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Das Leben im Widerstand. Ein Gespräch mit Philip Berrigan

Von Pater John Dear

Mein Freund Philip Berrigan starb am 6. Dezember 2002. Ich verbrachte eine Woche bei seiner Familie und seiner Gemeinschaft, als er starb, und ich hielt den Trauergottesdienst. Sein Tod bekümmert mich sehr, doch er gibt mir auch viel Hoffnung und Antrieb, dass wir doch alle sein Friedenswerk fortsetzen möchten.

Philip Berrigan setzte sich seit den frühen sechziger Jahren für Frieden, Gerechtigkeit und nukleare Abrüstung ein. Als Mitstreiter der “Vier von Baltimore” und der “Neun von Catonsville” half er mit, die Bewegung gegen den Vietnamkrieg zu leiten und verbrachte in den frühen siebziger Jahren mehrere Jahre im Gefängnis. 1973 gründete er mit seiner Frau, Elizabeth McAlister, das Jonah House, eine Gemeinschaft des gewaltfreien Widerstands in Baltimore, Maryland. 1980 betrat er mit seinem Bruder Daniel und den “Pflugschar Acht” die Atomwaffenanlage von General Electric in King of Prussia, Pennsylvania, wo er eine nicht geladene Mark 12A-Atomraketenspitze mit dem Hammer bearbeitete, “um Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden”.

Bis zum Jahr 2002 hatte Phil Berrigan wegen Antikriegs- und Antiatomdemonstrationen schon mehr als elf Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Ich interviewte Phil im Frühjahr 1993 in Oakland, California, wo ich zu dieser Zeit lebte und arbeitete. Sechs Monate später, am 7. Dezember 1993, gingen Phil und ich nach Goldsboro, Nort Carolina; wir schlugen mit einem Hammer auf einen F-15E-atomfähigen Schlachtbomber und verbrachten dann acht Monate zusammen in einer Zelle des lokalen Gefängnisses.

Pater John Dear im Gespräch mit Philip Berrigan

John Dear: Die Evangelisten sagen uns, wir sollen “die Zeichen der Zeit” erkennen. Was siehst du als “Zeichen der Zeit”, als wesentliche Fragen, die jetzt auf uns als Menschen, die für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, zukommen?

Philip Berrigan: Einerseits haben wir die Auflösung des Sowjet-Reiches erlebt, und wir müssen uns bewußt sein, dass das ein ganz anderes Reich war als unser eigenes. Und dann haben wir natürlich die Situation in Osteuropa und die Einführung der Demokratie in den alten Staaten des Warschauer Pakts.

Andererseits sehen wir die langsame Auflösung des amerikanischen Weltreichs. Wir sind auf demselben Weg wie die Sowjets. Die U.S. hofften, der Rüstungswettlauf würde die Sowjets bankrott machen und sie uns unterwerfen, weil sie sich eine Rüstungswirtschaft in dem Maß, wie wir es taten, nicht leisten konnten. Unsere Hoffnung war, daß sie im Rüstungswettlauf kein gleichwertiger Partner sein konnten. Reagan benutzte den Ausdruck “roll back”. Wir “rollten” die Sowjetunion “zurück” in den westlichen Kapitalismus. Das ist gelungen, aber jetzt sind wir auf demselben Weg wie sie.

Könntest du beschreiben, was die Vereinigten Staaten zu einem Weltreich macht?

Der wichtigste imperialistische Bestandteil ist unser Besitz und Einsatz der Atombomben. Sie werden teils eingesetzt, um der Welt unseren Willen aufzuzwingen, besonders in der Dritten Welt und Teilen der Vierten Welt. Außerdem sind sie da, um den Status quo aufrecht zu erhalten.

Das Militär ist die beste Waffe der Administration, der nationalen Führung, um im Inland den Staus quo durchzusetzen. Das bedeutet, dass eine immer kleiner werdende Elitegruppe einen immer größeren Teil des Reichtums kontrolliert. Ein- oder zweihundert unserer Leute kontrollieren siebenunddreißig Prozent dessen, was dieses Land hervorbringt.

Das Militär ist das wichtigste Mittel zur Fortsetzung dieser Ungleichheit. Sie lösen langsam die Mittelklasse auf und schaffen eine zweigeteilte Gesellschaft. Das geschieht zur Zeit. Das sind alles Aspekte eines verfallenden Weltreichs.

Viele von uns haben sich engagiert um eine ganze Vielfalt von Problemen und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen - von der Toedesstrafe und der Einmischung der USA in Zentralamerika, bis zur Wohnungslosigkeit, dem Krieg am Persischen Golf, dem Rassismus und dem Sexismus - und doch, das Wichtigste dieser Probleme ist die fortgesetzte Präsenz von Atomwaffen. Was ist unsere Verantwortung angesichts der fortgesetzten Bereitschaft unserer Regierung, den Planeten zu zerstören?

Es wird gesagt, die Bombe macht jede andere Frage überflüssig. Ich glaube, das ist absolut wahr. Die Tatsache, dass wir Komplizen sind angesichts der Bombe, weil wir helfen, sie zu bezahlen, und weil wir ihre Stationierung und mögliche Anwendung zulassen - und wir haben während der 47 Jahre des Kalten Kriegs mindestens 25 mal damit gedroht, sie einseitig anzuwenden - zerstört uns geistig, moralisch, psychisch, emotional und menschlich, in einem weiten, allgemeinen Sinn.

Unsere Komplizenschaft mit der Bombe macht uns unfähig, mit kleineren sozialen und politischen Problemen umzugehen, die in Wirklichkeit Nebenerscheinungen unserer Hingabe an die Bombe sind.

Wir haben die Absicht (um diesen alten juristischen Ausdruck zu benutzen), die Bombe unter gewissen Bedingungen einzusetzen. Das amerikanische Volk wird da hineingezogen. Als sie am 15. April ihre Einkommensteuer bezahlten, bezahlten sie dafür. Sie bezahlen auch dafür durch ihr Stillschweigen oder ihre aktive Beteiligung an der Kriegsvorbereitung (in einer Rüstungsfabrik) oder durch ihr aktives Engagement beim Militär.

So zerstört die Bombe geistig, moralisch, psychisch, emotional und menschlich.

Wie sollten wir darauf reagieren? Was können wir in dieser Sache tun?

Die einzig wirkliche Umkehr heute ist eine Umkehr, die die Verantwortung für die Bombe übernimmt. Diese Umkehr krempelt das Leben um, so dass man frei genug ist, Zeugnis abzulegen gegen diese menschenfeindliche, unglaublich böse Manifestation unserer Dämonisierung und unseres Wahns.

Wir alle müssen die Veranwortung für die Bombe übernehmen. Diese Umkehr und neue Verantwortlichkeit wird alle Arten von lebensspendenden, heilbringenden Wohltaten in unser Leben bringen. Sie wird den neuen Menschen schaffen, die neue Schöpfung, die gerechte soziale Ordnung, von der die Heilige Schrift spricht.

Am Ostersonntag 1991 bist du an Bord des US-Schiffs Gettysburg bei den Bath Ironworks im Staat Maine gegangen und hast an einer Pflugscharaktion teilgenommen, um den Prozess der Abrüstung zu beginnen. Was war deine Botschaft dort?

Wir waren zweieinhalb Stunden auf diesem höllischen Schiff bei den Bath Ironworks in Bath, Maine. Das US-Schiff Gettysburg war von seinen Versuchen auf dem Meer zurückgekehrt, und sie behoben einige Mängel. Darum war es dort, bei den Irionworks. Es war ganz unbewacht, und wir gingen an Bord, bevor es hell wurde, um 4.30 Uhr morgnes. Wir hatten genug Raum, alles zu tun, was wir diesem Schiff antun wollten.

Man muss jedoch ein klares Zeichen setzen. Man muss sich zurückhalten und sich im Zaum halten, so dass man nicht in Orgien der Zerstörung verfällt. Es ist wichtig, dass das Zeichen für sich selbst spricht, dass das Symbol nicht durch eine größere Zerstörung Verwirrung oder Unklarheit schafft. Sonst sehen die Leute nur die Zerstörung und betrachten diese, statt der Verantwortlichkeit gegenüber diesem Höllenschiff und seinen Gegenstücken in der Luftwaffen und der Armee.

Darum haben wir keine größere Zerstörung angerichtet. Wir sind nicht auf die Brücke und nicht in den Maschinenraum gegangen, obwohl wir das gut hätten tun können. Es war niemand an Bord des Schiffes, der uns hätte abhalten können. Wir benutzten nur Blut und Hämmer an den Luken zu den Raketen. Dann gingen wir und schauten nach dem Sicherheitsdienst, denn es war niemand zur Sicherung des Schiffes an Bord. Wir holten einen Sergeant auf das Schiff und sagten ihm, was wir getan hatten. Später, als wir nicht fortgingen, rief er die Polizei und wir wurden festgenommen.

Wie würdest du angesichts dessen unsere Berufung zu Menschen der Gewaltfreiheit, zu Menschen des Widerstands in dieser Zeit definieren?

Gewaltfreiheit im besten Sinne ist eine strenge und endgültige soziale Gerechtigkeit. Sie bedeutet, das eine Gesetz, das Paulus im Römerbrief herausgestellt hat, in die Praxis umzusetzen: “Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen” (Galater 6,2). Im selben Zusammenhang sagt Paulus: es gibt nur ein Gesetz, liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Matthäus 22,39). In der Bergpredigt bei Matthäus schließt der Nächste auch deinen Feind ein.

Gott ist uns villeicht am sichtbarsten vorhanden durch den Feind - durch die Kriegstreiber, die nukleare Geiseln aus uns machen; durch die Politiker, die uns anlügen; durch die Generäle, die angeblich uns, in Wirklichkeit aber die Reichen schützen, und so weiter. Sie sind unsere wahren Feinde, und wir müssen sie lieben und an ihrer Umkehr arbeiten. All das läuft unter der Überschrift “Gewaltfreiheit”.

Es wird von uns erwartet, dass wir Gutes tun, dass wir in unserem Leben gerecht sind und man erwartet, dass wir dem Bösen widerstehen. Die Heilige Schrift, besonders das Neues Testament, machen es klar, dass das Böse mit dem Bösen des Systems, mit den größeren Einrichtungen zu tun hat, mit den Fürsten und Mächtigen. Und der Staat ist die Hauptmacht und Herrschaft, besonders ein imperialistischer Staat, unsere eigene Regierung.

Welche Rolle spielt die Gemeinschaft bei dieser Berufung zum gewaltfreien Widerstand?

Gemeinschaft ist gleichbedeutend mit Gewaltfreiheit und Widerstand, d.h. es ist dasselbe von verschiedenen Bezugspunkten aus gesehen. Wir können uns keine echte Gemeinschaft vorstellen ohne Gewaltfreiheit und ohne dem Bösen und dem Staat Widerstand zu leisten. Wir können uns ohne das wirklich keine Gemeinschaft vorstellen.

Eine Gemeinschaft zu bilden war die erste öffentliche Tat unseres Herrn. Das sagt ewas aus über die Priorität, die Jesus der Gemeinschaft gab. Diese kleine Gruppe von Anhängern sollte eine Art Mikokosmos der neuen sozialen Ordnung, der “Kindschaft” Gottes sein, wo die Menschen als Schwestern und Brüder leben und einander mit Gerechtigkeit und Liebe behandeln. Jesus setzte diesen Primat auf die Gemeinschaft. Nach mehreren Jahren der Unterweisung und des Dienstes an ihnen riskierte er, von ihnen verlassen und verraten zu werden, und das geschah.

Ein guter Kommentator, ein Engländer namens Dodd, schreibt, dass Jesus sie schließlich für sich gewann, weil er ihnen vergab. Nach der Auferstehung vergab ihnen Jesus, und sie wurden seine Jünger und Apostel, weil er ihnen vergab.

Du hast seit 1973 geholfen die Jonah House Gemeinschaft zu gründen und gehörst dazu. Welche Rolle spielt die Gemeinschaft in deinem Leben als Friedensstifter?

Ich könnte mir nicht vorstellen, weiterhin für den Frieden zu arbeiten ohne den Segen der Gemeinschaft. Einerseits ist es eine außerordentlich machtvolle menschliche Einheit, und andererseits die zerbrechlichste der Einheiten. Es hängt vom Geist und der Spiritualität ab, die nicht so sehr individuell, sondern gemeinschaftlich, sozial, politisch und gewaltfrei ist. Ich kann mir nicht vorstellen, außerhalb der Gemeinschaft zu leben.

Wir sind übereingekommen, für den Rest unseres Lebens dem Krieg Widerstand zu leisten. Wir glauben, dass das ein zwingender Grundsatz ist. Es ist inbegriffen in dem Gebot, unsere Feinde zu lieben.

Wir haben alle Dinge gemeinsam, entsprechend dem Beispiel der Taten der Apostel. Wir arbeiten miteinander. Wir teilen die Arbeiten der Gemeinschaft wie das Kochen, die Wäsche oder den Hausputz, oder wir arbeiten, um unseren armen Nachbarn zu dienen (denn wir wohnen in einer armen Nachbarschaft). Wir planen ständig den Widerstand, oder wir tun ihn.

Viele Leute im Land und auf der Welt glauben, das Problem mit den Atomwaffen sei abgetan, und doch stimmt das nicht. Was kannst du vorschlagen hinsichtlich der Notwendigkeit, weiterhin für die nukleare Abrüstung zu arbeiten?

John Mitchell, Nixons Generalstaatsanwalt, der wegen Watergate ins Gefängnis ging, sprach einmal mit einer Gruppe von Journalisten, und sie stellten ihm Fragen, und er regte sich über die Reporter auf und sagte: “Hört auf, uns zuzuhören, was wir sagen und fangt an, zu beobachten, was wir tun!”

Ich denke, wir sollten beobachten, was sie tun, und nicht so sehr, was sie sagen, weil sie ständig lügen. Sie lügen nicht bewußt. Sie lügen, weil sie mit Kriegsvorbereitungen beschäftigt sind, und der Krieg ist eine große Lüge. Jegliche Hinwendung zum Krieg und jeglicher Förderung des Kriegs wird die Menschen zum Lügen bringen. Sie lügen ohne es wahrzunehmen. Bush und Cheney lügen, ohne dass sie es merken. Sie sind in eine riesige Lüge verstrickt. Sie drücken nur eine Facette dieser Lüge aus. Sie lügen gewohnheitsmäßig.

Die Verwendung von Steuern ist sehr wichtig. 1993 belaufen sich die Steuerzuteilungen für Kriegszwecke auf 282 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als die übrige Welt für Rüstungszwecke ausgibt, und wir sind nur fünf Prozent der Weltbevölkerung. Wir treiben das seit Jahren so. Wir waren führend im Rüstungswettlauf und wir haben die Welt mit dieser Fixierung auf den Krieg vergiftet, mit dieser Kriegsmentalität, diesem Kriegsgeschäft als Wirtschafts- und Systemstruktur.

Darum möchte ich sagen, dass wir dem Krieg Widerstand leisten müssen solange wir leben. Die Vereinigten Staaten erheben den Anspruch, die einzige Supermacht der Welt zu sein und man kann den Status der Supermacht nicht aufrecht erhalten, wenn man nicht bis zu den Zähnen bewaffnet ist. So werden die U.S. weiterhin Waffen entwicklen, den Krieg der Sterne und eine dauernde Kriegswirtschaft, denn wenn sie das nicht tun, verlagert sich der Staus quo und der Reichtum im Lande hier wird neu verteilt. Die letzen, die das wollen, sind die ein- oder zweihundert, welche die siebenunddreißig Prozent dessen unter Kontrolle haben, was das Land produziert, und ihre Vertreter, der Präsident und die offiziellen Terroristen in Washington. Wir müssen diesem Kriegsgeschäft weiterhin Widerstand leisten.

Viele Leute sagen zu mir: “Gewaltfreien zivilen Ungehorsam braucht man nicht mehr. Seine Anwendung in der Geschichte ist vorbei.” Ich sage ihnen, das ist nicht wahr. Meinst du auch, dass ein Teil unseres gewaltfreien Widerstands bedeutet, dass wir weiterhin risikieren müssen, festgenommen zu werden wegen unserer Opposition gegen Atomwaffen?

Eine Art und Weise, unsere Verantwortlichkeit zu betrachten, geschieht aus dem Blickwinkel des Rechts. Wir wissen nichts über dieses Recht, das wir haben. Leute, die Christen sein wollen, wissen nichts über den Umgang mit dem biblischen Gesetz und die Tatsache, dass das menschliche Gesetz immer unter Gottes Urteil steht, denn es ist ein Zeichen des Aufstands gegen Gott.

Atomwaffen sind legal, quer über’s Reißbrett, vom Entwurf und von der Herstellung, der Weitergabe durch Pantex hin zu Amarillo, Texas und zu ihrer Stationierung. Alles ist legal, ein jeglicher Schritt auf diesem Weg. Was sagt das über das Gesetz aus? Was bedeutet es, daß wir jede Maßnahme legalisieren, die die Welt zerstören könnte? Was bedeutet es, dass es legal ist, die Welt durch toxische Stoffe zu vergiften?

Das sagt ewas aus über das Gesetz. Es ist wie des Gesetz, unter welchem Christus gekreuzigt wurde. Die Herrscher sagten: “Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben.” Er wurde auf legale Weise hingerichtet.

Du hast am Karfreitag beim Gebetsgottesdienst und der gewaltfreien Demonstration bei den Livermore Labs in Californien über die Aufforderung gesprochen, “outlaws” (Geächtete), wie Jesus zu werden. Was hast du damit gemeint?

Ich meinte, dass wir nicht Gottes Gesetz und das Gesetz der Menschen, wie es heute, in den imperialistischen Vereinigten Staaten gehandhabt wird, halten können. Wir müssen zwischen den beiden wählen.

Wir haben früher schon über Gandhis Einsicht in die Gewaltfreiheit gesprochen, wie er sich um Macht und Machtlosigkeit mühte, und über den Weg der Gewaltfreiheit des Evangeliums, der Machtlosigkiet einschließt. Wie verstehst du die Rolle der Macht und der Machtlosigkeit in unserer Gewaltfreiheit?

Wir sollten uns so oft wie möglich daran erinnern, dass Christi Versuchungen in der Wüste die Stereotypen für alle menschlichen Versuchungen sind, wirkliche Versuchungen der Macht, ob es sich nun um religiöse, wirtschaftliche oder politische Macht handelt. Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass unser Herr diesen Versuchungen der Macht nicht erlegen ist.

Die Alternative zu “der Macht der Versuchung zu unterliegen” ist, sich die Machtlosigkeit zu eigen zu machen. Man wird dann zu einem Werkzeug, durch welches die Macht Gottes wirken kann. Man wird zu einem Mittel der göttlichen Macht. Doch das bedeutet, daß das Ego unterdrückt werden muss samt seinem natürlichen Instinkt für Macht. Wir müssen uns selbst verleugnen, das Kreuz aufnehmen und nachfolgen. Wir müssen uns die Machtlosigkeit zu eigen machen.

Das bedeutet, dass wir weit mehr Betonung auf die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft legen müssen als auf die Entwicklung einer Massenbewegung, die als Macht zur Macht sprechen würde. Wir müssen vermeiden zu denken (besonders zu einer Zeit der Bundeswahl), dass “wenn unsere Massenbewegung stark genug ist, dann werden wir schon eine politische Veränderung bekommen.”

Wir sind zu etwas anderem aufgerufen. Wir sind dazu aufgerufen, den Armen zu dienen, dem Staat zu widerstehen, ignoriert zu werden, verfemt und ins Gefängnis geschickt zu werden, weil wir das tun.

Ein Teil unseres gewaltfreien Widerstands bedeutet dann also, die Festnahme zu riskieren und bereit zu sein, in den Kerker oder ins Gefängnis zu gehen. Wie kann ein Zeuge aus dem Kerker oder dem Gefängnis und aus dieser Machtlosigkeit heraus zur Gesellschaft sprechen?

Der Zeuge spricht zur Gesellschaft, weil ein Mensch unschuldig in den Kerker geht. Ein Mensch geht in den Kerker, verurteilt aufgrund einem Gesetz, welches das grundlegende Problem ist. Das Gesetz ist das Problem. Es gibt Gesetze für Mord, Ausbeutung, Einmischung - alles, was das amerikanische Weltreich tut, all das wird unter dem Gesetz legal gemacht. Man wird verurteilt unter dem Gesetz. Wir aber müssen außerhalb des Gesetzes stehen und werden zu Geächteten, Verfemten.

Das ist etwas, das für Nachfolger Jesu unvermeidbar ist. Unser Herr war ein “outlaw”, ein Geächteter. Wie Paulus sagen würde, Jesus war der einzige Mensch ohne Sünde, und er wurde unter dem Gesetz verurteilt. In den Briefen an die Galater, im 2. Korintherbrief, und im Römerbrief macht Paulus das Urteil Gottes gegen das menschliche Gesetz klar, das Gottes Sohn verurteilt hat.

Heute sind wir dazu verurteilt, Geiseln der Bombe zu sein. Legal gesehen sind wir seit den letzten 47 Jahren Geiseln der Bombe. Wenn ein Atomkrieg ausbricht, wird alles legal sein. Wir werden legal getötet. Das ist ein Kommentar zum Gesetz, und die wesentliche Art des menschlichen Gesetzes.

Wir verbrachten den Ostersonntag zusammen bei einer Wache draußen an der Concord Naval Weapons Station, wo Atomwaffen und Schiffswaffen für die ganze Welt aufbewahrt werden. Wie verstehst du die Auferstehung im Zeitalter der Atomwaffen und des US-Weltreichs?

Die Auferstehung heute zu erleben bedeutet, sich abzuwenden von der Gewalt in unserem Leben und die Verantwortung für die Gewalt des Staates zu übernehmen.

Wir hören von Christen oder Theologen nicht oft etwas über die Tatsache, dass wir im Neuen Testament das Gebot bekommen, ein gewisses Verhältnis zum Staat einzunehmen. Wir sind gehalten, den Staat zur Rechenschaft zu ziehen, dem Staat zu widerstehen und ihn zur Gerechtigkeit aufzufordern bis zu dem Punkt, wo er sich auflöst und man ihn nicht mehr braucht. Vielleicht brauchen wir den Staat nur noch um zu helfen den Müll aufzusammeln, die Löcher auf der Straße auszubessern, die Post auszuliefern und ähnlich unschädliche Arbeiten zu erledigen. Wenn wir unsere Verantwortlichkeiten übernähmen, würde der Staat aufhören zu existieren. Wir hätten eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben.

Wir auferstehen in dem Maß, als wir Verantwortung übernehmen für die Opfer des Staates. Wir müssen öffentliche, soziale und politische Verantwortung übernehmen für die Verbrechen des Staates. Man muss eine Stimme für die Opfer erheben, und wir sind in der Lage, das zu tun. Das bedeutet, sich selbst zu verleugnen und das Kreuz auf sich zu nehmen, zu einer Stimme für die Opfer des Staates zu werden.

Du sprichst oft über den Zusammenhang zwischen Hoffnung und Glauben. Wie hängt die Hoffnung mit dem Glauben zusammen?

Wir sind hoffnungsvoll, soweit wir glaubwürdig sind. Glauben zu haben bedeutet, wir haben die Welt noch nicht aufgegeben. Das ist ein sehr einfaches Konzept. Wir neigen dazu, es sehr kompliziert zu machen, aber das ist es nicht. Es ist einfach. Wir haben die Welt noch nicht aufgegeben. Es ist Gottes Welt, und Gott hat gewisse, verborgene Pläne für diese Welt und ihre Menschen. Zusammen müssen wir Teil der “Kindschaft” Gottes sein, in welcher die Menschen als Schwestern und Brüder leben. Wenn wir das glauben und danach leben, erzeugen wir Hoffnung. Wir sind hoffnungsvolle Menschen.

Würden wir nicht ein solches Leben leben, im Glauben handeln und Hoffnung erzeugen, würden wir verzweifeln, hoffnungslos und ungläübig, aber das ist unmöglich, solange wir darum kämpfen, im Glauben zu handeln. Dann kommt die Hoffnung von selbst.

Wie ein Theologe über den Glauben sagt: “Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass wir ungläubig sind und keinen Glauben haben, sollten wir versuchen, gläubig zu handeln, so zu handeln, als ob wir Glauben hätten, und dann werden wir Glauben haben!”

Wir haben Glauben, weil wir gläubig handeln und Gott billigt unsere gläubige Handlung und stärkt unseren Glauben gnädig. Aber es liegt an uns. Wir sind freie Werkzeuge.

Wir würdest du heute deine Botschaft zusammenfassen?

Die Abrüstung unserer Atomwaffen muss für uns Priorität haben. Frieden machen muss unsere Priorität sein. Frieden machen ist nicht nur das zentrale Merkmal des Evangeliums, Frieden machen ist das, was die Welt heute am Nötigsten braucht.

Wir brauchen Frieden. Wenn wir keinen Frieden haben, haben wir nichts. Und wir haben noch nicht viel davon. Wir haben weder ein friedliches Verhältnis zur Umwelt, noch miteinander, noch mit anderen Nationen, und das bedeutet, wir stehen wirklich mit Gott im Krieg. Wenn wir nicht mit der wunderbaren Schöpfung umgehen können, die Gott uns anvertraut hat, damit wir sie verwalten, wie können wir dann ein gutes Verhältnis zu Gott haben?

Wenn wir keine solche friedliche Beziehung haben können, verachten wir die Tatsache, dass wir wirklich Töchter und Söhne Gottes sind. Aber wenn wir Töchter und Söhne Gottes sind, dann bedeutet das, dass wir aufgerufen sind, Frieden zu stiften.

Übersetzung: Heidi Schimpf (herzlichen Dank!). Originalartikel: The Life of Resistance. A Conversation with Philip Berrigan .

Veröffentlicht am

20. April 2003

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