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Leonardo Boff: Der Gott Brasiliens ist Moloch, der seine Kinder verschlingt

Von Leonardo Boff

Es heißt, Gott ist Brasilianer. Es ist nicht der Gott der Zärtlichkeit oder der Demütige, sondern der Moloch der Kanaaniter und der Phönizier, der seine Kinder verschlingt. Wir sind eines der ungleichsten, ungerechtesten und gewalttätigsten Länder der Welt. Theologisch gesehen leben wir in einer Situation sozialer und struktureller Sünde im Gegensatz zu Gottes Plan. Es reicht schon zu bedenken, was in den Gefängnissen von Manaus, Rondonia und Roraima geschah. Das ist pure Barbarei: Wut enthauptet, sticht die Augen aus und zerstört das Herz.

Es gibt nicht nur Gewalt in Brasilien. Wir sind gegründet auf gewalttätigen sozio-historischen Strukturen, die auf dem Genozid der Indigenen basiert, auf demütigendem Kolonialismus und inhumaner Sklaverei. Und diese Strukturen können nicht überwunden werden, bevor diese schreckliche Tradition überwunden ist.

Wie kann das gehen? Es ist eine Herausforderung, die eine kolossale Transformation unserer sozialen Beziehungen verlangt. Ist dies noch möglich, oder sind wir dazu verurteilt, ein Außenseiter-Land zu sein? Ich denke, es ist noch möglich, wenn wir u. a. folgende zwei Wege einschlagen, die von der Basis entwickelt wurden: die Erschaffung eines Volkes, beginnend mit den sozialen Bewegungen und der Errichtung einer Sozialdemokratie, die sich auf das Volk gründet.

Die Erschaffung eines Volkes: Diejenigen, die kamen uns zu kolonialisieren, kamen nicht, um eine Nation zu schaffen, sondern ein kommerzielles Unternehmen, um schnell reich zu werden, Hidalgos (Hidalgo nennt man seit dem Mittelalter in Spanien den aus alten christlichen Familien stammenden Adel ohne besonderen Titel - Quelle: Wikipedia) zu werden, nach Portugal zurückzukehren und sich an ihrem angehäuften Reichtum zu erfreuen.

Zuerst eroberten sie die nativen Völker, dann brachten sie schwarze Sklaven aus Afrika, die für sie arbeiten mussten. Eine Menschenmasse wurde geschaffen, dominiert, gedemütigt und - selbst noch zu unseren Zeiten - von den Eliten verachtet.

Abgesehen von einigen früheren Revolten gab es zu Beginn der 1930er Jahre eine historische Veränderung. Gewerkschaften und die verschiedensten sozialen Bewegungen entstanden. Im Zentrum dieser Bewegungen standen sozialbewusste Akteure und Kritiker mit dem Willen, die soziale Wirklichkeit zu verändern und die Saat einer eher partizipatorischen und demokratischen Gesellschaft zu schaffen.

Die Entwicklung dieser Strukturen brachte Brasiliens Volksbewegung hervor. Sie macht aus der Volksmasse ein organisiertes Volk, das zuvor nicht als Volk existierte, sondern das nun geboren wurde. Es zwingt die politische Gesellschaft zum Zuhören und Verhandeln und auf diese Weise, den Level struktureller Gewalt zu verringern.

Die Schaffung einer Sozialdemokratie mit einer im Volk begründeten Basis: Wir haben eine repräsentative Demokratie, doch ist sie von sehr geringer Intensität, voll von politischen Untugenden und Korruption, wo die Volksvertreter im allgemeinen von den großen Unternehmen gewählt werden, deren Interessen sie vertreten.

Doch aufgrund von guter Organisation im Volk wurden bereits im Volk als Gegengewicht hierzu politische Parteien und Gruppierungen progressiver Parteien gegründet, einschließlich der liberalen Bourgeoisie oder, traditionell links gerichtet, Parteien, die tiefgreifende Reformen in der Gesellschaft voranbringen und danach streben, die Staatsgewalt zu erlangen, sei es auf städtischer, staatlicher oder auf Bundesebene.

Diese partizipatorische Demokratie ist grundlegend auf diese vier Pfeiler gegründet wie die vier Beine eines Tischs:

  • größtmögliche Partizipation aller, von der Basis ansteigend, solcherart, dass jeder sich selbst als aktive/n Bürger/in erachten kann;
  • Gleichheit, die aus dem Maß an Partizipation resultiert. Gleichheit verleiht den Bürgern und Bürgerinnen größere Möglichkeiten für ein besseres Leben. Angesichts der existierenden Ungleichheiten muss die soziale Solidarität gestärkt werden;
  • Respekt für die Unterschiede aller Art; aus diesem Grund muss eine demokratische Gesellschaft pluralistisch sein, multi-ethnisch und allen Religionen mit Respekt begegnen und in allen unterschiedlichen Formen kommunaler Ressourcen.
  • die Wertschätzung menschlicher Subjektivität; der Mensch ist nicht nur ein sozialer Akteur, er ist eine Person mit einer eigenen Weltanschauung, der/die Werte von Kooperation und Solidarität kultiviert, welche die Institutionen und sozialen Strukturen human gestalten.

Darüber hinaus stehen diese Pfeiler/steht dieser Tisch auf einem Boden, ohne den er nicht stehen kann: ein neues Verhältnis zur Natur und zu Mutter Erde, unserem Gemeinsamen Haus, wie Papst Franziskus in seiner ökologischen Enzyklika bekräftigte. Mit anderen Worten: Diese Demokratie muss das ökologische Moment einbeziehen, das auf einem anderen Paradigma basiert. Das gängige Paradigma, das auf Macht und Beherrschung in Form von unbegrenzter Anhäufung aufbaut, hat eine unüberwindbare Hürde erreicht: die Grenzen der Erde können kein unbeschränktes Wachstum aushalten. Indem wir diese Grenzen überschreiten, können wir nun eine globale Erwärmung beobachten sowie die extremen Ereignisse, die wir in diesem Jahr 2017 erleben, wo in fast ganz Europa Schnee fällt, was seit hundert Jahren nicht mehr der Fall war.

Das stets wachsende Bewusstsein für diese Grenzen zwingt uns, an ein neues Paradigma für Produktion, Konsum und Aufteilung der raren Ressourcen unter den Menschen zu denken und auch mit der ganzen Lebensgemeinschaft (auch die Flora und Fauna wurden von der Erde geschaffen und brauchen ihre Nährstoffe). Hier kommen die Werte wie Achtsamkeit ins Spiel, gemeinsame Verantwortung und Solidarität aller mit allen, ohne die das Projekt nicht erfolgreich sein wird. Unter diesen Voraussetzungen können wir hoffen, unsere gewalttätigen Gesellschaftsstrukturen zu überwinden.

Die Alternative wäre, mit dem Wechsel nur zu spielen, sodass sich tatsächlich gar nichts verändert.

Leonardo Boff ist Theologe und Philosoph; Mitglied der Erd-Charta Kommission

Quelle:  Traductina , 27.02.2017. 

Veröffentlicht am

28. Februar 2017

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