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Will das US-Militär Journalisten töten?

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 09.04.2003

Zuerst killten die Amerikaner den Al-Dschasira-Korrespondenten, sein Kameramann wurde verletzt. Das war gestern. Nur 4 Stunden später griffen sie das Reuters TV-Büro in Bagdad an. Ein Reuters-Kameramann sowie ein Kameramann des spanischen Senders ‘Tele 5’ wurden getötet und vier weitere Reuters-Mitarbeiter verletzt. Soll man ernsthaft glauben, das alles seien Unfälle gewesen? Lautet das richtige Wort für diese Tötungen nicht vielmehr ‘Mord’? Die erste Aktion wurde mit einem Jet ausgeführt, die zweite mit einem M1A1-Abrams-Panzer. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um die ersten toten Journalisten dieser britisch-amerikanischen Irak-Invasion. Terry Lloyd von ITV beispielsweise wurde im Südirak von amerikanischen Soldaten erschossen - augenscheinlich hatten sie sein Fahrzeug für ein irakisches gehalten. Sein Team wird nach wie vor vermisst. Michael Kelly von ‘The Washington Post’ ertrank tragischerweise in einem Kanal. Zwei Journalisten starben in Kurdistan. Und zwei weitere - ein deutscher und ein spanischer - kamen Montagnacht zusammen mit zwei Amerikanern in einer Bagdader US-Basis ums Leben, als eine irakische Rakete mitten unter ihnen einschlug. Und vergessen wir bitte nicht die irakischen Zivilisten, die zu hunderten getötet und verstümmelt werden. Anders als die ausländischen journalistischen Gäste haben sie ja nicht die Wahl, dem Krieg zu entkommen, indem sie einfach nach Hause fliegen. Lassen wir die gestrigen Fakten für sich selbst sprechen. Pech für die Amerikaner - alles deutet auf ‘Mord’ hin. Gestern, um 7.45 Uhr morgens (Lokalzeit), brachte sich der US-Jet in Position, um das Al-Dschasira-Büro am Tigris-Ufer mit einer Rakete zu beschießen. Der Bagdader Chefkorrespondent der TV-Station, Tariq Ayoub, ein Palästinenser aus Jordanien, stand zu diesem Zeitpunkt mit seinem zweiten Kameramann (ein Iraker namens Zuheir) auf dem Dach des Gebäudes und berichtete über die offene Schlacht, die amerikanische und irakische Truppen sich zu diesem Zeitpunkt in Gebäudenähe lieferten. Wie sich Ayoubs Kollege Maher Abdullah später erinnert, hätten die beiden den Abschuss der Rakete noch gesehen. Das Flugzeug sei auf das Gebäude herabgestoßen und hätte die Rakete abgeschossen. Das Gebäude steht nahe der Jumhuriya-Brücke, auf der in dem Moment zwei amerikanische Panzer auftauchten. “Wir sahen die Schlacht auf dem Bildschirm, wir sahen Kugeln herumfliegen, und dann hörten wir das Flugzeug”, so Mr. Abdullah. “Das Flugzeug flog so niedrig, dass wir unten im Gebäude zuerst dachten, es wolle auf dem Dach landen - so nah war es. Wir konnten auch den Raketenabschuss hören. Es war ein Volltreffer - die Missile jagte unseren Stromgenerator hoch. Tariq war praktisch auf der Stelle tot. Zuheir war verletzt”.

Die Amerikaner dürften große Probleme haben, diese Sache zu erklären. Zur Erinnerung: 2001 feuerten die USA eine Cruise Missile auf das Al-Dschasira-Büro in Kabul ab - von wo Videobänder mit Osama bin Laden in alle Welt ausgestrahlt wurden. Nie wurde erklärt, wie es zu diesem unerhörten Angriff gekommen war - in jener Nacht vor der “Befreiung” Kabuls. Der Kabuler Korrespondent (für Al-Dschasira) Taiseer Alouni überlebte den Angriff unverletzt. Es gehört zu den merkwürdigen Zufällen im Journalismus, dass Alouni sich gestern auch im Bagdader Büro aufhielt, als dieses beschossen wurde. Zum zweiten Mal erlebte dieser Mann also einen USAF-Angriff auf Al-Dschasira mit. Aber am irritierendsten ist, dass das Al-Dschasira-Netzwerk (der freieste arabische TV-Sender; durch seine Live-Kriegsberichterstattung hat er sowohl den Zorn der Amerikaner als auch den der irakischen Behörden auf sich geladen) dem Pentagon vor zwei Monaten noch freiwillig die Koordinaten seines Bagdader Büros mitgeteilt hat. Man hatte im Gegenzug zugesichert, das Büro nicht anzugreifen. Noch am Montag hatte der Sprecher des US-Außenministeriums in Doha, ein arabischstämmiger Amerikaner namens Nabil Khouri, die Al-Dschasira-Büros der Stadt besucht und (laut Quelle beim Katarer Satellitensender) die Pentagon-Zusicherung erneuert. Und keine 24 Stunden später erfolgt also der Raketenangriff auf das Bagdader Büro.

Der zweite Angriff - der auf Reuters - erfolgte kurz vor Mittag. Ein Panzer - ein Abrams-Panzer, der auf der Jamhuriya-Brücke stand -, hatte plötzlich sein Geschützrohr auf das Palestine-Hotel gerichtet. In dem Hotel halten sich derzeit mehr als 200 ausländische Journalisten auf, um über die irakische Seite des Kriegs berichtzuerstatten. ‘Sky-Television’-Reporter David Chater sah, wie das Geschützrohr sich bewegte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich ein Team des französischen TV-Senders ‘France 3’ im Nebenraum und filmte mit der Kamera den Panzer auf der Brücke. Diese Aufnahme zeigt, wie eine Feuerblase aus dem Rohr des Panzers aufsteigt, man hört den Detonationsknall, dann sieht man, wie Teile vom Zimmerputz an der Kamera vorbeifliegen, und alles vibriert vom Einschlag. Die Granate schlug im fünfzehnten Stock des Reuters-Büro ein - mitten zwischen die Reuters-Leuten. Ein ukrainischer Kameramann wurde lebensgefährlich verletzt. Sein Name: Taras Protsyuk. Auch er hatte die Panzer gefilmt. Ein zweites Team-Mitglied, der Brite Paul Pasquale, dazu zwei weitere Journalisten - darunter die libanesisch-palästinensische Reuters-Reporterin Samia Nakhoul - wurden schwerverletzt. In einem andern Stockwerk wurde der Kameramann von ‘Tele 5’, Jose Couso, schwerverletzt. Kurze Zeit später verstarb der schwerverletzte Protsyuk. Seine Kamera und das Stativ blieben im Büro zurück - der Raum ist noch immer getränkt mit dem Blut der Team-Leute. Man musste Jose Couso ein Bein amputieren - eine halbe Stunde nach dem Eingriff starb er.

Die Reaktion der Amerikaner war eine glatte Lüge - nach allem, was bekannt ist, was an Beweisen vorliegt. General Buford Blount von der Dritten US-Infantrie-Division - zu der die Panzer auf der Brücke gehört hatten , erklärte, seine Fahrzeuge wären aus dem Palestine-Hotel von Heckenschützen unter Raketen und Gewehrfeuer genommen worden. Sein Panzer hätte eine einzige Salve auf das Hotel abgefeuert, danach hätte das Gewehrfeuer aufgehört. Das Statement des Generals ist schlicht falsch. Als die Rakete abgefeuert wurde, im selben Moment, fuhr ich auf der Straße entlang, die zwischen Hotel und Panzern vorbeiführte. Aber ich habe keinerlei Schüsse gehört. Und auch der französische Videomitschnitt des Angriffs - er dauert mehr als 4 Minuten - beweist absolute Stille, bevor der Panzer seine Munition abfeuerte. Und es gab auch keine Heckenschützen im Gebäude. Dafür haben schon die dutzenden Journalisten/Crews, die dort wohnten - ich eingeschlossen - gesorgt. Mit Adleraugen haben wir darüber gewacht, dass keine Bewaffneten in das Hotel eindringen und es als Angriffsbasis missbrauchen. Übrigens, wir sprechen hier vom selben General Blount, der vor etwas mehr als einem Monat stolz zugab, seine Leute würden weiterhin Panzermunition mit angereichertem Uran verwenden - also dieselbe Munition, die bereits nach dem Golfkrieg von 1991, so wird angenommen, für eine explosionsartige Zunahme von Krebsfällen sorgte. Und dieser General Blount will nun offensichtlich auch noch suggerieren, das Kamerateam von Reuters habe etwas mit einem Heckenschützenangriff auf Amerikaner zu tun. Ein derartiges Statement ist nicht nur suggestiv sondern schlicht verleumderisch.

Aber natürlich ist klar: 3 tote und 5 verletzte Journalisten sind noch kein Massaker - vor allem nicht im Vergleich mit den hunderten verstümmelten Zivilisten, Opfer der Invasionstruppen. Und auch daran sollten wir denken: Das irakische Regime hat im Laufe der Jahre nicht nur Zehntausende des eigenen Volks getötet, sondern auch etliche Journalisten. Und trotzdem: Am gestrigen Tag scheint etwas entfesselt worden zu sein - etwas äußerst Gefährliches. General Blounts Erklärung erinnert frappant an jene Erklärungsversuche der Israelis, wenn sie (wiedermal) Unschuldige gekillt haben. Steckt dahinter etwa eine Botschaft, die an alle von uns Journalisten gerichtet ist, die wir alle beherzigen sollen? Hassen Teile der amerikanischen Armee die Presse inzwischen regelrecht, wollen sie dafür sorgen, dass die Journalisten aus Bagdad verschwinden? Will man Reportern Schaden zufügen, die, wie es unser britischer Innenminister Daid Blunkett so böse ausgedrückt hat, ihr Geschäft “hinter den feindlichen Linien” betreiben? Und kann es sein, dass sich die Anklage, wir internationalen Korrespondenten kollabierten quasi mit dem Feind (beziehungsweise mit Mr. Blunketts Feind, da die meisten Briten den Krieg ja noch nie unterstützt haben) inzwischen gewissermaßen zum Todesurteil gewandelt hat?

Ich kannte Mr. Ayoub. Während dieses Kriegs habe ich einmal von seinem Dach aus berichtet - von dem Dach aus, auf dem er jetzt starb. Ich sagte damals zu ihm, falls die Amerikaner es darauf abgesehen haben, eure Berichterstattung (die ja in der ganzen arabischen Welt verfolgt wird und die die zivilen Bombenopfer zeigt) zu stoppen, würde das Bagdader Büro eine ideale Zielscheibe abgeben. Mit Mr. Protsyuk von Reuters bin ich im Palestine-Hotel öfters im Fahrstuhl zusammengetroffen. Aber Samia Nakhoul, 42, ist eine Freundin und Kollegin; ich kenne sie seit den Tagen des Libanesischen Bürgerkriegs 1975-90. Sie ist übrigens mit dem Korrespondenten der ‘Financial Times’, David Gardner, verheiratet. Gestern Nachmittag fand ich sie in ihrem Blut liegend in einer Bagdader Klinik. Und da hat General Blount die Traute und suggeriert, diese unschuldige Frau und ihre mutigen Kollegen seien Heckenschützen. Was, so frage ich mich, sagt das alles über diesen Irak-Krieg?

Weitere Robert-Fisk-Artikel zu Irak hier auf der deutschen ZNet-Seite bzw. englisch unter: http://www.zmag.org/CrisesCurEvts/Iraq/robert_fisk.htm

Quelle: ZNet Deutschland vom 10.04.2003. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Does The US Military Want To Kill Journalists”

Veröffentlicht am

10. April 2003

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