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Glaube, Hoffnung und Widerstand für den langen Marsch

Von Philip Berrigan

“Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.” (Lukas 9,62)

Die Erfahrung lehrt, dass das Leben im imperialen Amerika in hohem Maße von Ablenkung und Zerstreuung geprägt ist. Wir schwanken zwischen Vergangenheit und Zukunft auf Kosten des Jetzt, der Gegenwart. Folglich ermüden wir oftmals angesichts der anstehenden Arbeit, ? denn ihr fehlt Fantasie und Unterhaltsamkeit.

In diesem Kontext lehrt Jesus die Konzentration auf wertvolle Tätigkeit und die Ausdauer darin, so zum Beispiel Gerechtigkeit für diejenigen zu schaffen, die sie entbehren, als Grundlage für den Frieden. Deshalb Planung, Zukukunftsgerichtetheit. Die “Furche” hinter uns ist gepflügt - uns wird geraten, sie hinter uns zu lassen.

Gelehrte pflegen darüber zu debattieren, ob dieses oder jenes Jesuswort “authentisch” sei. Ohne mich darauf einzulassen, meine ich, wir sollten lieber danach fragen, ob es wahr ist. Ich bin sicher, dieses Wort ist wahr, denn das Reich Gottes ist gemeinschaftsbildend, sozial und politisch. Man wird dafür tauglich, indem man politische Arbeit leistet.

Diese Lehre schließt Hoffnung ein. Sie begleitet stets den Glauben. Ist der Glaube lebendig und selbstlos, wird die Hoffnung stark sein. Nichts ist heutzutage so entscheidend wie die Hoffnung, denn das Imperium wird zunehmend wahnsinnig und das religiöse Patriarchat schwankt zwischen Beschimpfung und Überheblichkeit. Gott schenkt uns Hoffnung durch das Evangelium sowie die Werke der Schöpfung und Erneuerung. Doch wir geben einander ebenfalls Hoffnung durch das, was wir für die “Geringsten unter unseren Schwestern und Brüdern” tun. Solches “Pflügen” ist eine wahrhaftige Lebensspur. Wir lernen nachahmend oder nachfolgend von Anderen das Mitgefühl und die Gerechtigkeit. Wir werden inspiriert, emporgehoben und zum Selbsthandeln angeleitet.

Ich erinnere mich, wie mir ein Wahrheitszeugnis im Jahre 1974 in Südvietnam Hoffnung und Klarheit vermittelte und mir Ausdauer verlieh. Zwei junge Franzosen beschlossen, eine Aktion gegen die Krieg zu unternehmen (sie arbeiteten als Lehrer in Saigon als Ersatz für den Militärdienst). Sie waren angewidert von der Art, wie die USA der abwärtsgerichteten französischen Spirale der Gewalt und der Grausamkeit folgten. Sie erkletterten die Statue eines Kriegerdenkmals in der Saigoner Unterstadt, verstreuten hunderte von Flugblättern - sie wurden eifrig von Taxifahrern und Passanten gelesen - und erwarteten die Polizei. Die Polizisten zogen sie herunter, schlugen sie und warfen sie ins Gefängnis. Vor dem Gerichtstermin konfrontierte sie ein Journalist sichtlich erregt mit der Frage: “Wer hat euch bezahlt? Ihr könnt unmöglich etwas so Dummes getan haben, ohne dafür bezahlt worden zu sein.” Einer der Franzosen entgegnete: “Es gibt Menschen, die tun etwas, ohne dafür bezahlt zu werden.” “Unsinn”, war die Antwort, “entweder ihr verkauft euch selbst oder sie kommen und kaufen euch!” Auf diese Weise brachte der Journalist eine Hauptregel des zum Imperialismus fortentwickelten Kapitalismus auf den Punkt. “Entweder du verkaufst dich, oder sie kommen und kaufen dich!” Hitler, so wird berichtet, sagte das Gleiche: “Jedermann (jeder Mann!) hat seinen Preis und es ist erstaunlich, wie niedrig er ist!” Wer sind “die”, die das Menschliche auf solche Weise verhökern? Es sind die Hausierer des Establishments: Politiker, Krieger, Pandits, Kirchenmänner. Sie bombardieren einen mit tausend Angeboten und Verführungen, die darauf hinauslaufen, sich zu verkaufen. Die Auswirkungen sind vielfältig und unwiderstehlich: Jobs, Einkommen, Vergünstigungen, Ansehen, Privilegien, Golfklub, Urlaub, Scheckkarten, das Recht, bei der Bank Schulden zu machen. Sie schlagen jede Tür zu, boxen Dich in eine Zelle des Appetits und der Gier, und machen es für Dich zu teuer, “Nein!” zu sagen.

Die Geschichte aus Saigon zwang mich zum Nachdenken, sowohl praktisch als auch biblisch. Allmählich entwickelte ich einen Horror vor einem auf’s Wirtschaftliche, auf’s Geschäft, den Handel, das Kaufen und Verkaufen von Leben reduziertem Dasein. Insbesondere, was mein eigenes Leben anbelangt. Ich zog eine Linie in den Sand: Wir alle machen Kompromisse, doch erlaube dir niemals, Kompromisse zu machen, die die Essentials zerstören, denn dein Leben gehört nicht dir, du darfst es nicht so verwenden, wie es dir passt.

Im Laufe der Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein Leben nach einem “Drehtüren-Prinzip” abläuft: Aktion, Gefängnis, Prozess-Farce, Gefängnis, Entlassung in ein Gefängnis geringer Sicherheitsstufe. Dann beginnt der Kreislauf von Neuem: Zollhaus (‘67), Catonsville (‘68), Heirat mit Elizsbeth McAlister (‘69), Prozess wegen der Verschwörung von Harrisburg (‘71-72), viele Aktionen, Verhaftungen, chancenlose Prozesse in den Siebzigern, die Serie der Pflugschar-Aktionen (insgesamt 77), die 1980 begann. An fünf weiteren Aktionen in dieser Serie war ich selbst beteiligt. Alles in allem habe ich elf Jahre meines Lebens im Widerstand und im Gefängnis zugebracht. Ein repräsentatives gewaltfreies Leben? - Nein, natürlich nicht. Doch in jenen Jahrzehnten, die große Anforderungen an mich stellten, war es Gottes Gnade, die durch meine Frau Elizabeth, durch meine Gemeinschaft im Jona-Haus, meine Brüder Dan, Jerry, Jim, unsere Kinder Frida, Jerry und Kathleen, durch eine Menge Freunde im In- und Ausland, durch die Bibel und die Bergpredigt mein Leben im Glauben beständig erhielten.

Ja, ich habe oft während des Pflügens zurückgeblickt. Ja, ich habe mich als ungeeignet für das Reich Gottes erwiesen. Doch stets hat Gottes Gnade mich wieder aufgerichtet, hat er mir meine Mühe hundertfältig mit Freude vergolten. Nun, mit 78 Jahren, nach einer Hüftoperation (die Hüftoperation musste verschoben werden, da sich Phil den Arm brach, sie wurde am 12. Juli 2002 durchgeführt - W.S.), hoffe ich auf ein paar weitere Jahre, um das amerikanische Volk zum Widerstand gegen einen Erzfeind aufzurütteln: ihre eigene Regierung und die herrschende Koalition, der sie dient.

in: Year One (Zeitung des Jona-Hauses), Frühjahr 2002 (Übersetzung Wolfgang Sternstein)

Veröffentlicht am

30. Juli 2002

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