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Es geht um Öl

Bei dem sich abzeichnenden Krieg geht es nicht um chemische Sprengköpfe oder Menschenrechte: Es geht um Öl.

Von Robert Fisk

The Independent / ZNet 18.01.2003

Ich saß diese Woche auf dem Fußboden eines älteren Betonhauses in einem Vorort von Amman und stopfte große Mengen Lammfleisch und in geschmolzener Butter gegarten Kochreis in mich hinein. Die älteren, bärtigen Männern in ihren Kleidern, die aus Maan, der islamistischsten und ungehorsamsten Stadt Jordaniens stammen, saßen um mich herum, tauchten ihre Hände in das Fleisch und den gegarten Reis und baten mich eindringlich, immer mehr von dem riesigen Berg zu essen, bis ich mich gezwungen fühlte, darauf hinzuweisen, dass wir Briten in den letzten hundert Jahren soviel vom Nahen Osten gegessen hätten, dass unser Hunger nun gestillt sei. Daraufhin wurden Gebete gemurmelt, bis ein älterer Mann antwortete: “Die Amerikaner essen uns jetzt.”

Durch die geöffnete Tür, wo Regen auf die Pflastersteine plätscherte, heulte ein scharfer Wind aus östlicher Richtung, aus den Wüsten Jordaniens und des Iraks. Jeder Anwesende war der Meinung, Präsident Bush wolle irakisches Öl. Tatsächlich glaubt jeder Araber, den ich in den letzten sechs Monaten getroffen habe, dass dies, und allein dies, die Begeisterung für den Einmarsch in den Irak erkläre. Viele Israelis denken genau so. Ich auch. Sobald ein amerikanisches Regime in Bagdad eingesetzt ist, werden unsere Ölgesellschaften den Zugang zu 112 Milliarden Barrel Öl haben. Einschließlich noch nicht nachgewiesener Vorräte könnten wir am Ende fast ein Viertel der Weltvorräte kontrollieren. Und dann soll es beim bevorstehenden Krieg nicht um Öl gehen?

Das US-Energieministerium verkündete Anfang des Monats, dass bis spätestens 2025 die US-Ölimporte vielleicht 70% der gesamten Binnennachfrage ausmachen werden. (Vor zwei Jahren waren es noch 55%). Wie Michael Renner vom Worldwatch Institute es diese Woche sorgenvoll ausdrückte: “werden sich die Lagerstätten in den USA weiterhin verringern und viele Ölfelder in den Staaten, die nicht zur OPEC gehören, werden austrocknen. Der größte Teil der zukünftigen Vorräte wird aus der Golfregion kommen.” Es ist kein Wunder, dass die gesamte Energiepolitik der Bush-Regierung auf die Zunahme des Ölverbrauchs basiert. Etwa 70% der nachgewiesenen Ölvorräte liegen im Nahen Osten. Und dann soll es beim bevorstehenden Krieg nicht um Öl gehen?

Schauen wir uns die Statistiken über das Verhältnis von Ölvorräten zur Ölproduktion an, d.h. die Zahl der Jahre, in denen die Ölvorräte bei den jetzigen Produktionsraten reichen, zusammengestellt von Jeremy Rifkin. In den USA, wo schon mehr als 60% des vorhandenen Öls verarbeitet wurde, ist das Verhältnis nur 10 Jahre, ebenso in Norwegen. In Kanada ist es 8:1, im Iran 53:1, in Saudi Arabien 55:1, in den Vereinigten Arabischen Emiraten 75:1, in Kuwait 116:1. Aber im Irak ist es 526:1. Und dann soll es beim bevorstehenden Krieg nicht um Öl gehen?

Selbst wenn Donald Rumsfelds herzliches Händeschütteln mit Saddam Hussein 1983 - gerade nachdem die große Vaterfigur begonnen hatte, Gas gegen seine Gegner einzusetzen - nicht zeigte, wie wenig der jetzige Herr des Pentagons sich um Menschenrechte oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit kümmerte, kommt genau das in einer Analyse von Joost Hilterman zum Ausdruck, die beschreibt, was sich damals Ende der 80er Jahre im Pentagon abspielte.

Hilterman, der ein niederschmetterndes Buch über die USA und den Irak vorbereitet, hat riesige Berge US-Regierungsdokumente durchforstet, nur um zu entdecken, dass das Pentagon sich daran machte, Saddam zu verteidigen, nachdem er 6800 irakische Kurden bei Halabja vergaste (das sind mehr als doppelt so viele Tode wie beim Angriff auf das World Trade Center vom 11. September 2001) und den Iran einseitig für die Grausamkeiten verantwortlich machte.

Ein gerade frei gegebenes Dokument aus dem US-Außenministerium beweist, dass die Idee dafür aus dem Pentagon stammte, das Saddam die ganze Zeit unterstützt hatte, und belegt, dass US-Diplomaten Anweisungen erhielten, die Schuld auf den Iran zu schieben, ohne Einzelheiten zu diskutieren. Keine Einzelheiten, denn die Geschichte war erlogen. Dies erfolgte fünf Jahre nach Abschluss der US- amerikanischen Nationalen-Sicherheits-Deklaration 114 von 1983 - dem Jahr, in dem Rumsfeld zu einem Freundschaftsbesuch in Bagdad weilte - und sanktionierte offiziell Darlehensgarantien und andere Kredite in Milliardenhöhe an Bagdad. Und dann soll es beim bevorstehenden Krieg nicht um Öl gehen?

1997, zur Zeit der Clinton-Administration, gründeten Rumsfeld, Dick Cheney und eine Gruppe anderer rechtsgerichteter Männer, die zu meist im Ölgeschäft tätig waren, das Projekt New American Century (Das neue amerikanische Jahrhundert), eine Interessensgruppe, die einen “Regimewechsel” im Irak forderte. In einem 1998 verfassten Brief an Präsident Clinton verlangten sie die Entmachtung Saddam Husseins. In einem Brief an Newt Gingrich, dem damaligen Sprecher des Weißen Hauses, schrieben sie, “wir sollten in der Region eine starke militärische Präsens aufbauen und aufrechterhalten und darauf vorbereitet sein, diese Macht zu nutzen, um unsere lebenswichtigen Interessen (sic) am Golf zu schützen und, falls notwendig, dabei behilflich sein, Saddam zu entmachten.”

Die Unterzeichner eines Briefes oder beider Briefe waren unter anderem Rumsfeld, Paul Wolfowitz, jetzt Rumsfelds Stellvertreter im Pentagon, John Bolton, parlamentarischer Staatssekretär für Waffenkontrollen und Richard Armitage, Colin Powells parlamentarischer Staatssekretär im Außenministerium, der im vergangenen Jahr Amerika aufforderte, seine “Blutschuld” gegenüber der libanesischen Hisbollah beim Wort zu nehmen. Dazu gehörten noch Richard Perle, ein ehemaliger stellvertretender Staatssekretär im Verteidigungsministerium und gegenwärtig Vorsitzender des Verteidigungswissenschaftsausschusses sowie Zalmay Khalilzad, der frühere Berater des Energiekonzerns Unocal Corporation, der zum US-Sondergesandten für Afghanistan bestellt wurde - wo Unocal versuchte, einen Vertrag über eine Gaspipeline durch afghanisches Territorium mit der Taliban abzuschließen - und jetzt, wen wundert es, zum Sonder-Regierungsbeamten Bushs - sie haben es wahrscheinlich schon erraten - für den Irak ernannt wurde.

Zu den Unterzeichnern gehörte auch unser aller Freund Elliot Abrams, einer der glühendsten Sharon-Anhänger unter den pro-israelischen US-Regierungsbeamten, der für seine Beteiligung am Iran-Contra-Skandal verurteilt wurde. Es war Abrams, der den israelischen Premierminister Sharon - der von einer israelischen Kommission für das Gemetzel an 1700 palästinensischen Zivilisten beim Massaker in Sabra und Chatila “persönlich verantwortlich” gemacht wurde - mit (warten sie kurz) Winston Churchill verglich. So wurde dieser Krieg - die ganze Chose zusammen mit der Sorge um “lebenswichtige Interessen” (d.h. Öl) am Golf - vor fünf Jahren von Leuten wie Cheney und Khalilzad, die bis in ihre manikürten Fingerspitzen Leute der Ölindustrie waren, ausgeheckt.

Mir wird in der Tat speiübel, wenn ich höre, dass der 2. Weltkrieg wieder herangezogen wird, um ein neues Schlachtfeld zu rechtfertigen. Es ist noch nicht lange her, dass Bush froh darüber war, als Churchill dargestellt zu werden, der den Beschwichtigungen der Brigaden, die sich gegen den Krieg aussprechen, standhält. Tatsächlich stinkt Bushs gesamte Strategie gegenüber dem abstoßenden, stalinistischen Regime in Korea - die “hervorragenden” Gespräche, die nach Meinung der US-Diplomaten mit den teueren Führern Koreas, das bestimmt Massenvernichtungswaffen besitzt, geführt werden - nach der übelsten Art der Beschwichtigungspolitik à la Chamberlain. Obwohl Saddam und Bush sich gegenseitig verdienen, ist Saddam nicht Hitler. Und Bush ist gewiss kein Churchill. Aber jetzt wird uns mitgeteilt, dass die UN-Inspekteure etwas gefunden hätten, was als wichtiges Beweisstück dienen könnte, um den Krieg zu führen. 11 leere chemische Sprengköpfe, die 20 Jahre alt sein können.

Vor 88 Jahren begann ein Weltkrieg, weil in Sarajewo ein Erzherzog Opfer eines Attentats wurde. Vor 63 Jahren begann ein Weltkrieg, weil ein Nazi-Diktator in Polen einmarschierte. Aber wegen 11 leerer Sprengköpfe einen Krieg beginnen? Gib mir jeden Tag Öl. Selbst die alten Männer, die um das Festmahl mit Hammel und Reis sitzen, könnten dem zustimmen.

veröffentlicht in: ZNet Deutschland , 21.01.2003, übersetzt von: Tony Kofoet
Orginalartikel: “This Looming War Isn’t About Chemical Warheads Or Human Rights: It’s About Oil”

Veröffentlicht am

22. Januar 2003

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