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Der Tod von Martin Luther King Jr.: Staatlich bestellter Mord

Von Volker Grotefeld

Am 15. Januar wäre Martin Luther King 72 Jahre alt geworden. Seit 1986 wird sein Geburtstag in den USA als nationaler Feiertag begangen - eine Ehre, die außer ihm nur dem Staatsgründer und 1. Präsidenten George Washington zuteil wird. Washington starb eines natürlichen Todes. Martin Luther King wurde ermordet, von Verschwörern, zu denen - wie am 8.12. 1999 ein Gericht in Shelby County in einem Zivilprozess entschied - auch Behörden der US-Regierung zählten. Ein Gegensatz, wie er krasser kaum sein kann.

Seit 1955 setzte sich Reverend Dr Martin Luther King Jr. unermüdlich für die Überwindung der Rassengesetze im Süden der Vereinigten Staaten ein. Für seine Arbeit wurde ihm 1964 der Friedensnobelpreis verliehen - und eben diese Ehrung sollte indirekt auch seinen gewaltsamen Tod verursachen, den von langer Hand geplanten Mord durch eine Gewehrkugel am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee.

King nahm die Auszeichnung durch den Friedensnobelpreis sehr ernst: seine Arbeit konnte sich aus seiner Sicht nach der Preisverleihung nicht mehr nur auf die Bürgerrechte der Schwarzen beschränken. Die ganzen Vereinigten Staaten, ja die ganze Welt habe nun einen Anspruch auf ihn und sein Engagement. Und so setzte er sich z. B. als erster Prominenter in den USA - und gegen den Rat vieler Mitstreiterinnen in der Bürgerrechtsbewegung - ab 1965 gegen den beginnenden Krieg in Vietnam ein. Genau ein Jahr vor seinem Tod hielt er am 4. April 1967 in der Riverside Church in New York City eine flammende Rede gegen diesen Krieg, der inzwischen voll entbrannt war.

Und noch ein Projekt von nationaler Bedeutung nahm ihn in seinen letzten Lebensjahren voll in Anspruch: King plante und organisierte einen »Marsch der Armut« auf Washington. Über alle Rassengrenzen hinweg sollten die Armen und Benachteiligten aus dem ganzen Land in die Hauptstadt kommen und dort solange campieren, bis die Regierung endlich Projekte auflegte, um die Armut in den Slums und den ländlichen Gegenden zu bekämpfen, anstatt Millionen und Abermillionen von Dollars im Dschungel von Vietnam buchstäblich zu verpulvern.

Auch wenn die Vorbereitungen für diese nationale Kampagne zunächst schleppend anliefen, seine Gegner nahmen Kings Pläne äußerst ernst. Sie trauten ihm - und nur ihm - zu, eine solche Bewegung auf die Beine zu stellen, denn sie hatten gesehen, wie er und seine Organisation schon früher ganz unglaubliche Massen nach Washington gebracht hatten. Und seine Gegner waren zahlreich: die Regierung des Präsidenten Johnson, die in King den Anführer der Anti-Vietnam-Bewegung sehen musste, die durch den charismatischen Schwarzen immer populärer wurde; das FBI, das seit Jahren jeden seiner Schritte überwachen ließ und ihn 1964 sogar mit der Androhung der Veröffentlichung von vermeintlichen Mitschnitten angeblicher Sexspiele vor der Annahme des Friedensnobelpreises in den Selbstmord treiben wollte; der militärisch-industrielle Komplex, der um seine Vorherrschaft in Washington fürchtete. Und natürlich die weißen Rassisten, die seit 1955 mit Attentaten und ständigen Morddrohungen das Leben des Pfarrers und seiner Familie bedrohten.

Am 21. Oktober 1967, als eine von King geführte friedliche Demonstration das Pentagon einkreiste, bekamen es die Staats- und Militärführungen mit der Angst zu tun. Sie glaubten tatsächlich, dass eine revolutionäre Umsturzbewegung unmittelbar bevorstünde. Insbesondere auch, da alle »geschulten Kräfte« gegen Terrorismus und Aufstandsbekämpfung wegen des Vietnam-Kriegs außer Landes waren und nicht zur Verfügung standen.

Nach den Morden an J. F. Kennedy und dem schwarzen Bürgerrechtler Malcolm X war es am 4. April 1968 wieder mörderische Gewalt, die eine für viele unliebsame Bewegung jäh verstummen ließ.

King selbst spürte in jenen Tagen so etwas wie eine Todesahnung in sich. Am Tag vor seiner Ermordung hielt er eine Rede, die zu einer seiner bedeutendsten wurde: »… wie jedermann wünsche ich mir ein langes Leben. Ein langes Leben ist etwas Gutes. Aber es kümmert mich im Augenblick nicht. Ich will nur eins: dem Willen Gottes genügen. Denn er hat mir die Gnade gewährt, den Berg zu erklimmen, und ich habe über den Gipfel geschaut und das Land der Verheißung gesehen. Mag sein, dass ich euch nicht dorthin folgen kann. Aber eines sollt ihr heute Abend wissen: Wir werden als ein Volk in das Land der Verheißung gelangen. Deshalb bin ich heute glücklich. Ich fürchte mich nicht. Ich habe keine Angst, vor niemanden. Denn meine Augen haben die Gnade des Herrn gesehen.« Zwanzig Stunden später traf Dr. Martin Luther King Jr. die tödliche Kugel, genau um 18:01 Uhr, vor der Tür seines Zimmers 306 im ersten Stock des Lorraine-Motels. Er starb im Alter von 39 Jahren und hinterließ eine Frau und vier Kinder.

Die offizielle Version

Das FBI und die Polizei von Memphis handelten und ermittelten sehr schnell nach der Tat. Und sie waren - allem Anschein nach - auch erfolgreich. Unmittelbar nach dem tödlichen Schuss wurde bekannt gegeben, dass dieser aus einem Badezimmer der Pension oberhalb von »Jim’s Grill« an der South Main Street abgefeuert worden war. Vor »Jim’s Grill« hatte ein weißes Auto der Marke Ford Mustang gestanden, nach dem umgehend eine Großfahndung eingeleitet wurde. In der Nähe des Tatorts wurde in einem Bündel ein Remington-760-Gamemaster-Gewehr entdeckt, dessen Herkunft innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach dem Attentat geklärt war. Es war von einem gewissen Harvey Lowmeyer am 29. März in Birmingham, Alabama gekauft worden.

Am 10. April wurde nach Hinweisen aus der Bevölkerung der weiße Mustang in Atlanta, Georgia, gefunden. Als Halter wurde ein Eric S. Galt aus Birmingham identifiziert. Durch den Vergleich von Fingerabdrücken, die in der Wohnung Galts illegal sichergestellt wurden, mit den 53000 Fingerabdrücken der FBI-Kartei, wurde zweifelsfrei festgestellt, dass es sich bei Eric S. Galt um den geflohenen Häftling James Earl Ray handelte. Ab dem 17. April setzte das FBI alle Kräfte für eine Großfahndung nach James Earl Ray ein.

Das FBI fragte routinemäßig auch bei der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) an, ob in Kanada kürzlich jemand einen Pass beantragt hatte, auf den die Beschreibung von James E. Ray passte. Am 20. Mai entdeckte ein junger Constable unter den ca. 250.000 Bildern jemanden, der Ray glich und sich als Ramon George Sneyd ausgegeben hatte. Wenig später ermittelte die RCMP, dass dieser Sneyd am 6. Mai nach London geflogen war. Von dort war er weiter nach Portugal und am 17. Mai wieder zurück nach London geflogen.

In den USA erschienen zur selben Zeit Berichte, in denen Ray als »tablettensüchtiger Rassist« und als »einsamer Negerhasser …, der sich die Langeweile hinter Gittern vorzugsweise mit Pornobüchern und Sexmagazinen vertrieben hat«, beschrieben wurde. Ein enger Freund des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der Kolumnist Drew Pearson, schildert Ray als Einzeltäter und Sonderling. »Mittlerweile hat das FBI den Anfangsverdacht zerstreuen können, dass hinter der Ermordung von Reverend Martin Luther King eine Verschwörung steckte.« Zudem habe das FBI herausgefunden, dass Ray sich das notwendige Geld für seinen Lebensunterhalt durch einen Bankraub beschafft habe (erst Jahre später wurde bekannt gegeben, dass Ray nichts mit dem Bankraub zu tun hatte und es andere Hauptverdächtige gab).

Am 8. Juni wurde Ray auf dem Londoner Flughafen Heathrow geschnappt, als er nach Brüssel fliegen wollte. Das Auslieferungsverfahren ging sehr schnell. Schon am 19. Juli 1968 traf Ray in dem eigens für ihn geräumten Sondertrakt des Shelby-County-Gefängnisses ein. Der Auslieferungsantrag der Staaten Tennessee und Missouri fußte weitgehend auf der Aussage von Charles Quitman Stephens, Mieter in der Pension oberhalb von »Jim’s Grill«, der Ray kurz vor der Tat in der Pension gesehen haben wollte.

Noch in London hatte Ray die US-Anwälte Arthur J. Haynes Sr. und Jr. gebeten, ihn zu vertreten. Diese nahmen den Fall auch an und bereiteten sich auf den Prozess vor. Am 10. November 1968, nur zwei Tage vor der Eröffnung und nach einem Besuch des Anwalts Percy Foreman, entließ Ray die Anwälte und beauftragte statt dessen Foreman mit seiner Vertretung. Foreman erwirkte eine Aufschiebung, um sich auf den Prozess vorzubereiten. Da er nur unregelmäßig zu den Prozessterminen erschien, bestellte das Gericht am 18. Dezember die Anwälte Hugh Stanton Sr. und Jr. zu seinen Pflichtverteidigern, die Foreman unterstützen sollten. Am 10. März 1969, noch vor dem eigentlichen Prozessbeginn, legte Ray plötzlich ein Schuldbekenntnis ab, in dem er erklärte, dass er »rechtlich wohl schuldig sei«. Man suchte 12 Namen von der Geschworenenliste aus. Nachdem die Jury beisammen war, eröffnete der Generalstaatsanwalt von Shelby County das Verfahren, in dem er 99 Jahre Haft für Ray forderte. Trotz dessen Geständnis müsse er die Geschworenen mit Beweisen von der Schuld Rays überzeugen. Zudem fügte er hinzu, dass sein Hauptermittler keinerlei Anzeichen für eine Verschwörung ermitteln konnte.

Auch der Anwalt von Ray, Percy Foreman erklärte der Jury, dass es keine Verschwörung gebe. Ray hatte den Verlauf der Verhandlung bis dahin und auch später nicht gestört. Nur jetzt meldete er sich zu Wort und erklärte, dass er mit dem Kompromiss zwar einverstanden sei. Er teile aber nicht die Auffassung des damaligen Generalbundesanwalts Ramsey Clark und des FBI-Chefs Hoover, dass es keine Verschwörung gegeben habe.

Nachdem der Generalstaatsanwalt seine Zeugen aufgerufen und seine Beweise präsentiert hatte, bat der Richter Battle die Jury, durch Handzeichen zu signalisieren, ob sie dem vereinbarten Kompromiss - 99 Jahre Haft gegen Schuldbekenntnis - zustimmen würden. Die Jury hatte keine Einwände und unterschrieb das Urteil. Damit war Ray am 10. März 1969 zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Drei Tage nach Antritt seiner Haftstrafe schrieb Ray einen Brief an das Gericht, in welchem er sein Geständnis widerrief und um Neuaufnahme des Verfahrens bat. Das Gesuch wurde abgelehnt, wie auch die zahllosen anderen Gesuche, die im Laufe der Zeit vorgelegt wurden.

Später wurde mehrfach versucht, Ray mundtot zu machen. Anfang der siebziger Jahre wurde er von Mitgefangenen zu einem Ausbruchsversuch überredet. Als der damalige Gouverneur des Staates Tennessee von dem Ausbruch erfuhr, war ihm sofort klar, dass dahinter nur das FBI stecken konnte. Er flog sofort zum Gefängnis, um zu verhindern, dass Ray »auf der Flucht« erschossen würde und der Fall ein für alle Mal erledigt wäre.

Kurze Zeit später berichtete der ehemalige Nachtclubbesitzer Arthur Wayne Baldwin, dass er einmal von einem Mafia-Boss und einmal von einem FBI-Agenten angestiftet wurde, während einer kleinen Haftstrafe im Gefängnis Ray zu töten. Aber all diese bekannt gewordenen Tatsachen blieben ohne Konsequenzen.

Die Zweifel

Richtig Bewegung kam erst wieder in die Sache als sich William F. Pepper als neuer Rechtsanwalt von James E. Ray verpflichten ließ. Über achtzehn Jahre (!) arbeitete er an dem Fall.

Die Tatsachen, die Pepper ermittelte, zeigen sehr eindeutig, dass James Earl Ray nicht der Mörder von King ist, sondern dass der Anführer der gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung das Opfer einer Verschwörung wurde. Es ist hier nicht der Platz, um all die Ungereimtheiten der offiziellen Version und die zahlreichen Gegenbeweise aufzuführen, die Pepper gefunden hat; in seinem Buch »In der Schusslinie« schildert Pepper die Details auf mehr als 400 Seiten (s. u.). Hier nur ein kleiner Auszug:

  • King war bereits am 28. März in Memphis gewesen, um bei einem Streik der Müllarbeiter mitzuhelfen. Zum ersten Mal kam es an diesem Tag bei einer Demonstration, die von ihm geleitet wurde, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Wie sich später herausstellte, waren sie durch staatliche agents provocateurs angezettelt worden. King war um so mehr entschlossen, Anfang April wieder zu kommen, um erneut eine große Demonstration anzuführen. In der Zwischenzeit wurde in einer Zeitung von Memphis kritisiert, dass King im Holiday Inn Rivermont Hotel und nicht in einem von Schwarzen geführten Motel abgestiegen sei. Daraufhin wohnte King bei seinem nächsten Besuch im Lorraine-Motel. Unbekannte hatten die Pächter angewiesen, King das Zimmer 306 zuzuweisen, vor dessen Tür auf dem Balkon er ein wunderbares Ziel bot. 
  • Während des Besuchs Anfang April wurde der schwarze Polizeibeamte Detective Edward Redditt, der mit einem Team schwarzer Beamter King sonst immer in Memphis begleitete, gegen seinen Willen von der Polizeiführung abgezogen. In der nahegelegenen Feuerwache, von der das Lorraine-Motel gesehen werden kann, wurden die (schwarzen) Feuerwehrmänner am 4. April nach Hause geschickt.
  • Zwischen dem Lorraine-Motel und »Jim’s Grill« bzw. der darüberliegenden Pension liegt eine Straße, eine Mauer und ein Hinterhof. Die Mauer und der Hinterhof waren zur Tatzeit mit dichten, hohen Büschen bewachsen. Selbst für einen ausgewiesenen Scharfschützen wäre es nahezu unmöglich gewesen, King von der Pension durch die Büsche hindurch zu treffen. Und James Earl Ray war kein Scharfschütze: er war 1948 aus der Armee entlassen worden, weil er zu »ungeschickt« war.
  • Am Morgen des 5. April, als die Presse zum Schauplatz geführt wurde, waren die Büsche und Bäume abgeschnitten. Der Befehl dazu war aus dem Polizeihauptquartier gekommen. Dessen Chef war früher FBI-Agent und enger Mitarbeiter J. Edgar Hoovers gewesen. Die Aufnahmen, die vom Mordschauplatz um die Welt gingen, zeigten ein völlig freies Schussfeld aus dem fraglichen Badezimmerfenster.
  • Der Fahrer von King, Solomon Jones, hatte gleich nach dem Schuss einen Mann aus dem Gebüsch klettern und weggehen sehen. Ein Geschäftsmann, John McFerren, hat etwa eine Stunde vor dem Attentat gehört, wie der Großhändler und Mafia-Boss Frank C. Liberto am Telefon sprach und jemanden aufforderte: »Schieß den Mistkerl nieder, wenn er auf dem Balkon steht«. Später gestand Liberto dem Restaurantbesitzer Nathan Whitlock seine Beteiligung am Attentat.
  • Der Zeuge Charles Quitman Stephens, der Ray zur Tatzeit in der Pension gesehen haben will, war nach Aussagen von James McCraw und anderen zur Tatzeit betrunken. Minuten vor dem Attentat hatte McCraw auch gesehen, dass das fragliche Badezimmer in der Pension leer stand. Später hat ihm Loyd Jowers, der Besitzer von »Jim’s Grill« die Mordwaffe gezeigt, die er unter seinem Tresen hervorgeholt hatte.
  • Die Kugel in Kings Körper kann auf den Autopsie-Fotos deutlich als eine Hautdellung an Kings Rücken gesehen werden. Auch bestätigte der Detektiv der Mordkommission, Barry Neal Linville, dass der amtliche Gerichtsarzt von Shelby County, Dr. Jerry Francisco, das Geschoss unzerstört aus der Leiche geholt und es an das FBI-Labor in Washington zur ballistischen Untersuchung übersandt hatte. Die Kugel, die vom FBI dem Gericht präsentiert wurde, war in drei Fragmente geteilt, sodass eine ballistische Analyse ausgeschlossen war.

James Earl Rays Geschichte

Als Ray 1967 aus dem Gefängnis ausgebrochen war, in dem er wegen eines Überfalls auf einen Lebensmittelladen eine Haftstrafe von 20 Jahren absaß, ging er über Chicago nach Kanada. Dort lernte er im Hafen von Montreal einen Mann namens Raul kennen, der ihn in den nächsten Monaten bis zum April 1968 beschäftigte. Er beauftragte ihn mit kleinen Schmuggelgeschäften über die Grenze in die USA nach Mexiko.

Raul hielt mit Ray Kontakt über einen Telefonanschluss in New Orleans und bestellte ihn zu verschiedenen Treffpunkten, wo er ihm Geld und neue Aufträge gab. Raul bewegte Ray, nach Birmingham umzuziehen. Er beauftrage Ray, sich einen neuen Wagen zu kaufen und gab ihm das Geld dafür.

Ab dem 23. März 1968 war Ray wieder von Raul nach Birmingham bestellt worden. Raul beauftragte Ray, ein großkalibriges Gewehr mit Zielfernrohr zu besorgen. Als Ray Raul das unter dem Namen Lowmeyer gekaufte Gewehr zeigte, war dieser nicht damit zufrieden, so dass Ray es am nächsten Tag, dem 30. März 1968, gegen die Remington 760 Gamemaster umtauschte. Nun war Raul einverstanden. Anschließend trennten sich die beiden. Ray sollte am 3. April in einem Motel in Memphis auf Raul warten. Dort trafen sich die beiden und Raul nahm nach Angaben Rays, das Gewehr an sich. Ray behauptete stets, dass er das Gewehr danach nicht wieder gesehen habe.

Raul bestellte Ray für den kommenden Nachmittag um 15:00 Uhr in »Jim’s Grill«. Als Ray ankam, war Raul noch nicht da, und Ray nutzte die Zeit und holte seinen Wagen, den er woanders geparkt und bei dem er kurz zuvor einen Reifen gewechselt hatte. Um 15:30 Uhr war dann auch Raul in »Jim’s Grill«. Ray mietete sich unter dem Namen John Willard in der Pension über »Jim’s Grill« ein und bezahlte für eine Woche im Voraus. Auf dem Zimmer erzählte Raul, dass er einen wichtigen Waffenhändler treffen wolle, um außerhalb der Stadt das Gewehr auszuprobieren. Ray solle daher seine Sachen aus dem Auto in das Zimmer holen, da Raul den Wagen später vielleicht brauche. Raul gab Ray 200 Dollar und schickte ihn ins Kino. Den Mustang solle er stehen lassen. Aber Ray besann sich darauf, dass er keinen Ersatzreifen hatte und beschloss, ihn flicken zu lassen, damit Raul später keine Schwierigkeiten hätte. Zwischen 17:50 und 18:00 Uhr kam Ray bei einer Tankstelle an. Nach einiger Wartezeit erklärte ihm der Tankwart, dass er jetzt keine Zeit mehr habe. Auf dem Rückweg zu "Jim’s Grill" wurde Ray von einem Polizisten angehalten, der ihn aufforderte umzukehren. Da für Ray die Polizei nichts Gutes bedeutete, verließ er die Stadt so schnell es ging in südlicher Richtung. Als er dann im Radio hörte, dass King erschossen und ein weißer Mustang gesucht wurde, war ihm klar, dass er mit den Mördern zu tun hatte. Er setzte sich über Kanada nach England ab, wo er dann gestellt wurde.

Das Geständnis

Nun bleibt natürlich die Frage, warum Ray ein Schuldbekenntnis abgelegt hatte. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass seine ersten Rechtsanwälte, Haynes Sr. und Jr., von einem Literaturagenten namens William Bradforder Huie kontaktiert wurden. Huie wollte über die Anwälte erreichen, dass ihm Ray die Exklusivrechte für seine Geschichte überschrieb. Vom Honorar sollten die Anwaltskosten beglichen werden. Später stellte Ray fest, dass anscheinend alles, was er den Hayners erzählte, über Huie an das FBI gelangte. Deshalb entband er die Haynes von ihrem Mandat. Sein neuer Anwalt, Percy Foreman, war Ray von seinem Bruder empfohlen worden, da er einen Ruf als aggressiver Strafverteidiger hatte. Nachdem Foreman sich zunächst kaum um den Fall zu kümmern schien, begann er ab Mitte Februar 1969 Ray massiv mit der Forderung unter Druck zu setzen, er solle ein Geständnis ablegen. Andernfalls würde er absolut sicher auf dem elektrischen Stuhl enden. Zu dieser Zeit befand sich Ray seit Juli 1968 in Untersuchungshaft. Er wurde permanent überwacht, zahlreiche Mikrofone zeichneten jede Lautäußerung von ihm auf und Tag und Nacht brannte helles Licht in seiner Zelle. Trotz dieses Drucks blieb Ray zunächst standhaft und lehnte ein Schuldeingeständnis ab.

Ray gewann den Eindruck, dass Foreman kurz vor dem Prozess das Mandat niederlegen werde, falls er kein Geständnis ablegte. Kein Gericht würde ihm dann einen erneuten Aufschub gewähren. Zudem glaubte er, dass er »rechtlich« an dem Mord mitverantwortlich war, da er die Mordwaffe gekauft, das Zimmer angemietet und Raul unterstützt hatte. Er wollte daher mit einem vorläufigen Kompromiss Foreman loswerden, um mit einem neuen Anwalt Berufung einzulegen. Daher stimmte er schließlich dem Schuldgeständnis zu, wenn Foreman Rays Bruder Jerry 500 Dollar für einen neuen Anwalt geben würde.

Die Strafe von 99 Jahren war nach der Todesstrafe, die im Staate Tennessee schon lange nicht mehr angewandt wurde, die zweitschwerste Strafe, die überhaupt möglich war. Die Eingabe auf Wiederaufnahme des Verfahrens, die Ray drei Tage nach dem Urteil machte, wurde am 31. März 1969 von Richter Battle geprüft. Dieser erlagbuchstäblich auf den Eingabeunterlagen einem Herzanfall. Das Gesetz von Tennessee sieht in diesem Fall vor, dass der Eingabe automatisch stattgegeben wird. Doch dies unterblieb im Falle Ray.

Die Verschwörung

Nicht nur James Earl Ray ging von einer Verschwörung aus, die zum Tod von Martin Luther King Jr. führte. Auch Kings Witwe Coretta und sein engster Freund und Mitstreiter, Rev. Ralph Abernathy, der zusammen mit Jesse Jackson und Andrew Young bei King stand, als er erschossen wurde, waren immer davon überzeugt, dass der Mord an dem Friedensnobelpreisträger nicht die Tat eines Einzelgängers war.

Aber wer glaubt schon dem Hauptverdächtigen? Wer glaubt schon der verzweifelten Witwe und wer dem besten Freund, die beide nur schwer über den Verlust hinwegkommen?

Allerdings: Niemand wird vertreten, dass eine Verschwörung grundsätzlich nicht ins Bild amerikanischer Politik passte. Und es kann wohl auch kaum behauptet werden, dass die damals Regierenden in den USA vor Mord und Totschlag zurückschreckten, wenn sie Freiheit und Demokratie in Gefahr sahen. Während King starb wurden täglich dutzende Bombenladungen auf vietnamesische Zivilisten abgefeuert. Und noch dieselben Männer waren an der Regierung, die z. B. in den Jahren zuvor mehrfach versucht hatten, Fidel Castro umbringen zu lassen.

Es scheint, als hätten die damals Regierenden tatsächlich fest daran geglaubt, dass der Umsturz, die Revolution in den USA kurz bevor stand. Es scheint, als hätten sie keinen anderen Ausweg gesehen, diese gewaltfreie Revolution zu stoppen, als den anerkannten und charismatischen Führer dieser Bewegung mit tödlicher Gewalt aus dem Weg zu räumen.

Die Rechnung ist aufgegangen. Nach dem Tode Kings fand sich niemand, der seine Rolle ausfüllen konnte. Es gab zwar noch Proteste gegen Vietnam. Es gab noch sogenannte »Rassenunruhen«. Aber all diese Proteste können nicht verglichen werden, mit der Kraft, der Vitalität und der Einigkeit der Bewegung unter Kings Führung. Die Kugel von Memphis brachte die Bürgerrechtsbewegung zu einem Stillstand. Seit dem 4. April 1968 kämpft sie fast ausschließlich darum, das Erreichte zu bewahren.

Alles in allem stellt sich die Geschichte jetzt so dar, dass sich die Staatsspitze verständigt hatte, King zu beseitigen. Und so lief die Sache dann: Der damalige FBI-Chef Hoover hatte über seinen Freund und politischen Verbündeten, den texanischen Ölmillionär Hunt, den Mafia-Boss Carlos Marcello aus New Orleans, zu dessen »Imperium« auch Memphis und der Südwesten gehörte, dazu bewegt, King auszuschalten. Dieser beauftragte über Mittelsmänner den Besitzer von »Jim’s Grill«, Lloyd Jowers, für 100.000 Dollar die Tat zu organisieren. Ihm halfen dabei Raul, ehemalige FBI-Agenten und drei Polizisten aus Memphis.

Es wurde sichergestellt, dass King im Lorraine-Motel und im Zimmer 306 abstieg. Gleichzeitig wurden zwei Zwei-Mann-Einheiten mit Scharfschützen des Special-Forces-Teams des Militärgeheimdienstes (902. MIG), von denen Pepper eidesstattliche Erklärungen vorliegen hat, auf dem Dach des Illinois Central Railroad Buildings sowie auf dem Wasserturm der Tayloe-Papierfabrik positioniert, um bei einem Fehlschuss des eigentlichen Schützen nachzuhelfen.

Gleichzeitig wurde ein entflohener Sträfling so manipuliert, dass er als Sündenbock herhalten konnte. Während sonst alles wunderbar klappte, hatte sich dieser jedoch nicht an die Abmachung gehalten, und - um im vorauseilenden Gehorsam, einen platten Reifen zu wechseln - vorzeitig das Feld verlassen. Daher konnte er nicht auf frischer Tat ertappt und dann »leider« bei einem »Fluchtversuch« erschossen werden. Um den Schaden einzugrenzen, wurde Rechtsanwalt Foreman, der auch für den Mafia-Boss Marcello arbeitete, ins Spiel gebracht, um Ray zu einem Geständnis zu bewegen.

Der Zivilprozess

Nachdem Pepper von der staatlichen Justiz immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, entschied er sich, einen Zivilprozess gegen Lloyd Jowers, den Besitzer von »Jim’s Grill« anzustrengen, da dieser 1993 ausgesagt hatte, er sei dafür bezahlt worden, den Anschlag auf King zu organisieren.

Am 8. Dezember 1999 verlas der Richter dieses letzten Prozesses in Sachen Mord an Martin Luther King das Urteil der Geschworenen: »In Beantwortung der Frage »Hat Loyd Jowers an einer Verschwörung zum Schaden Dr. Martin Luther Kings teilgenommen?« ist Ihre Antwort »Ja«.« Und der Richter fuhr fort: »Haben Sie auch geurteilt, dass die anderen, einschließlich Regierungsstellen, wie vom Beklagten angegeben, Teil der Verschwörung waren? Ihre Anwort zu dieser (Frage) ist auch »Ja«.«

James Earl Ray konnte nach diesem Urteil keine Gerechtigkeit mehr widerfahren. Er hat fast 30 Jahre seines Lebens unschuldig im Gefängnis verbracht und starb am 23. April 1998.

In den USA hat dieser Zivilprozess nicht mehr für Aufsehen gesorgt. Dies mag vielleicht daran liegen, dass nach dem Fernsehprozess, den Rays Anwalt Pepper Anfang der neunziger Jahre anstrengte, um auf das Schicksal Rays aufmerksam zu machen, einer CBS-Umfrage (1998) zufolge 90% der US-Amerikaner bereits von der Unschuld Rays und der Existenz einer Verschwörung zum Tode Kings überzeugt waren.

Die schwache Beachtung mag aber auch daher stammen, dass King heute auf die Bürgerrechtsbewegung reduziert wird. Durch seine Erhöhung zur nationalen Ikone konnten seine radikalen Forderungen nach einem gewaltfreien und gerechten Umbau der Gesellschaft übergangen werden. Die amerikanische Gesellschaft hat Dr. Martin Luther King Jr. heute »weiß gewaschen«.

Volker Grotefeld hat anstelle seines Zivildienstes zwei Jahre beim Farm Labor Organizing Committee (FLOC) in den USA gearbeitet. FLOC ist eine Landarbeitergewerkschaft, die sich im Geiste Martin Luther Kings für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der ausländischen Landarbeiter, zumeist mexikanischer Abstammung, einsetzt. Grotefeld hat als Kandidat zum Thema »Martin Luther King jr.« in der ZDF-Sendung »Risiko« (Ausstrahlung 14. - 17.08.2000) teilgenommen. Er ist Diplomingenieur in der Umwelttechnik und lebt in Düsseldorf.

Quelle: zivil - Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit, 1/2001. Wir bedanken uns bei der Redaktion für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Veröffentlicht am

05. Oktober 2001

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