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Wurzeln der Plünderung

Von Patrick Cockburn - ZNet 14.04.2003


Wurzeln der Plünderung. Armut und Verzweiflung sind Ursache der ethnischen Gewalt im Irak

Ein Maschinegewehr ratterte gerade vor dem Eingang des größten Krankenhauses in Mosul als Dr. Ayad Ramadani, der Krankenhausdirektor, erklärte, dass er die Kurden für die ausschreitenden Plünderungen und Gewalttätigkeiten, die die nördliche Hauptstadt des Iraks erfasst hat, verantwortlich macht: “Kurdischen Milizen plünderten die Stadt. Heute wird der Schutz hauptsächlich von Zivilisten gestellt bzw. von den Moscheen organisiert.”

Diese Beschuldigung ist den Kurden gegenüber nicht ganz fair, da auch Araber ihren Anteil bei den Plünderungen in Mosul während der letzten Tage beitrugen und alles von der Zentralbank bis hin zur Universität ausraubten. Zweifellos beschuldigen jedoch die Araber, die Dreiviertel der Bevölkerung Mosuls ausmachen, die Kurden für die Verwüstungen in ihrer Stadt. Der Sturz von Saddam Hussein hat, in einem nie zuvor da gewesenen Maß, die ethnischen und religiösen Spannungen zwischen Kurden und sunnitischen und schiitischen Arabern, den drei großen religiösen Gemeinschaften, zu denen fast alle Iraker gehören, heraufbeschworen. Aber trotz gravierender Unterschiede, gab es in der Vergangenheit kaum Berichte über Gewalttätigkeiten zwischen den Gruppen im Lande wie es der Fall ist zwischen Protestanten und römischen Katholischen in Belfast oder Moslems und Christen in Beirut.

Dies kann sich jetzt ändern. Ein Großteil der Plünderungen von Bagdad geht zu Lasten verarmter Schiiten aus den großen Elendsvierteln wie Saddam City, die die Häuser wohlhabender Sunniten, die üblicherweise die Oberschicht bilden, angriffen. Die Vereinigten Staaten bleiben viele Antworten schuldig, warum die Gewalttätigkeit so lange geduldet wurde. In Bagdad waren amerikanische Truppen offenkundig inaktiviert, während Geschäfte und Häuser geplündert wurden. Im Nordirak waren räubernde Banden in der Lage, Mosul zu übernehmen, da sich fast keine amerikanischen Soldaten vor Ort befanden. Grund für ihre Abwesenheit war, dass die USA 2.000 Mann - die meisten ihrer geringen Truppenzahl des Nordens - schnellstmöglich an die Ölfelder von Kirkuk verlegt und diese übernommen hatte. Nur einige hundert Soldaten blieben in Mosul zurück. Die Gesänge der Antikriegsgegner, dass der Konflikt sich gänzlich um die Kontrolle des irakischen Öls drehe, scheint heute nicht mehr so übertrieben wie noch vor einem Monat. Das Versagen der US-Armee, die Plünderungen zu stoppen, ist nur eine Erscheinungsform zum dem Thema, das in der amerikanischen Politik vor und während des Krieg offen zu Tage trat. Obschon der Konflikt als Kampf zur Befreiung des irakischen Volkes gerechtfertigt wurde, distanzierte man sich bezüglich ihrer Miteinbeziehung oder ignorierte gar ihre Existenz. Nach Ansichten eines Irakers, der George Bush kurz vor dem Krieg traf, wurde der Präsident anscheinend zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass der Irak von zwei Gruppen Moslems bewohnt wird: Sunniten und Schiiten, die tiefe unterschiedliche Religionsanschauungen vertreten.

Einige der ethnischen und religiösen Konflikte sollten nicht als Überraschung kommen. Kurz nachdem die Briten Bagdad, 1917, erobert hatten, schrieb der Kommissar für zivile Angelegenheiten Kapitän Arnold Wilson, eine bedrückende Mitteilung nach London, denn der neue Staat, der aus drei ehemaligen türkischen Provinzen entstehen sollte, entpuppe sich als eine “Antithese einer demokratischen Regierung”. Grund war, dass die Mehrheit der Schiiten, eine Vorherrschaft, der sich in der Minderheit befindenden Sunniten, ablehnten; es wurde jedoch “keine Regierungsform in Betracht gezogen, die die Herrschaft der Sunniten nicht mit einbeziehen werde”. “Die Kurden im Norden” hob Wilson nahezu prophetisch hervor, “werden niemals eine arabische Herrschaft akzeptieren”.

Wichtig ist, diese Differenzen nicht zu weit in die Zukunft zu projizieren. Der irakische Nationalismus entwickelte sich nach der britischen Besatzung. Schiitische Irakischer, die Mehrheit in der irakischen Armee, kämpfte gegen Schiiten im Iran während des iranisch-irakischen Krieges. Kurdische Führer erkennen derzeit - umgeben von feindlichen Kräften - dass eine völlige Unabhängigkeit für Kurdistan nicht realisierbar ist. Eine tatsächliche Autonomie innerhalb Iraks und eine Machtteilhabe in Bagdad, scheint die bessere Wahl.

Irakische Liberale behaupten, dass das Ausmaß des religiösen Konfliktpotentials im Irak häufig übertrieben wurde und die Gewalt, die Schiiten, Sunniten und Kurden erfahren mussten, von der Regierung in Bagdad ausging. Sie betonen, dass weder Sunniten noch Schiiten monolithisch, einheitlich sind und wann immer möglich, Saddam Hussein seinen Vorteil aus den ethnischen Differenzen zog.

Aber ein Funken Wahrheit besteht doch und selbst irakische Oppositionspolitiker, welche diese optimistische Sichtweise mir gegenüber vertraten, begannen kurz darauf derart über Schiiten, Sunniten und Kurden zu diskutieren als stellen sie unveränderbare ethnische Gruppen dar.

Saddam Husseins Staat war immer äußerst sektiererisch. An dem Tag als Kirkuk fiel, sprach ich mit 10 irakischen Armeedeserteuren; alle freiwillige Soldaten, die ein großes Dorf verteidigten. Neun von ihnen waren Schiiten aus dem Süden des Iraks, einer Turkmene. Obwohl sie aus unterschiedlichen Divisionen stammten, hatte keiner von ihnen einen sunnitischen Moslem angetroffen, der freiwilliger Soldat war oder einen Schiiten, der die Position eines Offiziers inne hatte. Die Geschichte der letzten 30 Jahre wirkte wie ein Katalysator auf die ethnischen Differenzen. Die Kurden aus den nördlichen drei Provinzen zum Beispiel, die de facto seit 12 Jahren unabhängig sind, sprechen heute nur noch selten Arabisch. Vor sechs Wochen sprach ich mit ca. 100 Peshmerga, bekannt als kurdische Unabhängigkeitskämpfer. (Beginnend als persönliches Interview mit ihren Kommandanten, versammelten sich ihre Männer demokratisch um sie und warfen ihre Zustimmung oder ihren Widerspruch mit ein). Als ich danach fragte, wie viele Arabisch ebenso fließend sprechen wie Kurdisch, erhoben nur drei ihre Hand.

1991 entwickelte sich ein Widerstand von Schiiten und Kurden gegen Präsident Saddam - die Sunniten im Landesinneren hielten sich zurück. In den Jahren darauf folgte die systematische Ermoderung der religiösen Führer der Schiiten und die Verfolgung ihre Anhänger. Ich war immer der Ansicht, dass sunnitische oder christliche Freunde in Bagdad übertrieben, wenn sie von Terror sprachen bei einer eventuellen Auflehnung der Schiiten von Saddam-City im Osten oder Süden Bagdads; aber es sieht so aus als hätten sie Recht behalten.

Grund für die exaltierende Entwicklung dieser Differenzen ist das wirtschaftliche Elend des Großteils der irakischen Bevölkerung. Viele der Plünderer in Kirkuk und Mosul trugen triumphierend fast wertlose gestohlene Gegenstände, zerstörte Teile aus verbogenem Eisen oder schäbige alte Stühle, nach Hause. In Kurdistan, häufig besser dargestellt als der übrige Irak, würden 60 Prozent der Bevölkerung ohne die Nahrungsmittelzuteilungen des UN-Programms “Lebensmittel für Öl” in völliger Not leiden.

Bei dieser Anzahl Iraker, die am Rande des Verhungerns leben, überrascht es kaum, dass sie die Gelegenheit wahr nahmen, die sich ihnen in der letzten Woche bot, alles zu plündern, was sie mit ihren Hände tragen konnten. Während er letzten 12 Jahren sah man Männer in Bagdad, die jeden Tag auf den Märkten unter freiem Himmel standen und versuchten, einige angebrochenen Teller oder etwas alte Kleidung zu verkaufen. Sie waren die eigentlichen Opfer der UNO-Sanktionen, während Saddam Hussein Goldarmaturen im Badezimmer seines Präsidentenpalastes bezahlen könnte.

Die Wirtschaftssanktionen zerstörten wahrlich die irakische Gesellschaft. Im Dorf Penjwin, sah ich 1996, wie Dorfbewohner ihr Überleben sicherten, indem sie eine besonders lebensgefährliche italienisches Landmine mit Namen Valmara entschärften, um den Aluminiumabfall, in dem sich die Explosivstoffe befanden, zu verkaufen. Die Zahl der Arbeitslosen und Teilzeitbeschäftigten sowie Kriminellen im Irak stieg in den neunziger Jahre an. In Erwartung der Übergangsphase nach Saddam Hussein, merkte das in Brüssel gegründete internationale Krisenkomitee vor drei Wochen an, dass “diese amorphe Gruppe eine immense Quelle der Gewalt und Unordnung während der Übergangsphase darstellen und alle bisherigen zerstörerischen Mobs übertreffen könnte.”, Von allen Verbrechen Saddam Husseins, war das gravierendste im Leben der meisten Iraker für über ein Jahrzehnt: der wirtschaftliche Niedergang. Ihre erschreckende Armut, die die Wut der Plünderer, die in den letzten Wochen durch irakische Städte grassierte, überschäumen ließ. Sie verschärfte die religiösen und ethnischen Spannungen, die sonst unbemerkt blieben. Wenn das verarmte irakische Volk nicht spüren wird, dass sich ihre Lebenssituation verbessert, könnten auch die USA und Großbritannien - nun verantwortlich für den Irak - zur Zielscheibe jener Wut werden.

Der Verfasser ist Co-Autor (mit Andrew Cockburn) des Buches: “Saddam Hussein: An American Obsession”


Quelle: ZNet Deutschland vom 17.04.2003. Übersetzt von: Claudia Müller. Orginalartikel: “Looting’s Roots”

Veröffentlicht am

17. April 2003

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