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Zeit zum Umdenken

Einführung zum attac-Kongress am 19.10.2001

Von Horst-Eberhard Richter

Es ist eine Freude für mich, diesen wichtigen Kongress einleiten zu dürfen.

Allerdings werden sich manche von Ihnen fragen, warum man diese Aufgabe ausgerechnet einem psychoanalytischen Sozialpsychologen anvertraut hat, obwohl es der Globalisierungskritik von attac doch direkt um grundlegende materielle Veränderungen der globalen Unordnung im Finanzsystem, in Wirtschaft und Handel, in der Umwelt und Friedenspolitik geht. Es ist aber zu erkennen, dass allen beanstandeten Übeln eine verbindende falsche Philosophie zugrunde liegt, die in unserer westlichen Kultur zu einer Art von Ersatzglauben geworden ist. Dieser hat sich allmählich aus dem Aufbegehren gegen die mittelalterliche Unmündigkeit herausgebildet. An die Stelle einstiger Gottergebenheit ist ein grenzenloses Bemächtigungsstreben getreten. Ziel aller Fortschrittshoffnungen ist die Erringung einer grenzenlosen Unabhängigkeit geworden. In einer ungezügelten Konkurrenz scheint der Erwerb einer überlegenen Vormachtsstellung dem Menschen eine Selbststärkung ohnegleichen zu versprechen. Dabei ist es notwendigerweise zu einer verheerenden egoistischen Entzweiung gekommen, indem eine Minderheit von Starken sich auf Kosten einer großen Mehrheit von Schwächeren überlegene Privilegien erkämpft hat. So hatte es bereits den Anschein, als wäre die Führungsmacht des Westens mit ihrem überlegenen militärischen und wirtschaftlichen Potential unter Verfügung über die fortgeschrittenste künstliche Intelligenz nahe am Ziel der ersehnten vollständigen Freiheit und Unverletzbarkeit angelangt.

Am 11. September 2001 ist diese Illusion wie eine Seifenblase zerplatzt. Es war nicht nur die Illusion der Amerikaner, sondern die der gesamten westlichen Zivilisation. Eine kleine Schar nur mit Messern bewaffneter Verschwörer hat dem Westen die Brüchigkeit seines megalomanischen Stärkekults demonstriert. Wäre der Schlag aus einem mächtigen Feindstaat erfolgt, könnte man diesen in einem heroischen Krieg besiegen und das eigene Weltbild retten. Stattdessen kam die Idee zu den Überfällen in Manhattan und Washington offenbar aus einem der ärmsten Länder, ausgeführt von Männern, die sich für ihren Gott zu opfern glaubten. Es war der makabre Beweis dafür, dass unsere gegenseitige Abhängigkeit in der Welt durch keine noch so große Übermacht auf der einen und einer noch so armseligen Ohnmacht auf der anderen aufgehoben wird.

Genau dies stellte der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber schon unmittelbar nach der Katastrophe in einem offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten fest: “Terrorismus ist die negative und verzerrte Form der gegenseitigen Abhängigkeit, die wir in der positiven und nützlichen Form nicht anzuerkennen bereit sind.” Noch einmal mit anderen Worten: “Terrorismus ist ein Produkt destruktiver Abhängigkeit, eine entstellte Form der Globalisierung.”

Ins Positive gewendet besagt diese Diagnose: Der Westen muss endlich einsehen, dass auf dieser Erde alle gegenseitig aufeinander angewiesen sind und dass wir nur in Anerkennung dieser Verbundenheit jemals eine Kultur des Friedens erreichen können. Der Egoismus des Westens, der zu einer rücksichtslosen Machtrivalität ohnegleichen entartet ist, hat den Blick für die ganz einfache Wahrheit verstellt, dass wir nur in einer ebenbürtigen und gleich berechtigten Gegenseitigkeit auf Dauer unsere Probleme lösen können. Dazu gehört ein gerechtes und faires Teilen. Ein Höchstmaß an Sicherheit kann nie gegeneinander, sondern nur miteinander geschaffen werden. Aber dazu muss sich erst einmal ein angemessenes Bewusstsein herausbilden.

Um die eigene Verirrung zu durchschauen, muss der Westen erst einmal lernen, sich in die Lage derer einzufühlen, die er in seiner Megalomanie endgültig als Verlierer hinter sich gelassen zu haben glaubt. Aber dazu muss er erst dialogfähiger werden, muss er ein neues Zuhören erlernen.

Bezeichnenderweise hat im Westen kaum einer vor dem 11. September über das Ausmaß des Hasses in gewissen armen islamischen Ländern bescheid gewusst. Es ist der Hass, aus dem eine Gruppe von bürgerlich wohl angepassten, intelligenten und disziplinierten Männern den Antrieb zu ihren wahnwitzigen Anschlägen geschöpft haben. Dabei war die Explosion ohnmächtiger Wut im Kleinformat alltäglich in Nahost zu besichtigen gewesen. Während der Westen seine Kunst perfektioniert hatte, die Manipulierbarkeit islamischer Feudalherren und ihrer Cliquen für eigene Interessen auszunutzen, hat er sich um die Seelenlage der verarmten Massen in jenen Ländern kaum gekümmert. Nun muss er sich von Orhan Pamuk, dem bedeutendsten Schriftsteller der Türkei, eben dieses fatale Desinteresse als gefährliches Versäumnis vorhalten lassen.

Ich zitiere:
“Der Westen hat leider keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen.” “Heute” - so fährt Pamuk fort, “ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im ‘Unrecht’ stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt.”

Nun spricht man aber davon, dass das Weltgewissen sich wieder stärker vernehmbar mache. Nach dem 11. September schlug es zunächst ganz eindeutig für Mitfühlen und Mittrauern mit den Betroffenen des Terrors. Ebenso klar fiel das Votum der inneren Stimme für entschlossene Verfolgung und Bestrafung der Schuldigen aus. Erleichterung und Dankbarkeit verdiente sich der amerikanische Präsident für seinen anfänglichen Verzicht auf militärische Vergeltungsschläge, zu denen sich sein Vorgänger nach den Attentaten in Afrika hatte prompt hinreißen lassen. Hoffnung weckte auch die amerikanische Ankündigung, dass Palästina bald einen eigenen Staat bekommen müsste. Man erinnerte sich, dass der Terrorismus in Nahost schon mal fast drei Jahre lang überwunden schien, als der Osloer Friedensplan den Palästinensern einen unabhängigen Staat und die Rückgabe besetzter Gebiete verhieß. Aber dann doch Krieg. Dazu schrieb Gerhard Krumreich in der Süddeutschen Zeitung: “Nichts, gar nichts hat in der Logik der internationalen Politik jetzt dazu gezwungen, Bombenangriffe auf Afghanistan zu fliegen und damit, gegen den Trend des neuen Weltgewissens, die alten Solidaritäten der sich unterdrückt fühlenden Völker und Regionen gegen den imperialistischen Weltpolizisten wiederzubeleben.”

Die gleichen täglichen militärischen Erfolgsberichte wie im Jugoslawienkrieg. Bombengeschwader und Cruise Missiles gegen eines der ärmsten Länder, von dem nicht einmal gewiss ist, dass von hier aus die Überfälle vom 11. September organisiert wurden. Hunderttausende auf der Flucht, zigtausende von Kindern vor dem Verhungern. Vergebliche Notrufe von Hilfsorganisationen. War das noch gerechte Selbstverteidigung oder nachvollziehbare Strafaktion? Es erschien dann wie ein widerwilliges Geständnis, als eine der ersten abgefeuerten Raketen ausgerechnet vier humanitäre UNO-Helfer tötete, die mit Minenräumen auf afghanischem Boden betraut waren. Ein “Kollateralschaden”, der sich ausnahmsweise nicht verschweigen ließ. Wie viel wird man später von ähnlichen Fehlschlägen hören? Vom Jugoslawienkrieg wurde nachträglich berichtet, dass von 90.000 Tonnen abgeworfener amerikanischer Bomben 60.000 nicht die beabsichtigten Ziele getroffen hätten.

Eine Riesenchance ist fürs Erste verpasst, nämlich den Schock vom 11. September auszunutzen, um zusammen mit den besonnen Mehrheiten der beunruhigten islamischen Länder eine Solidarität der Vernunft zu schmieden. Nun macht der Krieg Massen von Unschuldigen zu Opfern, die vor den Bomben ohne zureichende Versorgungschancen in den beginnenden eisigen afghanischen Winter fliehen. Unfassbar, oder doch verständlich?

Genau betrachtet, liegt die amerikanische Reaktion durchaus konsequent auf der Linie des herkömmlichen westlichen Denkens, weswegen ja auch alle Bündnispartner prompt und uneingeschränkt Bündnistreue bis hin zu militärischem Beistand gelobt haben. Warum hat man schließlich mit der stärksten Wirtschaft, den großartigsten Waffen und dem teuersten Sicherheitsdienst eine überragende Vormachtsstellung errungen, wenn deren Fundament ausgerechnet von einer vergleichsweise winzigen Rebellentruppe aus einer scheinbar hoffnungslos rückständigen Region zertrümmert werden könnte? Der unangemessene kriegerische Aufwand lässt sich aber nur so deuten, dass man um die Brüchigkeit dieses Fundamentes ernstlich fürchtet. Man will sich noch einmal einreden, was durch die Attentate gerade widerlegt worden ist. Nämlich, dass man auf dem Wege des Fortschritts die Mittel erobert habe, um die früher in Gottergebenheit gesuchte Sicherheit in der Welt aus eigener Kraft garantieren zu können. Der Herr über Atome, Gene, künstliche Intelligenzen will kundtun, dass er zumindest für eine elitäre Minderheit erreichen könne oder fast schon erreicht habe, was er mit den beiden gigantischen Türmen in Manhattan symbolisch vor sich selbst und vor aller Welt demonstrieren wollte, nämlich seine vermeintlich erklommene Stufe von Beinahe -Allmacht.

So hat es mit dem Verlust der inneren Sicherheit noch eine Bewandtnis eigener Art. Warum treibt es nach dem 11.9. wieder so viele Menschen in die Kirchen? Es ist eine Angst aufgebrochen, die nicht nur von der Erwartung neuer Anschläge herkommt und die nicht nur Hysterie ist wie jene nach der ersten AIDS-Welle. Die Menschen spüren, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Dass sie mit der ihnen verordneten westlichen Solidarität nicht wirklich dem Guten gegen das Böse dienen. Dass sie mit der weiteren Zerstörung eines ohnehin bereits kaputten Landes und der Vertreibung Hunderttausender in unsägliches Elend etwas Falsches tun. Sie ahnen, dass diese Art der sogenannten Vergeltung überall dort neuen Hass säen muss, wo der Terrorismus seinen Ursprung hat. Und mancher begreift wohl, dass die Bomben und Raketen eher dem Trotz dienen, den Machtegoismus als Leitmotiv der eigenen Kultur in einem Augenblick zu bestätigen, da dessen Bankrott eingestanden werden müsste. Jede abgeworfene Bombe soll der Verdrängung der Einsicht helfen, dass der Westen umdenken muss. Dass die Strategie, die zur materiellen Übermacht einer Minderheit über die Ohnmacht einer abgekoppelten Mehrheit geführt hat, am Ende ist. Sie hat eine Menschheit auseinander gerissen, die nur in einer globalen fairen Zusammenarbeit überlebensfähig ist.

Diese Spaltung muss überwunden werden. Indem der Krieg die Kluft noch weiter aufreißt und die moralische Krise, die wahre innere Unsicherheit des Westens noch weiter vertieft, muss die Notwendigkeit zu einem radikalen Umdenken begriffen werden. Die Bewegung der Globalisierungskritiker und die Ziele von attac verstehe ich genau in diesem Sinne. Es geht um die fundamentale Abkehr von der spalterischen egomanischen Weltanschauung, nach welcher die Sieger in der neoliberalen Konkurrenzschlacht berufen seien, bei den Verlierern die Dürftigkeit, die Schwäche und das Leiden zurückzulassen, um sich selbst zu einer grandiosen narzisstischen Freiheit und Unbekümmertheit aufzuschwingen. Diese Vision ist pleite. Das in ihr verewigte Prinzip der Ungerechtigkeit ist am Ende. Für manche hatte es schon den Anschein, als hätten die staatssozialistischen Regime die Idee der sozialen Humanisierung in den eigenen Untergang mit hineingezogen. Stattdessen ist zu begreifen, dass genau diese Idee nicht nur weiterhin lebensfähig, sondern für eine Weiterentwicklung unserer Kultur lebensnotwendig ist.

Wir Psychoanalytiker wissen, dass moralische Appelle wenig fruchten, wenn sich nicht spontan die Bereitschaft zu einem Wandel meldet. Und nun scheint es, dass diese Bereitschaft international spürbar ist. Der Zustrom zu attac deute ich als eines der einschlägigen Signale. Als Sozialpsychologe finde ich auch eine Indiz in empirischen Untersuchungen, die Elmar Brähler und ich periodisch durchführen, um die Befindlichkeiten und Einstellungen d er westdeutschen Bevölkerung zu verfolgen. Wir benutzen dazu ein inzwischen in zahlreichen Ländern gebräuchliches Testverfahren. Dabei zeigt sich, dass ein seit Ende der 70er Jahre anhaltender Trend zu einer egoistischen Ellbogenmentalität bei gleichzeitiger Verarmung sozialer Sensibilität von der Mitte der 90er Jahre ab nachgelassen hat. Die Menschen entdecken, dass sie sich wieder mehr um andere Menschen sorgen, soziale Pflichten ernster nehmen. Im Ganzen empfinden sie mehr Zusammengehörigkeit und Verantwortlichkeit. Ohne diese Befunde überzubewerten, kann man sie doch vielleicht mit Vorsicht als eines der Zeichen dafür deuten, dass sich im allgemeinen Bewusstsein etwas bewegt. Es wird wieder entdeckt, was Adam Smith, vor zweieinhalb Jahrhunderten theoretischer Begründer der liberalen Marktwirtschaft, entschieden behauptete, dass nämlich in der menschlichen Natur eine Anlag e wirksam sei, die einem Überwuchern der Egoismen entgegenstehe. Er schrieb ein dickes Buch über ethische Gefühle. Es enthielt keine moralischen Appelle, sondern lediglich eine Beschreibung der normalen seelischen Verfassung des Menschen, so wie er sie sah. Da entdeckte er eine Benevolence, eine natürliche Mitmenschlichkeit, die einen Zerfall der Menschheit in ökonomische Sieger und Verlierer verhüten werde. Ebenso haben sein Freund, der Philosoph David Hume und Rousseau daran geglaubt, dass die menschliche Gemeinschaft nicht erst durch eine vertragliche Ordnung sondern schon zuvor durch natürliche psychische Bindungskräfte zusammengehalten werde. Die Tugend der Gerechtigkeit entsteht erst auf der Basis des Mitfühlens, des Mitleids, erklärte Arthur Schopenhauer. Heute sind wir daran gewöhnt, solche Einschätzung als romantische Gutmenschen-Utopie belächelt zu sehen.

Wenn wir uns aber selbst besinnen, müssen wir doch eingestehen, dass auch unser gemeinsamer Einsatz für eine gerechtere Welt wesentlich mitgespeist wird durch die Unerträglichkeit der Ungerechtigkeiten, unter denen die Benachteiligten leiden. Wir fühlen uns beschämt, wenn wir nicht den Ohnmächtigen gegen die Arroganz der Macht beistehen. Wir fühlen uns korrupt, wenn wir dazu schweigen, dass z.B. im Irak allmonatlich 4 - bis 5000 kleine Kinder durch die Sanktionen sterben, weil das Material für die Reparatur der zerbombten Wasserwerke und Reinigungsanlagen nicht eingeführt werden darf, so dass für die Mehrheit der Landbevölkerung nur verseuchtes Trinkwasser zur Verfügung steht. Wir halten es nicht aus, wenn demnächst mindestens Zehntausende von afghanischen Kindern auf der Flucht vor einem Krieg zugrunde gehen werden, der uns wie im Irak belehren soll, dass menschliches Leben ungleich zählt.

Es liegt im Wesen ehrlichen Trauerns, dass es Menschen zusammenführt. Erst recht das Trauern um Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Es lässt an die Zerbrechlichkeit unseres Lebens denken und daran, dass wir darauf angewiesen sind, es miteinander zu schützen. Wir alle sind hilfsbedürftig und zugleich mit der Bereitschaft zum Helfen ausgestattet. Nie wird uns unsere existentielle Situation deutlicher vor Augen geführt als in Katastrophen, die uns das Aufeinander-Angewiesensein auf unmittelbarste Weise spüren lassen. Wir sind elementar auf Gegenseitigkeit angelegt, und daraus sollte die Einsicht erwachsen, dass wir in Achtung voreinander gerecht zu teilen haben. Umso mehr macht es wütend, wenn uns jetzt das Gegenteil verordnet wird, nämlich ähnlich wie im Kalten Krieg wieder eine geistige Spaltung der Welt. Diesmal heißt es nicht, entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für den Kommunismus. Sondern neuerdings: Entweder ihr seid für uns oder für den Terrorismus. Damals war es der Kommunist Gorbatschow, der mit seiner Losung von der Humanisierung der internationalen Beziehungen die Spaltung überwand, als die Gefahr der gemeinsamen Selbstzerstörung den Menschen den Atem raubte.

Diesmal muss der Westen mit der Umbesinnung anfangen. Anstatt den kriegführenden Amerikanern 100mal Gehorsam zu geloben, was schönfärbend als Solidarität umbenannt wird, sollten die Verbündeten zusammen mit ihrer Führungsmacht sich endlich daran machen, sich von der Krankheit der gemeinsamen Megalomanie zu kurieren, die an der gewaltträchtigen Unordnung der Welt die Hauptschuld trägt. Aber dieser Selbstheilungsprozess ist schmerzlich. Also muss die globalisierungskritische Bewegung Druck machen, um die Heilungsanstrengung zu forcieren. Denn die Krankheit ist chronisch, und ihre Viren verfügen inzwischen über erhebliche Resistenz. Attac ist, wenn ich es richtig sehe, gefasst darauf, mit allen Klischees aus der Kiste der politischen Kriegsführung bombardiert zu werden als Anarchisten, linke Utopisten, pubertäre Aufrührer, rückständige Klassenkämpfer, bestenfalls als blauäugige Weltverbesserer. Attac ist nicht das neue Weltgewissen. Aber seine Chance ist es, diese innere Stimme in der moralischen Krise zu nutzen, die gewiss in den Wirren des ungerechten Krieges immer lauter werden wird. Indessen müssen wir aufpassen, dass am Ende nicht wieder nur ein flüchtiges Läuterungsritual herauskommt, das wie ein Katzenjammer verfliegt, siehe die rasche Verdrängung von Vietnam oder der fast tödlichen gemeinsamen Selbstbedrohung im Kalten Krieg.

Mögen irgendwann in Afghanistan Grabesstille eintreten und der Terrorismus erlahmen, so stehen einer Kultur des Friedens immer noch die schwerwiegenden Ungerechtigkeiten der Globalisierung entgegen, die den Nährboden für neuen Terrorismus in sich bergen. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Vorsitzender der Kommission des Bundestages zur Globalisierung, hat soeben mit Recht nach vermehrtem Engagement der außerparlamentarischen Demokraten verlangt, um der Verwilderung der Globalisierung entgegenzuwirken. Er selbst befürwortet die Tobinsteuer. Auch Frankreichs Premierminister Jospin lässt ihre Einführung prüfen. Aber weder für eine Bändigung der aus den Fugen geratenen Finanzmärkte noch für die Beherrschung der globalen Umweltkrise noch etwa für die Eindämmung von Aids in Afrika erweisen sich die zuständigen internationalen Institutionen als ausreichend wirksam. Überall siegt noch immer egoistischer Machtwille mit dem Herrschaftsmittel des Geldes über den sozialen Verantwortungssinn. Hier setzt nun Attac an mit der Forderung, die Prioritäten umzukehren. Attac bringt gezielt die Stimmen derer zu Gehör, die als Verlierer der Globalisierung auf der Strecke zu bleiben drohen. Das Motiv Attacs ist keine Wohltätigkeits-Attitüde, sondern die alternative Grundüberzeugung, dass nicht der spalterische Ego-Kult, sondern nur ein internationales Gemeinschaftsbewusstsein eine tragfähige Weltordnung schaffen kann. Dazu muss dem Begriff Solidarität wieder die Bedeutung verschafft werden, die man ihm in der Ära Willy Brandt zuerkannte. Nämlich Beistand für die Schwächeren und Benachteiligten. Also nicht Gehorsam in einer in Gut und Böse gespaltenen Welt. Sondern umgekehrt kritisches Engagement für eine gerechte und ebenbürtige Gemeinschaft aller.

Veröffentlicht am

19. Oktober 2001

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