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Sich aus einem verlorenen Krieg davonstehlen

Von Robert C. Koehler

"Nur ein toter Talib ist ein guter Talib."

Diese Worte, die der Geheimdienstchef der NATO-Koalition in Afghanistan vor einem halben Jahrzehnt sprach, beschwören eine amerikanische Brutalität, die viel länger zurück liegt. Während das amerikanische Imperium vortäuscht, das Tor zu seinem Krieg mit Afghanistan zu schließen, dienen diese Worte auch wie eine Art Türstopper, der die Tür offenhält für unsere weitere Einmischung in diesem zerbrochenen Land.

Der Krieg endet nicht wirklich. Rund 18.000 ausländische Soldaten werden in Afghanistan bleiben, fast 11.000 davon amerikanische, im Rahmen einer neuen Mission namens "Resolute Support" ("energische Unterstützung"). Streitkräfte der USA werden auch "eine eingeschränkte Kampfrolle als Teil einer eigenen Gegenterror-Mission" übernehmen, laut dem Wall Street Journal. Wir lassen die Kampfmission einfach in dem globalen Hintergrundgetöse verschwinden.

Wir fahren fort, einen Teil der Menschheit unter dem Vorwand zu entmenschlichen, ihn zu retten. Die aktualisierte Version von "nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer", jetzt angewendet auf die Taliban, wurde vor ein paar Tagen in einem Artikel im SPIEGEL unter dem Titel "Obamas geheime Todeslisten: Eine dubiose Geschichte von gezielten Tötungen in Afghanistan." Siehe SPIEGEL-Online: "Krieg in Afghanistan: Obamas geheime Todeslisten" . Der Artikel bringt Einzelheiten über die berüchtigten "Kill Lists" der Administration und die Jagd auf Talibanführer der mittleren und höheren Ebene mit Helikopter und Drohnen - Ermordung mit Hellfire-Rakete - eine Tötungsmethode, die garantiert viele unschuldige Zivilisten mit (oder statt) dem vorgesehenen Talibanfunktionär trifft. Aber man weiß ja, dass der Krieg so ist.

Das offiziell verkündete "Ende" des Afghanistankriegs, das ja nicht das Ende der Kampfoperationen bedeutet, bietet uns einen Moment der beunruhigenden Betrachtung dessen, was in diesen letzten 13 Jahren erreicht worden ist, in dem ersten unserer Kriege, der angeblich den Terror ausrotten sollte, in Wirklichkeit aber gefördert hat. Wir pumpten mindestens eine Billion Dollar in den Krieg, der um die 30.000 Leben forderte, mehr als zwei Drittel davon Zivilisten. Das erste, was mir dabei in den Sinn kommt ist, dass offiziell diese Statistiken keine Bedeutung haben.

Der US-Armeegeneral John Campbell, Befehlshaber der International Security Assistance Force, veranschaulichte das, indem er die menschlichen Kosten des Krieges in einer geheimen Feier am vergangenen Wochenende in einer Sporthalle im ISAF-Hauptquartier in Kabul in einfach gestrickte Geschwätzigkeit verpackte: "Unsere neue energische Mission bedeutet, dass wir weiterhin in Afghanistans Zukunft investieren werden", sagte er. "Unsere Verpflichtung gegenüber Afghanistan bleibt bestehen."

Nebenbei erwähnt war die Zeremonie zur Feier des Kriegsendes deswegen geheim, weil die Behörden die Möglichkeit eines Angriffs der Taliban fürchteten. Die USA und die NATO sind die Verlierer, wie alle wissen, ungeachtet des ungeheuer aufgeblähten Ausmaßes ihrer militärischen Überlegenheit. Der Krieg gegen Afghanistan war, wie der Krieg gegen den Irak, ein völliges Scheitern, sogar nach den Maßstäben der Interessen der USA und deren geopolitischen Zielen.

Aber jede ehrliche Reflexion erfordert einen viel ernsthafteren, alles umfassenden Blick auf die Ergebnisse des Kriegs.

Krieg ist Folter auf Länderebene. Das Land Afghanistan und seine Menschen sind natürlich die ersten Verlierer bei unserer "Investition" in ihre Zukunft - unsere Investition in die Zerstörung von Ländern.

Zum Beispiel: "Was in Afghanistan in den letzten 13 Jahren geschehen ist, ist das Aufblühen eines Drogenstaats, der wirklich ohne jegliche Parallele in der Geschichte ist", sagte Matthieu Aikins vor kurzem in einem Interview auf Democracy Now!.

Aikens Artikel "Afghanistan: die Schaffung eines Drogenstaats", der vor kurzem in Rolling Stone erschien, weist darauf hin, dass sich seit dem Überfall der USA die Opiumproduktion verdoppelt hat und dass das Land jetzt etwa 90 Prozent des Heroinhandels auf der Welt beliefert. Opium macht etwa 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, sagte Aikins - auch wenn Afghanistan im Drogenhandel wirtschaftlich ganz unten liegt. "Die afghanischen Bauern bekommen nur 1 Prozent vom Wert des globalen Opiumhandels", sagte er.

Vor 2001 war die Opiumproduktion in Afghanistan rückläufig, aber, so sagte Aikins zu Democracy Now!, "die USA taten sich in ihrem Streben nach Rache gegen die Taliban und al-Qaeda mit genau den Warlords zusammen, deren Kriminalität und Verstöße gegen die Menschenrechte erst die Bedingungen geschaffen haben, die das Aufkommen der Taliban ermöglichten. Und in vielen Fällen sind es die gleichen Leute, die dafür verantwortlich waren, den Opiumanbau in großem Ausmaß während des Krieges gegen die Sowjets nach Afghanistan gebracht zu haben.

Krieg ist auch das geistige Krebsgeschwür der Menschheit

Die Ränge hinauf und hinunter herrscht die Entmenschlichung des Gegners. "Nur ein toter Talib ist ein guter Talib." Das ist das Denken, das massenhafte Bombardierungen und Kill Lists rechtfertigt. Es infiziert auch die Seelen der einfachen Soldaten wie das "Kill Team", das Mark Boal in einem anderen außergewöhnlichen Bericht in Rolling Stone beschreibt, der im März 2011 veröffentlicht wurde.

"Unter den Männern der Bravo-Kompanie", schreibt Boal, "war die Vorstellung, einen afghanischen Zivilisten zu töten, Gegenstand zahlloser Gespräche, während Unterhaltungen beim Essen und spätnächtlichen Schwatzereien. Wochenlang hatten sie die ethischen Bedenken erörtert, ‘Wilde’ zu schnappen und die Wahrscheinlichkeit besprochen, dabei erwischt zu werden. Einige quälten sich mit dieser Vorstellung herum, andere waren von Anfang an davon begeistert. Aber nicht lange nach Neujahr, als der Winter über die trockenen Ebenen der Provinz Kandahar hereinbrach, vereinbarten sie, mit dem Reden aufzuhören und es wirklich zu tun."

Boals Artikel gibt Details des Tötens - und der Zerstückelung - von afghanischen Zivilisten nur aus Sport und Rachgier wieder. Die Einzelheiten sind grausig: "Dann schnitt er mit einer scharfen medizinischen Schere den rosigen Finger des toten Knaben ab und gab ihn Holmes, als Trophäe für die Tötung seines ersten Afghanen."

Was für eine Farce macht die Wirklichkeit des Kriegs aus der Rhetorik, die ihn preist. Das amerikanische Imperium veranstaltet eine geheime Feier, um sich um eine gescheiterte Mission zu drücken. Aber dieser Krieg ist nicht vorbei. Er wird nicht vorbei sein, bis wir als Land geloben, nicht den nächsten anzufangen.

Quelle: www.antikrieg.com vom 01.01.2015. Originalartikel: Skulking Away from a Failed War. Übersetzung: Klaus Madersbacher.

Fußnoten

Veröffentlicht am

05. Januar 2015

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