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Das Empire konfrontieren

Von Arundhati Roy in ZNet 28.01.2003

Arundhati-Roy2.jpgArundhati Roy wurde 1960 im südindischen Bundesstaat Kerala in einer Familie syrischer Christen geboren. Ihr Vater war ein Hindu aus Bengalen. Heute lebt sie in Neu Delhi. 1996 erschien ihr Roman “Der Gott der kleinen Dinge” (Blessing Verlag), der zu einem Welterfolg wurde. Die indischen Behörden zensierten das Buch aus “moralischen” Gründen: Roy beschrieb die verbotene Liebe zu einem Unberührbaren. Als politische Aktivistin hat sie sich mehrfach massiv mit der indischen Regierung angelegt. Was sie soziologisch zur repräsentativen Stimme macht, ist die Tatsache, daß sie die Globalisierung wie einen wirklichen Schmerz, den man ihr zufügt, zu erleben scheint. “In Indien”, so hat sie einmal erklärt, “erlebe ich das entsetzliche Schuldgefühl privilegiert zu sein.”

Arundhati Roy hat auf Weltsozialforum in Porto Alegre im Januar 2003 eine viel beachtete Rede gehalten, in welcher sie das “Empire” mit seinen zerstörerischen Wirkungen attackiert und zum zivilen Ungehorsam aufruft.

Das Empire konfrontieren

Man hat mich gebeten, eine Rede zu halten zum Thema: “Wie das Empire (Imperium) konfrontieren?” Eine schwierige Frage, und ich habe keine einfache Antwort parat. Wenn wir darüber reden, das ‘Empire’ zu konfrontieren, müssen wir zunächst klären, was das überhaupt ist, ‘Empire’. Ist damit die US-Regierung (plus deren europäische Satelliten) gemeint oder die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisation oder die multinationalen Konzerne? Oder ist es mehr als das alles?

In vielen Ländern hat das Empire noch andere Pilzköpfe sprießen lassen, gefährliche Nebenprodukte - Nationalismus, religiöse Bigotterie, Faschismus und natürlich den Terrorismus. All diese Erscheinungen gehen Hand in Hand mit dem Projekt der Konzernglobalisierung. Lasst mich erläutern, was ich damit meine. Indien, ‘die größte Demokratie der Welt’, steht derzeit an vorderster Front des Konzernglobalisierungs-Projekts. Dieser 1-Milliarde-Menschen-‘Markt’ wird momentan gerade von der Welthandelsorganisation aufgestemmt. Konzerntätigkeit und Privatisierung werden von unserer Regierung und den indischen Eliten ausdrücklich begrüßt. Und es ist keineswegs Zufall, dass sowohl unser Premierminister als auch unser Innenminister und unser Desinvestment-Minister, die damals den Deal mit Enron für Indien unterzeichneten, dass diese Leute, die die Infrastruktur unseres Landes an multinationale Konzerne verhökern und Wasser, Strom, Öl, Kohle, Stahl, Gesundheit, Bildung und Telekommunikation privatisieren wollen, dass sie alle Mitglieder bzw. Anhänger ein- und derselben Partei sind: der RSS. Die RSS ist eine rechtsgerichtete, ultra-nationalistische Hindu-Gilde, die öffentlich ihre Bewunderung für Hitler und seine Methoden zum Ausdruck gebracht hat.

Die Demontage unserer Demokratie vollzieht sich mit der Geschwindigkeit bzw. Effizienz eines Strukturanpassungsprogramms. Das Projekt Konzernglobalisierung fegt durch das Leben der indischen Menschen; Privatisierung in großem Stil und Arbeits-‘Reformen’ vertreiben sie von ihrem Land bzw. nehmen ihnen die Jobs weg. Hunderte verarmte Bauern haben Selbstmord begangen, indem sie Pestizide schluckten. Überall aus dem ganzen Land treffen Berichte über Hungertote ein. Während sich unsere Eliten aufgemacht haben zu ihrem Traumparadies irgendwo an der Spitze der Welt, finden sich die Enteigneten in einer Abwärtsspirale von Kriminalität und Chaos wieder. Ein derartiges Klima der Frustration und der nationalen Desillusionierung - so lehrt uns die Geschichte -, ist bester Nährboden für Faschismus.

Die beiden Arme unserer indischen Regierung haben den perfekten Zangengriff entwickelt. Während der eine Zangenarm emsig dabei ist, Indien häppchenweise zu verkaufen, sorgt der andere für das entsprechende Ablenkungsmanöver, indem er den lauthals geifernden und eifernden Chorus der Hindunationalisten und religiösen Faschisten dirigiert. Sie führen Atomtests durch, sie schreiben die Geschichtsbücher um, brennen Kirchen nieder und zerstören Moscheen. Zensur, Überwachung - das alles wird immer alltäglicher -, ebenso die Aufhebung bürgerlicher Rechte bzw. der Menschenrechte und die Anmaßung, zu definieren, wer Bürger Indiens ist und wer nicht (betrifft vor allem religiöse Minderheiten).

Letzten März fielen im indischen Bundesstaat Gujarat 2.000 Moslems einem staatlich subventionierten Progrom zum Opfer. Besonders schlimm erging es dabei den muslimischen Frauen. Man riss ihnen die Kleider vom Leib, massenvergewaltigte sie und verbrannte sie anschließend bei lebendigem Leibe. Brandstifter plünderten die Geschäfte und setzten sie in Brand, ebenso Wohnhäuser, Nähereien und Moscheen. Mehr als 150.000 Muslims sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Das wirtschaftliche Fundament der muslimischen Gemeinschaft ist völlig zerstört. Und während Gujarat brannte, war unser indischer Premier auf MTV und promotete seine neueste Lyrik. Im Januar 2003 wurde ein- und dieselbe Regionalregierung, die für diese Morde verantwortlich war, erneut ins Amt gewählt - mit satter Mehrheit. Niemand wurde für den Genozid zur Verantwortung gezogen. Narendra Modi, Architekt dieses Progroms und stolzes Mitglied der RSS, konnte seine zweite Amtszeit als Regierungschef von Gujarat antreten. Wäre Modi hingegen Saddam Hussein, CNN hätte selbstverständlich jede seiner Gräueltaten gesendet. Aber er ist nunmal nicht Saddam Hussein und der indische ‘Markt’ weit offen für globale Investoren, also sind diese Massaker noch nicht mal eine peinliche Verlegenheit. Insgesamt leben in Indien mehr als 100 Millionen Muslime. Eine Zeitbombe tickt in unserem uralten Land.

Ich sage das alles nur, um zu belegen: der freie Markt reißt nationale Barrieren keineswegs nieder, das ist reiner Mythos. Der freie Markt gefährdet nationale Souveränität nicht - er unterminiert nur die Demokratie. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Und je mehr das passiert, desto intensiver wird der Kampf um die Ressourcen. Dabei benötigt die Konzern-Globalisierung eine internationale Konföderation aus loyalen, korrupten, authoritären Regierungen in den ärmeren Ländern (die unpopuläre Reformen durchpeitschen und Aufstände niederschlagen), um so ihre ‘Vettern-Deals’ durchziehen zu können. Wobei die ‘Vettern-Deals’ der Konzern-Globalisierung darin bestehen, die Früchte, die wir anbauen, zu Konzerneigentum zu machen, ebenso das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen, ja selbst die Träume, die wir träumen, eignen sie sich an. Konzern-Globalisierung - ihr wirklicher Name lautet ‘Imperialismus’ -, braucht aber noch mehr: eine Presse, die vorgibt, frei zu sein und Gerichte, die vorgeben, Gerechtigkeit zu üben.

Gleichzeitig machen die Länder des Nordens ihren Grenzen dicht und horten Waffen - Massenvernichtungswaffen. Schließlich wollen sie sicherstellen, dass lediglich Geld, Waren, Dienstleistungen und Patente durch das Globalisierungsnetz schlüpfen. Dinge wie Reisefreiheit sollen hingegen nicht globalisiert werden, ebensowenig Respekt vor den Menschenrechten oder internationale Verträge (z.B. hinsichtlich Rassendiskriminierung, chemischer Waffen und Atomwaffen, Verträge hinsichtlich der Gasemissionen, die zum Treibhauseffekt führen oder Verträge hinsichtlich Klimawandel) und schon gar nicht Gerechtigkeit - Gott bewahre!

Das also - dies alles - stellt ‘Empire’ dar: Die loyale Konföderation, die obszöne Anhäufung von Macht und die sich massiv vergrößernde Kluft zwischen denen, die entscheiden und denen, die die Entscheidungen zu ertragen haben. Diese Kluft zu schließen - das sollte unser Kampf, unser Ziel und unsere Vision für eine ‘Andere Welt’ sein. Aber wie widerstehen wir dem ‘Empire’? Zuerst die gute Nachricht: wir schlagen uns gar nicht mal so übel. Wir haben bereits große Siege errungen - vor allem hier in Lateinamerika: In Bolivien ist es Cochabamba, in Peru der Aufstand in Arequipa, und in Venezuela hält Präsident Hugo Chavez weiterhin Stand - trotz aller Bemühungen der US-Regierung. Das Auge der Welt ist derzeit auf das argentinische Volk gerichtet, das versucht, sein Land aus den Trümmern der Zerstörung des IMF wiederaufzuerrichten. Aber auch in Indien gewinnt die Antikonzernglobalisierungs-Bewegung zusehends an Fahrt. Sie müht sich, sich zu einer politischen Kraft zu entwickeln - der einzig wirklichen - die sich dem religiösen Faschismus noch entgegenstellt. Und was die einstmals so schillernden Flaggschiffe der Konzernglobalisierung anbelangt - Enron, Bechtel, WorldCom, Arthur Anderson - an welchem Punkt waren sie letztes Jahr, und wo sind sie heute? Und da wir gerade hier in Brasilien sind: Wer war letztes Jahr euer Präsident… und wer ist es heute? Trotzdem kennen viele von uns jene dunklen Momente der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung. Wir wissen nur allzugut: unter dem sich vergrößernden Schutzdach des ‘Kriegs gegen den Terror’ sind die Männer in den feinen Anzügen emsig bei der Arbeit. Bomben regnen auf uns nieder, Cruise Missiles schwirren über das Firmament, aber gleichzeitig werden Verträge unterzeichnet, Patente angemeldet, Öl-Pipelines verlegt, natürliche Ressourcen geplündert, Wasser privatisiert, ist George Bush dabei, einen Krieg gegen den Irak zu planen. Wenn wir diesen Konflikt als einen direkten Auge-in-Auge-Kampf zwischen ‘Empire’ und denjenigen von uns, die dem ‘Empire’ Paroli bieten, begreifen, wird es den Anschein haben, als würden wir verlieren.

Aber man kann die Sache auch anders betrachten. Wir hier - wir alle, die wir hier versammelt sind -, belagern das ‘Empire’, jeder auf seine eigene Weise. Wir haben es nicht geschafft, das ‘Empire’ zu stoppen - noch nicht - aber wir haben es bloßgestellt. Wir haben es gezwungen, seine Maske fallenzulassen. Wir haben es ins Offene gezerrt. Nun muss es sich auf der Weltbühne in seiner ganzen unsäglichen, brutalen Nacktheit präsentieren. Natürlich kann das ‘Empire’ nach wie vor Kriege starten - aber es ist bloßgestellt und so häßlich, dass es seinen eigenen Anblick nicht erträgt, so häßlich, dass es nicht mal mehr sein eigenes Volk mobilisieren kann. Wird nicht mehr lange dauern und auch die Mehrheit der Amerikaner ist auf unserer Seite. Erst wenige Tage ist es jetzt her, da marschierte eine 1/4 Million Menschen in Washington gegen den Krieg im Irak. Und Monat für Monat nimmt der Protest zu. Vor dem 11. September 2001 besaß Amerika eine geheimgehaltene Geschichte - geheimgehalten insbesondere vor dem eigenen Volk. Inzwischen sind Amerikas Geheimnisse Geschichte und seine Geschichte ist Teil des Allgemeinwissens. Die Leute sprechen auf offener Straße darüber. So ist uns beispielsweise klar: jedes Argument, das derzeit angeführt wird, um eine Eskalation des Kriegs gegen den Irak zu rechtfertigen, ist simple Lüge. Das lächerlichste Argument von allen ist allerdings die hingebungsvolle Verpflichtung der US-Regierung, dem Irak die Demokratie zu bringen. Menschen zu töten, um sie vor Dikatatur oder ideologischer Korrumpierung zu schützen, ist, wie wir ja alle wissen, ein altes Hobby von US-Regierungen. Sie hier in Lateinamerika wissen das am allerbesten.

Andererseits: niemand bezweifelt, Saddam Hussein ist ein gewissenloser Diktator, ein Mörder (dessen schlimmste Exzesse von der amerikanischen bzw. britischen Regierung unterstützt wurden). Sicher - die Irakis wären besser dran ohne ihn. Aber schließlich wäre die Welt auch besser dran ohne einen Mr. Bush. Nüchtern betrachtet ist der nämlich viel gefährlicher als Saddam Hussein. Sollten wir deswegen etwa Mr. Bush aus dem Weißen Haus hinausbomben? Es ist mehr als offensichtlich, dass Bush völlig unabhängig von den Fakten und der internationalen öffentlichen Meinung entschlossen ist, gegen Saddam einen Krieg zu führen.

In ihrem Bemühen, neue Verbündete zu rekrutieren, schrecken die USA auch nicht davor zurück, neue ‘Fakten’ zu erfinden. Die Farce mit den Waffeninspekteuren dient der US-Regierung lediglich dazu, ein widerwärtiges, beleidigendes Zugeständnis an eine verquere internationale Etikette zu machen. Auf diese Art soll gewissermaßen das ‘Hindertürchen’ für last-minute-entschlossene ‘Verbündete’ bzw. womöglich auch für die UNO selber offengehalten werden, damit diese auf den bereits fahrenden Zug aufspringen könnten.

Aber ganz gleich wie und warum: der Neue Krieg gegen den Irak ist bereits in Gange. Also, was können wir tun? Greifen wir doch einfach auf unsere Erfahrung zurück, lernen wir aus unserer eigenen Geschichte und bearbeiten wir weiter die öffentliche Meinung - bis die zum ohrenbetäubenden Lärm anschwillt. Es liegt an uns, den Krieg gegen den Irak in eine Klarsichtfolie der Exzesse dieser US-Regierung zu verwandeln. Wir können George Bush, Tony Blair - und deren Verbündete - als die feigen Kindsmörder, Wasservergifter und hasenfüßige Langstreckenbomber entlarven, die sie in Wirklichkeit sind. Wir können millionenfach - jeder und jede auf untschiedliche Weise - neue Formen des zivilen Ungehorsams entwickeln. Anders gesagt können wir Millionen neue Wege finden, diese Leute auf kollektive Art zu piesaken.

Wenn George Bush uns nur die Wahl läßt: “Entweder, ihr seid auf unserer Seite oder auf der der Terroristen, dann können wir ihm zeigen, dass die Menschen dieser Welt nicht nur die Wahl zwischen einer bösartigen Mickymaus und wahnsinnigen Mullahs haben.

Unsere Strategie sollte sein: Das ‘Empire’ nicht einfach nur zu konfrontieren, sondern es vielmehr richtiggehend zu belagern. Wir müssen dafür sorgen, dass ihm die Luft ausgeht. Wir müssen es beschämen und verhöhnen - mittels unserer Kunst, unserer Musik, unserer Literatur, unseres Trotzes, unserer Freude, unserer Genialität, unseres schieren Beharrungsvermögens und unserer Fähigkeit, eigene Geschichten zu erzählen - Geschichten, die etwas anderes aussagen, als was man uns ständig einzureden versucht.

Und noch etwas: Die Revolution der Konzerne wird in sich zusammenbrechen - wenn wir uns weigern, zu kaufen, was sie uns andrehen wollen: ihre Ideen, ihre Version der Geschichte, ihre Kriege, ihre Waffen, ihr Unausweichlichkeitskonzept. Vergesst niemals: Wir sind viele, sie nur wenige. Ihre Abhängigkeit von uns ist größer als umgekehrt. Eine ‘Andere Welt’ - sie ist nicht nur möglich, sondern schon im Entstehen. An stillen Tagen höre ich sie bereits atmen.

Arundhati Roy, Porto Alegre / Brasilien am 27. Jan. 2003.

Quelle: ZNet Deutschland 04.02.2003, übersetzt von: Andrea Noll (leicht bearbeitet von Michael Schmid)

Orginalartikel: “Confronting Empire” in: ZNet vom 28.01.2003

Der Artikel ist mit dem Titel “Stupid White House” ebenfalls in deutsch in der Ausgabe vom März 2003 in Le Monde Diplomatique erschienen.

Veröffentlicht am

06. Februar 2003

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