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Das Vermächtnis Martin Luther Kings für die ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt

Vortrag Prof. Dr. Theodor Ebert auf dem Studientag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Hamburg am 10. September 2001 im Benediktinerkloster Nütschau

“weil du die Zeit nicht erkannt hast,
in der du gnädig heimgesucht worden bist.”
Luk. 19,44

DAS VERMÄCHTNIS MARTIN LUTHER KINGS FÜR DIE ÖKUMENISCHE DEKADE ZUR ÜBERWINDUNG DER GEWALT

Jüngste Eindrücke aus den USA

Mitte August bin ich von einer dreiwöchigen Studienreise durch die USA zurückgekehrt. 16 Mitglieder des deutschen Zweiges der International Fellowship of Reconciliation und befreundeter pazifistischer Organisationen waren auf den Spuren Martin Luther Kings von Atlanta, über Montgomery, Birmingham und Memphis nach Washington und Philadelphia, nach New York und Boston gereist. Unsere Gruppe verband langjähriges Engagement in der Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in der DDR, Hochachtung für Martin Luther King als eloquenten Vertreter der gewaltfreien Aktion und der Wunsch, etwas über die Nachwirkung der großen Kampagnen der Bürgerrechtsbewegung zu erfahren.

Ich will die Eindrücke dieser Reise heranziehen, um die mir gestellte Aufgabe zu bearbeiten. Ich soll untersuchen, welche Bedeutung das Kreuz für das politische Engagement der Christen hat. Da ich von Beruf Politologe und nicht Theologe bin, werde ich keine christologischen Aussagen machen und in der Regel diejenigen Worte und Begriffe gebrauchen, die wir im Alltag und in der Politik in den Mund nehmen und nur gelegentlich die Bibel zitieren, wenn uns solches ‘Verfremden’ des Gewohnten vielleicht weiterhilft. Ich habe in über zwanzig Jahren kirchlicher Gremienarbeit und synodaler Tätigkeit und auch durch Lektüre so manche Diskurse unter Theologen verfolgen können. Meist waren sie geistreich, doch ich hatte gelegentlich auch den Eindruck, dass sie zum Selbstzweck werden können. Man merkt manchmal erst so richtig, was gemeint ist, wenn die Fachtheologen es wagen, sich auf die Agora zu stellen und direkt zu den Athenern zu sprechen. Der Test der Theologie ist dann die Mikrofonprobe.

Ich habe aus den USA und aus seinen Bürgerrechtsmuseen drei Sammlungen von Tonbandaufnahmen Martin Luther Kings mitgebracht. Es sind zum einen Predigten und zum anderen politische Reden. Die Unterscheidung ist etwas willkürlich, denn King hat bisweilen in Kirchen hochpolitische Reden gehalten und an säkularen Orten als Prophet der Kirche gesprochen. Predigten und politischen Reden unterscheiden sich kaum durch ihren Inhalt und ihre Sprache. Sie unterscheiden sich durch den Umstand, dass sich King bei den Predigten auf Bibeltexte bezieht und bei den politischen Reden auf die Verfassung der Vereinigten Staaten - und manchmal eben auch auf beides. An letzteres, also die Mischung der beiden Elemente, werde ich mich im Folgenden halten.

Wer den Spuren Martin Luther Kings folgt, stößt ständig auf Stätten, an denen Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung ermordet wurden. Ich will die Namen der Toten hier nicht alle aufzählen, obwohl dies noch möglich wäre, denn die Zahl ist mit etwa dreißig Namen überschaubar - und dies unterscheidet sie von den Opfern von Bürgerkriegen oder auch nur von gewalttätigen Gettoaufständen wie dem von Watts bei Los Angeles im Jahre 1965, wo innerhalb weniger Tage mehr Menschen erschossen wurden als in einem Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung.

Es gibt in Montgomery vor dem Southern Poverty Law Center - unweit der Dexter Avenue Baptist Church, also Martin Luther Kings Gemeinde zur Zeit des Busboykotts - einen Brunnen aus schwarzem Granit, in den all die Namen der bis 1968 Ermordeten eingemeißelt sind. Die Genannten sind keine Opfer; sie wollten auch nicht zu Märtyrern werden. Das sind Menschen, die gestorben sind, weil sie es nicht länger ertragen wollten, wegen ihrer Hautfarbe gedemütigt zu werden, oder weil sie es als Weiße nicht mit ansehen wollten, dass ihre Mitmenschen und Mitchristen wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Sie haben sich nicht geopfert; sie wurden ermordet. Sie wollten leben. Sie haben sich für ein besseres Amerika engagiert und sie hofften dies selbst zu erleben. Und jedes dieser Menschenleben bedeutete einen großen, unersetzlichen Verlust.

Zum Selbstverständnis der Ermordeten

Nicht alle Ermordeten waren in der Theorie der gewaltfreien Aktion soweit bewandert, dass sie eine strategische Begründung dafür gehabt hätten, dass ihr Tod nicht umsonst war. Vielleicht haben auch nicht alle gewusst, in welche Gefahr sie sich begeben, wenn sie Orte aufsuchen, an denen die Bürgerrechtsbewegung aktiv ist und die darum auch Attentäter anzogen wie das Licht die Motten. In Birmingham wurden vier Sonntagsschülerinnen in der Kirche ermordet, von denen die Proteste ausgegangen waren. Die Kinder kannten das Risiko eines Gottesdienstbesuches wahrscheinlich nicht in der gleichen Weise wie die Mutter von Martin Luther King, die an der Orgel der Ebenezer Kirche in Atlanta ermordet wurde. Doch selbst die Kinder waren keine ahnungslosen Opfer sondern Teil einer gewaltfreien Bewegung, die bewusst gewaltsame Mittel aus ihrem Instrumentarium ausgeschieden hatte und die sich von dieser Grundsatzentscheidung auch durch keinen Mordfall abbringen ließ.

Wenn man vor diesen Gedenkstätten steht, dann geht es nicht allein um das Gedenken an die Person der Ermordeten, sondern es geht auch immer um die Frage: Aus welchem Grunde haben weder sie, noch ihre Angehörigen sich von ihrer gewaltfreien Strategie abbringen lassen?

Im Einzelnen ist dies bei den meisten Ermordeten noch nicht erforscht. Da steht dann immer wieder die Person Martin Luther Kings für die anderen; da spricht dann der Prophet für die Gemeinde. Ich denke, dass man richtig ansetzt, wenn man von Jesu Wort “Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” ausgeht. Das ist jetzt nicht im juristischen Sinne die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit. Die Mörder waren in der Regel schuldfähig.

Doch Martin Luther King und andere Sprecher der Bürgerrechtsbewegung haben immer wieder darauf hingewiesen, dass diesen Mördern gerade das Bewusstsein für das fehlt, was sie tun. Durch das selbstbewusste Auftreten der Schwarzen, die als Sklaven nach Amerika verschleppt worden waren, wurden die Weißen in ihrem Selbstbild so verunsichert, dass einige ihre Unsicherheit und ihren Mangel an Ichstärke in gewalttätigen Aggressionen abreagierten.

Die Wut auf die Verunsicherer steigert sich bis zur Weißglut, wenn diese Kritiker auch noch auf die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Bekundungen und den Taten der Regierenden hinweisen. Und je höher gestellt diese als Heuchler Entlarvten sind, desto heimtückischer ihre Reaktionen.

Die Motive der Mörder

Martin Luther King wurde nicht von einem ordinären Südstaatler auf der Straße erschlagen. 1968 hatte möglicherweise der eine oder andere arme Weiße bereits begriffen, dass der sogenannte Nigger auch seine Interessen wahrnahm und dass es beim Widerstand gegen den Vietnam-Krieg und bei der Poor People’s Campaign auch um seine Sache ging. Das Attentat auf Martin Luther King am 4. April 1968 hatte die weißglühende Wut des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson über Kings Kritik am Vietnamkrieg und an der Armut in Amerika und in der Welt zum Hintergrund. Das FBI hat systematisch im Auftrag des Präsidenten an der psychischen und wahrscheinlich auch an der physischen Vernichtung Martin Luther Kings gearbeitet. Ich sage nicht, dass Johnson direkt den Auftrag zu Ermordung Kings gegeben hat, aber im moralischen Sinne kann man durchaus zu Johnson wie zu Nathan zu David sagen: Du bist der Mann!

Ich kann dies hier im einzelnen nicht ausführen. Im Bastei-Lübbe Verlag ist eine detaillierte, seriöse Untersuchung der Ermordung Kings erschienen. William F. Pepper: In der Schusslinie. Die wahren Hintergründe der Ermordung von Martin Luther King, Mai 1998.

Ich spreche hier über die moralische Verantwortung für die Ermordung Martin Luther Kings und ich siedle sie ganz oben an und dies scheint mir auch passend zu sein im Blick auf die Verantwortung für den politischen Mord an Jesu. Das war ein übler Deal zwischen der Oberschicht in Jerusalem und der Besatzungsmacht. Mit den Juden als Volk und ihrer Religion hatte dies so viel und so wenig zu tun wie die Ermordung von King mit dem amerikanischen Volk und der amerikanischen Verfassung. Wer die Wut von Lyndon B. Johnson auf King kennen lernen will, greife zur besten King-Biographie, die es gibt und die als Taschenbuch im Heyne-Verlag erschienen ist: Stephen B. Oates: Martin Luther King. Kämpfer für Gewaltlosigkeit, München 1986.

King als Ikone

In den USA hat man nun eine anderweitig bereits erprobte Lösung für den Umgang mit dem schärfsten Kritiker amerikanischer Regierungspolitik gefunden. Man hat aus King ein Idol gemacht. Sein Geburtstag, der 15. Januar, wurde zum Nationalfeiertag. Das ist fast so absurd wie die Verwendung des Kreuzes auf den Schilden römischer Legionäre. Man kann zwar in den Museen der Bürgerrechtsbewegung die Schriften Kings kaufen und es gibt seine politischen Reden und Predigten auf Tonband - und diese zu hören, ist schon sehr eindrucksvoll - , aber es besteht die Gefahr, dass der aggressive, kritische Baptistenprediger Martin Luther King von dem amerikanischem Idol, dem auf einem Sockel stehenden Doktor King verdrängt wird.

Wir kennen diesen Vorgang aus der Geschichte des Christentums zur Genüge. Aus dem Bergprediger wurde ein Kyrios. Es ist die Frage, ob man die Idole von Zeit zu Zeit mit der Realität konfrontieren kann, indem man die Idole verfremdet. Man stelle sich vor, amerikanische Bischöfe würden statt eines goldener Kreuzes eine Giftspritze um den Hals tragen, um damit gegen die Todesstrafe zu protestieren, oder amerikanische Gemeinden würden am Altar statt eines Kruzifixes einen elektrischen Stuhl oder die Nachbildung eines Trident-U-Bootes aufstellen.

Die Kreuze in den bayrischen Schulen halte ich zwar für eine Heuchelei, aber wenn sie dort schon hängen, dann sollten darunter auch täglich von den Schülern - in Eigenverantwortung - passende Zeitungsausschnitte geheftet werden, Berichte über die Ermordung von Menschen, die ihren Überzeugungen gemäß in Frieden leben wollten. Und wenn ein deutscher Bischof schon meint, er müsse die Konsequenzen seines Glaubens um den Hals tragen, dann soll er sich eben statt mit einem Kreuz mit der Ablehnung eines Asylgesuches dekorieren.

Das mag dem einen oder anderen im Einzelfall unpassend erscheinen, aber auch diese werden mir wahrscheinlich darin recht geben, dass wir beim Anblick eines Kreuzes und selbst beim Anblick des gekreuzigten Jesus - und er begegnet uns in der Regel heute als Kunstwerk - gar nicht mehr an eine reale, sich stundenlang hinziehende Hinrichtung denken. Eigentlich denken wir uns fast nichts mehr dabei. Wenn man sich in die Situation des Gekreuzigten hineindenkt, dann wird man dabei fast wahnsinnig oder man fängt hemmungslos an zu heulen. Und wenn einem das in einem Karfreitagsgottesdienst - gewissermaßen unvorbereitet - passiert, ist es einem richtiggehend peinlich. Mir ist das jedenfalls so gegangen und ich war erleichtert, dass neben mir ein ziemlich frommes Gemeindemitglied saß, das mir wie selbstverständlich ein Taschentuch zusteckte.

Die Bedeutung des Kreuzes

Ich rechne mich ja nicht zu den Frommen und an meinem Arbeitsplatz habe ich es nur in Ausnahmefällen noch mit Christen zu tun. Ich muss christliche Worte und Symbole in aktuelles Deutsch übersetzen. Das Kreuz ist gewissermaßen der symbolische Ausdruck für das Risiko, das man eingeht, wenn man versucht, mit der Bergpredigt Politik zu machen - oder man könnte auch sagen, wenn man versucht, mit gewaltfreien Mitteln Politik zu machen.

Es geht darum, dass man sich um eine wahrheitsgemäße Analyse der gesellschaftlichen Lage bemüht und konstruktive Vorschläge macht. Natürlich hofft man, dass diese Analysen und diese Vorschläge gut ankommen, und dies ist auch manchmal der Fall, sogar dann, wenn Analysen und Vorschläge unbequem sind. Dann spricht man von einer lernfähigen Gesellschaft. Das ist das, was wir uns wünschen. Und wir haben alle die Absicht, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie ihrerseits lernfähig werden. Und das Ganze in ein System gebracht nennen wir Demokratie.

Aber das funktioniert eben nicht immer. In der Gesellschaft als Ganzer, aber auch in gesellschaftlichen Subsystemen bis hinab in die Familie gibt es eben immer wieder Lernblockaden, die du mit klugen Argumenten und patenten Vorschlägen nicht überwinden kannst. Da beißt du scheinbar auf Granit und die Analysierten und Ermahnten greifen zu Sanktionen, um sich die Kritiker vom Hals zu schaffen. Und erforderlichenfalls eben mit Gewalt.

In meinem Bücherregal steht ein Broschüre des American Friends Service Committee, wir nennen sie gemeinhin Quäker und sie tragen das längst mir Humor. Diese Broschüre hat den Titel “Speak Truth to Power”, also: Sag den Mächtigen die Wahrheit! Damit fängt’s an. Und da denkst du dir: Das ist doch kein Problem. Aber das ist verkehrt. Den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, ist gar nicht so einfach. Denn du kannst da nicht verfahren nach dem schwäbischen Rezept: Ma sagt ja nix, ma red ja bloß. Da muss man erst mal recherchieren, was die Wahrheit ist, und dann muss man sie auf den Punkt bringen. Und das macht zum einen Mühe und zum anderen muss man damit rechnen, dass die Angesprochenen pikiert reagieren, also ein süßsaures Gesicht machen und dir bedeuten: Wenn du mir noch mal so kommst, dann werde ich dich demnächst, wenn du einen Wunsch hast, wahrscheinlich nicht mehr unterstützen. Das heißt, unsereiner zögert, die Wahrheit zu sagen, weil er es mit den Mächtigen nicht verderben will. Man will dazugehören und man rechtfertigt seine Feigheit, indem man sich sagt: Wenn ich jetzt schweige, dann kann ich demnächst für eine gute Sache mehr erreichen. So funktioniert die Fraktionsdisziplin in Parteien, so funktionieren wahrscheinlich Aufsichtsräte und so funktionieren mitunter sogar Kirchenleitungen.

Von der Harthörigkeit der Mächtigen

Doch nehmen wir mal an - und dies ist eine kühne Annahme: Man hat den Mächtigen, also denjenigen, die über Sanktionen verfügen, die Wahrheit gesagt und man hat sich von den noch-nicht-gewaltsamen, den eher sozialen Sanktionen nicht aufhalten lassen und man hat dann feststellen müssen, dass die Mächtigen nicht hören wollen, dann gibt es die weitergehende Möglichkeit, dass man den Mächtigen die Zusammenarbeit verweigert oder gar - und das ist die radikalste Konsequenz - dass man ihre Anordnungen und ihre ungerechten Gesetze ignoriert und übertritt. Darauf reagieren sie dann in aller Regel ziemlich sauer und greifen zu harten Sanktionen.

Darum findet der Zivile Ungehorsam in der Literatur zur gewaltfreien Aktion auch große Aufmerksamkeit. Für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen, kann die erste Station eines Kreuzweges sein - und Gandhi und King waren des Öfteren im Gefängnis - und ihre Briefe aus dem Gefängnis gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der politischen Literatur. Aber ich will Ihre Aufmerksamkeit noch einmal zurücklenken auf das Aussprechen der Wahrheit, auf den Widerspruch, der noch vor dem Widerstand kommt. Es gibt Situationen, in denen das Aussprechen der Wahrheit und die zu befürchtenden sozialen Sanktionen Menschen härter treffen können als eine Gefängnisstrafe. Eine Gefängnisstrafe kann nur der Staat aussprechen. Doch wenn Sie in einem Betrieb oder in familiären Konfliktsituationen unangenehme Wahrheiten aussprechen, kann dies intern zu Sanktionen führen, die schmerzlicher sind als eine Gefängnisstrafe. Man denke an die Polizisten, die es wagen, extrem gewalttätige Kollegen zu kritisieren oder gar anzuzeigen.

Solche Sanktionen können jeden von uns treffen. Manchmal vollkommen überraschend. Weil ich der geschönten Familiengeschichte meiner Mutter - nach viel zu langem Zögern - schließlich widersprochen, peinliche Fragen gestellt und sie zu einer Verhaltensänderung zu bewegen versucht hatte, hat sie ohne Aussprache gegen mich soziale Sanktionen verhängt, die mich sehr schmerzten und die meinen Blutdruck in eine Höhe trieben, die eine ärztliche Behandlung erforderlich machten. Und wer mit Seelsorge mehr zu tun hat als ich, wird wissen, dass solche schmerzhaften Reaktionen auf das Aussprechen von Wahrheiten oder das bloße Nachfragen Legion sind und sie die große Masse der Sanktionen und der Verletzungen ausmachen. Die blutige Gewalt als Sanktion fällt besonders auf. Vielen Menschen fehlt die Fähigkeit, zu ihren seelischen Verletzungen bewegende Worte zu finden. Doch ich denke, dass die Erfahrung, um der Wahrheit willen auch anerkannten Autoritäten - seien dies nun Schriftgelehrte oder Väter und Mütter - zu widersprechen, am Anfang des Kreuzweges steht, der dann viele Stationen umfassen kann, wobei man immer hoffen darf, dass es nicht zum Äußersten kommt.

Risiken des Widerspruchs und des Widerstands

Die Frage ist natürlich: Warum soll ich mich überhaupt auf das Risiko des Widerspruchs und des Widerstandes einlassen? Gehört man von Geburt zu den Privilegierten, dann kann man mit den Wölfen heulen. Oder man gehört zu den Unterprivilegierten, dann ist es in der Regel immer noch bequemer, sich anzupassen und sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Martin Luther King hat es gelegentlich ausgesprochen: Die meisten schwarzen Pfarrer in den Südstaaten haben sich nicht in der Southern Christian Leadership Conference engagiert, sondern die Bürgerrechtspolitik aus dem Gemeindeleben herauszuhalten gesucht. Und es war schließlich bekannt, mit welchen Sanktionen die Rassisten gegen engagierte Gemeinden vorzugehen pflegen. Mit Attentaten war zu rechnen. Mehrere Kirchen sind von Bomben zerstört worden.

Gelegentlich wird Stillehalten und politische Abstinenz auch theologisch begründet. “Wie Gott will, ich halt still.” So zu argumentieren, wäre zu banal. Dies zu erörtern, schenke ich mir. Persönliche Bescheidenheit in Ehren, aber das Stillehalten kommt eben nicht in Frage, wenn die Leidtragenden andere Menschen sind. Dann ist Intervention geboten.

Man kann politische Abstinenz auch eschatologisch begründen und die Endzeit beschwören. Wenn jemand dies glaubt, ist er argumentativ schwer zu erreichen. Ich denke nur, dass wir das nicht wissen können und wahrscheinlich auch nicht wissen sollen, und dass wir darum eine Verpflichtung haben, für die Erhaltung des Lebens in menschenwürdiger Form einzutreten. Das will ich jetzt nicht begründen. Da könnte man zu Hans Jonas “Ethik der Verantwortung” greifen. Die Frage ist für den Einzelnen dann immer: Hat dieser Einsatz auch Aussicht auf Erfolg? Martin Luther King hat dies auf die Formel gebracht: Das Universum hat eine innere Anlage zur Entfaltung der Gerechtigkeit und darum stößt alles, was wir mit gewaltfreien Mitteln in dieser Richtung unternehmen, auch auf Resonanz und wird sich kurz- oder langfristig auch auswirken, jedenfalls nicht vergeblich sein.

Das ansprechbare Programm des Universums

Ich denke, dass man eine solche Aussage nicht beweisen kann, dass sie aber den Urgrund der Religion darstellt. Wenn man sagt, Gott sei die Liebe, dann ist damit wohl gemeint, dass die Menschen darauf angelegt sind, auf Liebe zu reagieren und dass es im Universum wie im Computer ein Programm für Gerechtigkeit gibt, das entsprechende Inputs zu speichern und zu verarbeiten vermag.

Mir ist es unheimlich, wenn Menschen zu wissen behaupten, was Gott will. Deus vult. Gott mit uns usw. Wenn solche Ansprüche mit der Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, gepaart sind, dann wird es ganz furchtbar, egal ob im Mittelalter Kreuzzüge veranstaltet wurden, oder ob heutzutage, Selbstmordattentäter annehmen, ihre Tat bringe sie im Sofortverfahren ins Paradies. Die Vorstellung, dass Gott die Liebe ist, lässt sich jedenfalls mit dem Töten um der Gerechtigkeit willen nicht vereinbaren. Damit würde man Gott unterstellen, dass seine Schöpfung eine Fehlkonstruktion ist, ja dass er gar nicht existiert. Im sinnlosen Chaos kann man nicht annehmen, dass eine gewaltfreie Tat, die zum Tod des Täters führt, ihren Sinn darin hat, dass sie den Lauf des Universum mit ihrer Energie bzw. ihren Daten nachhaltig beeinflusst. Genau dies nimmt aber ein Martin Luther King an.

Vorläufig noch Gewalt?

Nun gibt es in unseren Kirchen Menschen, die dies alles nicht grundsätzlich bezweifeln, aber nun argumentieren: ‘Das mag ja alles so sein, und grundsätzlich vertraue ich auch darauf, aber es gibt eben schwierige Situationen, in denen man vorübergehend noch etwas Gewalt androhen oder einsetzen muss, um etwas ganz Schreckliches - also zum Beispiel Völkermord - zu verhindern.’ Und sie fügen dann beschwichtigend hinzu: ‘Das gilt alles nur vorläufig, aber noch geht es nicht anders.’ Das ist das berühm-berüchtigte Noch der Heidelberger Thesen.

Ich habe das Noch von Anfang an für eine Ausrede gehalten, aber an der Formulierung der Heidelberger Thesen waren immerhin Leute wie Gollwitzer und C. F. v. Weizsäcker beteiligt, die sich auf dem Noch nicht ausgeruht, sondern sich bemüht haben, in dem, was sie vielleicht als Gnadenfrist begriffen haben, wirkliche Fortschritte auf dem Weg zur Eliminierung der Gewalt zu erzielen.

Doch die Situation ist heute anders als zum Zeitpunkt der Abfassung der Heidelberger Thesen. Mit dem Ende der Konfrontation von NATO und Warschauer Pakt bestand eine Riesenchance, die Drohung mit Waffengewalt aus dem Instrumentarium der Politik zu eliminieren und stattdessen die gewaltfreien Mittel zu entwickeln. Die Erfolge gewaltloser Aufstände in vielen Ländern des Warschauer Paktes und die Abwehr des gegen Gorbatschow gerichteten Staatsstreiches waren große Zeichen für die politische Kraft der gewaltfreien Aktion.

Es war in den 90er Jahren ziemlich deutlich, dass es sich bei der gewaltfreien Aktion um ein entwicklungsfähiges Instrumentarium handelt und dass man hier investieren sollte - statt die NATO so umzurüsten, dass sie in Zukunft an vielen Orten mit militärischen Mitteln intervenieren kann.

Die Waffenrüstung Gottes

Ich will hier nicht den Propheten spielen, aber ich will doch meinen persönlichen Eindruck von dieser weltpolitischen Konstellation aussprechen. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Menschheit von Gott gezeigt worden, was mit gewaltfreien Mitteln möglich ist. Gott hat den Menschen seine Waffen gezeigt - im Sinne des Epheser-Briefes: “Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet mit Wahrheit und gerüstet mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und tragt als Schuhe die Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verkünden. Vor allem aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes.” (Eph. 6, 13-17)

Was hier steht, klingt nach Erfolgsgarantie: “alle feurigen Pfeile auslöschen”. So optimistisch bin ich nicht. Die Pfeile können verletzen und uns liebe Menschen entreißen. Und manchmal trägt man daran auch eine Mitschuld. Man kann auch mit gewaltfreien Mitteln Niederlagen erleiden, nicht zuletzt aufgrund strategischer und taktischer Fehler. Doch soweit meine ich dem Epheserbrief folgen zu können: Die Kampfkraft der gewaltfreien Aktion und auch die Wandlungsfähigkeit von Menschen und Regimen ist uns allen in großartigen Beispielen demonstriert worden. Auf die Propheten und Praktiker Gandhi und King folgten an anderen Stellen der Erde neue gewaltfreie Massenbewegungen - ohne dass es außerordentlicher Persönlichkeiten bedurft hätte. Die Tauglichkeit der gewaltfreien Aktion für die Durchschnittsmenschen, gewissermaßen die Gemeindetauglichkeit, wurde demonstriert. In dieser Gemeindetauglichkeit sah ich gewissermaßen die Auferstehung, die Präsenz des Bergpredigers. Da musste nicht ein Messias erscheinen, sondern wir mussten nur die Augen aufmachen und erkennen, was die Stunde geschlagen hat.

Doch was würde Jesus sagen, wenn er heute in die USA oder nach Europa käme? Wir können das lesen bei Lukas 19, Verse 41-44. “Und als er näher kam, sah er die Stadt und weinte über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkennen würdest, was zum Frieden dient.” Sie wissen, wie der Text weitergeht und es widerstrebt mir, ihn zu zitieren. Ich belasse es bei dem letzten Halbsatz “weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du gnädig heimgesucht worden bist.” Ich denke wir Deutschen, die Balten, die Polen, die Ungarn, die Tschechen und Slowaken und auch andere Völker gnädig heimgesucht worden sind. Vor allen anderen hätten wir Deutschen allen Grund gehabt, die Zeit zu erkennen und unser Bestes zu tun, die Waffenrüstung Gottes zu entwickeln. Wir haben schmählich versagt, und ich weiß nicht, wie lange die Gnadenfrist jetzt noch währt.

Die Ökumene hat sich mit ihrer Dekade zur Überwindung der Gewalt zehn Jahre gegeben. Ich hoffe auch, dass wir hier eine zweite Chance haben. Doch wir müssen sie auch nutzen.

Der Geist der Feigheit

Ich möchte mich im letzten Drittel meines Referates dieser zweiten Chance zuwenden - in der Interpretation eines Bibelwortes, das Ihnen vertraut ist - in einer ganz bestimmten Übersetzung. Ich verwende die Übersetzung, die mich kürzlich in einer Predigtsammlung Sören Kierkegaards überrascht hat.

Gott gab uns nicht den Geist der Feigheit, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Tim. 1,7) Üblicherweise wird in den Übersetzungen des zweiten Briefes von Paulus an Timotheus nicht vom “Geist der Feigheit”, sondern vom “Geist der Furcht” gesprochen. Sich zu fürchten, wäre nicht ehrenrührig, und für denjenigen, der das peinliche Thema anspricht, bedeutete die Rede von der Furcht noch keine Selbstverpflichtung zur Tapferkeit. Doch es geht Paulus nicht um kluge Furcht, sondern um feiges Ausweichen vor dem, das als richtiger Weg einsehbar ist.

So gibt es auch heute noch Bibelworte, die einen anspringen und die ganze Staffage, die wir um ums uns aufgebaut haben, einreißen. Und ein solches Wort ist hier das Wort von der Feigheit. Es stach mir ins Auge, als ich in der Bücherkiste eines Antiquars vor der Mensa der Freien Universität Berlin stöberte und auf eine Sammlung von Predigten Sören Kierkegaards stieß, darunter die eine “Gegen die Feigheit”.( )

Wenn man dieses Wort des Paulus und seine Auslegung durch Kierkegaard nun bezieht auf die Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt, dann richtet sich dieses Wort zunächst an jeden einzelnen von uns, also an den furchtsamen Timotheus in uns. Doch das Wort richtet sich auch an unsere Kirchen in Deutschland und an die Ökumene, an unsere so genannte Gemeinschaft der Heiligen.

Ob diese Dekade sich als eine heuchlerische Inszenierung oder als ein ernsthaftes Experiment unter existenziellem Einsatz erweisen wird, ist noch offen. Wir haben noch 9 Jahre Zeit, um zu beweisen, dass wir es ernst meinen und nicht feige kneifen. Es ist zu befürchten, dass es bei den wohl inszenierten Gesten bleiben wird. Den TV-Gottesdienst in der Berliner Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche zur Eröffnung der Dekade empfand ich als eine solche farbenprächtige, wohl intonierte Multi-Kulti-Inszenierung mit klerikalem Pomp.

Zum Beispiel Ziviler Friedensdienst

Das Problem sehe ich darin, dass wir wissen, was getan werden müsste, aber die öffentlichen Risiken und die finanziellen Konsequenzen scheuen. Ich möchte dies am Beispiel der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zeigen, deren Kirchenleitung ich bis Ende 1996 zwölf Jahre lang angehörte.

Als wiedervereinigte Kirche, in der Erfahrungen ostdeutscher bürgerrechtlicher Resistenz und westdeutscher Friedensbewegung und Friedensforschung amalgamierten, machten wir uns Gedanken zur Überwindung der Androhung bewaffneter Sanktionen in der Politik. Wir wussten um das machtpolitische Potenzial der Methoden der gewaltfreien Konfliktbearbeitung in der Innen- und Außenpolitik, wie es uns in den Experimenten Gandhis, Martin Luther Kings und vor unserer eigenen Tür, ja in unseren Kirchen demonstriert worden war. Wir hatten in Synoden, in Ausschüssen und in Akademien über die gewaltfreie Formen der Sicherheitspolitik beraten. Anfang der 90er Jahre war zum Beispiel in den baltischen Staaten zu beobachten gewesen, wie junge, wiedererstandene Republiken sich gegen Staatsstreiche und eine übermächtig scheinende Besatzungsmacht betend zu behaupten vermochten. Ich war im Sommer 1992 mit einer Delegation des Bundes für Soziale Verteidigung, der Dachorganisation pazifistischer Friedensverbände, durch Litauen und Lettland gereist. Ich habe mit den Menschen gesprochen, die in Vilnius und Riga ihre Parlamente mit einer Mauer von Unbewaffneten, von Betenden verteidigt hatten. Hier hatte er gewaltet, der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Wir wussten also Bescheid, und als die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg ihre Denkschrift zum Zivilen Friedensdienst vorlegte, war allen Beteiligten ziemlich deutlich, was getan werden müsste, damit diese Alternative zum bewaffneten Einsatz zu Stand und Wesen kommt. Die EKiBB hat auch noch ein entsprechendes Gutachten zu den Formen der Ausbildung und des Einsatzes bei dem deutsch-amerikanischen Pädagogen Uwe Painke eingeholt.

Praktisch ist dann aber kaum mehr geschehen als das Weiterreichen dieser Vorschläge, Überlegungen und ersten Trainingserfahrungen an die Bonner, später an die Berliner Politik. Dies erfolgte in der Erwartung, dass man dort die kirchlichen Anregungen aufgreifen und gesetzgeberisch und richtungweisend umsetzen würde. Dies ist aber nur in unzulänglicher Weise geschehen, und wir haben auch nicht viel Druck gemacht. Die EKiBB hatte zum Beispiel vorgeschlagen, dass zunächst allen Wehrpflichtigen die Option eröffnet würde, sich an Stelle der militärischen Ausbildung für eine gleichberechtige und in vergleichbarer Weise qualifizierende Ausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung zu entscheiden.

Dass die Politiker diese kirchlichen Vorschläge rasch aufgreifen und umsetzen würden, durfte man nicht erwarten. Es war schon ermutigend, dass einige überhaupt zuhörten und in begrenztem Umfang auch Unterstützung signalisierten. Das Problem war, dass sie das militärische Instrumentarium und auch den Einsatz der Polizei als letzte Stütze der Inneren Sicherheit nicht in Frage stellen wollten. Der Zivile Friedensdienst wurde von einer ‘Alternative’ in eine ‘Ergänzung’ uminterpretiert und somit zur neuen Legitimierung des fragwürdigen militärischen Instrumentariums herangezogen. Das schloss im übrigen nicht aus, dass der Zivile Friedensdienst in seiner bescheidenen Dimensionierung gute Arbeit leistete.

Ergänzung oder Alternative?

Vielleicht hätte man angesichts eines kooperativen oder auch konkurrierenden Nebeneinanders von Bundeswehr und Zivilem Friedensdienst nicht unbedingt den Streit um die Worte ‘Ergänzung’ oder ‘Alternative’ führen müssen. Fatal war meines Erachtens, dass die Kirchen sich nicht für die jesuanische Linie der gewaltfreien Konfliktbearbeitung entschieden, sondern im Kosovo-Krieg auf die alten Denkmuster der gerechtfertigten Kriegführung zurückgefallen sind. Das war auch eine Konsequenz unserer Versäumnisse. Wir hatten zwischen 1992 und 1996 nicht genug dafür getan, dass der Zivile Friedensdienst zu Stand und Wesen kam, wie unser Bischof Martin Kruse zu sagen pflegte. Gemessen an der Energie eines Gandhi und eines Martin Luther King haben ältere Friedensforscher wie ich viel zu zögerlich agiert. Ich habe mich durch die Ablehnung von Förderungsanträgen, Schwierigkeiten beim Training von Pilotgruppen und die Bedenkenträgerei meiner pazifistischen Freunde, welche die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen scheuten wie der Teufel das Weihwasser, entmutigen und dämpfen lassen. Man kann zwar die Hunde nicht zum Jagen tragen, aber die Leistung eines Martin Luther King und seiner Freunde in der Southern Leadership Conference bestand darin, dass diese jungen, dynamischen Pfarrer unglaublich Druck gemacht und auch Krakeel veranstaltet haben. Hören Sie sich mal eine Predigt von Martin Luther King an und dann vergleichen sie das mit dem Gesäusel unserer Sonntagspredigten, dann wissen Sie was der Unterschied ist zwischen einer Posaune, die die Mauern von Jericho zum Einstürzen bringt, und einem schöngeistigen Lahmarsch, der nur an den Mauerblümchen schnuppert.

Ein Elektrokonzern kann möglicherweise Atomkraftwerke und Windräder bauen, aber ich denke, dass die Kirche Jesu Christi nicht beides kann, einerseits die Kriegführung und die ganzen dazugehörigen Rüstungsmaßnahmen rechtfertigen und andererseits den Aufbau der Kapazitäten für die gewaltfreie Konfliktbearbeitung befördern. Die Kirchenleitungen und insbesondere die Bischöfe, die medienwirksam vorpreschen mit ihren Stellungnahmen, wollen es gerne allen recht machen, einerseits den Pazifisten und andererseits den mit gewaltsamen Mitteln Regierenden. Den Pazifisten versichern sie, dass sie ein Herz hätten für den Zivilen Friedensdienst und den Regierenden zeigen sie, dass sie auch Verständnis haben für die Staatsräson und die Bundeswehr. So schreibt der Berliner Bischof Dr. Wolfgang Huber in einem Geleitwort zu Tilman Evers (Hg.): Ziviler Friedensdienst. Fachleute für den Frieden: “Die Rede von militärischer Gewalt als ‘letztem Mittel’ ist unglaubwürdig, wenn davor, daneben und danach nicht zahlreiche andere, gewaltfreie Mittel und Instrumente der Streitbeilegung bereit stehen und entwickelt werden.”

Das ist elegant formuliert und gemeint ist dies gewiss als Unterstützung des Zivilen Friedensdienstes. Doch aus der Sicht der Befürworter der militärischen Mittel bedeutet dieser Satz doch auch: Für die Unterstützung des Zivilen Friedensdienstes sind bekannte kirchlichen Kritiker der Bundeswehr bereit, an der Lehre vom gerechtfertigten Krieg als letztem Mittel festzuhalten bzw. diese Lehre wieder aus der Versenkung zu holen, in die sie angesichts atomarer Kriegführung bereits geraten war. Mich erinnert der von Wolfgang Huber angedeutete Deal an den Satz von Henri Quatre: Paris ist eine Messe wert. Doch im Blick auf den aktuellen und geplanten Umfang des Zivilen Friedensdienstes ist das Paris von Wolfgang Huber noch ein winziges Dorf, gewissermaßen ein Weiler, der sich schwerlich zur Stadt auf dem Berge stilisieren lässt.

Für den Zivilen Friedensdienst stehen jährlich 16 Millionen DM bereit. Das ist ein schlechter Witz im Vergleich zu den Mitteln für die Bundeswehr. Doch was macht die Bundeswehr in Mazedonien, wenn die UCK ihre neuen Waffen nicht abliefert und die albanische Zivilbevölkerung mit Straßenblockaden die Rückkehr von nicht-albanischen Flüchtlingen verhindert? In Mazedonien geht es um Bürgerrechte und um das Zusammenleben von Bevölkerungsteilen unterschiedlicher Herkunft. Das Problem lässt sich doch von deutschen Soldaten nicht bearbeiten. Das kann auch ein Ziviler Friedensdienst nicht so ohne weiteres, aber unbewaffnet könnte er sich zumindest vor Ort mit einheimischen Nicht-Regierungs-Organisationen bemühen, den Problemen auf den Grund zu gehen. Die deutschen Soldaten sitzen vorläufig in ihren Lagern und gucken mit den Ferngläsern nach außen und warten ab.

Ausbildung und Einsatz des Zivilen Friedensdienstes

Der Zivile Friedensdienst bedarf einer ganz anderen Ausbildung als Soldaten oder auch Polizisten. Eine solche gewaltfreie Einsatzgruppe muss innerhalb der Bevölkerung und mit dieser arbeiten. Er muss sich wie der Fisch im Wasser bewegen. Wenn in einer Gegend gewalttätige Gruppen die Bevölkerung einschüchtern und einzelne terrorisieren, wie dies zum Beispiel auch innerhalb Deutschlands in so genannten ‘national befreiten Gebieten’ geschieht, dann würde ein Ziviler Friedensdienst sich nicht auf irgendwelche Aufmärsche der NPD kaprizieren und Gegendemonstrationen inszenieren, sondern er würde das Umfeld der Rechtsextremisten und der rechts Orientierten zu verändern trachten und auch mit diesen so genannten Rechtsextremisten und ihren Angehörigen selbst Kontakt aufzunehmen suchen. Mit einschüchternden und strafenden Maßnahmen ändert man rechts orientierte Jugendliche nicht.

Wahrscheinlich wären wir als Christen in einer glaubwürdigeren Position, wenn wir öffentlich erklären würden, dass wir jetzt und in Zukunft auf Seiten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung stehen und dass etwas anderes von uns nicht länger zu erwarten ist. Eine solche Position wäre für manche in der Regierung und auch für manche kirchlichen Amtsträger, die sich mit dem Militär arrangiert haben, ärgerlich; sie würde aber auch die Befürworter eines konsequenten Pazifismus der gewaltfreien Aktion zu erheblichen Anstrengungen organisatorischer und finanzieller Art verpflichten.

Doch dann könnten wir nach einer ökumenischen Dekade auch Bilanz ziehen und darüber Auskunft geben, wie wir mit den anvertrauten Pfunden gewuchert haben. Das Eingeständnis des Scheiterns und eigener Schwäche - trotz Anstrengung - fände ich dann immer noch besser als weiter im politischen mainstream zu schwimmen und dennoch so zu tun, als ob wir Christen etwas Eigenständiges zu sagen hätten. Der mainstream mündet dann auch wieder nur in einer Inszenierung und in keinem spontanen Dankesfest für das, was uns von Gott gewährt wurde.

Wenn ich Kierkegaard richtig verstanden habe, dann erwartet er von uns, den Nachfahren des Timotheus, nicht, dass wir kühne Entschlüsse fassen und großspurige Erklärungen abgeben, sondern dass wir begreifen: Die eigentliche Gefahr besteht darin, die Risiken des angepassten Durchwurstelns und Karrieremachens zu verkennen. Stattdessen sollten wir zusehen, wie wir unseren Entschluss zur Nachfolge im Alltag, aber - das wäre meine Hinzufügung - auch in einem pazifistischen Design wie einem kräftigen Zivilen Friedensdienst vorleben.

Das Gerechtigkeitsdefizit

Wenn man in einer Welt, in der seit Menschengedenken mit Gewalt gedroht wurde und Gewalt auch immer wieder eingesetzt wurde, um Vorteile zu erlangen, nun einseitig bewaffnete Mittel ausscheidet und sich auf seine gewaltfreie Widerstandskraft und Gottes Hilfe verlässt, dann ist das zweifellos riskant. Man muss mit Bedrohungen rechnen und man wird nicht alle Bedrohungen vorhersehen können. Doch man muss auch sehen: Der andere Weg, die bewaffnete Gewalt - quasi sicherheitshalber - vorzuhalten ist auch riskant. Meines Erachtens ist er sogar sehr viel riskanter. Wenn die Stabilisierung der herrschenden Verhältnisse nicht gelingt - und ich denke diese Stabilisierung der ungerechten Verhältnisse auf dem Globus wird immer aufwendiger werden -, dann kann es zu einer entsetzlichen Katastrophe kommen. Und es gibt neben der Gefahr der Katastrophe eines Atomkrieges auch die schleichenden Katastrophen, die bereits im Gange sind, wie zum Beispiel die Klimaveränderungen. Ich war entsetzt, wie in den USA Energie verschwendet wird. Auch das Bürgerrechtsmuseum in Memphis ist bei einer Außentemperatur von 42 Grad im Schatten auf weniger als 20 Grad heruntergekühlt worden. Die Klimaanlagen verbrauchen Strom in astronomischen Mengen, weil die Gebäude zudem schlecht isoliert sind. George W. Bush ist mit seiner industriehörigen Politik ein Heuchler, wie ihn sich schlimmer kaum vorstellen kann. Doch es sind zu wenige, die dies aussprechen. Aber sind die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, welche das Dosenpfand torpedieren denn ein Jota besser?

Die Umstellung auf eine Politik mit gewaltfreien Mitteln wäre unbequem. Es wäre auch nicht billig, weil man für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen müsste. Der gegenwärtige Verschwendungskonsum wäre im Rahmen gewaltfreier Politik nicht ‘darstellbar’. Wir müssten anders leben und solidarischer handeln. Die Notwendigkeit solcher Veränderungen würden wahrscheinlich viele nicht sofort einsehen. Es würde zu erheblichen Friktionen kommen und diese würden von der Opposition mit Zeter und Mordio begleitet werden. Damit eine Regierung, die solche Risiken eingeht, nicht alsbald wieder abgewählt wird, müsste für einen gewissen moralischen Rückhalt gesorgt werden. Das wäre auch eine wichtige Aufgabe der Kirchen. Diese müssten jetzt schon zu erkennen geben, dass auf sie Verlass ist und dass sie sich besonnen für Ausdauer bei der Umstellung einsetzen werden.

Es ist sicher sehr schwierig, eine solche Umstellung durchzuhalten. Da lässt sich nicht sofort eine große Friedensdividende ausschütten. Doch, je länger wir die Aufgabe vor uns herschieben, desto schwieriger wird es werden.

Und darum lautet die Frage jetzt in der Dekade: Habt ihr die Courage, Euch auf eine Politik mit gewaltfreien Mitteln einzulassen und die notwendigen Investitionen zu tätigen und an anderer Stelle die erforderlichen Abstriche zu machen?

Ich kann für den Umgang mit dieser Aufgabe jetzt nicht mit Pathos ein Patentrezept verkündigen, sondern kann nur noch einmal das zitieren, was Paulus an den jungen Timotheus, der noch nicht viel Erfahrung hatte, einst geschrieben hat und wir wissen nicht, wie Timotheus es aufnahm und ob er den in ihn gesetzten Erwartungen entsprechen konnte: Gott gab uns nicht den Geist der Feigheit, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Tim. 1,7)

Wir bedanken uns bei unserem Freund Theodor Ebert für die Überlassung dieses Vortrags zur Veröffentlichung

Veröffentlicht am

20. September 2001

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