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Der Deserteur

“An Krieg habe ich nicht gedacht”: Warum ein in Deutschland stationierter US-Soldat seine Einheit verließ

Von Petra Mies

Er geht einfach durch das Tor nach draußen. Verlässt den US-Truppenstützpunkt nahe einer deutschen Stadt. Fährt mit dem Zug in eine andere deutsche Stadt. Steigt in einem Billig-Hotel ab, er hat ein bisschen gespart. Doch sein Geld und alle seine Papiere sind kurz darauf weg. Gestohlen. Er weiß, dass er in Deutschland nicht weit kommt ohne Dokumente. Weiß, dass er nicht zurück zur US-Einheit will, in der er diente. Der Deserteur weiß nicht mehr weiter.

Al Salter (Name geändert, d. Red.) hat sich vor drei Jahren freiwillig zur Armee der Vereinigten Staaten gemeldet. Seine Ehe war gescheitert, die beiden Kinder blieben bei der Mutter, er fand keine Arbeit und wollte weg. “Ich dachte mir, bei der Armee kriegst du einen guten Job, mit der Armee kommst du in der Welt herum”, sagt Salter. “An Krieg habe ich nicht gedacht.”

Da ist er kein Einzelfall. Viele US-Amerikaner unterer Schichten gehen zum Militär, um ihrem schlechten Dasein in einem Land ohne Sozialsysteme zu entgehen. Sie hoffen, bei der Armee all das zu finden, was ihnen fehlt. Ausbildung. Einkommen. Sicherheit. Eine “Ersatz-Familie”. Endlich kommen sie raus aus dem - oft schwarzen - Getto. Das Phänomen “Poverty draft” (Armuts-Rekrutierung) erklärt, warum diese jungen Frauen und Männer nicht wissen oder wissen wollen, was sie tun. Krieg als mögliche Folge ihrer Berufswahl blenden sie aus.

Bei Salter setzte die Erkenntnis schleichend ein. Zunächst gefiel ihm das Leben als GI gut, wie ersehnt wurde er zügig nach Deutschland versetzt. Ein schönes Land, findet der 29-Jährige. Allein die Kultur. Zwar fühlte sich der ruhige Hüne unwohl, wenn jüngere Kameraden in der Freizeit randalierten. Zwar nervte ihn die Stupidität der Übungen. Aber sonst war alles okay.

Bis zum 11. September 2001. “Da begann ich nervös zu werden.” Nach den Anschlägen beschäftigte sich Salters Einheit plötzlich intensiv mit ABC-Waffen. Der Colonel sagte, dass es bald losgehen werde. Nach Afghanistan, vermuteten seine Frauen und Männer. Aber die Einheit blieb in Deutschland. Damals. Salter ist sicher, dass jetzt Tausende seiner ehemaligen Kameraden in die Golf-Region abgezogen werden. Er glaubt nicht daran, dass der Irak-Krieg noch aufzuhalten ist. “Es sind schon zu viele Truppen dorthin verlegt worden, es ist bereits so viel Ausrüstung dort”, sagt er. “Präsident Bush will in seinem Größenwahn zu Ende bringen, was sein Vater während des zweiten Golf-Kriegs vor zwölf Jahren unvollendet ließ.”

Die Übungen nach dem 11. September brachten Salter ins Grübeln. Zum Beispiel darüber, was chemische und andere Waffen anrichten und auslöschen. Er las Studien über Spätfolgen des Einsatzes uranhaltiger Munition während des zweiten Golf-Kriegs für Mensch und Natur. Sie hinterließen ein radioaktives Schlachtfeld. Er las Schilderungen von US-Veteranen, die mit Bulldozern unzählige Zivilisten auf der Straße nach Basra platt walzten. Er ertrug das viel beschworene Team-Gefühl in der Einheit nicht mehr. Alles nur Show, wie er fand. “In Wirklichkeit scheren sie sich in der Armee doch einen Dreck um den Menschen. Was zählt, ist der Rang, was zählt, ist die Schulterklappe, aber Herz und Hirn bedeuten nichts.” Er schlief nicht mehr gut, isolierte sich. “Ich fühlte mich umgeben von unwissenden großen Kindern, die als Kampfmaschinen und Kanonenfutter verheizt werden und unfassbares Leid anrichten sollten.”

Kurzum: Salter beschäftigte sich mit dem Thema Krieg. Und hielt es nicht mehr aus. Vor acht Monaten verließ er die Truppe und tauchte in einer deutschen Stadt unter. Nachdem ihm Geld und Papiere gestohlen worden waren, jobbte er illegal, zog zu einem Bekannten. Die Wohnung verließ er nur, um zu arbeiten. Angst. Seine Geschichte verschwieg er, gewöhnte sich daran auszuweichen, zu erfinden, zu verdrängen. Angst. “Es war die Hölle, niemandem sagen zu können, was ich mit mir herumschleppte.”

Anfangs kümmerte sich der Deserteur nicht um das Weltgeschehen. Als er nach einer Pause wieder begann, den Militärsender AFN zu hören, begriff er den Ernst der Lage. Die Gefahr eines Irak-Kriegs wuchs. Dies und der große Druck, endlich über seine Probleme sprechen zu wollen, ließen ihn aktiv werden. Er surfte im Internet, tippte das Wort “Deserteur” ein und hoffte, irgendeine Adresse zu finden, bei der er Hilfe bekommen könnte. Er fand den Verein “Connection”, Kriegsdienstverweigerungs-Netzwerk und Flüchtlingshilfe-Organisation. Salter schrieb eine Mail und bekam Antwort. Wenig später wagte er auch, einen Mitarbeiter des Vereins zu treffen - trotz seiner Furcht, in getarnte Fänge des US-Militärs zu geraten. “Es tat so gut, endlich wieder einmal der sein zu können, der ich bin”, sagt Salter über das erste Gespräch mit Rudi Friedrich. “Reden kann befreien.”

Wie schon vor zwölf Jahren haben sich “Connection” und andere Organisationen zum “Military Counseling Network” (MCN) zusammengeschlossen, um in Deutschland stationierten GIs in Gewissensnot zu helfen. Motto: “Just say no.” Etwa hundert Soldaten entfernten sich damals von der Truppe. Die Dunkelziffer ist hoch. Zwar können GIs den Kriegsdienst verweigern, um nach einem Verfahren, das der früheren deutschen Gewissensprüfung ähnelt, den Armeedienst vorzeitig zu beenden. Aber dieses Recht ist im Krisenfall eingeschränkt, die GIs müssen bei ihrer Einheit bleiben. 1991 wurden Soldaten an Händen und Füßen gefesselt nach Saudi-Arabien geflogen, obwohl sie antragstellende Verweigerer waren. “Viele Offiziere zerreißen die Anträge auch einfach”, sagt Friedrich. “Wer verweigern will, gilt als Unruhestifter und muss mit erheblichen Repressalien rechnen.”

Bleibt also nur, die Armee zu verlassen und unterzutauchen, um dem befürchteten Kriegseinsatz zu entgehen. Diese Soldaten definieren sich meist nicht als Deserteure, sondern als “awol - absent without leave” (vorübergehend von der Truppe abwesend). Sie wollen sich ihren Einheiten nach Kriegsende stellen. Während des zweiten Golf-Kriegs erklärten sich hunderte Deutsche bereit, GIs aufzunehmen. Auch Publizist Walter Jens beherbergte damals Soldaten in seinem Haus.

Einige flüchtige Militärangehörige leben bis heute versteckt in der Bundesrepublik. “Awols”, die vors Militärgericht gestellt wurden, bekamen Haftstrafen zwischen vier Monaten und fünf Jahren und wurden unehrenhaft entlassen. Das MCN ließ damals Anwälte aus den Vereinigten Staaten für die Prozesse einfliegen. “Wenn du einen der Anwälte nimmst, die dir das amerikanische Militärgericht zur Verfügung stellt, kannst du dir gleich einen Strick nehmen”, sagt Salter.

Al Salter will nicht zurück in die USA. Er schüttelt den Kopf und lacht kurz auf. “Wer unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, kriegt bei keiner Firma in den Vereinigten Staaten einen Job, noch nicht mal bei McDonald’s.” Sein Leben in Amerika sieht er als beendet. Die Familie dort, die Kinder, er schluckt, “es geht einfach nicht”. Er möchte einen Pass, er träumt davon, legal in Deutschland zu arbeiten, sich frei zu bewegen. Ohne Angst.

Friedrich bemüht sich um Lösungen, aber die rechtlichen Hürden hängen hoch. Die US-Armee gehört zur Nato. Bei amerikanischen ist anders als etwa bei algerischen, russischen oder türkischen Deserteuren an Asyl in Deutschland nicht zu denken.

“Just say no.” Es ist nicht so einfach, “Nein” zu sagen und die Konsequenzen zu tragen. So einfach es auch war, durch das Tor nach draußen zu gehen.

Quelle: FR vom 12.02.2003. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau .

Mehr zur Beratungsstelle für US-Verweigerer findet sich auf der Website von Military Counseling Network (MCN) .

Veröffentlicht am

01. März 2003

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