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“Wir wollen weder den schlimmen Diktator, noch den fürchterlichen Befreiungskrieg!”

Rede von Nizar Rahak vom 25.01.2003 bei einer Demonstration gegen den Irak-Krieg in Schwäbisch Gmünd

Nizar Rahak war gemeinsam mit seiner Frau zehn Jahre im Widerstand gegen das Regime Saddam Husseins. Dabei haben sie Schreckliches erlitten. Viele Freunde verloren sie durch Ermordung. Bei Nizar waren ein Splitter in der Wange, eine Kugel im Arm und Giftgas, durch das er zeitweise erblindete und das bleibende Lungenschäden zurückließ, die Folgen seiner Opposition gegen Sadam Hussein. Schließlich blieb nur noch die Flucht - vor 12 Jahren kamen Nizar Rahak und seine Frau nach Deutschland.

Hier sein Redemanuskript:

Meine Damen und Herren,

im Namen der irakischen Mitbürger in Schwäbisch Gmünd bitte ich Sie um Solidarität mit unserem Volk.

Schon der US-alliierte Krieg gegen den Irak 1991 galt nicht einer Diktatur, sondern der Etablierung einer »neuen Weltordnung«, der Verschiebung hegemonialer Grenzen nach dem Zusammenbruch der Staaten des Warschauer Vertrages.

Mit dem US-alliierten Krieg gegen den Irak 1991 wurde das Propagandawort “sauberer Krieg” erfunden, der den Diktator wegbomben und dabei die Zivilbevölkerung verschonen sollte.

Tatsächlich steht der Golfkrieg wie kaum ein anderer Krieg, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Namen westlicher Werte geführt wurde, für die systematische Zerstörung der zivilen Infrastruktur eines Landes:

Es war ein Angriff auf die Wasser- und Energieversorgungssysteme und andere Infrastruktureinrichtungen, der in Wahrheit den Effekt biologischer Kriegführung hatte.

Im Grunde genommen hatte der Angriffszweck nichts mit dem Krieg selber, sondern erst mit der Zeit hernach zu tun. Die USA wollte mit dieser Kriegsführung und mit diesem Angriff auf die Infrastrukturen die biologischen Grundlagen des Iraks so schwächen, daß sie die Bevölkerung nach dem Krieg als Geisel nehmen konnte, um ihre politischen Ziele in der Region zu erreichen.

Dürfen wir das nicht “internationalen Terrorismus” nennen?

Und tatsächlich war mit der militärischen Kapitulation der irakischen Führung der US-alliierte Krieg nicht zu Ende.

Es kam die Wirtschaftsblockade, die Millionen von zivilen Opfern traf, ohne die Diktatur zu berühren. Wir bezeichnen das als die schlimmste Menschenrechtsverletzung an unseren Kindern, unseren Familien und an unseren wirtschaftlichen und sozialen Infrastrukturen.

Seit diesem Krieg ist Hunger eine »intelligente« Waffe der US-Alliierten. Das belegen die Zahlen von UN-Organisationen: Die FAO sprach 1995, vier Jahre nach dem Krieg, von einer Million Toten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte 1996 fest, daß sich die Kindersterblichkeit vermehrt hat und die Mehrheit der Bevölkerung unterernährt ist. Der Einsatz uranhaltiger Munition hat unter den Zivilisten Hunderte von Krebskranken, besonders bei den Kindern, verursacht .

Hernach sollte ein sogenanntes »ziviles« Instrumentarium dort ansetzen, wo der Krieg aufgehört hat. Militärisch wären die US-Alliierten in der Lage gewesen, das irakische Regime zu beseitigen. Vieles spricht dafür, daß die damaligen Bündnispartner aber einen solchen Regimesturz nicht wollten. Aber die Bevölkerung zu verletzen, das scheint erlaubt zu sein.

Realpolitisch gesehen scheint ein schwacher Diktator für die USA mehr Vorteile zu bringen als eine starke demokratische Regierung.

Im Grunde genommen sind Saddam Hussein und die USA alte Partner. Die USA haben gemeinsam mit dem Regime Saddam Husseins im März 1991 unseren Volksaufstand in Südirak niedergeschlagen. Unter den Augen der Amerikaner durfte Saddam Hussein seine militärischen Hubschrauber, Kanonen und Raketen gegen unsere rebellierende Bevölkerung und gegen die Freiheitskämpfer einsetzen und Tausende von Opfern verursachen.

Darum möchte unser Volk auch jetzt seine Befreiung nicht den Amerikanern anvertrauen, sondern nur der internationalen Solidarität. Die USA haben Usama bin Laden und Saddam Hussein, diese ehemaligen CIA-Agenten, für ihre neokolonialistische Außenpolitik ausgenutzt, um weltweit die Energiequellen zu beherrschen. Zuerst Afghanistan und jetzt Irak, und morgen vielleicht Iran und dann Russland.

Wir lehnen diese Politik ab. Wir wollen weder den schlimmen Diktator, noch den fürchterlichen Befreiungskrieg. Wir verlangen politische Lösungen. Wir fordern mehr Zeit für die Waffeninspektoren, mehr Zeit für alternative Befriedungskonzepte. Wir treten dafür ein, die Resolution 688 des Sicherheitsrates aktiv zu verwirklichen. Sie unterstützt die Menschenrechte im Irak.

Wir fordern die internationale Solidarität mit den irakischen, demokratischen Bewegungen. Wir wehren uns gegen die Unterstützung von CIA-Agenten und ehemaligen irakischen Kriegsverbrechern, die man jetzt im Westen hofiert. Jetzt zuschlagen gibt nur ein grauenhaftes Blutbad, über das man uns keine richtigen Nachrichten geben wird.

Stimmen Sie überall gegen diesen Krieg! Lassen Sie ihn nicht zu! Sind Sie solidarisch mit unseren Frauen und Kindern! Unser Volk hat keine Luftschutzkeller, in die es sich verkriechen könnte. Unser Volk hat schon genug gehungert! Dieser Krieg bringt keinen Frieden. Er hat nur etwas mit dem Tod zu tun. Ich danke Ihnen für Ihre Solidarität!


Wir danken unserem Freund Nizar Rahak dafür, daß er uns sein Redemanuskript zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt.

Veröffentlicht am

25. Januar 2003

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