Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“Es ist nicht unsere Aufgabe, populär zu sein und unser Handeln am Erfolg zu orientieren”

Von Daniel Berrigan über Spiritualität und Kampf um soziale Gerechtigkeit

Manche mögen denken, dass Spiritualität und politische Aktionen absolute Gegensätze sind, aber zum Glück kenne ich Tausende gläubiger Menschen, die sich mit voller Überzeugung durch Protestaktionen und Einsätze gegen ungerechte Machtverhältnisse zum Wort Gottes bekennen.

In letzter Zeit bin ich mit einigen anderen mehrmals beim Marineschiff USS Intrepid, dem berühmt-berüchtigten Kriegsmuseum im New Yorker Hafen verhaftet worden. Wir sind entsetzt, dass Kinder von sowohl öffentlichen als auch kirchlichen Schulen busweise hierher gebracht werden, um die neuesten Waffen zu sehen; wir glauben, dass dieser Ort für sittenwidrig und für Kinder ungeeignet erklärt werden sollte. Wir haben schon gegen jede Form der amerikanischen Kriegsmaschinerie protestiert - mein Bruder Philip ist wegen seiner mutigen Aktionen gegen Kriegswaffen bereits seit vielen Jahren im Gefängnis. Unser Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und Kriege ist weltweit. Die Kraft zu all dem finden wir im Lesen und Studieren der Bibel und durch Glauben.

Glaube ist besonders deshalb wichtig, weil er auch dann Stabilität zu bieten scheint, wenn die Hoffnung in der Gesellschaft schwach wird. Glaube verbindet uns mit einer viel älteren und bewährteren menschlichen Erscheinung als die amerikanische Kultur. Die Verlockung zum Mitlaufen in der allgemeinen gesellschaftlichen Richtung ist groß; Habgier und Gewalt verleiten uns zur Anpassung. Wir brauchen Heilige und Propheten zum Widerstand, und die gibt es auch in den “alternativen” Lebensrichtungen in Amerika selten.

Vielen fällt es schwer, an ihren eigenen hohen Idealen festzuhalten, weil Amerika seinen Bürgern so erfolgreich eingeimpft hat, dass Erfolg das höchste Ziel ist. “Erfolg” ist solch ein Schwafelwort. Erfolgsstreben widerspricht so sehr dem Hauptziel in der Bibel - man findet dort sehr wenig Erfolgsberichte. Besonders das Leben Jesu enthält Verlust, Versagen und die Todesstrafe. Die biblische Botschaft ermutigt uns, am Glauben an das Mögliche festzuhalten, auch wenn die Macht der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft zu überwältigend erscheint. Daher kann mein Bruder neun der letzten dreißig Jahre seines Lebens im Gefängnis sitzen und dennoch guten Mutes sein, schreiben, weltweit korrespondieren und weitermachen, ohne vom System zerdrückt zu werden, denn er hat die Verbindung zum biblischen Glauben. Viele Bewegungen für soziale Veränderung vermeiden die Verbindung zum Spirituellen und haben meiner Ansicht nach manchmal keine Grundlage, Einzelne während schwieriger Perioden zu unterstützen, wenn der so genannte “Erfolg” mal ausbleibt.

Eine bestimmte Eigenschaft, die bei den spirituell orientierten Gruppen regelmäßig vorkommt, ist für andere sozial aktive Bewegungen nicht so typisch, nämlich eine gewisse Verbindung mit den Opfern dieser Gesellschaft, seien es die Obdachlosen, die Armen, die Kranken, die AIDS-Fälle oder andere, die soziale Unterdrückung erlebt haben. Ich meine, dass diese Verbindung für jede Gesellschaftsveränderung sehr wichtig ist, aber sie ist bei vielen Aktivisten reichlich unpopulär.

Meiner Erfahrung nach wollen unsere säkularen Freunde keine Aktionen unterstützen, die nicht große Wirkung haben; sie suchen nach dem schnellen Weg zum Erfolg, aber Hungrige zu speisen oder Obdachlose unterzubringen, hat solch eine Wirkung nun mal nicht. Im Kampf um eine gewaltlose Welt kann keiner die Aussicht auf sofortigen Erfolg für sich in Anspruch nehmen. Die Bibel verleiht uns Weitsicht anstelle der Erwartung schneller Lösungen. Wir stehen alle in der ernsten Gefahr, uns von dem amerikanischen Grundsatz anstecken zu lassen, dass gute Werke schnelle Veränderung bringen. Dagegen steht die ältere spirituelle Vorstellung, dass gute Werke in sich selbst gerechtfertigt sind und die Resultate in anderen Händen liegen.

Natürlich bin ich mir der momentan in Amerika wachsenden spirituellen Bewegung bewusst, die sich von der weltumfassenden Perspektive des Glaubens abgewendet hat und sich nur um die eigenen Gefühle kümmert. Sie ist voll stolzem Psychogeplapper und unterstützt so die Selbstbesessenheit derer, die “es geschafft” haben, mit wenig Gefühl für die, denen das nicht gelungen ist. Sie zielt darauf, dass man sich die eigenen Quadratmeter sichert und gegen das Elend auf der Straße immun ist. Es war schrecklich, in einigen spirituellen Freizeitzentren diese Einstellung zu erleben, den eklatanten Überfluss, die Selbstzufriedenheit und Isolierung gegen das Leiden anderer. Ich kann mit einer solchen Spiritualität nichts anfangen, und sie hat mit keiner menschlichen Tradition zu tun, wie ich sie verstehe. Und doch tun mir die Menschen, die sich auf solch ein Leben einlassen, auch sehr leid. Die Kosten dieser Spiritualität liegen darin, dass man seinen Platz im Jetzt und Hier verliert, dass man eine fürs Ganze denkende innere Haltung verlässt und Teil der schrumpfenden Minderheit auf diesem Planeten wird, die sich den Egoismus leisten kann, gegen das Los der Menschheit immun zu sein. Ein alarmierender Aspekt davon ist - ganz im Gegenteil zu den spirituell orientierten Sozialaktivisten, mit denen ich arbeite - dass Menschen nur mit ihresgleichen zu tun haben wollen. Sie tragen die gleichen Farben, die gleiche Kleidung, haben die gleiche typisch amerikanische Einstellung, die “Nummer Eins” zu sein, und es ist “alles erlaubt”, um diese Position abzusichern. Ich habe Menschen erlebt, die sogar bereit sind, die heißhungrigsten Ziele der amerikanischen Wirtschaft ohne jegliche Gewissensbisse gutzuheißen. Natürlich haben die Drahtzieher der Konzerne und des Militärs dagegen nichts einzuwenden - es passt ihnen gut ins Konzept.

New-Age-Anhänger beteiligen sich selten, wenn wir gegen Militarismus demonstrieren, Mahlzeiten ausgeben, Obdachlosenunterkünfte organisieren oder im Krankenhaus mit AIDS-Kranken arbeiten. Menschen mit Verbindungen zu Religionsgemeinschaften sehe ich jedoch dabei häufig. Zu oft suchen einige New-Age-Leute nach einer angenehmen Lebensweise, die sie sich wegen ihres Überflusses leisten können, und sie vergessen dabei, wie heilungs- und verbesserungsbedürftig die Welt in Wirklichkeit ist.

Heutzutage argumentieren manche, dass ein im Glauben erarbeitetes seelisches Gleichgewicht als Voraussetzung für ethisches und politisches Engagement nötig sei. Die biblischen Propheten hätten das jedoch als ein absolut fremdartiges Menschenbild empfunden. Die Vorstellung, innerer Friede müsse erreicht werden, bevor man anderen helfen kann, verdreht alle menschliche Erfahrung und weicht letztendlich vor unserer Verantwortung aus. Das Leben ist eine Achterbahn, also sollte man sich lieber anschnallen, bevor man auf Fahrt geht. Diese Betonung des seelischen Gleichgewichts ist somit eigentlich eine engstirnige, egoistische Einstellung, die in den Schafspelz frommer Sprache gewickelt ist.

Nimmt man den Propheten Jeremia, erkennt man keinesfalls eine Person, die nach innerem Frieden sucht. Dem Propheten - und den durch diese Tradition Inspirierten - geht es um Treue zu Gott inmitten der Flut von Leiden und Enttäuschungen. Jeremia schreit auf, ist ratlos, und wird dann angesichts der Verheißung mit großer Freude erfüllt; er durchlebt Höhen und Tiefen. Solch eine Lebensfülle spricht mich sehr an, wogegen die Frömmigkeit, die durch die Suche nach innerem Frieden und Ausgeglichenheit eine emotionale Sicherheit zu finden hofft, mich sehr stört; sie führt nirgendwohin. Einmal habe ich Thich Nhat Hanh nach einem seiner Vorträge in einer Kirche in Manhattan gerügt. Ich habe ihm gesagt, dass sein Publikum nach meinem Eindruck aus Menschen bestand, die auf der Suche nach billigem inneren Frieden waren, und er habe ihnen nicht geholfen zu verstehen, dass sein eigenes Leben trotz vorhandener Zeichen inneren Friedens ein enormer Kampf gewesen sei.

Er hatte seine Lebensgeschichte nicht erzählt und so den Eindruck vermittelt, dass das Leben aus kleinen guten Werken bestehen könne, ohne jede Verbindung mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Nur solche Taten erweitern unseren Horizont über das Persönliche hinaus und zeigen uns die Realität anderer, auch derer, die leiden und außerhalb unserer direkten Umgebung leben. Wir würden diesen Menschen nie begegnen - und könnten ihnen von daher nie etwas Gutes tun -, wenn wir uns nicht direkt darum bemühten. Ich weiß, dass die Vision der Propheten in einigen dieser spirituellen Kreise unpopulär ist. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, populär zu sein oder als wirkungsvoll zu gelten, sondern die tiefsten, uns bewussten Wahrheiten auszusprechen. Wir müssen unser Leben gemäß diesen tiefsten Wahrheiten gestalten, auch wenn dies keine sofortigen Erfolge in unserer Welt hervorbringt.

Aus der Zeitschrift: “Der Pflug” Nr. 45, 2/1999 (Darvell Bruderhof, GB-Robertsbridge, East Sussex TN32 5DR)

Veröffentlicht am

10. Januar 2002

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