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Vom Protest zum Widerstand

Kriegswiderstand nach dem 11. September 2001

Eine Analyse der MitarbeiterInnen der War Resisters’ International. Die WRI ist ein Netzwerk pazifistischer Organisationen mit 90 Mitgliedsorganisationen in 45 Ländern. Sie wurde 1921 in den Niederlanden gegründet. Dieser Artikel erscheint in Peace News Nr. 2445, Dezember 2001-Februar 2002.

Von Andreas Speck, Angela McCann, Roberta Bacic

Während wir dies schreiben, werden Großbritannien - wo wir, MitarbeiterInnen der WRI - leben, und die USA Bomben auf Afghanistan werfen - die ersten Wochen des “Krieges gegen Terrorismus”. Zur gleichen Zeit geht auf der Oxford Street - einige Kilometer vom WRI-Büro entfernt - Mainstream-Großbritannien einkaufen; das Leben geht so normal wie möglich weiter, auch wenn Schutzkleidung und Gasmasken ausverkauft sind, aus Angst vor Milzbrand-Angriffen. Wen kümmern schon die Bomben, die tausende von Kilometern entfernt fallen, um die westliche Zivilisation vor dem Terrorismus zu schützen?

Hat sich irgendwas geändert?

Es wird gesagt, dass der 11. September - die Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, bei denen mehr als 5.000 Menschen getötet wurden - die Welt verändert hat. Doch selbst diese Äußerung ist die Sichtweise der wohlhabenden westlichen Enklave in weltweiter Armut und Zerstörung, eine Sicht aus der “Festung Europa” oder “USA” (oder Australien, das im August seine Tore für hunderte Flüchtlinge aus Afghanistan geschlossen hat - schon vergessen?) in eine Welt der Ausbeutung und des Krieges, genährt durch westliche Waffen und wachsende Armut als Ergebnis wirtschaftlicher Globalisierung, kurz: struktureller und kultureller Gewalt. Hat sich die Welt wirklich geändert für die Menschen im Kongo, in Angola, oder Kolumbien, wo die Zivilbevölkerung zwischen verschiedenen Kriegsparteien in “Bürger”kriegen gefangen ist? Hat sich die Welt wirklich geändert für die Millionen von Flüchtlingen, die in Flüchtlingslagern überall in der Welt vegetieren, oder verzweifelt versuchen die Insel des Wohlstandes, genannt Europa oder USA, zu erreichen? Hat es irgendeine Verbesserung in Sachen sozialer Gerechtigkeit gegeben? Wir sind uns sicher, dass dieser “Wandel” im wesentlichen ein mehr des blutigen Jetzt bedeutet - mehr Ungerechtigkeit, mehr US-Dominanz, mehr staatlich unterstützter (und “Graswurzel”) Terrorismus.

Während der vier Wochen zwischen “nach 11.9.” und “vor-dem-Krieg” haben tausende von emails aus aller Welt das WRI-Büro erreicht. Was durch diese emails, und durch viele Diskussionen, die wir hatten, klar wurde ist die Isolierung des Mainstream-Denkens im Westen vom Rest der Welt - von der großen Mehrheit der Weltbevölkerung. Während hier, im “Westen”, die schlichte Erwähnung von US-unterstütztem Terrorismus im Süden - von Chile, Vietnam, Libyen bis zu Irak und den Taliban - schon fast als Verrat angesehen wird, oder zumindest als Rechtfertigung der terroristischen Angriffe des 11. September, so sind für die Mehrheit der Welt diese Fragen mehr als offensichtlich, und im wesentlichen rhetorisch. Die Symbole des 11. September waren gut gewählt; Symbole des globalen Kapitalismus und US-amerikanischer militärischer Vorherrschaft. Auch wenn wahrscheinlich die Mehrheit der Weltbevölkerung die Anschläge des 11. September verurteilt (so hoffen wir zumindest), so wurde die Botschaft doch verstanden, und trifft auf weitgehende Zustimmung: die Opfer der Globalisierung und westlicher (kultureller, politischer, militärischer und wirtschaftlicher) Vorherrschaft schlagen zurück. Die Gewalt, die vom Westen genährt wurde, kehrt auf eine Art zu ihrem Ursprung zurück.

Woran liegt es, dass fast niemand im Westen sich mit diesen Fragen beschäftigt? Woran liegt es, dass wir als PazifistInnen fast noch isolierter erscheinen denn je, mit mehr als dreiviertel der Bevölkerung des Westens für eine militärische Antwort auf “Terrorismus”, wenn wir denn Meinungsumfragen glauben können? Woran liegt es, dass eine Mehrheit erfreut ernsthaften neuen Begrenzungen bürgerlicher Freiheiten zustimmt, und noch strikteren Einwanderungskontrollen in die Festung Europa oder die USA? Wird ihnen bewusst, dass der westliche Lebensstil nicht ohne Ausbeutung des Südens aufrechterhalten werden kann? Wird ihnen bewusst, dass selbst die westlichen unteren Schichten im globalen Sinne eher “Oberschichten” sind, und dass sie tatsächlich etwas zu verlieren haben, wenn sie Kapitalismus nicht in Frage stellen wollen? Oder ist das schlicht die Ignoranz des Konsumismus und des “weiter so” im Wettbewerb um Wohlstand und Macht?

Die Antwort der Friedensbewegung

Nach dem 11. September hat die Friedensbewegung (was immer das ist) nicht lange gebraucht um sich aufzurappeln, und eine eindrucksvolle Zahl von Mahnwachen, Kundgebungen, Demonstrationen, Petitionen und Erklärungen zu organisieren. Neue und Breite Bündnisse wurden geformt, und am 13. Oktober haben weltweit wohl mehr als 1 Million Menschen demonstriert, und ein Ende der Bombardierung Afghanistans gefordert. Das ist ein Grund für eine zarte und schwache Hoffnung.

Und wir haben starke Bedenken. Während es sehr leicht ist, all die Demonstrationen auf der ganzen Welt gegen den Krieg zusammen zu addieren (und die Zahlen, die wir über das internet erhalten, sind beeindruckend), so ist doch ein sorgfältiger Blick vonnöten. Wer protestiert gegen was? Was sind ihre Methoden? Was sind die Ziele? Suchen sie nicht nur nach einem Raum, um ihre Wut und Unglücklichkeit auszudrücken? Was passiert nach einer auch nur kleinen Chance, den Krieg zu beenden? Auf der Demonstration in London wurde klar, dass dies nicht einfach eine Demonstration für Frieden war, sondern viel mehr eine merkwürdige Mischung von Demonstrationen für (oder mehr gegen) alle möglichen Dinge, einig nur in der Opposition zu der Bombardierung Afghanistans (auch wenn einige TeilnehmerInnen wahrscheinlich über zahlreiche andere Ziele sehr erfreut wären, wenn nur die Ausführenden nicht die USA oder NATO wären). Wenn wir das global betrachten, dann müssen wir sogar noch vorsichtiger sein, denn nicht jede “Anti”-Kriegs-Demonstration ist wirklich anti-Krieg.

Als KriegsgegnerInnen müssen wir die grundlegenden Prinzipien der GegnerInnenschaft zum Krieg hervorheben und betonen: dass unsere GegnerInnenschaft nicht relativ oder einseitig sein kann, und dass wir gegen alle Kriege sein müssen, und den Kampf für die Beseitigung aller Kriegsursachen fortführen müssen. Dabei können wir die reiche Erfahrung aus mehr als 80 Jahren War Resisters’ International nutzen, während wir gleichzeitig anerkennen, dass wir mehr Fragen als Antworten haben.

Wir müssen uns selbst ernst nehmen, wenn wir erklären, dass wir, wenn “von George W. Bush vor die Wahl gestellt ‘wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr für die Terroristen’”, wir die dritte Möglichkeit wählen: Gewaltfreiheit. Das schließt den Umgang mit unserer Wut ein, und diese eben nicht in Hass auf die USA, oder wen auch immer, zu verwandeln (und die US-Flagge zu verbrennen), sondern eine kreativere Antwort zu finden. Wir müssen nicht nur in der Lage sein, dagegen zu opponieren, wir sollten in der Lage sein, dagegen Widerstand zu leisten.

Vom Protest zum Widerstand

Protest ist nicht genug - auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite müssen wir uns selbst fragen, welche Bedeutung Protest als einziges Mittel hat - nette Demonstrationen durch unsere Städte und Petitionen an die Machthabenden - wenn gleichzeitig die Militärmaschine wie geschmiert läuft, und ungestört. Zeiten des Krieges sollten für jene, die gegen Krieg sind, Zeiten des Widerstandes sein, und nicht nur des Protestes - direkte gewaltfreie Aktion gegen die Militärmaschine, Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung und Desertion, direkte Unterstützung für Deserteure und Wehrflüchtige, Zeiten der Steuerverweigerung und Nicht-Zusammenarbeit mit einer im Grundsatz militaristischen Verwaltung. Einer der grundlegendsten Gedanken der Gewaltfreiheit ist, dass die an der Macht auf unsere Zustimmung angewiesen sind, um ihre Herrschaft ausüben zu können. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, sehr deutlich zu machen, dass diese Zustimmung nicht existiert? Und wie, wenn nicht durch direkte gewaltfreie Aktion, können wir das tun?
Auf der anderen Seite müssen wir uns eine sehr wichtige Frage stellen: was kommt nach dem Protest (und nach dem Widerstand)? Wenn dieser Krieg zu Ende sein wird - entweder aufgrund unseres Widerstandes, oder weil die Kriegstreiber ihre Ziele erreicht haben - was wird sich verändert haben? Wen sprechen wir an, und mit wem arbeiten wir, um weiter zu kommen? Es gibt viele, die zustimmen würden, dass wir in einer Welt ohne soziale Gerechtigkeit leben, doch die Ursachen dessen sind Gegenstand eines Disputes, und selbst die Frage, was wir unter sozialer Gerechtigkeit verstehen. Und viele sind sich nicht bewusst, dass es für verschiedene Menschen und Kulturen Verschiedenes heißen kann. Wir können sicher sein, dass es dann keine soziale Gerechtigkeit geben wird.

Worüber wir jetzt nachdenken müssen, dass sind langfristige Strategien für soziale Gerechtigkeit - und langfristige Strategien, mit den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit umzugehen - nicht nur mit dem 11. September und dem derzeitigen “Krieg gegen Terrorismus”, sondern mit der Ungerechtigkeit des globalen Kapitalismus. Mit dieser Vergangenheit umzugehen darf nicht nur beinhalten, über die Wahrheit zu reden - eine Vielzahl von Wahrheitskommissionen Nord-Süd mag eine Idee sein, dies zu tun - sondern muss zu allererst bedeuten, die Fortdauer dieser Ungerechtigkeiten zu beenden, es bedeutet radikale Veränderungen.

Andernfalls wird das Ende des Krieges gegen Terrorismus - wann immer das sein wird - nur der Beginn einer neuen “Vorkriegs”-Zeit sein

Andreas Speck, Angela McCann und Roberta Bacic arbeiten im internationalen Büro der War Resisters’ International in London.

Veröffentlicht am

05. November 2001

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