Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Handeln heißt Anfangenkönnen

Von Michael Schmid/Katrin Warnatzsch, aus: Rundbrief Lebenshaus vom Juni 2002.


Im Lebenshaus kommen wir nicht nur mit den lebenssprühenden, sondern gleichfalls mit den finsteren Seiten menschlichen Lebens in Berührung. Wir wissen um die furchtbare Gewalt und die Leiden der Betroffenen von 46 Kriegen, die derzeit weltweit geführt werden. Darunter die Opfer des “Krieges gegen den Terror” in Afghanistan. Den Krieg gegen Irak scheint die US-Regierung fest geplant, aber zunächst noch bis zum Beginn des nächsten Jahres aufgeschoben zu haben. Diese Kriegsplanung und den drohenden neuen Krieg dürfen wir nicht stillschweigend hinnehmen.

Welche Auswirkungen die “uneingeschränkte Solidarität” mit den USA haben kann, konnten wir dieser Tage erleben. Ausgerechnet die eigentlich in ihrer Berichterstattung durchaus auch USA-kritische Frankfurter Rundschau weigerte sich, einen Aufruf “Wir wollen ihre Kriege nicht, Herr Präsident…” zum Deutschland-Besuch von George W. Bush abzudrucken. Über 300 Organisationen und Einzelpersonen der bundesdeutschen Friedensbewegung, darunter auch das Lebenshaus Schwäbische Alb, wollten mit einer selbstfinanzierten Anzeige ihren Protest gegen die kriegerische Politik des US-Präsidenten zum Ausdruck bringen.

Strukturelle Gewalt gegen Flüchtlinge

In unserem Alltag im Lebenshaus haben wir viel mit Flüchtlingen zu tun. Meist ohne Perspektive für ihre Zukunft, vielfach bedroht von Abschiebung. Dabei sind sie doch gerade deshalb hierhergekommen, weil sie sich bei uns Schutz und eine neue Lebensperspektive erhofften.

Doch unsere Politik ist insgesamt auf Abwehr von Flüchtlingen und Migranten ausgerichtet. Deshalb kommen auch nur noch relativ wenige in unser Land. Entsprechend einer auf Abhaltung und Abschreckung ausgerichteten Praxis findet gleichzeitig eine strukturell rassistische Ausgrenzung von Flüchtlingen und Asylsuchenden statt. In diese Wunde staatlichen Unrechts werden wir weiter unsere Finger legen, selbst wenn wir dafür ebenso wie Flüchtlinge mit Marginalisierung bestraft werden sollten. In der Beurteilung dieses menschenunwürdigen Umgangs mit Fremden wissen wir uns einig mit all jenen Menschen und Organisationen, die sich einlassen auf das Schicksal einzelner Flüchtlinge. Es lassen sich viele erschreckende Geschichten erzählen, wie sich die sozial ausgrenzende Sonderbehandlung von Flüchtlingen und Asylsuchenden auf die konkreten Menschen auswirkt.

Gewalt, das zeigt der Umgang mit Flüchtlingen, fängt nicht erst dort an, wo sie offen und direkt mit äußerster Brutalität sichtbar wird, wie etwa in Erfurt. Es gibt auch die eher “stillen”, unsichtbaren Formen von Gewalt, wie etwa die strukturelle. Gewalt hat viele Gesichter. (…)

Träume, Visionen, Hoffnung

Um angesichts der vielgestaltigen Gewalt um uns herum und in der Welt nicht zu resignieren, brauchen wir alle Visionen und Träume. “Ein Volk ohne Vision geht zugrunde” heißt es in der Bibel. Solange wir uns in einem visionslosen Zustand befinden, scheint es fast zwangsläufig notwendig zu sein, das Elend, Gewalt und Unrecht für uns unsichtbar zu machen.

“Ich habe einen Traum”, rief Martin Luther King 1963 aus, “dass eines Tages der Staat Alabama .. sich in ein Land verwandeln wird, in dem kleine schwarze Jungen und Mädchen Hand in Hand mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüder und Schwestern zusammen gehen können.” Von diesem Traum, dieser Hoffnung war die nordamerikanische Bürgerrechtsbewegung inspiriert. Das Wort “Traum” stand für einen Blick in eine verheißene Zukunft. Das mobilisierte die Hoffnung, und die Hoffnung bewegte zu veränderndem Handeln.

Genauso brauchen wir Träume und Visionen und zwar solche, die nicht auf eine jenseitige Welt bezogen werden, sondern als Bilder der Zukunft. Diese zeigen uns die Richtung für unser Handeln an. Zukunftsbilder etwa, wie jene kleine Utopie, dass alle Menschen wenigstens einmal am Tage zu essen haben, sowie die große Utopie einer Gesellschaft, die keine Ausbeutung und Unterdrückung und keine Gewalt kennt.

Es ist gut, wenn solche Utopien in den Herzen jener wohnen, die sich für eine umfassende Befreiung einsetzen. Und wir sollten Sorge dafür tragen, dass dieser geistspendende Brunnen im eigenen Herzen nicht austrocknet. Sonst verkommen unsere Träume und Hoffnungen zu reinem Fortschrittsoptimismus. Spiritualität und Glaube sind in diesem Zusammenhang wichtige Stichworte. Eine Wende nach innen kann uns aufschließen für uns selbst und eine unstillbare Sehnsucht in uns, die mehr will, als durch konkrete Aktionen zu erreichen ist. Sie kann uns auch an unsere eigene und an die Würde jedes einzelnen Menschen erinnern.

Aufbrüche beginnen klein…

Umdenken, Aufbrechen, Lösungen und Beispiele - das ist das, was angesichts drängender Probleme gefragt ist. Es geht um Engagement für die An-den-Rand-Gedrückten, Ausgegrenzten, sowie den Erhalt unserer natürlichen Mitwelt. Intoleranz, Verketzerung, Nationalismus, Militarismus und Marktliberalismus sind uns zuwider.

Im Anschluß an Hannah Arendt heißt Handeln Anfangenkönnen. Also: sich auf den Weg machen, anfangen damit, solidarische Strukturen mit anderen Menschen aufzubauen, sein eigenes Verhalten und Leben nicht oder jedenfalls nicht vollständig wirtschaftlichen Sachzwängen unterwerfen. Die Welt verändern, öffentlich hinterfragen, was vielleicht im Verborgenen stillschweigend geduldet wird, nachfragen, anklagen, aber eben auch neue Wege zur Diskussion stellen, Fantasien entwickeln. Das ist es, was wir mit dem Lebenshaus wollen, wenngleich die aufgrund unserer begrenzten Kräfte zwangsläufig im kleinen Rahmen geschieht.

Nichts Besonderes. Viel zu klein um wirksam die Welt zu verändern? Für sich betrachtet, stimmt dies wahrscheinlich. Aber wir sind ja nicht allein. Es gibt globale Aufbruchs-Bewegungen in eine andere Welt als die jetzige, mit denen wir uns verbunden fühlen. Eine davon, die uns derzeit besonders Hoffnung macht, ist Attac, ein breites und offenes Bündnis, das zur Zeit weit über 6.000 Mitglieder hat, darunter über 100 Organisationen. Das Lebenshaus Schwäbische Alb ist bereits unmittelbar nach der Gründung im Jahr 2000 Mitglied dieses globalisierungskritischen Netzwerks geworden. Die rasante Vervielfachung der Mitgliedschaft macht deutlich, welche Kraft in der Idee von Attac steckt.

Veröffentlicht am

02. Juni 2002

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