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Widersprüchliche Tätigkeiten

von Michael Moore - ZNet 09.04.2003


Liebe Freunde,

Es scheint, als werde die Bush Administration bei der Kolonialisierung des Iraks irgendwann in den nächsten Wochen Erfolg haben. Dies ist ein Stolpern von gewaltiger Größe - und wir werden die kommenden Jahre dafür bezahlen. Dieser Krieg war nicht ein einzelnes Leben eines Amerikaners in Uniform wert, geschweige denn das der tausend Iraker, die umgekommen sind, und mein Beileid und meine Andacht geht an alle von ihnen.

Also, wo sind nun die all die Massenvernichtungswaffen, die als Vortäuschung für diesen Krieg dienten ? Ha ha !, über all das gibt es so vieles zu sagen, aber ich spare es mir für später.

Was mich im Moment am meisten trifft, ist, dass alle von euch - die Mehrheit der Amerikaner, die in erster Linie diesen Krieg nicht unterstützten - nicht still werden oder von dem eingeschüchtert sind, was als großer militärischer Sieg bezeichnet werden wird. Genau jetzt, mehr als jemals zuvor, müssen die Stimmen des Friedens und der Wahrheit gehört werden. Ich habe eine Menge Post von Leuten erhalten, die einen tiefgreifenden Sinn von Verzweiflung fühlen und glauben, dass ihre Stimmen von den Trommeln und Bomben falschen Patriotismus ertränkt wurden.

Einige haben Angst vor Vergeltung auf der Arbeit oder in der Schule oder in der Nachbarschaft, weil sie mit ihrer Stimme den Frieden verkündet haben. Ihnen wurde immer und immer wieder erzählt, dass es nicht “angemessen” sei zu protestieren, wenn das eigene Land im Krieg ist, und dass es jetzt ihre einzige Pflicht wäre “die Truppen zu unterstützen”. Darf ich mit Dir das Gefühl teilen, wie es für mich gewesen ist, als ich vor zwei Wochen auf der Oskar-Bühne die Gelegenheit nutzte um mich gegen Bush und gegen diesen Krieg auszusprechen ? Ich hoffe wenn du das liest, was ich jetzt erzähle, dass du dich ein bisschen mehr ermutigt fühlst deine Stimme in irgendeiner Weise (od. in einem Forum), welche dir offen steht zu erheben.

Als verkündet wurde, dass “Bowling for Columbine” der Oskar-Gewinner für die beste Dokumentation der Academy Awards sei, erhob sich das Publikum von ihren Füßen. Es war ein großartiger Moment, einen den ich immer pflegen werde. Sie standen und jubelten für einen Film, der sagt, wir Amerikaner sind einzigartig gewalttätige Menschen, die ihr riesiges Waffenarsenal dazu verwenden, um sich gegenseitig zu töten und sie auch gegen viele andere Länder überall auf der Welt einsetzen. Sie applaudierten für einen Film, der zeigt, dass George W. Bush fiktive Ängste benutzt um die Bevölkerung einzuschüchtern, um sie dazu zu bringen, ihm alles zu geben was er will. Sie zeichneten ein Film aus, der folgendes aussagt: Der erste Golf Krieg war der Versuch den Diktator in Kuwait wieder ins Amt zu setzen; Saddam Hussein wurde mit Waffen der Vereinigten Staaten ausgerüstet; Und die amerikanische Regierung ist verantwortlich für eine halbe Millionen toter Kinder im Irak des vergangen Jahrzehnts, durch ihre Sanktionen und Bombardements. Das war der Film, für den sie jubelten, das war der Film, für den sie abgestimmt haben, und so entschied ich, dass es das ist was ich in meiner Rede bestätigen sollte. Und deshalb sagte ich Folgendes auf der Oskar-Bühne:
“Im Namen unserer Produzenten Kathleen Glynn und Michael Donovan (aus Kanada) möchte ich mich bei der Academy für diese Auszeichnung bedanken. Ich habe gleich die anderen Nominierten mit auf die Bühne gebracht. Sie stehen hier in Solidarität, weil wir “non-fiction” mögen. Wir mögen “non-fiction”, da wir in fiktiven Zeiten leben. Wir leben in einer Zeit, in der uns fiktive Wahlergebnisse einen fiktiven Präsidenten geben.

Momentan führen wir einen Krieg aus fiktiven Gründen. Ob die Fiktion des Luftschachtklebebands oder der fiktiven “Alarmstufe Orange” ist, wir sind gegen diesen Krieg Mr. Bush. Schande über Sie, Mr. Bush, Schande über Sie. Und selbst wenn sich der Papst und die Dixie Chicks gegen sie stellen, dann ist Ihre Zeit abgelaufen.”

Ungefähr in der Mitte meiner Rede, fingen einige der Zuschauer an zu jubeln. Dies wurde sofort von einigen Leuten auf dem Balkon durch Buh-Rufe übertönt. Und dann brüllten diejenigen, die meine Äußerungen unterstützen, so laut, dass sie die Buh-Rufer “erstickten”. Die L.A. Times berichtete, dass der Direktor der Show anfing zum Orchester zu rufen “Musik ! Musik !”, um mich zu unterbrechen, und daraufhin fing die Band an zu spielen und meine Zeit war vorbei. (Um mehr darüber zu erfahren, warum ich das sagte, was ich gesagt habe, ließ am Besten den Artikel den ich für die L.A. Times geschrieben habe, und die weiteren Reaktionen überall aus der Welt, auf meiner Webseite www.michaelmoore.com).

Am nächsten Tag - und auch die darauffolgenden zwei Wochen danach - hatten es die Panditen des rechten Flügels und irgendwelche Schlägerbanden auf meinen Kopf abgesehen. Aber hat mir all das irgendwie geschadet ? Haben sie es geschafft mich zum “schweigen” zu bringen ?

Gut, werfen wir mal einen Blick auf meinen Oskar “Gegenstoß”: Am Tag nachdem ich Bush und den Krieg bei den Academy Awards kritisiert habe, stieg die Besucherzahl für “Bowling for Columbine” in den Kinos überall im Land auf 110% (Quelle: DailyVariety/BoxOfficeMojo.com). Am darauffolgenden Wochenende stieg der Kassenumsatz auf 73%. Es ist momentan die am längsten-laufende aufeinanderfolgende kommerzielle Veröffentlichung in Amerika, 26 Wochen hintereinander und es gedeiht immer noch. Die Anzahl der Kinos die den Film seit der Oskar-Verleihung zeigen sind GESTIEGEN, und der Film übertrifft den letzten Kassenschlager einer Dokumentation um fast 300%. Gestern (6. April) setzte sich “Stupid White Men” wieder an die Spitze der New York Times Bestseller Liste. Das ist die fünfzigste Woche meines Buches auf der Liste und 8 mal davon auf der Nummer 1, und das kennzeichnet die vierte Rückkehr an die Spitzenposition, etwas das praktisch nie passiert.

In der Woche nach dem Oscar bekam meine Webseite 10-20 Millionen Besucher AM TAG (an einem Tag hatten wir sogar mehr als das Weiße Haus). Die Mails waren überwältigend positiv und unterstützend (und die Hass-Mails blieben aus !). In den darauffolgenden zwei Tagen nach dem Oskar, bestellten mehr Leute das Video für “Bowling for Columbine” auf Amazon.com vor, als das Video des Oskargewinners für den besten Film “Chicago”.

In den vergangenen Wochen erhielt ich Finanzierungen für meine nächste Dokumentation und mit wurde angeboten im Fernsehen eine neue Version von “TV Nation”/”The Awful Truth” zu machen.

Ich erzähle dir das alles, weil ich einer Nachricht entgegenwirken möchte, die uns die ganze Zeit mitgeteilt wird - die Nachricht, dass wenn du dir es erlaubst dich politisch gegen etwas auszusprechen, du es bereuen wirst. Das es dir in gewisser Weise schaden wird, meistens finanziell. Du könntest deinen Job verlieren. Andere werde dich vielleicht nicht einstellen. Du wirst deine Freunde verlieren. Und so weiter und so weiter und so weiter.

Nehmen wir die Dixie Chicks. Ich bin sicher, dass du von gehört hast, weil ihre Sängerin gesagt hat, dass es eine Schande ist, dass Bush aus ihrem Heimatstaat Texas kommt, seien ihre Verkaufszahlen “gesunken” und Countryradiosender boykottieren ihre Musik. Die Wahrheit ist, dass ihre Verkaufzahlen NICHT gesunken sind. Diese Woche, nach all den Angriffen, ist ihr Album immer noch auf der Nummer 1 der Billboard Country Charts, und laut Entertainment Weekly, sind sie in den Pop Charts, während all diesen Gerüchten, von Platz 6 auf Platz 4 GESTIEGEN. In der New York Times berichtete Frank Rich, dass er versucht hat ein Ticket für JEDES der kommenden Konzerte der Dixie Chicks zu bekommen, aber konnte keines mehr kriegen, da alle ausverkauft waren. (Um Rich’s Kolumne “Bowling for Kennebunkport” aus der gestrigen Ausgabe der Times zu lesen, besuch diese Seite: http://www.michaelmoore.com/articles/index.php?article=20030406-nytimes. Er bringt es sehr gut hin, die ganzen Sachen aufzudecken und redet auch über meinen nächsten Film und über den potentiellen Einschlag den er haben könnte.) Ihr Song, “Travelin’ Soldier” (eine wunderschöner Anti-Kriegs Ballade) war letzte Woche der meist gesuchteste Titel im Internet. Ihnen hat der Rummel nicht geschadet - aber das ist es, was die Medien dir nicht weis machen wollen. Warum ? Weil es momentan nichts wichtigeres gibt, als die Stimmen der Andersdenkenden - und von denen, die es sich erlauben würden ein Frage zu stellen - zum SCHWEIGEN zu bringen. Und welch besseren Weg gibt es denn sonst, als ein paar prominente Entertainer zu nehmen und sie mit ein paar Lügen runterzuspielen, damit der Durchschnittsbürger wie Jane oder Joe die Nachricht laut und deutlich bekommt: “WOW, wenn sie das mit den Dixie Chicks oder mit Michael Moore machen, was machen sie dann mit mir ?”, anders gesagt, halt verdammt noch mal deine Klappe !

Und das, meine Freunde, ist genau der Punkt dieses Films, wofür ich den Oskar erhalten habe - Wie die in ihren Ämtern die ANGST dazu benutzen die Öffentlichkeit zu manipulieren, damit sie genau das machen, was ihnen gesagt wird. Nun, die guten Nachrichten diese Woche sind - wenn es überhaupt gute Nachrichten diese Woche geben kann - dass weder Ich noch die Anderen zum Schweigen gebracht wurden, es haben sich Millionen von Amerikanern uns angeschlossen, die genau so denken wie wir. Lass dich nicht von dem falschen Patriotismus einschüchtern, indem man die Tagesordnung oder die Bestimmungen der Debatte festsetzt. Lass dich nicht von den Abstimmungen niederschlagen, dass 70% der Öffentlichkeit den Krieg befürworten. Denk daran, dass diese Amerikaner, die abgestimmt haben, die selben Amerikaner sind, deren Kinder (oder die Kinder der Nachbarn) rüber in den Irak geschickt wurden. Sie haben Angst um die Truppen und wurden eingeschüchtert, diesen Krieg zu unterstützen, obwohl sie ihn nicht wollen - und sie wollen genauso wenig, dass ihre Freunde, Familien oder Nachbarn tot nach Hause kommen. Jeder unterstützt die Truppen in dem Sinne, dass sie lebend zurückkommen und jeder von uns muss dies verbreiten und seine Familie wissen lassen.

Leider sind Bush & Co noch nicht fertig. Diese Invasion und die Eroberung wird sie dazu ermutigen, dass sie genau dasselbe irgendwo anders wieder tun werden. Der wirkliche Zweck dieses Kriegs war dem Rest der Welt zu sagen, “Leg dich nicht mit Texas an - Wenn du das hast, was wir wollen, dann werden wir kommen und es uns holen !”. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für die Mehrheit der Amerikaner, die an ein friedliches Amerika glauben, still zu sein. Lass andere deine Meinung hören. Trotz dem was sie zu Stande gebracht haben, ist es immer noch unser Land.

Euer,
Michael Moore


Quelle: ZNet Deutschland vom 15.04.2003. Übersetzt von: Sebastian Barthel. Orginalartikel: “Dissent Works”


Siehe hierzu auch “Es ist vorbei für Bush! Er weiß es heute Abend noch nicht, aber es ist aus und vorbei für ihn!”

Veröffentlicht am

15. April 2003

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