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Wimmernde Kinder, Tote, Verletzte

Von Robert Fisk - Independent / ZNet 02.04.2003

Ihre Wunden sind heimtückisch und tief, und sie sehen aus wie ein Ausschlag aus roten Malen auf Rücken, Oberschenkeln und Gesicht. Die Schrapnell-Scherben der Clusterbomben gruben sich 2,5 Zentimeter (und tiefer) ins Fleisch ein. Die Krankenzimmer des Lehrkrankenhauses von Hillah geben Zeugnis ab, dass hier etwas Illegales vor sich ging, etwas, das in keinster Weise vereinbar ist mit der Genfer Konvention. Es geschah in den Dörfern rund um jene Stadt (Hillah), die einst Babylon genannt wurde.

Die wimmernden Kinder, die jungen Frauen mit Brust- und Beinwunden, die 10 Patienten, die am Gehirn operiert werden mussten, um das Metall aus ihrem Kopf zu entfernen, sie alle legen Zeugnis ab von jenen Tagen und Nächten, als Explosivgeschosse “wie Trauben” vom Himmel fielen. Die Ärzte sagen, es handle sich um Clusterbomben, und die Überbleibsel der Luftangriffe, die rund um die kleinen Ortschaften - Nadr, Djifil, Akramin, Mahawil, Mohandesin und Hail Askeri - verstreut liegen, geben ihnen recht.

Waren es amerikanische oder waren es britische Flugzeuge, die diese Dörfer mit einer der tödlichsten Waffen der modernen Kriegsführung überzogen?

Die 61 Toten, die seit Samstagnacht im Krankenhaus von Hillah ankamen, geben darüber keine Auskunft - ebensowenig die Überlebenden. Die meisten hatten sich ja in ihren Häusern aufgehalten, als sich hoch über ihren Dörfern weiße Behälter öffneten und tausende kleiner Bömbchen freisetzten, die in der Luft explodierten bzw. durch Fenster und Hauseingänge geschossen kamen, um im Innern der Häuser zu explodieren. Manche prallten auch von den Dächern der Betonhütten ab, um kurz darauf in den Straßen zu detonieren.

Rahed Hakem weiß noch, dass es 10. 30 Uhr am letzten Sonntag war. Sie saß in ihrem Haus in Nadr, als sie plötzlich “die Stimme der Explosionen” hörte. Sie sah durch die Tür: “der Himmel regnete Feuer”. Sie sagt, die kleinen Bomben hätten eine schwarz-graue Farbe gehabt.

Mohamed Moussa spricht von Klumpen, bestehend aus “kleinen Kästchen”, die aus dem Himmel fielen. Moussa ist aus dem gleichen Dorf. Aus seiner Sicht waren die Bomben silberfarben. Sie fielen wie “kleine Pampelmusen”, sagt er. “Wenn sie noch nicht explodiert waren, und du hast sie angefaßt, gingen sie sofort los”. “Sie sind in der Luft explodiert, am Boden, und wir haben auch noch ein paar Unexplodierte bei uns zu Hause’”.

Karima Mizler glaubt hingegen, an den Bömbchen sei eine Art Draht gewesen. Aber vielleicht spricht sie ja auch von einem dieser metallenen sogenannten ‘Schmetterlinge’. In ihm befinden sich die Sets mit den kleinen Cluster-Bömbchen. Der Behälter springt auf, die kleinen Bomben werden freigesetzt und regnen nieder. Einige der Opfer waren sofort tot - das meiste Frauen und Kinder. Mehrere ihrer schwarzverfärbten, verwesenden Leichen liegen derzeit in der kleinen Leichenhalle im hinteren Teil des Krankenhauses von Hillah. Mehr als 200 Verletzte wurden seit Samstagnacht in das Lehrkrankenhaus eingeliefert. Bei den 61 Toten handelt es sich jedoch nur um diejenigen Leichen, die ins Hospital gebracht wurden bzw. um Verwundete, die während ihrer Operation oder danach starben. Es wird daneben noch eine große Anzahl weiterer Toter vermutet, die man sofort in ihren Heimatdörfern bestattet hat. Von den ins Krankenhaus eingelieferten Verletzten seien jedenfalls um die 80 Prozent Zivilisten gewesen, so die Ärzte.

Es gab auch tote Soldaten - mindestens 40, wenn man den Daten hier trauen darf. Zwischen der modernden Kleidung der Toten, die ich vor der Leichenhalle fand, war auch ein khakifarbener Militärgürtel und eine Kampfweste. Aber auch männliche Dorfbewohner können ja Soldat sein. Die Dörfler hier, ihre Frauen und Töchter bestehen darauf, es habe keine militärischen Einrichtungen in der Nähe ihrer Häuser gegeben. Wahr oder falsch? Aber wer kann ausschließen, dass etwa ein Panzer oder Raketenwerfer in einem der dorfnahen Felder in Stellung gebracht wurde - wie es entlang der nördlichen Schnellstraße Richtung Bagdad ja überall der Fall war? Aber das ändert nichts daran: Laut Genfer Konvention muss die Zivilbevölkerung geschont werden, selbst wenn sich Militärpersonal zwischen Zivilisten gemischt hat. Ein Einsatz von Clusterbomben gegen diese Dörfer, selbst wenn er militärischen Zielen gegolten haben sollte, stellt somit einen Verstoß gegen internationales Recht dar.

Folge ist, dass die 27-jährige Asil Yamin nun diese schrecklichen runden Wundmale in ihrem Rücken hat; die 5-jährige Zaman Abbais traf es in die Beine, die 48-jährige Samira Abdul-Hamza in die Augen, in Brust und Beine. Ihr 32-jähriger Sohn Haidar ist Soldat. Er sagt, die fallenden Behälter seien weiß gewesen, irgendetwas Rot-Grünes sei aufgemalt gewesen. “Es war wie eine Granate, und sie kamen in die Häuser”, sagt er. “Einige blieben auf dem Boden liegen, die andern explodierten”.

‘Herzzerreißend’ - der einzige Ausdruck, der mir beim Anblick der 10-jährigen Maryam Nasr und ihrer 5-jährigen Schwester Hoda einfällt. Über Maryams rechtem Auge klebt ein Verband. Dort hat sich ein Stück Bombe eingegraben. Zudem ist das Mädchen an Bauch und Beinen verletzt. Die kleine Hoda steht neben dem Bett ihrer Schwester. Ich sehe lange nicht, dass auch sie verletzt ist - bis die Mutter ihren Schal und die langen Haare vorsichtig zur Seite schiebt: auf der rechten Kopfseite, direkt über dem Ohr des Mädchens, ist ein tiefes Loch zu erkennen. Man sieht eingetrocknetes Blut, das die Haare verklebt, und noch immer sickert etwas frisches Blut aus der Wunde.

Die Mutter erzählt, sie sei im Innern des Hauses gewesen, als plötzlich eine Explosion zu hören war. Sie habe ihre beiden Töchter in ihrem Blut liegend neben der Tür vorgefunden. Ich mache Fotos von den beiden Mädchen, und sie wissen nicht, sollen sie lächeln oder sich lieber verstecken. In den andern Krankenzimmern erlebe ich, dass selbst furchtbar Verletzte zu lachen versuchen, um mir ihren Mut unter Beweis zu stellen - für mich eine beschämende Erfahrung.

Natürlich war den irakischen Behörden sehr daran gelegen, uns Journalisten zu den Patienten vorzulassen. Andererseits: diese Kinder und ihre oft kaum gebildeten Eltern haben sich diese Geschichten von Leid und Schmerz sicher nicht aus den Fingern gesogen. Und es ist auch ausgeschlossen anzunehmen, die irakischen Behörden hätten die Szenerie im Dorf Nadr nur ‘gefakt’. Dort ist die Erde nach wie vor übersät mit Überresten der kleinen Bömbchen, daneben sieht man die entsprechenden versengten Stellen.

Ein Team von ‘Sky Television’ hat es sogar geschafft, ein Set mit Bomben-Schrappnells von Nadr nach Bagdad mitzunehmen - ein Set dieser heimtückischen kleinen Metallbällchen, deren Aufgabe es ist, menschliche Körper mit Löchern zu spicken. Wie Hustenbonbons lagen sie in ihrer Metallschachtel, eingeschlossen im Rahmen. Die Bömbchen waren schwarz, glitzerten aber silbrig, sobald man sie gegen das Licht hielt.

Noch einmal die Frage: War das Flugzeug, das diese Horror-Waffen abwarf, britisch oder amerikanisch? Der stellvertretende Krankenhausdirektor (von Hillah) und einer der Ärzte erzählen mir eine verwirrende Geschichte von Militäroperationen rund um ihre Stadt, die während der letzten Tage stattgefunden haben sollen. Spezialeinheiten wären von Apache-Helikoptern auf der Straße nach Karbala abgesetzt worden. Die Krankenhausleute berichten - ich weiß nicht, ob man ihnen glauben darf -, dass eine dieser Militäroperationen vor ein paar Nächten spektakulär schiefgegangen sei und (irakische) Milizionäre die Spezialkräfte zum Rückzug gezwungen hätten. Kurz darauf seien die Clusterbomben gefallen. Aber die getroffenen Dörfer liegen auf der anderen Seite von Hillah - also wohl nicht auf der der angeblich gescheiterten US-Angriffsaktion.

Eines ist klar: Im Kampf um Babylon existiert keine ‘Frontlinie’. Die US-Streitkräfte greifen aus der Luft die Gebiete um den Tigris an und ziehen sich dann wieder zurück, und die Iraker verfahren ganz ähnlich, nur eben in entgegengesetzter Richtung. Wobei natürlich Briten und Amerikaner die Lufthoheit innehaben. Und es gibt keinen Beweis, dass seit Invasionsbeginn auch nur ein einziges irakisches Flugzeug abgehoben hätte. Aus diesem Grund können nicht einmal die Offiziere im Katarer Hauptquartier der britischen und amerikanischen Streitkräfte behaupten, es seien die Iraker gewesen, die die Clusterbomben abgeworfen haben.

Beim jüngsten Luftangriff am Dienstag starben noch einmal 11 Zivilisten - darunter 2 Frauen und 3 Kinder - im Dorf Hindiyeh. Man schickte einen Mann los, der die Leichen einsammeln sollte. Später im Krankenhaus berichtete er, das einzig Lebendige was er im Gebiet vorgefunden habe, sei eine Henne gewesen. Gestern Nachmittag wurden irakische Bombenoffiziere in die betroffenen Dörfer entsandt, um die nichtexplodierte Munition zu entschärfen und zu entsorgen.

Es muss wohl kaum darauf verwiesen werden, dass dies nicht der erste Fall von Clusterbomben gegen Zivilisten war. So setzte etwa Israel bei Belagerung West-Beiruts im Jahr 1982 Clusterbomben ein. Die kleinen Bomben, abgeworfen durch die israelische Luftwaffe, waren ursprünglich für die US-Navy produziert worden. Sie fielen auf mehrere Viertel; vorwiegend betroffen waren die Bezirke Fakhani und Ouzai. Dabei hatten Zivilisten ebenso schreckliche und tiefe Wunden erlitten, wie ich sie gestern in Hillah gesehen habe.

Damals zeigte sich die Regierung Reagan wütend über den missbräuchlichen Gebrauch ihrer Waffen - die nur gegen explizit militärische Ziele eingesetzt werden dürfen -, und hielt eine Schiffslieferung mit Kampfjets an Israel zurück. Einige Wochen später lenkte man aber ein und ließ die Flugzeuge liefern.

Es fällt schwer, sich mitanzuhören, wie die Offiziellen im Irak den Einsatz illegaler Waffen verdammen. Schließlich war es die irakische Luftwaffe, die im Irankrieg 1980 - 88 Giftgas auf iranische Soldaten und (pro-iranische) Kurden- Dörfer abwarf. Und nun stellen sich die empörten irakischen Offizielle also hin und beklagen Menschenrechtsverletzungen - eine Glocke mit schrillen Missklang. Aber fest steht auch: Diese Woche hat sich in der Gegend um die Stadt Hillah etwas Furchtbares zugetragen, etwas Unverzeihliches, ein Verstoß gegen internationales Recht. Man zögert selbstverständlich, in diesem Land der Folter das Wort ‘Menschenrechte’ in den Mund zu nehmen, aber wenn Briten und Amerikaner sich nicht sehr in Acht nehmen, wird man sie eines Tages mit etwas konfrontieren, was sie bisher - zurecht - stets den Irakern vorgeworfen haben. Man wird ihnen den Vorwurf machen, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Quelle: ZNet Deutschland vom 5.4.03. Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: “Wailing Children, The Wounded The Dead;”

Veröffentlicht am

08. April 2003

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