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Immer wieder das Idiom der dreißiger Jahre

RHETORISCHE FRAGE Fehlt uns Deutschen das richtige Bedrohungsgefühl?


Wolfgang Ullmann

Was soll man als älterer Mensch tun, der sich am liebsten den ganzen Tag die Ohren zuhalten und keine Zeitung mehr lesen möchte, weil er es nicht mehr fassen kann, immerwährend eine Sprache anhören zu müssen, die er aus schrecklichen Jugendjahren nur zu gut kennt. “Schulter an Schulter”, “Schicksalsgemeinschaft”, “Achsenmächte”, “Drohkulissen”, “Sprache der Gewalt”, “Pazifismusillusionen”: Das alles ist das Idiom der dreißiger Jahre, aus denen man in Deutschland angeblich zu wenig gelernt hat. Wirklich? Ich meines Orts kenne diese Sprache der geistigen Mobilmachung noch genau so gut wie die Kurse zum Umgang mit jenen Gasmasken, die uns in der Nacht zum 14. Februar 1945 in Dresden gegen “konventionelle Waffen” ebenso wenig genützt haben wie es die heute in den USA reißend abgesetzten Gasmasken gegen moderne Kriegstechniken tun werden, die ja bekanntlich immer gegen Leute eingesetzt werden, die gerade keine Gasmasken aufgesetzt haben.

Uns Deutschen fehlt das richtige Bedrohungsgefühl, behauptet Thomas Steinfeld am 17. Februar im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Woher weiß er das? Ich fürchte eher, ihm fehlt das richtige Zeitgefühl, er lebt noch immer in der Welt von vor 1914, als man Karl Kraus heißen musste, um die “großen Zeiten, die man eher dicke nennen sollte”, so gut zu kennen, dass man wusste, wie sie aussahen. Als diese Zeiten noch ganz klein waren und erst von Vätern wie Wilhelm II. so richtig großgezogen werden mussten.

Darum sei es hier mit allem mir zu Gebote stehenden Nachdruck klargestellt: ich fühle mich in der Tat bedroht von Leuten, die mir weismachen wollen, als Lehre aus der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands habe die Anti-Hitler-Koalition - die übrigens aus vier Partnern bestand, von denen der aus dem Osten die Hauptlast des Krieges getragen hatte! - die heute modische Doktrin eines völkerrechtsimmunen Neoimperialismus kreiert, was die illusionären Friedensmarschierer sich weigerten zur Kenntnis zu nehmen.

Dass die UNO und das Nürnberger Tribunal just das Gegenteil besagen, ist wohl für Nichtzeitgenossen wie Herrn Steinfeld ein zu triviales Argument. Darum will ich hier etwas anführen, an das ich mich so gut erinnere, dass ich diejenigen, die mir diese Erinnerung streitig machen wollen, mit einem Zitat konfrontieren möchte.

“Zwecks Unterbindung und Vorbeugung der militärischen Ausbildung in jeder Form auf dem Territorium von Deutschland wird hiermit befohlen: Jede Tätigkeit irgendwelcher Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen, die direkt oder indirekt Theorie, Grundsätze, Technik oder Organisation des Krieges unterrichten oder Teilnehmer für irgendeine kriegerische Tätigkeit heranzubilden beabsichtigen, wird hiermit verboten und für ungesetzlich erklärt; jegliche Organisationen und Gruppen dieser Art werden hiermit für ungesetzlich erklärt und sind sofort aufzulösen.” Zitat aus dem Gesetz des Alliierten Kontrollrates vom 1. Oktober 1945.

Da zur Zeit so viel von angeblich verweigerter deutscher Dankbarkeit die Rede ist, erkläre ich hiermit, dass ich dem Alliierten Kontrollrat noch heute für dieses Dekret dankbar bin. Für einen, der die Dresdner Feuerhölle überlebt hatte, war ein solches Gesetz die einzig vernünftige Schlussfolgerung aus dem vor dem 8. Mai 1945 Vorgefallenen.

Viel weniger dankbar kann ich dafür sein, dass der Kalte Krieg, dessen Anfänge ich als Student in Westdeutschland miterlebt habe, diese vernünftigen Grundsätze sehr schnell in den ideologischen Verbohrtheiten der Wiederaufrüstungsdebatte untergehen ließ. Die Folgen findet man bis auf den heutigen Tag in jenen unsinnigen Gleichsetzungen, in denen Hitler als Lieferant für beliebige Diffamierungskampagnen gegen unliebsame Andersdenkende oder beliebige, gerade als Feind nützliche Verbrecher eine gespenstische Auferstehung feiert. 1999 hieß es, “Milosevic’ ist Hitler” - jetzt heißt es, “Saddam Hussein ist Hitler” (die Baath-Partei wäre demnach offenkundig eine faschistische Partei).

Ich sage es noch einmal: Ich fühle mich nur zu offenkundig bedroht von den Hitler verharmlosenden Geschichtsfälschern. Von jenen, die in den angeblich so goldenen Fünfzigern die antikommunistische Verharmlosung Hitlers betrieben, indem sie all seinen Mitläufern die Absolution erteilten, sich auf der antikommunistischen Seite und damit auf der Seite der Sieger der Geschichte fühlen zu dürfen. Diese “Sieger” ließen ihre Polizei zuschauen, als mit anderen Studenten auch ich zusammengeschlagen wurde, weil wir in Göttingen friedlich gegen einen Veit-Harlan-Film demonstrierten.

Und ich fühle mich ganz aktuell bedroht, weil wir nun nach der antikommunistischen die neoimperialistische Verharmlosung Hitlers haben. Geopolitik ist gefragt! Die Machtfrage muss entschieden werden! Für Bush und sein Stellwerk der Weltpolitik ist sie bereits entschieden. Die UNO, Menschen- und Völkerrecht können da nur stören. Wer das nicht wahrhaben will, dem wird es mit den nötigen Sanktionen beigebracht. Hannah Arendt hat über den Imperialismus als Vorstufe des Totalitarismus alles Nötige gesagt. Wie sollte man sich angesichts dieses gespenstischen Déjà-vu nicht bedroht fühlen?


Quelle: Freitag - Die Ost-West-Wochenzeitung, Ausgabe 10 vom 28.2.2003. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor

Veröffentlicht am

05. März 2003

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