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Ein Irak-Krieg ist unmoralisch

Gespräch mit dem US-amerikanischen Bischof Tom Gumbleton

Seit 35 Jahren ist Tom Gumbleton Weihbischof der römisch-katholischen Kirche und steht der Innenstadtgemeinde St. Leo mit afroamerikanischen und weißen Mitgliedern in Detroit vor - Beförderung aussichtslos. Seine Aktivitäten werden nicht nur vom Vatikan, sondern auch von seinen meisten Kollegen der US-amerikanischen Bischofskonferenz nicht gern gesehen. Bei diversen Demonstrationen wurde er sogar kurzzeitig verhaftet. Mit dem Bischof sprach für ND Tobias Raschke.

ND: Präsident Bush behauptet gern, dass seine Regierung - auch in der Irak-Politik - christliche Motive leiten.

Gumbleton: Ich bin überzeugt, dass unsere Regierung sich nicht an der Botschaft Jesu orientiert und nicht christlich handelt. Spielen ethische Fragen noch eine Rolle in der USA-Politik? Tatsache ist, dass kein Abgeordneter in der Kriegsfrage moralische Bedenken angemeldet hat. Die pragmatischen Fragen, ob es funktioniert oder nicht, standen auf der Tagesordnung, aber nicht ob es moralisch richtig oder falsch ist. Keiner hat zu dieser Diskussion herausgefordert, obwohl sie bitter nötig wäre - einen Krieg führen, um einen Anschlag zu verhindern? Meiner Meinung nach wäre dieser Irak-Krieg moralisch falsch, insbesondere als Präventivschlag.

Wie hätten Sie auf den 11. September reagiert?

Als erstes - auch wenn das keine direkte Reaktion auf die Anschläge ist - müsste man erforschen, warum uns Leute angreifen. Wir müssen herausfinden, was diese Art von Feindschaft heraufbeschwört. Dann können wir unsere Politik verändern, die offenbar enormen Zorn, insbesondere in einigen arabischen Staaten, verursacht. Die direkte Antwort hätte so ähnlich sein sollen, wie wir es im Falle Israels und der Palästinenser vorschlagen. Wir schlagen ja nicht vor, einen Präventivkrieg zu führen, sondern Gegensätze auf dem Verhandlungswege zu lösen. Das Gleiche haben die USA beim Kaschmir-Konflikt gefordert. Indien sollte seine Probleme mit Pakistan ohne Militäreinsatz lösen. Wir hätten das auch machen sollen. Ich habe gelesen, dass es große Al-Qaida-Zellen in Indonesien gibt, aber niemand will deswegen Indonesien bombardieren, oder Saudi Arabien, obwohl die meisten Flugzeugentführer des 11. September von dort kamen. Es hätte einen anderen Weg gegeben, aber wir wollen das Bombardement.

Sie sprechen oft von notwendigen anderen Politik-Modellen.

Wir können niemanden aus der menschlichen Familie abschreiben - wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. So müssen wir uns verstehen, dass Gott unser aller Gott ist. Wir sollten von anderen Völkern und Glaubenstraditionen lernen, wie diese auch von uns lernen können. Ich möchte daran erinnern, dass Papst Paul VI. sagte, dass Gandhi das Modell unserer Zeit wäre. Ist es nicht faszinierend und signifikant, dass das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche einen Hindu als Beispiel nennt?

Was ist die größte Gefahr für die Welt?

Meiner Ansicht nach ist das die Verbreitung von Atomwaffen. Sie wird eine immer größere Gefahr werden. Insbesondere auch deshalb, weil die Vereinigten Staaten planen, neue Waffen zu entwickeln und diese in unser vorhandenes Arsenal zu integrieren. Die Unterscheidung zwischen konventionellen und atomaren Waffen droht aufgehoben zu werden. So bewegen wir uns ziemlich schnell auf einen Atomkrieg zu.

Sie sind der wohl politisch aktivste Bischof der USA, stark in der Friedensbewegung engagiert. Was treibt Sie an?

Ich fühle eine starke Notwendigkeit zu tun, was ich kann, um Gerechtigkeit und Frieden in die Welt zu bringen. Ich sehe das als wichtigen und integralen Bestandteil meiner Berufung als Priester. Ich wurde zur Seelsorge in der Kirche geweiht, und so verstehe ich das Evangelium. Denn das Evangelium fordert uns auf, die Welt zu verändern, so weit hin zur Herrschaft Gottes wie möglich. Ich bin jemand, der Jesu Botschaft verkündet, und das beinhaltet Aktionen zur Gerechtigkeit. Auch wenn sich andere Bischöfe sorgen, vor allem wenn ich in ihren Diözesen spreche.

Sind Sie ein amerikanischer Patriot?

Ja sicher, weil ich denke, dass Patriotismus bedeutet, dass man sein Land, sein Volk liebt. Aber es ist keine blinde Liebe: Wir sind besorgt, wenn wir uns unsere Ideale als Nation anschauen. Wenn wir unserer Ideale nicht erreichen, müssen wir das kritisieren, um zu zeigen, wofür wir stehen.

Nach der Ernennung Bushs zum Präsidenten schienen die USA-Kardinäle sehr erfreut zu sein.

Es ist klar, dass sie ihn öffentlich unterstützen, denn er ist ein Abtreibungsgegner (»Pro-Life«), auch wenn viele seiner anderen Positionen gegen die kirchliche Lehre stehen. Aber die Kardinäle haben dieses Thema allein zum Lackmus-Test erhoben. Folglich unterstützen sie ihn, ohne anderes zu beachten. Das ist der größte Fehler. Es gibt katholische Gouverneure, die regelmäßig Hinrichtungsdekrete unterschreiben. Keiner wurde dafür bis heute exkommuniziert. Oder nehmen wir U-Boote mit Atomsprengköpfen, die trotz aller Konventionen angelegt sind, bestimmte Städte auszuradieren. Ein Soldat wird den Auslöser betätigen - und kann das mit seinem Gewissen vereinbaren. Es ist absurd, denn der Vorrang der Gewissensentscheidung ist oberstes kirchliches Gebot: Wir sind Gott gegenüber verantwortlich, die Kirche kann uns solche Entscheidungen nicht abnehmen. Einige Bischöfe sind wachsam, aber die Gesamtkonferenz ist es leider nicht, sondern eher mit internen Kirchenproblemen beschäftigt.

Neues Deutschland vom 27.02.2003.

Veröffentlicht am

04. März 2003

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