinem Verhältnis zur Gewalt ausgerechnet von Menschen kommen, die mit ihm als Frontmann ohne Bedenken in den ersten deutschen Krieg nach 1945 zogen.

Aus dem Umstand, dass sich Fischer und seine Freunde früher lieber prügelten als gewaltfreie Aktionen zu machen, ergibt sich auch heute ein Problem. Manche jener 68er, die den “langen Marsch durch die Institutionen” erfolgreich antraten, sehen sich aufgrund ihrer heutigen Positionen gezwungen, sich ihren “Jugendsünden” zu stellen. Und weil jetzt vor allem die gewalttätige Aktionsform bzw. die Unterstützung von Gewalt in den Blickpunkt öffentlichen Interesses gerückt wird, beginnt die Distanzierung. Diese Distanzierung wird dann gleich so kräftig vollzogen, dass sie nicht nur den gewählten Mitteln gegenüber vorgenommen wird, sondern auch den früheren Überzeugungen und Anliegen gilt. Dabei hatte vieles seine Berechtigung, was die Jugend in allen westlichen Industriestaaten rebellieren ließ, wie etwa der Protest gegen das Vietnam-Kriegsverbrechen der USA oder das Eintreten für gesellschaftliche Emanzipation, partizipative und nicht nur repräsentative Demokratie.

Hätten Fischer und Freunde damals auf die sanfte Kraft der Gewaltfreiheit gesetzt und würden an ihr festhalten, befänden sie sich allerdings kaum in ihren heutigen Positionen. Denn diese setzen die stillschweigende oder offene Befürwortung von Gewalt voraus. Wurde früher eigene oder fremde Gewalt befürwortet - sei es als Straßenkämpfer gegen die Polizei oder als Parteigänger Pekings oder Moskaus -, wird Gewalt in anderer Form heute befürwortet - sei es kriegerische Gewalt, polizeiliche Gewalt, strukturelle oder kulturelle Gewalt in unterschiedlichen Ausprägungen. Fischers Verhältnis zur Gewalt hat sich also gar nicht so grundsätzlich geändert. Statt als Straßenkämpfer übt er heute Gewalt auf einer höheren Ebene aus bzw. befürwortet diese.

Dabei braucht unsere heutige Welt mehr denn je Menschen, die sich gewaltfrei für die dringend notwendigen Alternativen zu jenem Wirtschafts- und Zivilisationsmodell einsetzen, mit dem wir den Planeten Erde ebenso wie die Menschheit großflächig verwüsten. Dafür braucht es viele Menschen, die sich für ein neues Modell des Zusammenlebens einsetzen, “auf dessen Grundlage sowohl ein positives Verhältnis zur Erde als auch ein neuer Sozialpakt zwischen den Völkern gedeihen können, voller Achtung und voller Bemühen, alles Existierende und Lebende zu erhalten”, gibt der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff die Zielrichtung für Alternativen an.

Warum denn immer gleich unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in Frage stellen? Warum so radikal denken, den meisten von uns geht es doch so gut wie nie zuvor? Besteht nicht für alle die Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und gemäß dem Sprichwort “Jeder ist seines Glückes Schmied” etwas daraus zu machen?

Wenn wir die Wahrheit über den Zustand unserer Welt verstehen wollen, hilft es, auf diejenigen zu schauen, deren Leben durch das kapitalistische Wirtschaftssystem am meisten beeinträchtigt und zerstört wird. Und wenn wir auf die Menschen schauen, die am Rande des globalen Kapitalismus stehen bzw. aus diesem vorherrschenden System ausgeschlossen werden, werden wir erkennen müssen, dass sie nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Folgerichtig trifft der in den USA lehrende deutsche Theologe Joerg Rieger die Feststellung: “Wenn wir verstehen, dass die Lage der Unterdrückten in der globalen Ökonomie nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, müssen wir das System als Ganzes in Frage stellen. Wir können nicht mehr so leicht gemeinsame Sache mit dem Status quo machen.”

Es ist schwierig, uns nicht einfach mit der derzeitigen Realität abzufinden. Wir leben ja schließlich alle in, mit und von diesem System. Der Wille gegen die Anpassung sowie Widerstandskräfte lassen sich jedoch stärken, wenn wir uns an denen orientieren, welche “die dunklen Seiten des Systems aus erster Hand kennen.” (Rieger) Mit anderen Worten: Wenn wir die Realität der Mehrheit der Menschen auf diesem Globus zur Kenntnis nehmen, dann können wir mehr als genug Gründe sehen, die für eine Veränderung des herrschenden Systems sprechen. Ohne diesen Blick auf die Opfer - die Ausgegrenzten, Armen, Unterdrückten, Gefolterten - werden wir nicht vorwärts kommen. Auch deshalb ist es für uns im Lebenshaus so wichtig, mit solchen Menschen im ständigen Kontakt zu stehen. Uns wird dabei auch bewußt, dass es nicht darum gehen kann, die Benachteiligten ein klein wenig am Erfolg des Systems teilnehmen zu lassen. Wenn dieses System menschliches Leben und menschliche Gemeinschaften zerstört, dann muss es grundsätzlich kritisiert und überwunden werden. Wir können nur dann neue Formen von menschlichen Gemeinschaften aufbauen, wenn wir Widerstand gegen alles die Gemeinschaft Zerstörende leisten. Dafür ist es wichtig, uns unsere eigene Beteiligung an den Strukturen bewußt zu machen, welche die Gemeinschaft zerstören.


“Wir träumen
von einem weltumspannenden
Gemeinwesen in dem einen
großen gemeinsamen Haus, der Erde,
in dem sich die strukturgebenden Werte entwickeln
in der Sorge um den Menschen,
insbesondere um den kulturell anderen,
um den von Natur oder Geschichte Benachteiligten,
um den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen,
um Kinder, Alte und Sterbende,
in der Sorge um Pflanzen, Tiere
und liebgewonnene Landschaften
und vor allem in der Sorge
um unsere große, hochherzige Mutter, die Erde.
Wir träumen von einem Zustand,
in dem die Sorge zum grundlegenden menschlichen Ethos
und zum Mit-leiden mit der ganzen Schöpfung geworden ist,
ohne das ja kein Wesen existieren kann.”

Leonardo Boff


Menschen am Rande der Gesellschaft machen täglich die Erfahrung, dass sie den Mächtigen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weitgehend ausgeliefert sind. In Beziehung zu diesen Randständigen können wir, die wir nicht am Rand stehen lernen, dass gerade in solchen Beziehungen unsere vorherrschenden Modelle von Macht und Handeln verändert werden können. Dafür gilt es, jene spirituelle Kraft zur Wirkung kommen zu lassen, welche diejenigen ermächtigt und befähigt, “deren Leben durch absolute Kontrolle zerstört wird, und diejenigen, die sich mit ihnen solidarisieren und damit ihre eigene Kontrolle aufgeben. Daraus folgt, dass es nicht darum gehen kann, dass die Mächtigen die Machtlosen ermächtigen: Es geht darum, neue Formen der Ermächtigung zu schaffen, in denen die beiden Lager sich begegnen und gegenseitig umgestalten.” (Rieger)

Mit dem Lebenshaus-Projekt versuchen wir unsere Haltung umzusetzen, uns nicht auf die Seite der Globalisierungsgewinner des Standorts Deutschland ziehen zu lassen und uns solidarisch mit VerliererInnen der neoliberalen Neuordnung der Welt zu verhalten. Flüchtlinge gehören zu den Allerschwächsten in unserer Gesellschaft. Deshalb sehen wir eine Verpflichtung, dass wir uns ihnen zuwenden, sie solidarisch begleiten, helfen und beraten. Es ist uns klar und wir erfahren das auch so, dass dies vom “ohnmenschlichen System des Asylverfahrens” (Helmut Frenz) nicht vorgesehen ist. Trotz aller Probleme, die es mit Behörden gibt, lassen wir uns nicht davon abbringen, etwas gegen die völlige Isolierung und Ausgrenzung von Flüchtlingen zu tun. Und auch gegen die Abschottung Deutschlands und Westeuropas, was aber noch erheblich schwerer ist als die direkte Unterstützung, weil es hierbei um grundlegende politische Kurskorrekturen geht.

Veröffentlicht am

20. September 2001

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