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“Die Überwachung reicht bis nach Deutschland”

Ein Iraker und ein US-Amerikaner, die beide in Deutschland leben, diskutieren über den drohenden Krieg - und entdecken viele Gemeinsamkeiten.

Der Konflikt zwischen den USA und dem Irak hat auch Auswirkungen auf die hier lebenden Landsleute. Nicole Höfle und Susanne Janssen haben dazu den Amerikaner Manfred Hannemann und den Iraker Rafid Taii befragt.

Wie hat sich Ihr Alltag in Stuttgart durch den Irak-Konflikt verändert?

Hannemann: Ich bin näher an Deutschland gerückt. In den vergangenen Jahren hatte ich mich stärker mit Amerika identifiziert. Durch den neuen Präsidenten und dessen kriegstreiberische Politik stehe ich aber nicht mehr hinter meinem Heimatland.

Stehen Sie mit Ihrer Haltung alleine?

Hannemann: Nein, den Amerikanern in Stuttgart, die ich kenne, geht es ähnlich. Die wollen genauso wenig einen Krieg wie ich. Ein Krieg im Irak wird wahrscheinlich einen Flächenbrand im Nahen Osten auslösen.

Herr Taii, welche Auswirkungen spüren Sie? Interessieren sich jetzt mehr Menschen für Ihr Heimatland?

Taii: Ich werde von Nachbarn und Bekannten viel öfter auf die Situation im Irak angesprochen. Wenn ich vor einem Jahr gesagt habe, ich komme aus dem Irak, dann haben viele an den Iran gedacht. Das passiert mir heute nicht mehr. Inzwischen wissen alle, wo der Irak liegt, was dieses Land ausmacht, wie die politischen Verhältnisse sind. Die Leute sind auch sehr viel mehr an meinem Schicksal interessiert. Sie wollen wissen, wie es meiner Familie geht, und sie wollen meine Meinung hören. Die ist eindeutig: Ich bin gegen einen Krieg in meinem Heimatland. Ich habe den ersten und den zweiten Golfkrieg miterlebt, ich weiß, was das bedeutet. Aber ich bin mir sicher, dass auch dieser Krieg kommen wird.

Haben Sie regelmäßigen Kontakt mit Ihrer Familie?

Taii: Es ist nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Man muss oft stundenlang wählen, bis man eine telefonische Verbindung nach Bagdad bekommt. Und wenn die Eltern oder der Freund endlich am Apparat sind, kann man gerade mal fragen: “Wie geht es euch?” “Gut.” “Alles wie immer?” “Ja.” Mehr ist nicht möglich, weil wir sicher sind, dass das Telefon überwacht wird. Wir können nicht frei sprechen, weil im Irak alles unter der Kontrolle von Saddam Husseins Geheimdienst ist. Dabei habe ich eine große Familie im Irak, meine Eltern sind dort, mein Bruder, meine Schwester und über 20 Onkel und Tanten.

Woran merken Sie denn, dass eine Überwachung stattfindet?

Taii: Ich bin im Irak geboren, ich kenne das System. Ich kann Ihnen eine eher unterhaltsame Episode erzählen. Ein Freund von mir hat vor ein paar Jahren einen Brief seiner Freundin bekommen, in dem einige Sätze geschwärzt waren. Ich glaube, dass die Überwachung auch bis nach Deutschland reicht. Der Irak ist ein reiches Land, es werden Firmen gegründet, die die Aufgabe haben, Landsleute zu überwachen. Auch durch die irakische Botschaft in Berlin werden meines Wissens Informationen weitergereicht.

Haben Sie Angst um Ihre Familie?

Taii: Sie werden das eigenartig finden, aber wir sind die ständige Überwachung und die Bedrohung von außen gewöhnt. Schon 1991 sind die amerikanischen Kampfflugzeuge ständig über Bagdad gekreist. Vorher haben wir acht Jahre Krieg gegen den Iran ertragen.

Haben Sie sich an den aktuellen Friedensdemonstrationen beteiligt?

Hannemann: Ich war drei Mal beim Friedensgebet in der Hospitalkirche, und auch am Samstag war ich bei der Demonstration in der Innenstadt. Vielleicht erreicht man damit etwas. Zumindest habe ich das Gefühl, etwas getan zu haben.

Taii: Ich war mit 20 Irakern auf dem Schlossplatz, wo wir auf Plakaten in arabischer und deutscher Sprache Frieden gefordert haben.

Wie denken Ihre Landsleute?

Taii: Es gibt viele, die sich den Krieg wünschen, weil sie hoffen, Saddam loszuwerden. Die irakische Bevölkerung ist müde geworden unter dem Diktator. Viele würden auch den Teufel akzeptieren, nur weil es eine Veränderung mit sich bringen würde. Sie sehen die Amerikaner als Befreier und nicht als Besetzer. Ich sehe das anders. Die Amerikaner haben Saddam lange unterstützt, wir können der Politik dieses Landes nicht vertrauen. Bush bringt dem Irak nur einen neuen Diktator.

Wollen Sie irgendwann wieder in den Irak zurückkehren?

Taii: Auf jeden Fall - wenn es ein demokratisches System im Irak gibt. Es ist nur leider nicht einfach, Demokratie zu leben. Jetzt kommen die USA und sagen, baut ein demokratisches System auf und wählt einen Präsidenten. Das geht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Die europäischen Länder haben auch lange gebraucht für den Aufbau ihrer Demokratien und dafür bezahlt.

Können Sie von Deutschland aus etwas für ihr Heimatland tun?

Taii: Wir können nur versuchen, den Menschen zu erklären, was in unserem Land passiert. Und wir können versuchen, die in Deutschland lebenden Iraker zusammenzubringen. Saddam versucht mit seiner Baath-Partei seit Jahrzehnten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu spalten, die Schiiten gegen die Kurden und die Christen gegen die Sunniten aufzuhetzen. Ich hoffe, dass der Krieg den Irak nicht spalten wird. Ich habe in Bagdad gelebt und gesehen, dass die Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten friedlich zusammenleben können.

Haben Sie denn Kontakt zu kurdischen Irakern hier in Deutschland?

Taii: Natürlich. Wir haben keine Probleme miteinander.

Herr Hannemann können Sie sich denn vorstellen, in die USA zurückzugehen?

Hannemann: Ich habe Geschwister und eine Tochter in den USA, deshalb wäre es für mich kein Problem, drüben zu leben. Es zieht mich aber nicht mehr so sehr in mein Land zurück.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum so viele Amerikaner Bush unterstützen?

Hannemann: Ich denke, die Amerikaner kennen sich nicht so aus in der Welt. Sie glauben, was ihnen von Regierungsleuten gesagt wird, und nehmen alles eher für bare Münze. Aus meiner Sicht ist Amerika kein richtig demokratisches Land, in dem man sich aussprechen und sich entscheiden kann. Es gab auch keine Aussprache in der Regierung über eine militärische Lösung. Es gab große Protestdemonstrationen in New York und San Francisco. Präsident Bush lobte sie sogar. Sonst geschah aber nichts. Nun steht der Krieg vor der Tür - militärische Macht geht vor Recht.

Sehen Sie die viel zitierte deutsch-amerikanische Freundschaft wirklich gefährdet?

Hannemann: Nur an der Oberfläche. Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungen sind zu stark als dass Regierungspolitik irgendetwas verändern könnte.

Wie gut sind denn Ihre Landsleute über den Irak informiert?

Hannemann: Nicht gut. Ich habe in den USA Geografie studiert, mein Spezialgebiet war der Nahe Osten, ich kenne mich aus in dieser Region. Aber ich bin eine Ausnahme: Als ich nach Amerika gekommen bin, habe ich sofort gespürt, dass die Amerikaner sehr wenig vom Rest der Welt wissen und sich auch nicht besonders dafür interessieren.

Ihre Landsleute werden doch sicher von den Medien mit Informationen über die Situation im Irak überhäuft?

Hannemann: Das ist sicher der Fall, aber die Informationen bleiben an der Oberfläche, und es gibt nur wenige, die das Bedürfnis haben, beispielsweise etwas über den Irak zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Herr Taii, war für Sie Deutschland von vornherein eine Zwischenstation?

Taii: Das kann ich gar nicht sagen, aber es hat sich so entwickelt. Deutschland hat mir Sicherheit gegeben, und dafür bin ich sehr dankbar. Aber meine Heimat ist der Irak.

Ist Herr Hannemann der erste Amerikaner in Deutschland, den Sie kennen?

Taii: Nein, ich habe vor einem Jahr zwei Amerikaner zufällig kennen gelernt, aber es ist bei einer flüchtigen Begegnung geblieben.

Gehen Sie Amerikanern aus dem Weg?

Taii: Überhaupt nicht, es hat sich nur nicht ergeben. Wir haben acht Jahre Krieg mit dem Iran geführt, selbst während dieser Zeit gab es Freundschaften zwischen beiden Völkern.

Waren Sie mal im Irak, Herr Hannemann?

Hannemann: Im Iran und in Syrien war ich, im Irak leider noch nicht, aber ich würde gerne einmal dorthin reisen.

Taii: Ja, ich lade Sie ein. Ich kann Ihnen Babylon zeigen.

Macht Ihnen Ihre Herkunft das Leben in Deutschland schwerer?

Taii: Nein, so kann man das nicht sagen. Ich habe eine Ausbildung zum Netzwerkadministrator gemacht. Als Iraker und Moslem ist es derzeit schwer, einen Job zu finden. Aber man muss natürlich sehen, dass es der Wirtschaft im Moment nicht sehr gut geht. Eine Zeitarbeitsfirma in Stuttgart wollte mir eine Stelle in einem amerikanischen Computerunternehmen vermitteln. Als sie gehört haben, dass ich Iraker bin, hatte ich keine Chance. Mir wurde gesagt, das sei zu gefährlich.

Was werden Sie tun, wenn Amerika den Krieg erklärt?

Taii: Was soll ich machen? Ich werde versuchen, mit meiner Familie in Kontakt zu bleiben, aber letztlich bin ich machtlos. Das wäre eine Katastrophe.

Glauben Sie noch an eine friedliche Lösung des Konflikts?

Taii: Ich hoffe es, aber ich glaube es nicht. Dabei wäre eine friedliche Lösung möglich, aber die würde viel Zeit brauchen. In der vergangenen Woche haben wir das islamische Opferfest gefeiert und haben uns gegenseitig “Frieden für dein Land” gewünscht. Was wir wollen, ist das Regime international zu isolieren, keine diplomatischen Beziehungen mehr mit dem Land unterhalten, die Botschaften schließen und das Regime auf diese Weise zum Sturz zu bringen. Unter einem Krieg leidet nur die Bevölkerung.

Hannemann: Ich fürchte, wir werden einen Krieg vom Zaun brechen, vermutlich schon in ein bis zwei Wochen.

Veröffentlicht am

02. März 2003

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