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Hohe Freiheitsstrafen für US-FriedensaktivistInnen

Phil Berrigan und drei MitstreiterInnen müssen mehrere Jahre ins Gefängnis. Ihr Vergehen: Protest gegen Bomben mit abgereichertem Uran

Von Michael Damm

Richter James T. Smith kannte keine Gnade. Längst hatte der Staatsanwalt die ursprünglich geplanten großen Anklagepunkte wie Sabotage (zehn Jahre Haft) und Verschwörung (zehn Jahre Haft) niedergeschlagen und seine Forderung auf Haftstrafen zwischen drei und sechs Monaten Gefängnis reduziert - da schlug Richter Smith nochmals richtig zu.

In jenem Tonfall, in dem er normalerweise Mörder zum Tode verurteilt, spricht Smith für die vier Angeklagten mehrjährige Haftstrafen aus: 30 Monate für den bekannten katholischen Friedensaktivisten Phil Berrigan aus Baltimore; je 27 Monate für den Jesuitenpater Stephen Kelly aus New York und für Susan Crane, Mitglied in der Gruppe um Berrigan, sowie 18 Monate für die katholische Arbeiterin Elisabeth Walz. Die Begründung für die harten Urteile: Die Proteste der vier hätten die US-Steuerzahler mehr als 80.000 US-Dollar gekostet.

Zur Verhandlung stand eine Aktion, mit der die vier Friedensaktivisten am 19. Dezember 1999 großes Aufsehen erregt hatten. Die vier hatten den Zaun zum Fliegerhorst von Warfield im Bundesstaat Maryland zerschnitten, um zwei A-10-Thunderbolt Bomber - gemeinhin “Warzenschweine” genannt - zu entrüsten. Warzenschweine sind Kampfflugzeuge, die um eine siebenläufige Gating-Kanone herum gebaut sind. Diese Kanone spuckt 3.900 Granaten pro Minute aus. “Solche Warzenschweine verschossen 95 Prozent der abgereicherten Uranmunition in den Kriegen in Jugoslawien und im Irak”, begründete Phil Berrigan die Aktion und auch die Entschlossenheit, mit der die Friedensaktivisten zu Werke gingen. Elisabeth Walz und Berrigan bearbeiteten einen Bomber, seine Kanone und vor allem die Aufhängevorrichtungen für Waffen mit Hämmern. Stephen Kelly und Susan Crane hämmerten derweil auf den anderen Bomber ein. Dann schütteten die Friedenskämpfer Blut, das sie sich vorher hatten abnehmen lassen, auf den Rumpf des Bombers und in eines der Düsentriebwerke. “Als Glieder des Leibes Christi besiegelte unser Blut den neuen Bund der Gewaltfreiheit und des Nichttötens”, erklärten die engagierten Katholiken. “Wir werden nicht töten, möge Gott uns helfen. Wir werden andere am Töten hindern, möge Gott uns helfen.”

Gegenüber der Öffentlichkeit begründete Phil Berrigan die ebenso Aufsehen erregende wie umstrittene Aktion mit der Ignoranz der Öffentlichkeit und der Politik gegenüber der “nuklearen Kriegführung der USA in Ex-Jugoslawien und im Irak”: “Trotz des unvorstellbaren Verbrechens der nuklearen Kriegführung in Irak und Jugoslawien wird es keinen Prozess geben. Trotz einer erschütternden Gesamtzahl von zwei Millionen Toten im Irak seit 1991 - die Ernte der amerikanischen Sanktionen und des abgereicherten Urans - keinen Prozess. Trotz des Todes von Hunderten amerikanischer Desert-Storm-Veteranen (mehr als 400), die dem Krebs sowie dem Versagen der Atmungsorgane, der Leber und der Nieren zum Opfer fielen, keinen Prozess. Trotz der chronischen Erkrankungen von 110.000 Veteranen, allesamt unwissend im Hinblick auf die tödliche Wirkung des abgereicherten Urans, keinen Prozess. Trotz des Mitleid erweckenden Anblicks von “Quallenbabys”, die irakischen, britischen und amerikanischen Soldaten, die dem abgereicherten Uran ausgesetzt waren, geboren wurden, keinen Prozess. Trotz der Weigerung des Pentagons, Kuwait und Irak von schätzungsweise 300 bis 8.700 Tonnen abgereicherten Urans zu reinigen, keinen Prozess.”

Wie fast immer in den vielen Prozessen gegen Friedensaktivisten vor US-Gerichten, zeigten sich die Richter von solchen Anklagen völlig unbeeindruckt. Richter Smith reagierte sogar mit großer Verärgerung auf die zahlreichen Solidaritätskundgebungen für die vier katholischen Friedenskämpfer inner- und außerhalb des Gerichtssaals in Maryland. Sein Urteilsspruch verrät nur ein Ziel: Die Friedensbewegten von ähnlichen Protestaktionen abzuschrecken. Glaubt man Phil Berrigan, so wird ihm dies nicht gelingen: “Einige werden sich vielleicht abschrecken lassen, doch andere werden tun, was sie tun müssen.”
Berrigan geht derweil mit der Gelassenheit dessen ins Gefängnis, der weiß, was er getan hat. Auch die Angst vieler Friedensbewegten, dass der 76-jährige Berrigan im Gefängnis sterben könnte, beunruhigen weder Berrigan selbst noch seine Frau, Elisabeth McAlister. Wenn dies geschehe, so McAlister; dann würde er sagen: “Es muss sein.”

Kontakt in Deutschland: Eucommunity, Wolfgang Sternstein, Hauptmannstraße 45, 70192 Stuttgart.

Aus: Publik Forum Nr. 8/2000. Michael Damm ist Autor beim Publik Forum, Oberursel

Veröffentlicht am

18. Oktober 2001

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