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Vorm Krieg, im Krieg, nach dem Krieg - Zur aktuellen Situation der Friedensbewegung

Ein Interview des Landesvorsitzenden der hessischen NaturFreunde Jürgen Lamprecht mit Klaus Vack *)

Frankfurt am Main/Sensbachtal, 14. März 2003

Frage: Klaus, du hast in der jüngsten Ausgabe unserer Verbandszeitschrift “NaturFreundIn” in der Rubrik “zurückgeblickt” einen Beitrag zu “Naturfreundejugend und Kriegsdienstverweigerung” veröffentlicht. Darin zeigst du eine Kontinuität der Naturfreunde-Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute auf - das konsequente Nein zum Krieg.

Antwort: Die Entstehung und Entwicklung unserer Naturfreunde-Organisation war stets eingebunden in die historische Arbeiterbewegung und deren Tradition des Antimilitarismus. Das war allerdings oft auch umstritten. Beispielsweise gab es im Zusammenhang des “Wirtschaftswunders” in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts quer durch die Gesellschaft und auch bei den Naturfreunden einen Trend zur Entpolitisierung. Besonders in der vierzigjährigen Periode des “Kalten Krieges” gab es eine nicht zu übersehende Tendenz “Wir sind Naturfreunde, was hat das mit Politik zu tun?” Dennoch hat sich der Ruf nach 1945 “Nie wieder Krieg!” bei den Naturfreunden nachhaltiger erwiesen, als in manchen anderen vergleichbaren Organisationen. Die Nachkriegs-Naturfreundejugend (wir damals Jungen sind heute die Alten) hat insbesondere durch die Inanspruchnahme der Kriegsdienstverweigerung dem antimilitaristischen Engagement erheblicher Teile unserer Organisation immer erneut Ausdruck gegeben. Das Engagement der Naturfreunde in der Friedensbewegung war stets erheblich und wurde auch deutlich nach innen und außen, z.B. in der Auseinandersetzung um die Wiederaufrüstung, bei “Kampf dem Atomtod”, in der Ostermarsch-Bewegung der sechziger Jahre, beim Protest gegen den französischen Kolonialkrieg in Algerien und den US-Krieg gegen Vietnam, gegen die kriegerische Einmischung der Sowjetunion in Afghanistan, gegen die sogenannte Nachrüstung durch atomare Mittelstreckenraketen (Pershing II, Cruise Missiles). Und das gilt auch jetzt, da die USA zum zweitenmal einen Vernichtungskrieg gegen Irak vorbereiten und diesen, wie zu befürchten ist, trotz weltweiten Widerstands auch durchführen werden.

Frage: Am 15. Februar 2003 waren mehrere Millionen Menschen auf der Straße, um gegen diesen Krieg zu protestieren. Wir waren gemeinsam mit vielen Naturfreunden in Berlin dabei. Soweit wir es in Hessen überblicken können, gibt es in unserer Organisation ein entschiedenes Nein zum drohenden Krieg. Gibt es eine neue Friedensbewegung?

Antwort: Die Friedensbewegung wurde schon oftmals totgesagt. Nun zeigt sich, daß etwas dran ist an der Volksrede: “Totgesagte leben länger”. Speziell in Deutschland hat der Schock und haben Ohnmachtsgefühle angesichts der deutschen Teilnahme an den Kriegen in Jugoslawien und Afghanistan das Antikriegsengagement fast erlahmen lassen. Das gilt auch für uns Naturfreunde. So wie wir Kriegsgegner Zeit brauchten, um unsere Widerstandskräfte wieder zu sammeln, so scheint inzwischen auch einigen Spitzenpolitikern bei SPD und Grünen klar geworden zu sein, auf was sie sich mit ihrer Kriegsbeteiligung eingelassen haben. Nach meiner Meinung war das noch vorsichtige Nein zu einem Krieg gegen Irak anfänglich weitgehend opportunistisch bestimmt, mit Blick auf die Bundestagswahl vom September 2002. Ich nehme an, SPD und Grüne hätten die Bundestagswahl verloren, wenn sie den für viele Menschen in diesem Lande wichtigen Wunsch nach Frieden nicht aufgegriffen hätten. Und es ist ja durchaus erfreulich, wenn Politiker erkennen, daß kriegerisches Posieren sich im Wahlkampf nicht auszahlt. Daß sie erkannt haben, daß das Schrödersche-“Vertrauensvotum” zum Mitkriegen in Afghanistan von einer falschen Voraussetzung ausging, indem es das “Ende der Nachkriegszeit” postulierte. Mitnichten haben alle Deutschen den Zweiten Weltkrieg aus der Erinnerung verloren. Was Krieg bedeutet, ist nicht nur eine immer bohrende Wunde in uns Alten, die wir den Krieg als Kinder oder als junge Erwachsene erfahren mußten. Diese Erfahrung wurde zum Teil auch von unseren Vätern, und mehr noch von meiner Generation an Kinder und Enkel weitergegeben. Es ist bestimmt kein Zufall, daß unter den Völkern, die den überwiegenden Blutzoll im Zweiten Weltkrieg zahlen mußten, also Rußland (vormals Sowjetunion), Deutschland, Frankreich, Polen, Großbritannien, Italien, Griechenland, aber auch Japan eine tiefe Friedenssehnsucht erhalten blieb, die in Zeiten großer Kriegsgefahr die Menschen plötzlich wieder auf die Straße treibt. In jenen Ländern des “alten Europa”, deren Regierungen sich zu George W. Bush gesellt haben, hat es am 15. Februar die größten Antikriegskundgebungen gegeben und wächst der Widerstand noch. Vor allem im Land des Tony Blair ist die Regierung bis ins Mark erschüttert.

Frage: Bei uns in Deutschland besagen Meinungsumfragen, daß mehr als achtzig Prozent gegen diesen Krieg sind und auch gegen eine Beteiligung Deutschlands. Dementsprechend groß ist die Zahl derjenigen, die sich aktiv gegen den Krieg engagieren, die demonstrieren und vielfältige andere Formen des Protestes ergreifen. Auch die Regierung Schröder/Fischer hat sich weitgehend auf das Nein zum Irakkrieg festgelegt: Ist die Friedensbewegung an ihrem Ziel angekommen?

Antwort: Wir sind uns sicher einig darüber, daß man wohl kaum je ankommen wird, wenn es um das Ziel eines wirklichen Friedens geht. Um Gandhi zu zitieren: “Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg!” Als entschiedener Pazifist, der Gewalt in welcher Form auch immer ablehnt, kann ich keine Ruhe geben, solange Krieg eine politische Option ist, etwa als “allerletztes Mittel”, wie wir es neuerdings von unseren Politikern oft zu hören bekommen. Aber zweifellos wurde durch friedensbewegtes Engagement der sogenannten kleinen Leute, also der Bürgerinnen und Bürger, die auf die Straße gehen und Nein sagen, viel erreicht. Zugleich dürfen wir aber nicht übersehen, daß Deutschland, auch wenn es “direkt” nicht mitbombt oder mitschießt, nach wie vor indirekt Beihilfe leistet. Fischer und Schröder lassen keinen Zweifel an ihrer Treue zu Nato-Verpflichtungen, obwohl ein solcher Beistand, der von den USA eingefordert wird, unter völlig anderen Voraussetzungen in die Nato-Statuten geschrieben wurde. Danach soll es immer um Verteidigung gehen. Was die USA und Großbritannien jetzt vorbereiten, ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Damit ist auch jede indirekte Kriegshilfe durch Deutschland grundgesetzwidrig und steht unter Strafvorbehalt. Solange deutsche Truppen in Saudi-Arabien operieren, solange deutsche Soldaten in AWACS-Aufklärungsflugzeugen sitzen und von der Türkei aus den Norden Iraks beobachten, solange von den Militärflughäfen Ramstein, Spangdahlem, US-Airbase Frankfurt etc. Soldaten, Kriegsgerät und Nachschub in die Golfregion transportiert werden, solange also die Bundesregierung unter Berufung auf die Nato-Verpflichtungen dies alles duldet bzw. teil daran hat, gibt es für uns Kriegsgegner kaum Anlaß, unser Friedensengagement zu mindern.

Frage: Die Staaten, die einen Krieg gegen Irak ablehnen und angekündigt haben, bei einer erneuten UN-Resolution Nein zu sagen, haben immer größeren Zulauf. Die Bush-Regierung und Premierminister Blair stehen innerhalb der Bündnisse und “Staatengemeinschaften”, in denen sie auch die Rolle von Führungsmächten haben, vor allem die USA, von Tag zu Tag isolierter da. Blair steht unter enormem innenpolitischen Druck, und in den USA nimmt der Widerstand gegen einen Krieg sichtbar zu, besonders nach den weltweiten Massendemonstrationen vom 15. Februar. Gleichzeitig wird aber nicht nur bei den aktiven Kriegsgegnern, sondern auch in der veröffentlichten Meinung, gleich welche Couleur, in der Wirtschaft, in den Gewerkschaften, den Kirchen usw. überwiegend davon ausgegangen, daß die Bush-Regierung diesen Krieg, mit welcher politischen “Rechtfertigung” auch immer, in aller Brutalität durchziehen wird, Zerstörung und zigtausende Menschenmorde einberechnend. Was können wir tun?

Antwort: Alles deutet auf Krieg hin. Die Annahme, es komme nicht zum Krieg, scheint fahrlässig. Dennoch zählt der Hinweis: “es ist nie zu spät”. Unser eigenes Argument, es sei fünf vor zwölf, beinhaltet eben auch die Möglichkeit, daß die Kriegsuhr eine Sekunde vor zwölf zum Stillstand gebracht werden könnte. Hoffnung ist erlaubt. Aber Hoffen im stillen Kämmerlein oder im engen Kreis der eigenen Gruppe hilft wenig. Solange der Krieg nicht begonnen, solange die Militärwalze zwar bereitsteht, aber noch nicht in Gang gesetzt ist, um mit ihren Bomben, Raketen und Panzern Irak in Schutt und Asche zu legen und zigtausende Menschen hinzumorden, muß, wo auch immer, die Stimme gegen den Krieg unüberhörbar sein: NEIN! Nicht in unserem Namen! Die Waffen nieder! Wir werden nicht Ruhe geben, solange Krieg die Menschheit bedroht und Leben auslöscht!

Deshalb dürfen wir unser heutiges “Vorkriegs”engagement nicht eine einzige Minute vernachlässigen. Zugleich müssen wir uns darauf einstellen, daß ein Kriegsangriff nicht das Ende unseres Widerstands sein darf. Unser Protest, unser gewaltfreier Widerstand darf mit Beginn eines Krieges nicht zusammenstürzen. Der Friedenskampf gegen den Krieg muß weitergehen. Wir dürfen ihn nie aufgeben (selbst wenn wir gelegentliche Verschnaufpausen brauchen). Das gilt vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg.

Ein Naturfreund weiß: Seit dem Auftreten des sichtbaren Lebens auf der Erde mußten 380 Millionen Jahre vergehen, bis ein Schmetterling fliegen lernte. Weitere 180 Millionen Jahre, um eine Rose zu erzeugen, ohne andere Verpflichtung als schön zu sein. Und vier geologische Epochen, bis Menschenwesen fähig wurden, besser zu singen als die Vögel. Es ist nicht ehrenhaft für das menschliche Talent, im “goldenen” Zeitalter der “Zivilisation” einen Weg ersonnen zu haben, eine so aufwendige Entwicklung von Millionen Jahren in das Nichts zurückkehren zu lassen, aus dem sie kam, durch die Fähigkeit, Kriege zu führen, inzwischen mit Massenvernichtungswaffen. Alle von Menschen in Gang gesetzte Katastrophen, darunter vor allem die großen Kriege, sind immer erst im Nachhinein als solche wahrgenommen worden. Die Hochstilisierung des verbrecherischen Diktators Saddam Hussein zu einem zweiten Hitler zeigt die ganze Irrationalität der Bushs, Rumsfelds, Cheynes und Rices, die im Unterschied zu Saddam Hussein über eine Quantität an Massenvernichtungswaffen verfügen, die alles Leben auf dem Globus auszulöschen imstande ist. Es gibt nicht den geringsten Anlaß, bei solchen gierigen, verblendeten und machtbessesenen Politikern sicher zu sein, daß im schlimmsten Falle nicht alle ihre Sicherungen durchbrennen. Doch von dem denkbar Schlimmsten einmal abgesehen: Der Krieg gegen Irak würde für Millionen Menschen, die heute schon im tiefsten Elend vegetieren, die endgültige Zerstörung jeder Zukunft bedeuten. Das dürfen wir nicht widerspruchslos hinnehmen, auch wenn es aussichtslos scheint, daß unser Schrei NEIN! beim Präsidenten der USA gehört wird.

Jürgen Lamprecht: Lieber Klaus, ich danke dir für deine deutlichen Aussagen. Ich wünsche uns allen, daß deine Ermutigungen, auch unter schwersten Bedingungen nicht aufzugeben, unserem Kriegswiderstand nachhaltige Kraft gibt!

  • Klaus Vack, Jahrgang 1935, seit 1951 Mitglied der NaturFreunde Ortsgruppe Offenbach, ist seit Mitte der fünfziger Jahre in der deutschen Friedensbewegung aktiv. Er gilt als Initiator und Ideengeber, als Koordinator verschiedener Strömungen in der Friedensbewegung und als unermüdlicher Organisator ebenso an der Basis wie bei den großen zentralen Antikriegskampagnen.
    Innerhalb der NaturFreunde war Klaus Vack als Kindergruppen- und Jugendgruppenleiter der Offenbacher Gruppe tätig, war hessischer Landesjugendleiter, Mitglied der Bundesjugendleitung und Redakteur der Natur-Freunde-Jugendzeitschrift “wir sind jung”, Mitglied der hessischen Landesleitung, der Bundesleitung und in den achtziger Jahren Bundeskulturreferent.
    Bis zum Altersunruhestand war Klaus Vack hauptberuflich u.a. tätig als Bilanzbuchhalter, Gewerkschaftssek-retär, Bundesgeschäftsführer des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer und der Kampagne für Abrüstung - Ostermarsch der Atomwaffengegner, Sekretär des Sozialistischen Büros, des Komitees für Grundrechte und Demokratie, als Organisator des “Zivilen Ungehorsams” gegen die Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen und Koordinator einer beachtlichen humanitären und friedenspolitischen Hilfsaktion während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien.

Kontakt: Klaus Vack (vack.sensbach@gmx.de)

Aktionshinweise:
Klönne/Vack: Die nächsten Schritte - www.jugendbewegung.de/friedensbewegung/
Plakatwandaktion: Kriegsgegner im Odenwaldkreis -
www.attac.de/odenwaldkreis/kriegsgegner/

Veröffentlicht am

16. März 2003

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