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1967: Vom Flugblatt zur RAF

Zeitgeschichte: Die "Kommune I" in Westberlin fragt auf einem Flugblatt: "Wann brennen die Kaufhäuser?" Sie sehnt sich die Front herbei - und wird zum Vorläufer der "Rote Armee Fraktion"

Von Michael Jäger

Ein Brand im Brüsseler Warenhaus À l’innovation am 22. Mai 1967, bei dem 300 Menschen ums Leben kamen, inspirierte Mitglieder der Berliner "Kommune I" zu einer makabren Aktion. Die Kommune war eine Wohngemeinschaft, die mit den revolutionären Ideen der damaligen Studentenbewegung nicht nur politische Aktionen, sondern auch eine andere Lebenspraxis verbinden wollte. Die Aktionen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), aus dem sie hervorging, waren ihr nicht unkonventionell genug. So reagierte sie auf die Brüsseler Katastrophe mit einer Satire.

Bald nach dem Brand erschienen Flugblätter, das erste war überschrieben: "Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt". Das zweite stellte den Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg her: "Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin noch missen mussten." Dann im dritten die Frage: "Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?" Die Verfasser - Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans - übten scheinbar Selbstkritik am bisherigen Protest: Zunächst hätten sie nur Eier ans Amerikahaus geworfen. Das war tatsächlich eine Aktion des SDS gewesen. Sie hatte schon gereicht, die Frontstadt-Westberliner mit kochender Wut gegen die Studenten aufzubringen. "Und zuletzt hätten wir gern HHH (Hubert Horatio Humphrey) in Pudding sterben sehen."

Diese Aktion gegen einen Besuch des US-Vizepräsidenten ging allein aufs Konto der Kommunarden. Sie wollten eine Bombe aus Pudding und Quark schleudern. Die Tat flog vor der Ausführung auf, und die Bild-Zeitung, schlecht unterrichtet, titelte, ein "Bombenanschlag" sei geplant gewesen. Dabei hätten die Deutschen doch "Verständnis für den Kampf der Amerikaner in Asien"! Als die "Verschwörer", kaum verhaftet, schon wieder freigelassen werden mussten, war das Gelächter groß.

Doch nun - so fährt das dritte Flugblatt fort - hätten "unsere belgischen Freunde" endlich "den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen": "Brüssel wird Hanoi", und Berlin solle sich ein Beispiel nehmen. Die Verfasser wurden diesmal nicht bloß verhaftet, sondern vor Gericht gestellt, dem Gericht blieb aber nichts weiter übrig, als sie freizusprechen. Denn dass die Flugblätter Satire waren, ließ sich nicht bestreiten.

Eindeutig ist auch, dass mit den Flugblättern die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) beginnt. Noch in der Woche des Freispruchs am 22. März 1968 besuchten Andreas Baader und Gudrun Ensslin die Kommune I und fragten, ob jemand beim "Zündeln" in westdeutschen Kaufhäusern mitmachen wolle. Da sich niemand meldete, fuhren sie mit Freunden allein los. In drei Frankfurter Kaufhäusern wurden Brandsätze gelegt. Das geschah kurz vor Ladenschluss in den oberen Etagen, denn Menschen sollten nicht zu Schaden kommen. Tatsächlich entstand nur Sachschaden im Wert von gut 700.000 Mark. Doch die späteren RAF-Gründer hatten noch nicht gelernt, ihre Spuren zu verwischen. Schon am nächsten Tag konnten sie festgenommen werden, ohne dass wieder ein Freispruch winkte; sie hatten den Rubikon überschritten. Die Kommune I erklärte sich zwar mit den Tätern solidarisch - sie habe Verständnis für deren "psychische Situation" -, intern sprach man aber von "psychischem Versagen".

Weg in den Untergrund

Verurteilt am 31. Oktober 1968, wurden die Brandstifter am 13. Juni 1969 aus dem Gefängnis entlassen. Ihr Verfahren lief aber noch; im November 1969 sollte über die Revision der Urteile, die eigentlich auf drei Jahre Haft lauteten, entschieden werden. Als der Bundesgerichtshof die Revision verwarf, tauchten Baader und Ensslin unter, statt die Strafe anzutreten. Sie begannen jetzt, gezielt eine konspirative Gruppe für den bewaffneten Kampf aufzubauen. Doch noch immer mussten sie Lehrgeld zahlen. Peter Urbach, ein Agent des Verfassungsschutzes, stellte ihnen eine Falle, und Andreas Baader konnte erneut verhaftet werden. Er wurde indessen von einer überwiegend aus Frauen bestehenden Gruppe mit Waffengewalt befreit. Das geschah, als er sich in einem Institut der Freien Universität Berlin aufhalten durfte; dabei wurde der Institutsangestellte Georg Linke schwer verletzt. Der Gruppe gehörte Ulrike Meinhof an, die bis dahin für die Zeitschrift konkret geschrieben hatte. Sie ging nun ebenfalls in den Untergrund. Danach begann die flächendeckende Fahndung nach selbst ernannten RAF-"Kämpfern" durch den Staat.

Bei Festnahmeversuchen kam es regelmäßig zu Schießereien. Bei der ersten gab es noch keine Toten, doch von da wurde die RAF zum innenpolitischen Hauptthema. Den Namen RAF gaben sich die Terroristen 1971. "Den Bullen, der uns laufen lässt, lassen wir auch laufen", erklärten sie, doch natürlich ließ man sie nicht laufen. Die erste Tote war Petra Schelm, eine RAF-Terroristin, als Zweiter kam Norbert Schmid, ein Polizeibeamter, ums Leben. Ein "Kommando Petra Schelm" führte im Mai 1972 den Rohrbomben-Anschlag gegen das V. US-Korps aus, das im Frankfurter IG-Farben-Haus untergebracht war. Es gab 13 Verletzte und einen Toten. Die RAF verstand ihre Aktion als Reaktion auf die Verminung von Häfen in Nordvietnam durch die amerikanische Luftwaffe.

Das waren die Folgen einer Satire vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs. Man muss aber auch nach der Herkunft der Satire fragen. Weit gefehlt wäre die Annahme, da hätten nur zufällig ein paar Witzbolde einen verhängnisvollen Einfall gehabt. Es drängt sich im Gegenteil der Eindruck auf, dass dieser Einfall gleichsam kommen musste - nicht nur wegen des Vietnamkrieges, sondern weil das kulturelle Umfeld dahin drängte. 1967 stand "Wann brennen die Kaufhäuser?" auf einem Kommune-Flugblatt: Im selben Jahr sagte Pierre Boulez, der bedeutendste Komponist seiner Epoche, dem Spiegel, er wünsche sich, dass "die Opernhäuser in die Luft" gesprengt würden. Natürlich wollte er nicht, dass Menschen zu Schaden kommen, sondern stellte sich Sprengungen vor wie die des halb zerstörten Berliner Schlosses nach Kriegsende. Er fand es aber auch lustig, mit dem Gedanken eines Imports chinesischer Rotgardisten zu spielen: "Vergessen Sie nicht, die Französische Revolution hat auch sehr viel kaputtgemacht, und das war sehr gesund."

Was solche Gedanken hervortrieb, war das Wiederaufleben der Tradition des Dadaismus und Surrealismus. Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger hat es überzeugend rekonstruiert: Da die Zeit um 1968 herum etwas von einer revolutionären Situation hatte, begannen sich Künstler und Menschen, die sich im Umfeld von Künstlern bewegten, in der Denk- und Aktionsweise jener Bewegung der 1920er Jahre wiederzuerkennen. Das heißt, sie wollten wie die Dadaisten und Surrealisten aus der bloßen Kunstsphäre heraustreten, ihre Energien dort nicht mehr fesseln lassen, sondern die Kunst mit der gesellschaftlichen Lebenspraxis verbinden. Dass dies bei Boulez mitspielte, wird deutlich, wenn er sagt, das traditionelle Opernpublikum lebe im Ghetto und spüre "nichts von den Veränderungen der Zeit". Andreas Baader war kein Künstler, hatte sich aber in Künstlerkreisen bewegt. Dieter Kunzelmann nahm an der Bewegung der Situationisten teil, die sich als Fortsetzung des Surrealismus verstand. Auch er griff später zur Waffe.

Die Surrealisten wollten den bürgerlichen Verstand verwirren und so die politische Revolution vorbereiten. Deshalb malt René Magritte eine Pfeife und schreibt "Das ist keine Pfeife" daneben, was nicht stimmt, denn abgebildet ist eindeutig eine Pfeife, und was andererseits stimmt, weil es ja nur ein Bild ist. Das Bild der Pfeife raucht nicht. So wurden durch die satirischen Flugblätter der Kommunarden keine Menschen in Kaufhäusern verbrannt. Und ja, sie hatten den bürgerlichen Verstand verwirrt, schon vorher durch die Puddingaktion. Oder waren sie selbst die Verwirrten?

Quelle: der FREITAG vom 13.06.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Michael Jäger und des Verlags.

Veröffentlicht am

14. Juni 2017

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