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Die Freude, für den Frieden zu frieren

Von David McReynolds, pensionierter Mitarbeiter der War Resister League, New York, und US-Präsidentschaftskandidat der Socialist Party 2000.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen bei der Demonstration am Samstag (18.01.2003) in Washington waren. Die Veranstalter sagten, dass es eine halbe Millionen waren - das scheint mir zu viel. Aber es waren sicherlich über 100.000. Vielleicht ist das Beste, was dazu gesagt werden kann, dass es "genug" waren - mehr als genug.

Als ein Veteran von Demonstrationen, einschließlich dem "Marsch auf Washington" im August 1963 (bei dem ich Kings historische Rede gehört habe), kann ich sagen, dass dies eine der größten Demonstrationen war, bei der ich je gewesen bin. Und das nicht im Frühling oder im Herbst, wenn das Wetter angenehm und das Marschieren einfach ist, sondern mitten während des Kältetiefpunktes des Januars.

Ich hatte mir gesagt, ich lasse diese Demonstration aus, indem ich mir selbst einredete, dass das Alter ja auch seine Vorteile hat, und da ich mit 73 im Kino eine Ermäßigung bekomme, könnte ich mir vielleicht auch die lange Fahrt nach Washington ersparen. Aber am Ende bin ich doch gefahren und darüber bin ich froh.

Diejenigen von uns, die aus New York City kamen, mussten schon um 5 Uhr morgens auf den Beinen sein, wenn wir den Bus erreichen wollten, der um 6 Uhr losgefahren ist. Der Himmel war noch ohne jedes Morgengrauen, die Straßen leer und die Temperaturen so um die Minus10 °C. Wir kamen gegen 11 Uhr in Washington an und es war ein Chaos der schönsten Art. Es gab eine Rednertribüne auf der "Mall" in der Nähe des Capitols und die Redner sprachen schon, als ich ankam. Das Lautsprechersystem war nicht gerade erstklassig und ich habe nur wenig von den Reden verstanden. Aber es interessierte mich nicht, wer redete, sondern ich war an den Demonstranten interessiert. Die Menge war einfach überwältigend, die "Mall" füllend, sich in kleinen, frierenden Gruppen bewegend, einige Trommeln schlagend, meistens mit Schildern.

Natürlich erwartet man New York und New Jersey und Pennsylvania, aber Mississippi war da. Und South Carolina, Wisconsin, Illinois, Montana, Vermont (die Leute aus Vermont meinten, das Wetter wäre etwas zu warm). Ich habe mir nur einige der Schilder gemerkt, die den Bundesstaat angaben - ich glaube, fast jeder Staat der Union war da. Einschließlich Alaska!

Ich habe Ellen Barfield getroffen, eine Veteranin, die der War Resisters League beigetreten ist, als sie aus dem Dienst entlassen wurde, und die gerade von einem fünfwöchigen Aufenthalt im Irak zurückgekehrt war. Sie berichtete, dass es sehr schwer war, von dort wegzugehen, da die Menschen eine schreckliche Angst vor dem kommenden Krieg haben. Zwei von Phil Berrigans Töchtern waren ebenfalls da und verteilten Anti-Kriegs-Schilder.

Als ich auf dem Rückweg im Bus über die Demonstration nachgedacht habe, hat mich zunächst der gute Wille der Menschen erstaunt. Dann die unterschiedlichen Altersklassen - wobei die Mehrheit sehr jung war. Die Jugend, von der uns gesagt wird, dass sie sich nicht für Politik interessiere, war zu zehntausenden dort. Und auch diejenigen von uns, die schon viele Demonstrationen gesehen haben, waren dabei, mit Glatze oder grauen Haaren, mit unseren Wollmützen und unseren Fausthandschuhen.

Es gab eine ungewöhnlich hohe Anzahl von behinderten Menschen, einige mit ihren eigenen Motorrollstühlen, einige mit Rollstühlen, die von ihren Freunden geschoben wurden. Es gab Hunde, die ihre eigenen Transparente trugen. Und vorsichtig eingepackte Babys.

Schwarze, Weiße, Braune - alle waren da. Einige von uns hatten Zweifel in Bezug auf die Organisatoren der Demonstration - aber unsere Befürchtungen stellten sich als unbegründet heraus. Der Hauptveranstalter, ANSWER, wird sehr stark von einer kleinen Gruppe Marxisten/Leninisten bestimmt, die zu der winzigen Workers World Party gehören. Diese Tatsache wurde von einigen - einschließlich solchen pedantischen Akademikern wie Michael Walzer, dem Mitherausgeber der Zeitschrift "Dissent? und derzeit beliebtesten "Linken" des Establishments - als Grund genutzt, nicht teilzunehmen (Workers World wurde 1956 als eine Abspaltung der Trotzkisten gegründet, um die sowjetische Invasion in Ungarn zu unterstützen. Später unterstützte es den Putschversuch gegen Gorbatschow und die chinesische Niederschlagung des Studentenprotests am "Platz des Himmlischen Friedens").

Workers World hätte wahrscheinlich ohne die Hilfe von Ramsey Clark, einem früheren Generalstaatsanwalt, der als öffentliches Gesicht von ANSWER diente, keinen solchen Erfolg gehabt. Aber für Zehntausende von Menschen die kamen, mich eingeschlossen, war das Thema nicht, wer die Hauptlast zur Organisation der Demonstration getragen hat - sondern wer im Weißen Haus sitzt! Der guten Ordnung halber möchte ich als langjähriger Gegner der Politik von Workers World anmerken, dass sie mit der Arbeit, die sie geleistet haben, Respekt verdienen, und dass ihre prominenteste Person, Brian Becker, sich sicherlich das Recht erarbeitet hat, gehört zu werden (viele Friedens- und Menschenrechtsgruppen, einschließlich War Resisters League, die über ANSWERs Monopol bei der Organisation nicht glücklich sind, haben ihre einige Koalition gebildet - United for Peace und Justice -, mit ihrer Internetseite www.unitedforpeace.org. Diese Koalition plant für den 15. Februar eine Großdemonstration in New York City. Falls Washington ein Gradmesser sein kann, werden die Zahlen weiter anschwellen.).

Es waren Nonnen, Priester und Rabbiner dabei. Verschiedene religiöse Orden hatten ihre eigenen Transparente. Peace Action, die Grünen, all die verschiedenen sozialistischen Gruppen, alle waren da.

Aber die meisten Menschen schienen zu ihrem eigenen Trommler zu marschieren, mit ihren eigenen, sehr individuellen Schildern. Es war fast so, als habe ein sehr mächtiges "Zentralkomitee" die Parole ausgegeben: "Gebt Euch spontan". Ja, es gab die standardisierten Schwarz-Weiß-Schilder, maschinell gefertigt, von der einen oder andern linken Gruppe. Aber sie gingen in einem Meer von Transparenten und selbst gefertigten Postern unter. Hier einige davon: "Regimewechsel beginnt zu Hause", "Ich liebe dieses Land", "Ich lasse dies nicht zu", "Wen würde Jesus bombardieren", "Holt die leeren Sprengköpfe aus dem Weißen Haus", "Achse des Bösen - Bush, Cheney, Rumsfeld", "Eine abweichende Meinung ist patriotisch" und, von einem jungen Mitglied der Socialist Party, "Keinen Krieg aber Klassenkampf".

Zahlreiche Leute wurden gesehen, die nichts als nur Olivenbaumzweige trugen. Es gab seltsame weiße Vögel, die aus Stoff gemacht waren und die über uns schwebten, mit Stöcken hochgehalten. An einer Kreuzung haben sich die Leute abwechselnd auf ein großes weißes Tuch gelegt, jemand malte schwarze Linien um ihre Körper, so dass man, als sie aufstanden, den Umriss der Opfer sehen konnte.

Die Zehntausende verbrachten die Zeit von morgens um 11 Uhr bis abends gegen 5 oder 6 Uhr bei Temperaturen, die, obwohl es sonnig war, nicht einmal die Frostgrenze erreichten.

Einmal, als wir entlang der Pennsylvania Avenue marschierten, hörte ich Rufe "Es ist auch unsere Flagge" und ging rüber, um zu sehen, was los war. Eine Gruppe von Republikanern im Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte Schilder aufgestellt, welche die Demonstranten verhöhnten, und natürlich eine große amerikanische Flagge. Nach einigen festen Sprechchören "Es ist auch unsere Flagge" marschierte die Gruppe mit dem Slogan weiter: "Eine abweichende Meinung ist patriotisch".

Ihr aus anderen Ländern, ihr müsst wissen, dass Friedensdemonstrationen ganz regelmäßig stattgefunden haben, und in steigender Zahl, sogar als die Kongressabgeordneten Angst davor hatten, Bush zu widersprechen. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so starke Spaltung in der "aktiven öffentlichen Meinung" gesehen zwischen der Regierung, die weiterhin ihre Pläne vertritt, den Irak einzunehmen, und den Menschen in den kleinen Städten und großen Metropolen überall in diesem Land.

Washington D.C. ist eine Welt für sich und es kann sein, dass der Kongress bislang nicht versteht, wie tief die aktive Opposition gegen diesen Krieg ist. Viele von uns erwarten eine Art "Golf von Tonkin"-Zwischenfall, der helfen soll, die Öffentlichkeit zu gewinnen, aber das Misstrauen ist sehr groß (Anmerkung des Übersetzers: ein angeblicher Angriff auf US-Schiffe im Golf von Tonkin diente der US-Regierung als Vorwand, sich aktiv in Vietnam militärisch zu engagieren). Die Menschen erinnern sich daran, dass dieser Präsident nicht gewählt wurde. Die Medien fangen endlich an, über die Demonstrationen zu berichten - eine Berichterstattung, welche die grundsätzliche Spaltung des Establishments widerspiegelt. Nie zuvor war das Weiße Haus so isoliert wie heute, angesichts einer Weltmeinung, die gegen diesen Krieg ist. Tony Blair mag sprechen, aber er spricht nicht mehr für Großbritannien, nicht einmal für die Labor Partei. Bush mag sprechen, aber er hat sein Mandat verloren, für Amerika zu sprechen.

Wir sollten darin Hoffnung finden, dass unsere Aktionen uns gegenseitig stärken werden. Der Krieg ist noch kein "erledigtes Geschäft". Bush ist auf einem ernsten Kollisionskurs mit den gemäßigten einfachen Amerikanern, die an einem bitterkalten Tag gekommen sind, nicht nur in Washington D.C., sondern auch in San Fransisco und in anderen Städten überall im ganzen Land (und in der ganzen Welt!). Die Hoffnung von einfachen Menschen überall auf der Welt beruht auf solche Massendemonstrationen, wie wir sie gesehen haben. Diejenigen an der Macht müssen dies wahrnehmen, oder die Aktionen des zivilen Ungehorsams, die bereits begonnen haben, werden sich vertiefen und ausbreiten, während Bushs illegaler Machtmissbrauch sich einer ernsthaften Konfrontation mit den Bürgern gegenüber sieht.

Übersetzung: Volker Grotefeld (25.01.2003), Bearbeitung von Michael Schmid - Wir danken Volker Grotefeld für seine Bereitschaft, diesen Text ins Deutsche zum Übersetzen!

Veröffentlicht am

26. Januar 2003

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