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Der Tiger im Panzer

ExxonMobil, die Abhängigkeit vom Erdöl und der Irakkrieg

Von Greenpeace

Die Bush-Regierung behauptet, bei dem Feldzug gegen den Irak gehe es in erster Linie um die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen. Das Hauptmotiv für eine Entmachtung Saddam Husseins ist jedoch das Interesse an einer gesicherten Versorgung mit billigem Erdöl. Denn die USA müssen einen immensen Bedarf decken: Obwohl sie nur 4,4 Prozent der Weltbevölkerung stellen, verbrauchen die Vereinigten Staaten ein Viertel des weltweiten Öls, Tendenz steigend. Dabei kann ein Unternehmen zu Recht für sich in Anspruch nehmen, die Abhängigkeit der USA vom Erdöl am eifrigsten forciert zu haben: ExxonMobil, in Deutschland und Europa bekannt unter dem Namen Esso. Im Interesse seines Geschäfts mit fossilen Brennstoffen verwandte das Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt viel Energie darauf, internationale Initiativen für den Klimaschutz zu sabotieren und die US-Klima- und Energiepolitik stark zu beeinflussen.

Der Irakkrieg muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden: Amerikanische Unternehmen hatten bislang fast keinen Zugriff auf die bedeutenden Ölreserven des Iraks. Daran kann und wird sich nur etwas ändern, wenn es Bush gelingt, in dem Land einen Regierungswechsel zu erzwingen. Bei einer friedlichen Beilegung des Irakkonflikts wären hingegen die französischen, russischen und chinesischen Kollegen zum Zug gekommen. ExxonMo-bil ist nicht nur das größte Ölunternehmen der Welt, der Konzern verfügt auch über die engsten Kontakte zum Weißen Haus - und er nutzt diesen Einfluss, um seine Interessen an den irakischen Ölvorkommen deutlich zu machen. Mit Erfolg: Experten der Deutschen Bank bescheinigten dem Unternehmen bereits im September 2002 in einem Bericht die mögliche “pole position” als Nutznießer eines Regimewechsels im Irak. (ExxonMobil: Decision Time, Deutsche Bank, 17. September 2002)


Der Durst nach Erdöl

25 Prozent des weltweit geförderten Erdöls werden in den USA verbraucht. Knapp über die Hälfte dieser Menge wird importiert. In ihrem Energieprogramm 2001 sah die US-Regierung einen unvermeidlichen Anstieg des Erdölimports voraus, von gegenwärtig 10,4 Millionen auf 16,7 Millionen Barrel pro Tag bis zum Jahr 2020. Aus dem Programm geht auch die Abhängigkeit der USA von einem stabilen Energiemarkt hervor - und damit die Notwendigkeit einer Außenpolitik, die eine ausreichende Erdölversorgung sicherstellt. Wörtlich heißt es darin: “Eine ernstzunehmende Unterbrechung der weltweiten Erdöl-versorgung hätte unter Umständen ungeachtet des Abhängigkeitsgrads der Verei-nigten Staaten schwerwiegende Folgen für unsere Wirtschaft und unsere Fähigkeit zur Verfolgung außen- und wirtschaftspolitischer Ziele.” Ferner wird darin bestätigt, dass “die Erdöl exportierenden Länder des Nahen Ostens für die Stabilität der weltweiten Erdölversorgung von zentraler Bedeutung bleiben” und “die Golfregion im Brennpunkt US-amerikanischer Energiepolitik stehen wird” (Nationale Energiepolitik [National Energy Policy] - Bericht der Arbeitsgruppe Entwicklung für nationale Energiepolitik [National Energy Policy Development Group]. Kapitel 8, Mai 2001).

Der Nahe Osten beherbergt 65 Prozent der Welterdölreserven und ist somit die einzige Region, die zur Befriedigung eines spürbaren Anstiegs der weltweiten Nachfrage in der Lage wäre. Die Vorkommen in den USA - sowie viele andere Erdölfelder außerhalb der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) - gehen langsam zur Neige. Damit ist unvermeidlich, dass die zukünftige Versorgung nur unter Einbezug der Golfregion sichergestellt werden kann. Die Kontrolle über Vorkommen im Irak würde den USA voraussichtlich ermöglichen, den Einfluss Saudi Arabiens in der Erdölpolitik zu verringern, die OPEC zu schwächen, den weltweiten Erdölmarkt stärker mitzubestimmen und auf diese Weise auch den Einfluss von Russland, Mexiko und Venezuela zu begrenzen.
Krieg für Öl?

Irak verfügt über zehn Prozent der welt-weiten Erdölvorkommen - etwa 112 Milliarden Barrel - und wird damit lediglich von Saudi Arabien übertroffen. Diese Menge entspricht einem US-Erdölverbrauch von 16 Jahren. Gegenwärtig wird nur ein Bruchteil dieses Potentials genutzt, während weite Teile des irakischen Staatsgebiets bislang nicht gründlich auf Vorkommen geprüft wurden. Damit besteht die Aussicht auf zusätzliche Reserven.

“Mit einem Regierungswechsel im Irak würde die weltweite Förderung um 3 bis 5 Millionen Barrel [Erdöl pro Tag] zunehmen… Die erfolgreiche Abwicklung des Krieges wäre gut für die Wirtschaft.” (Die Aufteilung der Erdölbeute beginnt (“Carve up of oil riches begins”), Peter Beaumont und Faisal Islam, The Observer, 3.11.02) Larry Lindsey, Bushs Berater in Wirtschaftsfragen im September 2002.

“Müsste man sich keine Sorgen machen, dass die eigenen Handlungen mit Exxon-Mobil oder der Ölindustrie in Zusammenhang gebracht werden, wäre ein Gespräch über den Irak ein Gespräch über Öl.” Ein Berater von Bush in einem anonymen Statement für die New York Times. (Drohungen und Gegenreden: die Heimatfront; USA weiter abhängig von Saudi-Erdöl, sagen Experten [“Threats and Responses: the Home Front; U.S. Fails to Curb Its Saudi Oil Habit, Experts Say”], Jeff Gerth, New York Times, 26. November 2002)

Fadel Gheit, ein ehemaliger Chemieingenieur von ExxonMobil, der inzwischen als Anlagenexperte für eine Maklergesellschaft in New York tätig ist, erklärte einem Publikum von 50 US-Großanlegern aus dem Pensions- und Finanzwesen vor Weihnachten 2002, bei dem geplanten Krieg ginge es “nur um Erdöl”. Der globale Krieg gegen den Terror sei nichts als eine “Verschleierung” des wahren Beweggrundes. Ferner bestätigte Gheit: “Unsere Lebensweise setzt täglich 20 Millionen Barrels Erdöl voraus, von denen die Hälfte importiert werden muss. Wir gleichen einem Patienten auf Erdöldialyse… Hier geht es um Leben und Tod.” (The Guardian, 23. Januar 2003)


Krieg für Konzerne?

Was den Irak betrifft, haben die Erdölunternehmen in der Vergangenheit in Anlehnung an die politischen Positionen ihrer jeweiligen Landesregierungen sehr unterschiedliche Strategien verfolgt. Russische und französische Unternehmen verfügen über historische Verbindungen zum Irak und haben zusammen mit chinesischen Gesellschaften Förderverträge im Gesamtwert von 38 Milliarden US-Dollar ausgehandelt. Diese sicherten ihnen die Nutzung irakischer Ölfelder nach Aufhebung der Sanktionen zu. In der Zwischenzeit sorgten die Sanktionen dafür, dass ihre Rivalen (aus den USA und Großbritannien) nicht zum Zug kamen. So meinte der frühere Vizepräsident von ExxonMobil, Lucio Noto, in einem Interview: “Ich glaube, sie [die Sanktionen] schließen uns vom Spielgeschehen zugunsten anderer Parteien aus.” (Zitat aus The Village Voice, 9.-15. Oktober 2002)

Ahmed Chalabi, der Leiter des Iraqi National Congress (INC), des Dachverbands der irakischen Opposition, ließ keinen Zweifel daran, dass den USA für die Amtsenthebung Saddams eine großzügige Belohnung winken würde. Im November 2002 erklärte er gegenüber der Washing-ton Post: “Amerikanische Erdölunternehmen können sich gute Chancen auf irakisches Erdöl ausrechnen”, wenn er das Land regieren würde. (Zitat aus Die Aufteilung der Erdölbeute beginnt [“Carve up of oil riches begins”], Peter Beaumont und Faisal Islam, The Observer, 3. November 2002)

Sprecher des INC haben bestätigt, dass Chalabi bereits im Oktober 2002 die Vertreter dreier US-Erdölunternehmen in Washington getroffen hat, um die Aufteilung irakischen Erdöls nach dem Sturz Saddams zu besprechen. Keines dieser drei Unternehmen hat sich bislang zu erkennen gegeben. (Ebenda) Wie aus einem jüngsten Bericht der Deutschen Bank zu den Aussichten großer Erdölunternehmen in einem von Sanktionen befreiten Irak hervorgeht, “könnten die US-Erdölgesellschaften nach einem Regimewechsel in Bagdad von der INOC [Iraq National Oil Company] mit dem exklusiven Management irakischer Erdölfelder betraut werden (ExxonMobil und ChevronTexaco wären dabei bevorzugte Kandidaten).” Es wird bestätigt, dass “die großen US-Gesellschaften bei einer Einigung Saddams mit der UN benachteiligt” würden. (Bazar Bagdad: Erdöltitanen im Irak [“Baghdad Bazaar: Big Oil in Iraq?”] Deutsche Bank, 21. Oktober 2002)

Der größte Gewinn für diese Unternehmen bestünde freilich in der Sicherung von Rechten an den “Greenfield Sites”, den bislang unentdeckten Vorkommen. Doch die USA wissen genau, dass eine friedliche Beilegung des Irak-Konflikts ihre größten Erdölunternehmen im Regen stehen gelassen hätte.


Krieg für ExxonMobil?

ExxonMobil mag nach außen die Parole der Bush-Regierung wiederholen, nach der dieser Krieg nichts mit Erdöl zu tun hat, doch laut Industriekennern hat dieses Thema für die voraussichtlichen Nutznie-ßer eines Regimewechsels im Irak oberste Priorität. Der eingangs bereits erwähnte Bericht der Deutschen Bank vom September 2002 weist als ExxonMobils Hauptstärke “politischen Einfluss” aus und stellt fest: “Der Status als größte US-amerikanische Erdölgesellschaft verschafft ExxonMobil ein enormes politisches Ge-wicht in Washington.” Die Experten kommen zu dem Schluss: “Aufgrund ihres ge-waltigen politischen Gewichts sind wir der Meinung, dass die Gesellschaft ExxonMobil voraussichtlich eine wichtige Rolle in einer vom 11. September geprägten Geo-politik spielen wird.” Der Bericht formuliert sogar explizit die Frage: “Wird ExxonMobil nach dem Sturz Saddams im Irak das US-amerikanische Firmenbanner schwenken dürfen.” (ExxonMobil: Decision Time, Deutsche Bank, 17. September 2002)

ExxonMobil braucht Erdöl aus dem Irak

ExxonMobil hat Anlegern versichert, dass das Unternehmen plant, die Erdölförderung im Jahr 2003 um ehrgeizige drei Prozent zu erhöhen. Wie die Deutsche Bank ermittelte, sinken die Gewinnspannen des Unternehmens mit der Erschöpfung seiner Quellen jedoch immer weiter ab. Tatsächliche Fördermengen befinden sich bereits “unter Druck”, und das bei “vergleichsweise schwachen Explorationsresultaten”. Die Deutsche Bank folgert: “Um die Gesellschaftsreserven zu verlängern, trachtet ExxonMobil nach zusätzlichen Förderverträgen im Nahen Osten… Wird es Exxon gelingen, sich einen Anteil an den Reserven des Nahen Ostens zu sichern - im Irak (nach Saddam), in Saudi Arabien oder in Kuwait?” (ExxonMobil - Decision Time, Deutsche Bank, 17. September 2002)

Der Vorstandsvorsitzende von ExxonMobil, Lee Raymond, gab im vergangenen Jahr bekannt: “Wir wollen in sämtlichen Regionen, in denen bedeutende Erdölvorkommen vermutet werden, vertreten sein… Es wird keinem vielversprechenden Explorationsprojekt an Geld fehlen.” (Interview im Rahmen von After Hours with Maria Bartiromo, 23. September 2002, CBNC Television) Er bestätigte, dass “ein sehr großer Teil des steigenden Energiebedarfs unserer wachsenden Ökonomie mit Erdöl aus dem Nahen Osten gedeckt werden wird… In der heutigen Welt sind nicht viele Aufgaben so wichtig wie die Fortsetzung der erfolgreichen Modernisierung und Integration des Nahen Ostens in die Weltwirtschaft.” (Rede anlässlich der 7. jährlichen asiatischen Erdöl- und Erdgaskonferenz [“7th Annual Asia Oil and Gas conference”], 10. Juni 2002)

Morris E. Foster, ein Stellvertreter Raymonds und Präsident der ExxonMobil Development Company, fasste die zukünftigen Herausforderungen der Gesellschaft folgendermaßen zusammen: “Die Hälfte des im Jahr 2010 herrschenden Erdöl- und Erdgasbedarfs wird gegenwärtig noch nicht gefördert.” Der Schlüssel zur Befriedigung dieser zukünftigen Nachfrage bestehe in “dem geopolitischen Zugang zu neuen Ressourcen.” (Rede anlässlich der AG Edwards Deepwater-Konferenz, 19. September 2002)

Für ein Unternehmen, das es bis heute ablehnt, sein Geschäft auf erneuerbare Energiequellen auszuweiten (im Gegensatz zu seinen größten Konkurrenten), wird der Zugang zu neuen Erdölreserven immer erste Priorität haben.


ExxonMobil forciert die US-Abhängigkeit vom Erdöl

Mehr als jedes andere Unternehmen hat ExxonMobil dazu beigetragen, die Abhängigkeit der USA vom Erdöl zu erhalten. Dabei spielt der Konzern vor allem in der Arena US-amerikanischer Klima- und Energiepolitik maßgeblich mit. So brachte ExxonMobil die USA gezielt von einem Kurs ab, der eine Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe zum Ziel hatte. Das Unternehmen führte zehn Jahre lang eine “dirty tricks”-Kampagne gegen internationale Initiativen zur Bekämpfung des globalen Temperaturanstiegs und setzte sich damit an die Spitze der Gegner einer amerikanischen Beteiligung an dem Kyoto-Protokoll. (Ein Jahrzehnt schmutziger Tricks [“A Decade of Dirty Tricks”], Greenpeace, Mai 2002)

Zur Strategie von ExxonMobil gehören auch Versuche, den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Klimawandel zu verzerren und zu untergraben: Der Konzern finanziert und fördert Wissenschaftler, die den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel anzweifeln. Ebenso unterstützt das Unternehmen einschlägig ausgerichtete Interessenverbände. Diese verbreiten Fehlinformationen mit dem Ziel, internationale Verhandlungen zum Klimaschutz zu unterminieren und die Öffentlichkeit über die finanziellen Auswirkungen geeigneter Maßnahmen zu täuschen.

Mit seinem Widerstand gegen die Bemühungen der USA, den Klimawandel aufzuhalten und die Abhängigkeit vom Erdöl abzubauen, hat ExxonMobil nicht nur die Beschleunigung des globalen Temperaturanstiegs mit zu verantworten, sondern auch einen Krieg, der lediglich dem Ziel dient, die Region mit den größten Erdöl-vorkommen der Welt zu kontrollieren.

Greenpeace e.V.
22745 Hamburg
Tel. 040-30618-0
mail@greenpeace.de
www.greenpeace.de

Veröffentlicht am

26. März 2003

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