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Flüchtlinge - sind sie Jobkiller oder Profiteure?

Die Argumente gegen die Zuwanderung sind - abhängig von den Ländern - ganz unterschiedlich. Es lohnt sich, näher hinzuschauen.

Von Christian Müller

Man weiß es: Mittel- und Osteuropa, insbesondere Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, wollen keine Flüchtlinge aus Syrien und anderen Kriegsländern im Nahen Osten und aus Afrika aufnehmen.

Zwei aufmerksame Beobachter, der emeritierte Wirtschaftsprofessor aus Cambridge Robert Rowthorn und der tschechische Publizist David Ružicka, machen auf etwas aufmerksam, was bisher kaum ein Thema war: Die Argumentation dieser mittel- und osteuropäischen Länder ist total widersprüchlich. Sie argumentieren einerseits mit der These, die Flüchtlinge würden den eigenen Staatsbürgern die Jobs wegnehmen und dadurch mehr inländische Arbeitslose verursachen. Und sie argumentieren andererseits, die Flüchtlinge kämen eh nur, um vom ausgebauten Sozialsystem in Europa zu profitieren, sie suchten, wie es gelegentlich sogar heißt, nur die "Hängematte", um dank unseren Sozialsystemen nicht arbeiten zu müssen.

Ein klarer Widerspruch

Beides zusammen kann nicht sein: Ein Flüchtling, der nur kommt, um hier auf Staatskosten in der Hängematte zu liegen, nimmt keinem den Arbeitsplatz weg. Und umgekehrt: Ein Flüchtling, der einen Job sucht und findet, lebt nicht von der Sozialhilfe des Staates. Der ungarische Premierminister Viktor Orban zum Beispiel, so schreiben die beiden Beobachter, vertrete die Jobkiller-Behauptung, seine Regierung habe 2015/16 für mehr als 50 Millionen Euro Anti-Immigrations-Werbung gemacht, inkl. Plakate, auf denen die Einwanderer gewarnt wurden, den Einheimischen ihre Jobs wegzunehmen. Umgekehrt die tschechischen Politiker Andrej Babiš (Ex-Stv.-Ministerpräsident), Milan Chovanec, Innenminister, oder auch Ex-Präsident Václav Klaus, sie schilderten die Flüchtlinge alle als Profiteure des europäischen Sozialsystems, und für Staatspräsident Miloš Zeman seien sie eh alle "nur" Muslime…

Genauere Untersuchungen hätten nun ergeben, dass der Flüchtlinge wegen kaum Jobs verloren gegangen sind, dass im Gegenteil Immigranten im Wettbewerb um Jobs schon der Sprache wegen deutlich härtere Bedingungen haben - und im Endeffekt durch mehr Innovation und Unternehmergeist sogar Jobs geschaffen haben. Dabei verweisen die beiden Autoren auf eine US-amerikanische Studie, gemäß der 40 Prozent der neueren Firmen von Immigranten und/oder deren Kindern gegründet wurden. "Sieben der zehn wertvollsten Marken der Welt sind von Immigranten oder deren Kindern gegründet worden", konstatiert diese Studie wörtlich, und: "Viele der größten amerikanischen Marken haben ihren Ursprung bei einem Gründer, der Immigrant oder das Kind eines Immigranten war, darunter Apple, Google, AT&T, Budweiser, Colgate, eBay, General Electric, IBM und McDonald’s, um nur einige zu nennen." (Die Studie kann unten als PDF eingesehen und heruntergeladen werden.)

Zu ähnlichen Resultaten kommen auch Untersuchungen in Deutschland, wie auf der Website Gründerszene nachzulesen ist.

Was wissen die Flüchtlinge über die einzelnen Länder?

Mittlerweile gibt es auch differenzierte Untersuchungen darüber, wie die Flüchtlinge ihre Destination auswählen. Die meisten Flüchtlinge haben von den Arbeitsmarkt-Bedingungen in den verschiedenen europäischen Ländern keine Ahnung. Am ehesten noch orientieren sie sich an den - oft falschen - Informationen der Schlepper, und viele versuchen einfach, dahin zu kommen, wo Verwandte oder Bekannte aus ihrer Heimat schon ein sicheres Zuhause gefunden haben.

Der Originalartikel von Robert Rowthorn und David Ružicka (in englischer Sprache), erschienen auf Project Syndicate und Social Europe, ist nicht ganz einfach zu verstehen, weil darin auf die Katze des Physik-Nobelpreisträgers von 1933, des Zürcher Physik-Professors Erwin Schrödinger (1887-1961) angespielt wird - und wer kennt schon "Schrödingers Katze"? Für Leute allerdings, die sich beruflich mit dem Flüchtlingsproblem beschäftigen, sind diese Untersuchungen eine wertvolle Ergänzung. Und sie machen deutlich, wie Argumente gegen die Einwanderung oft an den Haaren herbeigezogen werden.

Weiterführende Informationen:

Quelle: Infosperber.ch - 16.09.2017.

Veröffentlicht am

29. September 2017

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