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Wenn die Todesmaschine einmal in Gang gesetzt ist, dann ist es schwierig, sie einfach wieder zu stoppen

Redebeitrag Protestversammlung Gammertingen am 31.03.03

Von Michael Schmid

Das Morden im Irakkrieg geht weiter. Wie jeder Krieg ist auch dies ein schmutziger Krieg, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Menschheit. Das Elend bricht über so viele Menschen im Irak herein. Es sterben jetzt schon hunderte oder tausende von Zivilisten und Soldaten. Und wie geht es wohl den Kindern, Frauen und Männern in den Städten, die mit Bombenterror überzogen werden?

Am vergangenen Donnerstag haben die Verantwortlichen der christlichen Kirchen im Irak eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der es u.a. heißt:

“Wir, Verantwortliche der christlichen Kirchen im Irak, richten in diesen schwierigen und schrecklichen Tagen, die unser Land durchmacht, aus tiefstem Herzen und in Einheit mit allen Menschen guten Willens und allen, die den Frieden lieben, einen Appell an die Verantwortlichen:
? Werdet nicht zu Auslösern von Zerstörung und Blutvergießen! Vergrößert nicht die Zahl der Waisen, Verstümmelten und Witwen nur um eurer persönlichen und egoistischen Interessen willen! Die Verantwortlichen dieser Aggression gegen das irakische Volk bitten wir: Vernehmt das Weinen der Kinder, das Schreien der leidenden Mütter und Väter und die Verzweiflung der Mädchen und Frauen! Habt Mitleid mit den Leiden aller Iraker, denen Medikamente und alles Lebensnotwendige fehlt! Hört auf, Raketen und Bomben zu schicken und setzt euch stattdessen zum Dialog an einen Tisch! Bittet den Herrn um Erleuchtung, auf dass ihr den göttlichen Prinzipien, den Menschenrechten und den ethischen und menschlichen Werten folgt und - geleitet von der Vernunft - Wege findet, die ein sofortiges Ende des Krieges und den ersehnten und dauerhaften Frieden ermöglichen. Noch immer gibt es viele Mittel und Wege, um durch Dialog und Verständigung zu einer Lösung der weltweiten Probleme zu gelangen, damit alle in Ruhe und Frieden leben können.

Gemeinsam mit unseren muslimischen Geschwistern, mit denen wir seit hunderten von Jahren in geschwisterlicher Liebe und Verbundenheit in diesem friedlichen Land leben, danken wir, Verantwortliche der christlichen Kirchen im Irak, all jenen, die sich dafür einsetzen, die Aggression gegen uns aufzuhalten, besonders dem Heiligen Vater Johannes Paul II. Wir bitten darum, nicht nachzulassen im Gebet und im beharrlichen Versuch, jene zu bewegen, in deren Händen die Entscheidung für eine Beendigung dieser ungerechten Aggression gegen unser gequältes Volk liegt, die den Tod von Kindern, Alten, Frauen und Kranken mit sich bringt, während unsere jungen Männer an der Front ihr Vaterland verteidigen müssen.”

Letzte Woche hatte ich ein Telefonat mit meinem Freund Nizar Rahak. Er ist Exil-Iraker, hat zehn Jahre lang gegen die Diktatur Saddams gekämpft, bevor er durch Flucht nach Deutschland kam.

Er erzählte mir, wie er durch die stündlich zunehmende Katastrophe in seiner Heimat voller Angst und Sorge ist - auch um Familienangehörige -, voller Hoffnungslosigkeit und Spannung darüber, wie es weitergeht.

Vor der Invasion war er entschieden gegen eine solche. Weil er keine wie auch immer geartete “Befreiung” durch die USA wollte. Vor allem aber, weil er wusste, dass es heftigen Widerstand gegen die Invasion geben wird und es ein blutiges und zerstörerisches Gemetzel geben wird.

Er war entschieden dagegen und ist jetzt ganz verzweifelt, weiß gar nicht mehr, was er denken soll. Hoffen auf einen schnellen militärischen Sieg der USA, damit das Blutvergießen nicht ganz so unendlich groß wird? Eine Perspektive, die er ursprünglich befürchtete. Langanhaltender Widerstand des Saddam-Regimes und des irakischen Volkes? Für einen, der in seinem Leben einen hohen Preis für seinen Kampf gegen diese Diktatur bezahlt hat, auch keine wirkliche Perspektive.

Mir geht es ein Stück weit ähnlich, nachdem mit der Invasion begonnen worden ist: Um der einzelnen Menschen willen muss ich auf ein ganz schnelles Ende hoffen und mich dafür einsetzen. Jeder getötete oder verletzte Mensch ist ein Opfer zu viel.

Und andererseits: hätten die USA und Großbritannien einen ganz schnellen Sieg erreicht, dann müsste ich befürchten, dass sie sich in ihrer Politik bestätigt sehen, auch künftig mit Präventivkriegen ihre Interessen durchzusetzen. Aus dieser Sicht ist es eher vorteilhaft, wenn sie nicht so schnell siegreich sind.
Aber ich weiß, das Hoffen auf einen heftigen und möglichst lang anhaltenden militärischen Widerstand ist letztlich eine zynische Haltung, weil dabei viele Menschen sterben oder sonst durch die Kriegsfolgen zu leiden haben.

Wenn die Todesmaschine einmal in Gang gesetzt ist wie jetzt, dann ist es sehr schwierig, sie einfach wieder zu stoppen. Und doch gilt es immer wieder, unser NEIN zu diesem Krieg deutlich zu machen. Nein, nicht in unserem Namen. Hier wird kein Krieg in unserem Namen geführt!

Mitten in diesem Krieg ist es immer wieder angebracht, sich radikal gegen diesen Krieg und gegen jegliche Politik zu wenden, welche Kriege inszeniert. Gleichzeitig ist unser Nein zum jetzigen Krieg nur wahrhaft, wenn es das Nein zum Krieg morgen einschließt.

Das Nein zum Krieg morgen verlangt, dass endlich auf eine endlich humane Politik gesetzt wird. Eine Politik, die prinzipiell ohne Kriegsrüstung und Kriegsdrohung auskommt. Eine Politik, die auf solche gerechte Verhältnisse zielt, dass die Lebenschancen überall auf dieser Erde aneinander angeglichen werden.

Wir sind hier relativ wenige aus Gammertingen und Umgebung, die sich zum Protest gegen den Krieg versammeln. Aber es ist gut, hier zu stehen, deutlich zu machen, auch hier gibt es Menschen, die entschieden gegen diesen Krieg sind, die entschieden gegen jeden Krieg sind.

Wir sind verbunden mit Millionen und aber Millionen Menschen auf diesem Globus, die ähnlich wie wir gegen den Krieg protestieren und sich für eine andere Welt einsetzen.

Auch in den USA gibt es Millionen dieser Menschen. Bush und seine Regierung der Kriegstreiber repräsentiert nicht das ganze Amerika. Ich möchte das an einem Ereignis veranschaulichen, welches sich am Donnerstag der vergangenen Woche in New York ereignete.

Ich greife auf einen Artikel unserer Friedensfreundin Uta Veneman aus Toronto, Kanada, zurück, welche sie uns extra für die Veröffentlichung in der Website des Lebenshauses geschrieben hat.

“It’s over for Bush! He does’t know it tonight, but it’s so over for him!” “Es ist vorbei für Bush! Er weiß es heute Abend noch nicht, aber es ist aus und vorbei für ihn!” Michael Moores Rede in der Riverside Church

Von Uta Veneman

“Time’s up!”, sagt der Dokumentarfilmemacher Michael Moore dem Weißen Haus über sein Handy vor Tausenden von jubelnden Anhängern auf einer Veranstaltung in der vollbesetzten Riverside Church in New York City am Donnerstag, den 27. März. Dies ist nicht das erste und vermutlich nicht das letzte Mal, dass Michael Moore die Bush Regierung angesichts des verbrecherischen Krieges gegen den Irak und der von Tag zu Tag wachsenden Zahl unschuldiger Opfer zum Rücktritt auffordert. Schon am letzten Sonntag bei der Oskarverleihung hatte Michael Moore der Bush-Regierung vor Millionen von Zuschauern weltweit mitgeteilt, dass ihre Zeit abgelaufen sei.

Die Riverside Church, in der Michael Moore diese jüngste Rede hielt, ist nicht nur irgendeine Kirche in New York City. Es ist die Kirche in der Martin Luther King am 4. April 1967, genau ein Jahr vor seiner Ermordung, seine Rede “Beyond Vietnam” (“Jenseits von Vietnam”) hielt. Und so war die Überschrift der Veranstaltung, in deren Rahmen Moore sprach, “Echoes of Martin Luther King’s ‘Beyond Vietnam’, An Evening of Resistance to the War on Iraq” (“Echos der Martin Luther King Rede ‘Jenseits von Vietnam’, Ein Abend des Widerstandes gegen den Irak-Krieg”). Andere Sprecher und Aufführende dieser vom New Yorker Community Radiosender WBAI und der Riverside Church gesponserten Veranstaltung waren u.a. Schauspieler Ossie Davis, Democracy Now Radiojournalistin Amy Goodman, Pete Seeger, Tom Chapin und Rev. Herbert Daughtry.

Die Rede Jenseits von Vietnam war Kings erste bedeutende Rede zum Vietnamkrieg. Doch leider sind die Reden der letzten Jahre seines Lebens (1965-1968) in den USA weniger bekannt, denn er begann über die rassistische Unterdrückung hinaus auch die großen Einkommensunterschiede zwischen Reichen und Armen in diesem Land anzuprangern und “radikale Änderungen in der Struktur unserer Gesellschaft” zu fordern. In “Jenseits von Vietnam” wies er auf die Verbindung zwischen dem Kriegführen gegen andere Länder und rassistischer Unterdrückung und Armut im eigenen Land hin und verurteilte seine Regierung als “die größte Gewaltausüberin in der heutigen Welt”:

“Die Amerikaner zwingen sogar ihre Freunde dazu, ihre Feinde zu werden. Es ist seltsam, dass die Amerikaner, die so vorsichtig kalkulieren, um einen militärischen Sieg zu erzielen, nicht erkennen, dass sie im Begriff sind, eine tiefe psychologische und politische Niederlage zu erleiden. Das Bild von Amerika wird nie wieder das Bild der Revolution, der Freiheit und der Demokratie sein, sondern das Bild der Gewalt und des Militarismus.”

Die Worte, die King damals sprach, sind heute noch höchst relevant. Und wie Millionen von Menschen in der Welt in der letzten Woche für Frieden demonstriert haben, um diesem Wahnsinn ein Ende zu machen, so forderte King damals: “Somehow this madness must cease. We must stop now.”, “Dieser Wahnsinn muss aufhören. Wir müssen jetzt zu einem Ende kommen.”

Am 27. März 2003, 36 Jahre später, hält Michael Moore in derselben New Yorker Riverside Church eine ebenso leidenschaftliche Rede gegen einen ebenso wahnsinnigen Krieg. Es ist die Rede, die er bei der Oskarverleihung am letzten Sonntag begann, und da man ihn dort aber nicht ausreden ließ, hier erst zu Ende führen kann.

“Die Kinder von Columbine haben in der vergangenen Woche etwas Wichtiges gelernt. Sie haben gelernt, dass Gewalt ein akzeptables Mittel ist, um Konflikte zu lösen. Das ist es, was die Kinder aller Columbines (Columbine High Schools) in Amerika gelernt haben, dass es okay ist, zu töten, wenn dir irgend jemand anderes nicht passt. Das ist die wichtige Sache, die sie in der letzten Woche gelernt haben, und es ist sehr traurig, dass wir Erwachsenen ihnen dies beigebracht haben.”

So traurig und so deprimierend die ganze Situation ist, Michael Moore bringt seine Zuhörer/innen trotzdem immer wieder zum Lachen. Er sagt, dass er es nicht mehr länger ertragen konnte und seinen Fernseher ausschalten musste, angesichts der vielen Generäle, die in den Fernsehsendungen ausgegraben werden; dass es ihm scheint, als ob das US-Militär nicht nur den Irak, sondern auch die US-Medien überfallen hat. Dann fordert er lautstark, ab sofort alle US- Truppen aus allen Fernsehkanälen, ABC, NBC, CNN, Fox, usw., und aus dem Irak abzuziehen. “US troops come home! US troops come home!”

Anschließend dekonstruiert er mit seinem genialen Witz und Humor die Gründe, die von der Bush Regierung und den hörigen Medien für diesen Krieg angeführt werden. Er spielt Osama bin Laden: “Osaaaama bin Laden! Ich bin der Kopf, der hinter allem Bösen in dieser Welt steckt. Ich, ich ganz allein!”
Michael Moore gelingt es, das Klima der Angst, das die gegenwärtige Administration tagtäglich schürt, um das amerikanische Volk zu manipulieren und die Demokratie weiter zu unterhöhlen, in Lachen aufzulösen. Was bleibt, ist die Ungeheuerlichkeit dieser Invasion. Denn laut Michael Moore ist niemand in den USA leidenschaftlich für diesen Krieg und dafür, die irakische Bevölkerung zu morden.

Der einzige Grund, weshalb die Umfragen zur Zeit ergeben, dass die Zustimmung zum Krieg hoch ist, ist der, dass die Mehrheit der Befragten arme Amerikaner und Amerikaner der Arbeiterklasse sind, deren Kinder und Nachbarskinder im Irak als Soldaten kämpfen. Sie wollen nichts sagen, was ihren Kindern oder Nachbarskindern schaden könnte. Sie sagen etwas Positives, weil sie Angst haben, etwas gegen den Krieg zu sagen, weil sie wollen, dass ihre Kinder oder die Kinder ihrer Nachbarn lebend und unverletzt nach Hause kommen.

Laut Moore haben Meinungsumfragen ergeben, dass über 80% der Amerikaner für stärkere Umweltgesetze sind, über 60% “Roe vs. Wade” unterstützen (das Urteil, mit dem das oberste Bundesgericht 1973 erstmals das verfassungsmäßige Recht der Frau auf Abtreibung bestätigte) und über 55% Gewerkschaften unterstützen. “Berichtet die Wahrheit!”, donnert er. Die Mehrheit der Amerikaner wollten diesen Krieg nicht ohne die Unterstützung der UN anfangen. Amerikaner sind in der Mehrheit progressiv und liberal eingestellt. “Sie haben nur keine liberalen Politiker, da das heute zu einem Widerspruch in sich geworden ist.”

“The good news are” sagt Michael Moore, dass die Mehrheit der Amerikaner gegen diesen Krieg ist, egal was die Medien berichten. Und er ist nicht nur fest entschlossen, diesen Krieg zu stoppen. Nein, er geht schon einen Schritt weiter, er sieht das Ende der Bush Regierung. “It’s so over for him!” Und dann ruft er gemeinsam mit Tausenden von Kriegsgegnern das Weiße Haus an: 1-202-456-1414. Es herrscht absolute Stille in der Riverside Church. “White House”, antwortet eine Frauenstimme, und dann brüllt die Menge: “TIME’S UP! TIME’S UP! TIME’S UP….

Veröffentlicht am

31. März 2003

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