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“Krieg heißt Big News - davon will jeder profitieren”

Peter Arnett über den Patriotismus der US-Medien

Wurde bei CNN bekannt: Peter Arnett
(ap)


Frankfurter Rundschau: Mister Arnett, gibt es in Amerika noch eine nennenswerte Stimme gegen den Krieg?

Peter Arnett: Ach wissen Sie, seit George Bush junior den Krieg gegen Terrorismus ausgerufen hat, herrscht wahnsinniger patriotischer Wirbel in den US-Medien. Nachrichtensprecher tragen US-Flaggen am Revers, viele Studios haben sich mit dem Sternenbanner geschmückt. Sie dürfen nicht vergessen: Ein US-Krieg heißt Big News. Und in dieser Multi-Milliarden-Industrie wollen alle so sehr davon profitieren, wie es geht. Es gab aber auch Kritik, dass die Medien zu enthusiastisch hinter der Regierung stehen.

Warum ist das so?

In den USA werden die Medien eben von Washington dominiert.

Dominiert oder manipuliert?

Das ist keine Manipulation, das ist Dominanz durch schiere Macht. Die politischen Führer in Amerika sind längst absolute Medienstars. Bill Clinton verdient heute 150.000 Dollar pro Rede! Außenminister Colin Powell hat seit dem ersten Golfkrieg allein mit Reden 27 Millionen Dollar verdient. Das sind Superstars. So wollen die Amerikaner ihre Herrscher sehen. Da geht Kritik schnell unter.

Kürzlich war zu lesen, dass Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ein “Büro für strategische Beeinflussung” plane.

Ja, das haben sie aber wieder aufgeben.

Wirklich? Nach öffentlicher Kritik hat Rumsfeld zwar gesagt, er werde den Namen der Behörde streichen, nicht aber die Idee, die dahinter steckt.

Na gut. Trotzdem: Hauptquelle für Medien-Beeinflussung ist die schiere Präsenz der politischen Superstars. Sie senden auf allen Kanälen. Fernsehen ist ein visuelles Medium, da zählt das Bild. Die Leute sehen Bush auf der Mattscheibe und jubeln. Egal, was er sagt.

Mag sein, aber trotzdem können doch die Medien entscheiden, ob sie Bushs Hurra-Patriotismus folgen.

Sie müssen heute immer den 11. September 2001 im Kopf haben, wenn Sie sich die US-Medien anschauen. Die Attacke auf dass World Trade Center fand in Manhattan statt - im Headquarter der Medien. Das Wall Street Journal war exakt neben dem World Trade Center untergebracht, ihr Gebäude war kurz vor dem Kollaps. Alle anderen Journalisten haben die Attacke mit eigenen Augen gesehen. Das sind Leute, die noch nie zuvor einen Schuss gehört hatten. Die haben ihre Stadt zusammenbrechen und Freunde sterben sehen. Die sind zornig. Dann heißt es: Lass uns Osama bin Laden schnappen! Lass uns Saddam jagen! Zur Hölle mit journalistischer Ausgewogenheit!

Trotzdem: Sollten Medien nicht wenigstens ab und an auf die Fakten zu schauen?

Das kommt später. Zunächst ist da wahnsinnige Wut - und Angst. Und als die Regierung davon sprach, dass vielleicht nukleare oder biologische Attacken drohen, war die Bereitschaft der Medien groß, dem zu folgen. Daher gab’s auch kaum Kritik am Afghanistan-Krieg. Nordkorea hat die Sache auch nicht gerade besser gemacht.

Gut, aber warum sagt niemand: Lass uns Kim Jong Il schnappen?

Vielleicht sollten die Medien noch aggressiver gegen Nordkorea sein.

Sie meinen, einen Krieg propagieren?

Ab einem gewissen Punkt ist Krieg notwendig. Schauen Sie auf den Zweiten Weltkrieg. Ich meine, es kann doch nicht sein, dass Medien sagen: Kein Krieg, niemals.

Das Problem mit Bush ist doch, dass er Saddam verteufelt, andererseits aber nicht mal zugibt, dass es sich im Fall von Nordkorea um eine Krise handelt. Das ist bigott.

Das ist die Wirklichkeit. Sie können nicht für jedes Land die gleiche Politik machen. Außerdem: Die USA können problemlos nach Irak weitere Kriege zu führen. Sie müssen aber vorsichtig sein. In Nordkorea regieren Psychopathen. Die sind zu vielem fähig. Da sollte man verhandeln.

Ach so. Weil Irak schon am Boden liegt, kann man gefahrlos nachtreten?

Sehen Sie, Irak ist ein totalitär geführter Staat. Saddam hat Massenvernichtungswaffen gegen seine Leute eingesetzt. Und er wird sie erneut einsetzen, wenn er dazu gezwungen wird. Darf man das erlauben?

Bislang gibt es keinen Beweis, dass es eine Verbindung zwischen Saddam und Al Qaeda gibt. Andererseits kamen 15 von 19 WTC-Attentätern aus Saudi-Arabien, auch Osama bin Laden stammt von dort. Warum nicht Saudi-Arabien angreifen?

Sie denken zu logisch. Wir haben das doch alles berichtet. Was sollen wir denn noch tun: Eine beschissene Flagge vor das Weiße Haus schleppen? Die Medien haben keine Gewehre. Wir haben Stifte und Kameras - das war’s. Alles was wir tun können, ist Informationen zu verbreiten. Aber wenn es die Leute nicht interessiert, ist das Pech. So funktioniert Demokratie

Derzeit hat man den Eindruck, dass jeder in Amerika, der gegen den Krieg agitiert, als mehr oder weniger durchgeknallt dargestellt wird. Die Friedensbewegung fällt fast komplett unter den Tisch.

Was machen die auch? Wenn sie gute Argumente haben, warum gehen sie dann nicht zum Kongress und überzeugen einige Leute? Sie dürfen Europa nicht mit Amerika vergleichen. Bei Ihnen gibt es eine nennenswerte Anti-Kriegs-Bewegung, Sie haben ideologische Medien, sie haben Zeitungen mit Meinungen. Europäer haben eine tiefer gehende Sicht der Dinge, sie denken nicht so paranoid wie Amerikaner.

Glauben Sie, dass die Dynamik in Richtung Krieg noch zu stoppen ist?

Das hängt an Saddam. Wenn er nicht kooperiert, wird es Krieg geben. Ich glaube nicht, dass er kooperieren wird.

Wann wird das Bombardement beginnen?

Die USA werden Ende Februar 250.000 Mann am Golf haben. Die können sie nicht zu lange dort lassen. Und wenn Bush seine Leute zurück holt, aber Saddam immer noch Waffen hat, dann wird er sicher kein zweites Mal zum Präsidenten gewählt.

Da könnten die Medien wieder eingreifen und sagen: Alle Achtung, Bush ist vernünftig und hat Krieg verhindert.

Nochmal: Medien sind keine politischen Macher. Sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie glauben, Medien seien auf lange Sicht wichtig. Ich mache den Job seit 40 Jahren. Ich war in Vietnam und habe dort wie andere auch den Krieg kritisiert. Beendet haben wir ihn nicht.

Wenn Medien so unwichtig sind, wieso durfte dann nach Vietnam kein Kriegsreporter mehr auch nur in die Nähe der Schlachtfelder?

Ach kommen Sie! Es gab noch nie einen Krieg mit unzensierter Berichterstattung. Vietnam war die Ausnahe. Das war ein Experiment. Ich war da und habe über 3000 Storys für AP geschrieben. Effekt: Keiner.

Donald Rumsfeld hat angekündigt, dass Journalisten in Irak wieder beschränkten Zugang zu den Schlachtfeldern haben sollen. Was bezweckt er damit?

Ich glaube das ehrlich gesagt nicht. Wissen Sie, es gibt fast keinen lebenden Journalisten, der gedient hat. Die wissen nichts übers Militär. Wenn eine Truppe im Krieg 20 Reporter dabei hat: Was sollen sie mit denen machen? Sie füttern? Die stehen nur dumm rum. Ich bin für Pressefreiheit, aber ich kann das Militär verstehen, wenn sie nicht einen Haufen frei laufender Reporter betreuen wollen. Also können wir uns darauf einrichten, dass die Medien wieder, wie schon 1991, an der Nase herumgeführt weren?

Nicht an der Nase herumgeführt, aber beschränkt. Und wissen sie was? Egal was wir scheiben, die Öffentlichkeit interessiert sich einen Dreck dafür. In Amerika trauen zwölf Prozent der Bevölkerung den Medien. Man hält uns für unglaubwürdig, unpatriotisch, billig und ruhmsüchtig. Wenn Sie Amerikanern erzählen, dass wir im ersten Golfkrieg zensiert wurden, lautet die Antwort: gut so. Die wollen keine Bilder von ihren toten Söhnen. Meine Berichte damals aus Bagdad wurden quer durch Amerika kritisiert. Ich war ein verhasster Mann im gesamten Land.

Werden wir Sie wieder auf dem Dach irgendeines Hotels in Bagdad sehen?

Wenn Sie MSNBC empfangen, schon.

Haben Sie Angst vor dem Krieg?

Angst? Hören Sie, ich war 13 Jahre in Vietnam. Nichts kann schlimmer sein als das.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 20.01.2003. Wir veröffentlichen das Interview mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau.

Veröffentlicht am

09. März 2003

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