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Eine Spiritualität des Widerstandes

Von John Dear

Liebe FreundeJohn Dear hielt diese Rede am 28. Februar 2011 anlässlich der Achten Sabeel-Konferenz in Bethlehem in Palästina (Sabeel Ecumenical Liberation Theology Center. Working for Justice, Peace and Reconciliation in Palestine - Israel; www.sabeel.org )., ich danke euch für alles, was ihr für Frieden und Gerechtigkeit, für den Gott des Friedens und der Gerechtigkeit tut. Ich wurde gebeten, über "eine Spiritualität des Widerstandes" zu sprechen. Ich definiere "Spiritualität" im weiten Sinne als eine Lebensweise, einen "Weg", in eurer Sprache: "Sabeel". Das bedeutet: So wie es viele Wege gibt, gibt es auch viele Spiritualitäten. Wir sprechen hier darüber, Gott zu finden, wenn wir dem Imperium Widerstand entgegensetzen, mit Jesus zu gehen, wenn wir dem Imperium Widerstand entgegensetzen, und im Heiligen Geist des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu leben, wenn wir dem Imperium Widerstand entgegensetzen.

Ich denke, ich werde euch ein wenig von meiner eigenen Geschichte des Widerstandes erzählen und euch dann zehn Ausgangspunkte für eine Spiritualität der Gewaltfreiheit und des Widerstandes gegen das Imperium anbieten. Es sind nur bescheidene Reflexionen, von denen ich hoffe, dass sie euch dazu anregen werden, die spirituelle Dimension zu entfalten und die Wurzeln eures eigenen gewaltfreien Widerstandes aufzudecken. Ich frage also: Was ist eure Spiritualität der Gewaltfreiheit und des Widerstandes? Wie fordert ihr das Imperium heraus, wie widersteht ihr ihm und wie bleibt ihr dem Gott des Friedens treu? Wo ist Gott bei eurer Reise heraus aus dem Imperium, bei eurer Reise des Widerstandes gegen das Imperium? Wer ist der Gott, dem ihr begegnet, wenn ihr dem Imperium widersteht? Welche spirituellen Übungen und Ressourcen nutzt ihr auf eurer Lebensreise der Gewaltfreiheit und des Widerstandes?

Meine Geschichte des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium

Vor dreißig Jahren, als ich 21 war, entschied ich mich für den Versuch, Jesus zu folgen. Ich kam dabei auf einer Pilgerreise für einige Monate hierher. Aber noch in der Woche, als ich 1982 abreiste, marschierte Israel in den Libanon ein und tötete im Laufe dieses dreimonatigen Krieges 60.000 Menschen. Das alles war vom Pentagon inszeniert und von dort auch kam der Name "Operation Frieden für Galiläa". Gegen Ende meines Aufenthalts zeltete ich illegal am See Gennesaret, besuchte die Kapelle der Seligpreisungen und dachte zum ersten Mal über die Bergpredigt nach. Ich nahm mir diese großartigen Gebote zu Herzen: "Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, gesegnet seien, die Frieden stiften, liebe deine Feinde." Während ich über die Bergpredigt nachdachte, sah ich israelische Kampfflugzeuge im Tiefflug über dem See Gennesaret auf ihrem Weg in den Libanon, um dort Menschen zu bombardieren. Diese Erfahrung des Krieges am See Gennesaret änderte mein Leben. Seitdem versuche ich die Bergpredigt zu leben, ich verstehe sie als einen Ruf, dem Gott des Friedens treu zu sein und Imperium und Krieg Widerstand entgegenzusetzen, und als Einladung, Gottes gewaltfreie Herrschaft des Friedens hier und jetzt willkommen zu heißen.

Ein weiterer Wendepunkt: 1985 ging ich nach El Salvador, um dort in einem Flüchtlingslager zu arbeiten. Der von den USA unterstützte Krieg war auf seinem Höhepunkt. Ich arbeitete bei den Jesuiten an der Universität in San Salvador. Dort sagte der Theologe und Dekan der Universität Ignacio Ellacuria zu uns: "Die Bestimmung der Jesuitenuniversität in El Salvador ist die Förderung der Herrschaft Gottes. Ihr steht jedoch nur dann für die Herrschaft Gottes, wenn ihr öffentlich aktiv gegen die Gegenherrschaft eintretet. Ihr könnt nur dann den Anspruch erheben, für Frieden und Gerechtigkeit zu sein, wenn ihr euch öffentlich aktiv gegen Krieg und Ungerechtigkeit einsetzt." Dieser furchtlose, standhafte und freimütige gewaltfreie Widerstand gegen den Krieg forderte mich heraus und inspirierte mich.

Ellacuria und fünf andere Jesuiten wurden am 16. November 1989 von 28 Soldaten ermordet. 19 von ihnen waren in den USA in der "School of Americas" im Fort Benning in Georgia ausgebildet worden. Das Märtyrertum dieser Jesuiten inspiriert mich weiterhin dazu, Krieg und Imperium Widerstand entgegenzusetzen.

Inzwischen organisiere ich Demonstrationen gegen die Kriege der USA, sage meine Meinung, überschreite die Linie und werde in Militärbasen im ganzen Land verhaftet. Am 7. Dezember 1993 gingen vier von uns auf die Seymour Johnson Air Force Base in North Carolina mitten durch die Kriegsspiele und schlugen in einer Pflugscharaktion zweimal mit Hämmern auf ein atombombenfähiges F-15 Kampfflugzeug. Soldaten umringten uns und ich sagte als Sprecher der Gruppe: "Wir sind unbewaffnete, friedliche Menschen. Wir meinen es nicht böse, wir wollen nur diese Todeswaffe demontieren!" Wir hofften, dass alle sich besinnen würden, dass die Soldaten sagen würden: "Genau das denken wir auch! Natürlich, nur zu! Danke!" Ich sagte dem Richter, wir hätten versucht, Jesajas Gebot, Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden, und Jesu Gebot ("Liebt eure Feinde, greift sie nicht mit Atomwaffen an": Das ist die aktuelle Übersetzung aus dem Griechischen!) zu erfüllen. Für diese Aktion standen mir 20 Jahre Gefängnis bevor und ich wurde zweier schwerer Verbrechen für schuldig befunden. Ich verbrachte acht Monate im Gefängnis. Ich bin also ein Ex-Häftling, darf nicht wählen, werde regelmäßig überwacht und fühle mich, als hätte mich das Imperium exkommuniziert.

Seit damals versuche ich, meinen Weg in Solidarität mit den Entrechteten zu gehen, und protestiere gegen unsere Kriege und Atomwaffen. Ich wurde etwa 75-mal wegen zivilen Ungehorsams verhaftet und war in vielen Gefängnissen. Die letzten neun Jahre lebe und arbeite ich als Pfarrer in New Mexico, einem der ärmsten Bundesstaaten, der jedoch der Geburtsort der Atombombe ist. Wir haben eine gewaltfreie Kampagne gegen die Los
Alamos National Laboratories
, wo alle US-Atombomben ihren Anfang nehmen, ins Leben gerufen und wir fordern weiterhin nukleare Abrüstung.

Vor Kurzem habe ich nach einem Protest gegen den Irakkrieg ein Jahr unter strengen Bewährungsauflagen der Bundesregierung gelebt. Ich musste mich jede Woche bei einem Beamten der Regierung melden und ich musste um eine Genehmigung ersuchen, wenn ich reisen und den Staat verlassen wollte. Letztes Jahr habe ich versucht, nach Gaza zu kommen. Ich schloss mich mit 1400 anderen dem Gaza Freedom March von Kairo nach Gaza an. Mubarak hielt uns auf, also verstießen wir gegen die Ausgangssperre und demonstrierten zehn Tage lang auf dem Tahirplatz. Bei dieser Gelegenheit schloss ich mich einem achttägigen Fasten für das Ende der Besetzung von Gaza an. Dieses Fasten wurde von der 85-jährigen jüdischen Holocaust-Überlebenden Hedy Epstein angeführt.

Vor eineinhalb Jahren marschierten vierzehn von uns zur Creech Air Force Base in Nevada, dem Hauptquartier der US-Drohnen-Waffen, der unbemannten Kampfbomber, die im Irak, in Afghanistan und Pakistan zum Bombardieren von Zivilisten eingesetzt werden. Ich fürchte, sie werden bald am Himmel von Bethlehem erscheinen. Wir wurden verhaftet, in Las Vegas eine Nacht lang ins Gefängnis gesperrt und standen im letzten Herbst vor Gericht. Der Richter überraschte uns damit, dass er sagte, er brauche vier Monate, um über seine Entscheidung nachzudenken. Vor zwei Wochen standen wir wieder vor dem Gericht in Las Vegas und natürlich sprach er uns schuldig. Ich erwartete sechs Monate Gefängnis, aber er sagte, die Untersuchungshaft werde auf die Strafe angerechnet. Deshalb bin ich besonders glücklich, dass ich heute Morgen bei euch sein kann!

"Jerusalem, Jerusalem, wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt"

Wir sprachen über das Imperium, das amerikanische Imperium, das israelische Imperium, die Besetzung, die Mauer, die Siedlungen, die Belagerung von Gaza, die Apartheid, das abscheuliche Veto Obamas neulich in den UN - und alles das in einer Welt, in der eine Milliarde Menschen verhungern, in der es 30 Kriege, weltweit 730 US-Militärbasen, 20.000 Atombomben, Gewalt, Folter, Hinrichtungen und wirtschaftliche Zusammenbrüche gibt und in der destruktive Politik uns einen katastrophalen Klimawandel eingebracht hat. Wir stecken bis über beide Ohren im Imperium! Das Imperium ist die Luft, die wir atmen. Es ist normal. Wir haben es verinnerlicht. Und wir haben unsere Kirchen, unsere Theologie und unsere Spiritualität in den Dienst des Imperiums gestellt. Wenn wir also über eine Spiritualität des gewaltfreien Widerstandes sprechen, müssen wir zuerst einmal erkennen, dass die meisten von uns in einer Spiritualität des Krieges, einer Spiritualität der Besetzung, einer Spiritualität des Imperiums befangen sind.

Es ist eine alte Geschichte. In dieser falschen Spiritualität des Imperiums und des Krieges glauben wir, Gewalt könnte uns retten, Krieg brächte Frieden, Macht würde Recht schaffen, Atomwaffen wären unsere einzige Sicherheit. Gott segnet Kriege. Wir streben nicht nach Vergebung und Versöhnung, sondern nach Sieg und Herrschaft. Die "gute Nachricht" ist nicht, den Feind lieben, sondern den Feind vernichten zu können, damit wir ihm sein Land und seine Naturressourcen stehlen und für uns behalten können. Manche von uns denken, das Imperium wäre auf unserer Seite, es gäbe uns Leben, es wäre unser Gott. In Wirklichkeit bewirken Imperien, dass das Gute stirbt. In unserer Spiritualität der Gewalt und des Imperiums weisen wir Jesu Ruf, aus dem Imperium auszuziehen, und seine Bergpredigt zurück und sagen, beides wäre nicht praktizierbar. Wir übernehmen vom Imperium die Theorie vom gerechten Krieg, wir unternehmen Kreuzzüge, wir segnen die Atomwaffen in Los Alamos und wir genießen die Bequemlichkeiten des Imperiums. Das Imperium will uns über Gott und das Leben belehren, es will die Kirchen lehren, auf welche Weise sie Kirche sein sollen, es will uns seine Theologie und Spiritualität aufdrängen, es will die Fragen von Sünde und Moral beantworten, uns sagen, was sündhaft und unmoralisch ist und über welche Themen wir reden sollen, während wir gleichzeitig weder den Mord an Millionen Irakern noch die Besetzung des Irak erwähnen, so, als wären diese nicht unmoralisch und eine Todsünde. Das Imperium will, dass die Kirchen gleichgültig, passiv sind und schweigen oder dass sie getrennt sind und einander bekämpfen, wenn sie nicht sogar Kriege, Besetzungen und Ungerechtigkeit segnen sollen. Man sagt uns, wir sollten uns mit der privaten Beziehung zu unserem imperialen Gott begnügen, sonntags in die Kirche gehen und schweigend mit den Massenmördern unserer Schwestern und Brüder durch die Welt gehen. Eine imperiale Okkupation von Herz, Geist und Seele hat von uns Besitz ergriffen. In alten Tagen nannte man das "Häresie", "Blasphemie" und "Götzendienst". Wir müssen diese großen Worte wieder in Gebrauch nehmen!

Mahatma Gandhi und Dr. King und andere erteilen uns eine neue Lektion: Sie lehren die großartige Wahrheit, dass Gewalt nicht funktioniert. Krieg funktioniert nicht.

Gewalt als Reaktion auf Gewalt führt immer zu weiterer Gewalt! Wie Gandhi sagte: "Der alte Grundsatz ‚Auge um Auge’ macht schließlich die ganze Welt blind." "Die durch das Schwert leben, werden durch das Schwert sterben", sagte Jesus. Man erntet, was man sät. Das Mittel ist der Zweck, der Weg ist das Ziel. Was im Kreis geht, kommt zurück. Krieg kann Terrorismus nicht aufhalten, weil Krieg Terrorismus ist. Krieg sät nur den Samen für künftige Kriege. Krieg kann niemals zu dauerhaftem Frieden oder wahrer Sicherheit oder einer besseren Welt führen oder uns dabei helfen, das Böse zu überwinden, oder uns lehren, wie wir menschlich sein sollen - noch weniger kann er das spirituelle Leben vertiefen.

Wenn wir Frieden wollen, müssen wir die Lüge des Krieges und des Imperiums und die falsche Spiritualität des Krieges und des Imperiums aufdecken und sagen: Krieg und Imperium entsprechen nicht dem Willen Gottes. Krieg und Imperium werden niemals von Gott gesegnet. Krieg und Imperium sind niemals gerechtfertigt, sondern Krieg und Imperium sind die Definition von Todsünde, Götzenverehrung und des Dämonischen, denn sie sind lebensfeindlich, demokratiefeindlich, menschenfeindlich, antigöttlich und antichristlich. Für Christen sind friedliche Mittel die einzigen Wege in eine friedliche Zukunft und zum Gott des Friedens.

Deshalb möchte ich zehn Ausgangspunkte für eine Spiritualität des Widerstandes anbieten, eine Spiritualität für unsere Lebensarbeit, mit der wir das Imperium herauszufordern und dem Gott der Liebe und des Friedens treu bleiben. Sie sind nur bescheidene Denkanstöße, die euch beim Nachdenken über eure eigene Spiritualität des Widerstandes und über die spirituellen Quellen, die euch im lebenslangen Kampf um Gerechtigkeit und Frieden nähren, helfen können.

Erstens: Eine Spiritualität des Widerstandes ist eine Spiritualität der Gewaltfreiheit.

Am Vorabend des Tages, an dem er getötet wurde, sagte der große Prophet des Friedens und der Gerechtigkeit Martin Luther King: "Wir haben nicht mehr zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit zu wählen, sondern zwischen Gewaltfreiheit und Nichtexistenz." Ich denke, das ist der Punkt, an dem wir heute sind … am Rande der globalen imperialen Zerstörung sind wir berufen, das Volk des Evangeliums der Gewaltfreiheit zu werden.

Wir fordern das Imperium und die falsche Spiritualität jedoch nicht mit den Mitteln des Imperiums heraus. Wir tun es, sagt King, mit aktiver, kreativer, liebender Gewaltfreiheit. Diese leitet sich aus der Bergpredigt, Matthäus 5,39 ab: "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand". Ich mahne uns alle, mit dieser Lehre zu experimentieren. Unsere palästinensischen Brüder und Schwestern machen das so gut! Sie praktizieren aktive Gewaltfreiheit als Grundlage für eine Spiritualität des Widerstandes gegen das Imperium.

Gandhi und King sagten, wir könnten niemals genug über das dürftige Wort "Gewaltfreiheit" nachdenken. Das beginnt mit der Vision von einer versöhnten Menschheit. Dr. King nannte sie "die geliebte Gemeinschaft", die Wahrheit, dass alles Leben heilig ist, dass wir alle gleich sind, Schwestern und Brüder, bereits versöhnt, bereits vereint, bereits eines. Von diesem Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Einheit aus könnten wir niemals einen anderen Menschen verletzen oder töten und noch weniger könnten wir angesichts eines Imperiums, angesichts von Krieg, Besetzung, Hunger, Atomwaffen, Ungerechtigkeit und Gewalt schweigen. Gewaltfreiheit ist keine Taktik oder Strategie und sie ist ganz gewiss nicht passiv. Sie ist eine neue Lebensweise. Wir schwören der Gewalt ab und geloben, niemals irgendjemanden zu verletzen. Dann handeln wir im Streben nach der Wahrheit unserer gemeinsamen Menschlichkeit in aktiver und mutiger Liebe für Gerechtigkeit und Frieden.

Wir leisten Imperium, Krieg und der systembedingten Ungerechtigkeit Widerstand, indem wir uns beharrlich mit allen versöhnen und zulassen, dass Gott die Wurzeln des Imperiums aus unseren Herzen reißt. Und was auch geschieht: Wir halten die Grundentscheidung Gewaltfreiheit ein: Es gibt keinen Grund, wie edel er auch klingen mag, und es ist ganz gleich, was jemand sagt: In keinem Fall befürworten wir die Tötung auch nur eines einzigen Menschen.

Von nun an strecken wir jedem Menschen nah und fern mit bedingungsloser, alles einschließender, alles umfassender, nicht Böses vergeltender, opferbereiter universeller Liebe die Hand entgegen. Ich spreche von einer Spiritualität der Liebe als Motivation für unseren Widerstand gegen das Imperium.

Die Welt sagt, angesichts von Gewalt gebe es nur zwei Möglichkeiten: entweder zurückschlagen oder davonlaufen. Aktive Gewaltfreiheit bietet uns eine dritte Möglichkeit: kreativen, standhaften, friedlichen Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Dieser ist nicht passiv, sondern unendlich kreativ, wie Dr. King, Gandhi und unsere palästinensischen Brüder und Schwestern beweisen. Wir erheben uns und widerstehen der Gewalt mit kreativer Liebe, wir vertrauen Gott, sind zum Leiden bereit und bestehen auf der Wahrheit unserer gemeinsamen Menschlichkeit, bis unseren Gegnern die Schuppen von den Augen fallen und wir mit ihnen versöhnt sind. Gandhi sagt: Es ist eine Lebenskraft, die stärker ist als alle Waffen der Welt zusammengenommen, weil es Gottes Weg ist, und wenn wir diese Lebenskraft einsetzen, wirkt sie ansteckend und kann die Welt entwaffnen.

Gewaltfreiheit beginnt also in unserem Herzen und geht von dort aus. Wir verhalten uns hier und überall unseren Familien und Nachbarn und auch unseren Gegnern gegenüber gewaltfrei. Wir praktizieren Gewaltfreiheit persönlich und setzen sie in Basis-Bewegungen für sozialen Wandel ein, um die Welt zu verändern, wie Gandhi in der indischen Revolution und Dr. King in der Bürgerrechtsbewegung gezeigt haben, wie die People-Power-Bewegung auf den Philippinen, wie Erzbischof Tutu und die Kirchen in Südafrika gegen die Apartheid gezeigt haben, wie uns Ägypten gerade zeigt! Walter Wink sagt, in den letzten dreißig Jahren hätten sich zwei Drittel aller Menschen in Basis-Bewegungen gewaltfreien Widerstandes engagiert. Dr. King sagte: Wir leben in der aufregendsten Zeit der gesamten Geschichte, weil wir die Menschen sind, die endlich gewaltfrei werden.

Zweitens: Unsere Spiritualität des Widerstandes gründet sich auf den gewaltfreien Widerstand Jesu und auf unsere Nachfolge Jesu, des gewaltfreien Widerständlers gegen das Imperium.

Mahatma Gandhi hat gesagt: Jesus war der aktivste gewaltfreie Widerständler in der Geschichte und die einzigen Menschen, die nicht wissen, dass Jesus gewaltfrei war, sind die Christen.

Jesus lebte und lehrte aktiven, öffentlichen und kreativen gewaltfreien Widerstand gegen das Imperium. Er rief uns alle aus dem Imperium und aus der Besatzung heraus und befahl uns, unsere Nächsten und unsere Feinde zu lieben, mit allen Mitgefühl zu zeigen, nach Gerechtigkeit zu streben, allen zu vergeben, uns zu versöhnen und unser Leben der Liebe zu den Menschen zu widmen. Er organisierte die Armen, heilte sie vom Imperium und wanderte im Rahmen einer Kampagne aktiver Gewaltfreiheit von Galiläa nach Jerusalem zum Tempel. Dieser war das Symbol der imperialen und religiösen Unterdrückung der Armen und das Zentrum der Ungerechtigkeit des Systems. In einem Akt gewaltfreien zivilen Ungehorsams wirft er die Tische der Geldwechsler um. "Dies ist ein Haus des Gebetes", sagt er. Er verletzt niemanden, tötet niemanden und wirft auf niemanden eine Bombe. Aber er engagiert sich bei einer friedlichen, gewaltfreien Aktion. Er ist nicht passiv. Er ist ein gewaltfreier Revolutionär, eine Kraft, mit der die Herrschenden rechnen müssen, eine "Ein-Mann-Verbrechenswelle" im römischen Imperium. Natürlich wird er gefangen genommen und getötet.

Wenn ich zu Hause so etwas sage, antworten die Leute: "Das ist ja gut und schön, John, aber manchmal muss man eben jemanden töten. Krieg hat seine Berechtigung!" Wenn jemand so denkt, dann soll er in den Garten von Gethsemane gehen. Hier kommen die römischen Soldaten und was tut der heilige Petrus? Wie sieht die "Spiritualität des Widerstandes" von Petrus aus? Er sagt sich: "Meine Aufgabe ist es, den Heiligen zu schützen." Also zieht er sein Schwert, um die Soldaten zu töten. Wenn überhaupt irgendwo in der Geschichte von Rettungen Gewalt gerechtfertigt gewesen ist, wenn es überhaupt je einen gerechten Krieg gegeben hat, so denkt er, dann hier! Aber dann fährt der Befehl auf ihn nieder: "Stecke dein Schwert in die Scheide!", sagt Jesus. Uns ist nicht erlaubt zu töten. Meine Freunde, dieses sind die letzten Worte Jesu an die Kirche und sie versteht ihn und seine Gewaltfreiheit zum ersten Mal. Was tun die Jünger? Sie laufen davon.

Vor Pilatus erklärt Jesus: "Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute Gewalt gebrauchen und kämpfen, um mich vor den Juden zu schützen, aber es ist nicht von dieser Welt, deshalb gebrauchen sie keine Gewalt."

Jesus stirbt am Kreuz - wie Gandhi sagt: in vollkommener Gewaltfreiheit - und drückt damit aus: "Hier in meinem Körper hört die Gewalt auf. Euch allen ist vergeben, aber von nun an dürft ihr nicht mehr töten."

Und ebenso wie die Kreuzigung Jesu vollkommen legal war, so war seine Auferstehung vollkommen illegal. Die Soldaten wurden auf Wache vor dem Grab geschickt. Sie versiegelten das Grab mit dem Siegel des Imperiums, als wollten sie Jesus sagen: "Wir haben dich getötet und du bist tot, deshalb befehlen wir, dass du tot bleibst." Noch einmal übt Jesus zivilen Ungehorsam und gewaltfreien Widerstand! Er bricht das Gesetz und das Siegel des Imperiums und ist auf und davon. Und er sagt uns: "Friede sei mit euch! Schließt euch meiner Kampagne, meinem Sabeel des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium an! Als Menschen der Auferstehung wissen wir, dass unser Überleben schon garantiert ist. Wir wissen, dass das Leben stärker als der Tod, Liebe stärker als Hass ist, Frieden und Erbarmen stärker als Imperium und Krieg sind, Gewaltfreiheit stärker als Gewalt ist.

Daher ist unsere Spiritualität eine aktive Nachfolge Jesu, des gewaltfreien Widerständlers gegen das Imperium.

Drittens: Eine Spiritualität der Gewaltfreiheit spiegelt die Gewaltfreiheit Gottes und bezeichnet unseren Identitätskern als Gottes geliebte Söhne und Töchter.

Das Imperium macht Angst, Gandhi sagte jedoch, dass sich eine Spiritualität des Widerstandes auf Furchtlosigkeit gründe. Er legte ein Gelübde der Furchtlosigkeit ab. Wie können wir ohne Furcht und in gewaltfreier Liebe leben? Ich meine, wir sollten die bedingungslose Liebe, die der Gott der Liebe und des Friedens für jeden von uns hat, zum Mittelpunkt unseres Lebens machen.

Wenn Jesus uns aus dem Imperium heraus- und in Gerechtigkeit und Frieden hineinruft, spricht er von einem Gott, der uns sehr liebt, einem Gott, der ein Imperium weder schafft noch will noch segnet, einem Gott, der will, dass wir als Kinder Gottes in der Fülle des Lebens leben.

Wie war es, als Jesus getauft wurde? Damals hörte er die Stimme sagen: "Das ist mein geliebter Sohn". Jesus ging in die Wüste und wurde dort vom Imperium, von der Gewalt, in Versuchung geführt, seine Kernidentität zu verleugnen.

Eine Stimme sagte: "O ja, wenn du Gottes geliebter Sohn bist, dann beweise es! Tu etwas!" Aber er weigerte sich, sich selbst zu verleugnen, beanspruchte seine wahre Identität als Gottes geliebter Sohn und setzte seine Mission fort, dem Imperium Widerstand zu leisten. Er war treu bis zum Augenblick seines Todes; seine Beziehung zum Gott des Friedens blieb auch dann noch der Mittelpunkt seines Lebens. Sie sagten: "Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab vom Kreuz …" Weil er seiner Grundidentität treu blieb, leistete er vollkommenen gewaltfreien Widerstand und Liebe bis in den Tod.

Zwei Schlüsseltexte sind für diese Grundidentität einer Spiritualität des Widerstandes wesentlich: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden" (Mt 5,9). Das Imperium versucht fortwährend, uns zu sagen, wer wir seien. "Du bist niemand!" oder "Du bist jemand, wenn du dieses Produkt kaufst!" In den USA haben die Marines den Spruch: "Wenn du alles sein willst, was du sein kannst, tritt den Marines bei" und wir sollten hinzufügen: "und töte für das Imperium!" Aber Jesus sagt uns, wer wir in Wahrheit sind. Er sagt: "Ihr seid die geliebten Söhne und Töchter des Gottes des Friedens und nicht Söhne und Töchter des Imperiums oder der Kultur von Krieg und Gewalt." In einer Spiritualität des Widerstandes erheben wir Anspruch auf diese Kernidentität und bleiben ihr treu. Deshalb gehen wir hin und schließen Frieden und leisten Widerstand gegen das Imperium und leben in Gottes Liebe und heißen Gottes Friedensreich willkommen.

Der andere Schlüsseltext ist: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen…" (Mt 5,43-48).

Warum sollen wir das tun? Jesus sagt nicht: "Liebt eure Feinde, weil das das Richtige ist" oder "weil es moralisch ist" oder "weil es die einzig praktikable politische Lösung ist". Er sagt: "Liebt eure Feinde, denn Gott lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Mt 5,45) Gott ist ein Gott der universellen gewaltfreien Liebe und ihr seid Söhne und Töchter des Gottes der universellen gewaltfreien Liebe, also bietet selbst universelle gewaltfreie Liebe an und das heißt: Setzt dem Imperium Widerstand entgegen und liebt jeden!

Dies ist die kühnste politische Feststellung in der gesamten Bibel. Jesus beschreibt das Wesen Gottes und verkündet das Gegenteil von dem, was das Imperium über Gott lehrt: Gott ist gewaltfrei und liebevoll, ein Gott der universellen Liebe. Er sagt: Als Gottes geliebte Söhne und Töchter sollt ihr dasselbe tun.

Aus diesem Grund definiere ich Gewaltfreiheit als Erinnerung daran, wer wir sind. Gewalt kommt daher, dass wir vergessen, wer wir sind. Die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Implikationen dieser Lehre sind erstaunlich: Wenn wir Söhne und Töchter sind, dann ist jede unsere Schwester und jeder unser Bruder.

Deshalb ermahne ich uns, unsere Grundidentität als geliebte Söhne und Töchter eines Gottes, der Frieden schließt und universelle Liebe übt, geltend zu machen und dem treu zu sein, was wir sind. Wenn wir das tun, werden wir wie Jesus in der Lage sein, unseren ganzen Weg im gewaltfreien Widerstand gegen das Imperium zu gehen.

Wir könnten auch von Paulus’ großartigem Bild sprechen, dass wir Bürger von Gottes Friedensherrschaft sind. Wir sind nicht mehr Bürger des amerikanischen Imperiums oder irgendeines anderen Imperiums, sondern zuerst und vor allem Bürger der Gottesherrschaft.

Viertens: Eine Spiritualität des gewaltfreien Widerstandes bedeutet: Wir sind Menschen, die über Frieden und Gewaltfreiheit meditieren, Menschen, die täglich mit dem Gott des Friedens Zeit verbringen und die in inniger Beziehung zum Gott des Friedens leben und in dieser Grund-Identität als Gottes geliebte Söhne und Töchter wohnen.

Wir leisten dem Imperium Widerstand, das stimmt, auf der positiven Seite aber leben wir in Beziehung mit dem Gott des Friedens und verbringen täglich mit diesem Gott des Friedens Zeit in stillem Gebet, in Kontemplation und Meditation. Die Jesuiten empfehlen dreißig Minuten stiller Meditation täglich. Der Grund dafür, dass wir dieser Empfehlung nicht folgen, liegt darin, dass die Gewalt in uns die Oberhand gewinnt. Aber darum eben geht es: Im Gebet lassen wir zu, dass der Gott des Friedens die Wurzeln des Imperiums und des Krieges aus unserem Herzen reißt.

Es gibt viele Arten von Gebet, Meditation und Spiritualität und viele Hilfsmittel - vom Bibelstudium bis zu den Sakramenten - stehen uns zur Verfügung, aber ich empfehle, dass wir einfach nur bei Gott sind, dass wir zulassen, dass Gott uns liebt, dass wir zulassen, dass Gott uns heilt und dass wir einfach den Frieden Gottes genießen.

Wenn wir uns bei Gott in Sicherheit fühlen, können wir unsere inneren imperialen Tendenzen, unsere innere Gewalttätigkeit, unseren Zorn, unseren Hass und unseren Groll, unsere Bitterkeit und unsere Rachegelüste loslassen, wir können alle Wurzeln von Imperium, Krieg und Besatzung in uns ausreißen, um alles dem Gott des Friedens zu übergeben. Wir wollen Nachsicht und Straferlass und Vergebung jedem gewähren, der uns jemals verletzt hat. Wir wollen von Zorn und Gewalttätigkeit zu Gewaltfreiheit und Mitgefühl mit jedem übergehen. Wir wollen Gottes Gabe des Friedens in uns willkommen heißen, sodass wir selbst den Frieden, den wir in der Politik anstreben, als Personen ausstrahlen und unsere bloße Anwesenheit schon entwaffnet.

Wir sprechen hier von etwas wie einer neuen, das Imperium bedrohenden, also für das Imperium gefährlichen Heiligkeit und einer ebenso gefährlichen Mystik. Eben das haben Gandhi und King erreicht und eben das praktizieren auch unsere palästinensischen Brüder und Schwestern.

Wenn wir Zeit in inniger Beziehung mit unserem geliebten Gott verbringen, entdecken wir mit Erstaunen, dass - im Gegensatz zu dem, was uns das Imperium sagt - Gott kein Gott von Imperium und Krieg, sondern ein Gott des Friedens ist. Er ist kein Gott der Ungerechtigkeit, sondern ein Gott der Gerechtigkeit. Er ist kein Gott von Rache und Vergeltung, sondern ein Gott des Erbarmens und der Gnade. Er ist kein Gott der Gewalt, sondern ein Gott der Gewaltfreiheit.

Gandhi sagte: Je mehr wir uns Frieden und Gewaltfreiheit Gottes vorstellen können, umso mehr verehren wir den Gott des Friedens und der Gewaltfreiheit, und schließlich werden wir dann zu Menschen des Friedens und der Gewaltfreiheit.

Wenn wir im Frieden Gottes wohnen, hören wir auf das, was Gott uns sagen will, und Gott will uns immer nur ermutigen, wie es liebevolle Eltern tun. Wir erkennen das in Dr. Kings "Spiritualität des Widerstandes". Martin Luther King widerfuhr im Januar 1956 die einzige dramatische Gotteserfahrung in seinem ganzen Leben. Es war spät am Abend. Am Telefon hatte er eine Todesdrohung bekommen. Er ging in die Küche, legte seinen Kopf auf den Tisch und begann zu beten. In diesem Augenblick gab er auf. Aber gerade da hörte er eine Stimme sagen: "Setzte dich für Gerechtigkeit ein, setze dich für Gleichheit ein, setzte dich für Frieden ein und ich verspreche dir, dass ich dich niemals allein lassen werde." Sein Leben lang sprach er von dieser Erfahrung, auch noch in der Woche, in der er starb. Gott hatte ihn ermutigt, den Kampf fortzuführen. Diese Botschaft gilt uns allen, das heißt, es ist das, was Gott jedem von uns sagen will, wenn wir uns die Zeit nehmen, ihm zuzuhören.

Ich möchte noch etwas über die Fürbitte sagen, über die Wichtigkeit, täglich für politischen Wandel, das Ende der Besatzung, das Ende des Krieges und das Ende des Imperiums zu beten. Ich möchte auch von der Lehre sprechen, dass wir für die, die uns verfolgen, beten sollen. Das bedeutet, wir müssen für die Siedler beten, die Krieg führen und das Imperium verwalten. Auch das gehört zu unserer Arbeit.

Fünftens: Eine Spiritualität des gewaltfreien Widerstandes beginnt mit der Ausübung persönlicher achtsamer Gewaltfreiheit gegenüber uns und anderen.

Wir können unser persönliches Leben nicht führen, als wären wir kleine Kaiser, die ein eigenes persönliches Imperium regierten. Wir dürfen nicht mit der Besetzung unseres Lebens und unserer Seele durch das Imperium zusammenarbeiten. Das bedeutet als Erstes, dass wir nicht mit der gegen uns gerichteten Gewalt zusammenarbeiten dürfen. Wir müssen sicher sein, dass wir uns selbst gegenüber gewaltfrei verhalten. Ich denke, die Arbeit des gewaltfreien Widerstandes ist darum schwierig, weil wir alle im Gewaltsystem aufgewachsen sind. Deshalb kann sich die in uns schwelende Gewalt jederzeit neu entzünden und die Wunden aus unserer Vergangenheit können wieder aufreißen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Wir müssen tief in uns hineinschauen und die Gründe unserer Gewalttätigkeit genau betrachten. Wir müssen freundlich mit uns umgehen und dürfen uns nicht bestrafen, sondern müssen versuchen, die Gewaltfreiheit in unserem Inneren weiterzuentwickeln.

Wir wollen auch daran denken, dass Jesus uns den Rat gibt, unseren gewaltfreien Widerstand nicht auf Zorn zu gründen. Er sagt in der Bergpredigt, dass das nicht funktionieren wird, jedenfalls nicht auf die Dauer. Es facht nur die erlöschende Glut der Gewalt an. Zu beachten ist, dass Jesus zwei andere Gefühle betont: Trauer und Freude. Innerhalb des Imperiums müssen mehr von uns in Solidarität mit unseren Schwestern und Brüdern trauern. Aber auch die Freude müssen wir pflegen. "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden … Freut euch und jubelt!" Bei Lukas lesen wir: "Springt vor Freude! Fangt zu tanzen an!" Seht Erzbischof Tutu. Er tanzt durch sein Leben, obwohl er sein Leben lang unter Todesdrohung gestanden hat. Liebe Freunde, fangt zu tanzen an!

Als Aktivisten und Widerständler müssen wir zudem von jetzt an und für den Rest unseres Lebens allen gegenüber, denen wir begegnen, besonders gewaltfrei sein. Im Gegensatz zur Spiritualität von Imperium und Besatzung lieben wir jeden wie eine Schwester oder einen Bruder. Wir müssen aufmerksam auf unsere persönliche Gewaltfreiheit sein, damit wir so liebevoll und mitfühlend sind, wie wir nur können. Insofern wir das können, sind nicht nur die Tage der Besatzung und des Imperiums gezählt, sondern eine neue Welt wird geboren.

Aus diesem Geist können wir Gemeinschaften der Liebe und des gewaltfreien Widerstandes schaffen, für einander sorgen und einander aufrechterhalten, neue Kirchen des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium gründen und unseren Freundeskreis zu einer globalen geliebten Gemeinschaft erweitern.

Sechstens: Unsere palästinensischen Schwestern und Brüder zeigen uns, dass eine Spiritualität des Widerstandes eine Lebensweise ist. Für euch ist es Alltag. Schon leben und atmen ist ein Akt gewaltfreien Widerstandes. Das habe ich in At-Tuwani gesehen, wo sie darum kämpfen, dass die Kinder in die Schule gehen können, wo sie erleben müssen, dass ihre Schafe vergiftet und ihre Hunde erschossen werden, und wo sie die Siedler fürchten müssen, die sie mit Macheten terrorisieren. Ihr leistet 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche gewaltfreien Widerstand!

Was der Dichter Edna St. Vincent Millay geschrieben hat, gefällt mir: "Ich werde sterben, aber das ist alles, was ich für den Tod tun werde." Genau das tut ihr! Ihr wisst auch, dass ihr, wenn ihr euer Leben damit zubringt, dem Tod zu widerstehen, euer Leben in Fülle leben müsst, ein wirkliches Leben, ganz und gar lebendig im gegenwärtigen Augenblick. Genau das tut ihr!

Wir im Westen müssen erst wieder lernen, Gewaltfreiheit für den Rest unseres Lebens zu unserer täglichen Übung zu machen. Das bedeutet auch, dass unsere Spiritualität des Widerstandes engagiert sein muss, nicht passiv, sondern praxisorientiert. Es geht darum, zu handeln. Wir alle müssen uns bei konkreten Aktivitäten des Widerstandes gegen Krieg und Ungerechtigkeit engagieren. Wir müssen eine Spiritualität des Widerstandes leben und atmen und unser Leben für den Widerstand gegen das Imperium einsetzen. Als ich mit dem Arbeiterführer Cesar Chavez über Spiritualität sprach, sagte er: "Sage allen, sie müssen sich an öffentlichen Aktionen für Frieden und Gerechtigkeit beteiligen!" Erzbischof Romero sagte an dem Tag, als er getötet wurde: "Niemand kann alles tun, aber jeder kann etwas tun."

Jede und jeder muss sich an öffentlichen Aktionen für Gerechtigkeit und Frieden beteiligen. Etwas, das wir alle tun können, ist, uns solidarisch mit unseren palästinensischen Schwestern und Brüdern und allen unterdrückten Völkern zu erklären. Insbesondere hoffe ich, dass wir alle Sabeel begleiten, Sabeel unterstützen, den Kreis der Freunde SabeelsVgl. "Friends of Sabeel Germany": Ulrich Kadelbach, Happoldstrasse 50, 70469 Stuttgart. erweitern und sogar Gelder für Sabeel sammeln werden. In den USA müssen wir ganz gewiss eine Bewegung aufbauen, um gegen die jährlichen Treffen des AIPACAmerican Israel Public Affairs Committee: Amerikanisch-israelischer Ausschuss für öffentliche Angelegenheiten. in Washington zu protestieren. Wir müssen daran arbeiten, dass alle Militärhilfe der USA für Israel ausgesetzt wird, und uns der Kampagne für Kapitalabzug und Sanktionen anschließen.

Siebtens: Eine Spiritualität des Widerstandes ist prophetisch. Wir müssen Menschen des prophetischen gewaltfreien Widerstandes wie Dr. King und Gandhi sein. Das bedeutet, aufmerksam auf die Stimme des Gottes des Friedens zu hören und dann das zu sagen, was der Gott des Friedens von uns zu sagen verlangt. Wir sagen die Wahrheit mit Liebe, wir rufen einander aus dem Imperium heraus und wir rufen einander zum Gott des Friedens und ins Leben des Friedens zurück.

Eine Spiritualität des Widerstandes bricht das Schweigen und verweigert die Akzeptanz von Imperium und Krieg und die Komplizenschaft mit ihnen. Sie brandmarkt das Imperium und die falsche Spiritualität der Gewalt und verkündet Gerechtigkeit und Frieden. Das bedeutet, öffentlich Folgendes zu sagen:

"Im Namen des Gottes des Friedens, zieht aus dem Imperium aus! Unterstützt das Imperium nicht! Arbeitet nicht für das Imperium! Setzt dem Imperium Widerstand entgegen! Tragt dazu bei, das Imperium aufzulösen! Und beendet damit die Besatzung, beendet die Blockade von Gaza, reißt die Mauer ein, schafft die Apartheid ab und heißt die jüdische Vision von Schalom willkommen. Beendet den Krieg und die Besatzung des Irak, Afghanistans und Pakistans durch die USA! Beendet alle gegenwärtigen Kriege! Schließt alle 730 US-Militärbasen in der Welt! Schließt die Labore für Kernwaffen in Los Alamos in den USA und in Dimona in Israel ebenso wie das Pentagon. Rüstet alle Kernwaffen auf dem Planeten ab und stoppt den Waffenhandel und die Gier der Konzerne, die die Armen berauben und töten und die Erde vergiften! Gebt jedem hungernden Kind und Erwachsenen auf dem Planeten heute noch zu essen! Gebt jedem Menschen auf der Erde Wohnung, Gesundheitsfürsorge und Erziehung! Und erbaut hier und überall neue Kulturen der Gerechtigkeit, der Inklusion, der Gewaltfreiheit und des Friedens!"

Genau das müssen wir unbedingt sagen!

Diese prophetische Sprache spricht das Kairos Palästina DokumentVgl. www.kairospalestine.ps/?q=content/document . Deutsche Fassung erhältlich u.a. über den AphorismA Verlag Berlin., von dem ich hoffe, dass es alle lesen und genau betrachten und dass sie danach handeln werden.

Achtens: Eine Spiritualität des Widerstandes zu praktizieren bedeutet, Visionär einer neuen Welt der Gewaltfreiheit zu sein.

Wenn wir gegen Imperium und Besatzung Widerstand leisten, stellen wir uns gleichzeitig eine neue Welt der Liebe und des Friedens vor. Eines der Opfer von Imperium, Krieg und Besatzung ist die Fantasie. Sie geht verloren: Einige können sich nicht einmal ein Ende der Besatzung oder ein friedliches Leben als Nachbarn von Palästinensern vorstellen und noch weniger eine Welt ohne Krieg, Armut und Kernwaffen.

Das gehört jedoch zu unserem Leben und zu unserer Arbeit: Wir wollen jedem helfen, die Fantasie für den Frieden und die Ankunft einer neuen Welt der Gewaltfreiheit wiederzugewinnen. Wir alle sind blind, haben keine Vision. Wir müssen einander dabei unterstützen, Gottes Friedensreich mitten unter uns für möglich zu halten.

Denken wir an die Abolitionisten. Sie kamen einfach daher und verkündeten eine staunenswerte, atemberaubende neue Vision. Sie sagten: "Wir verkünden die Abschaffung der Sklaverei!" Und man antwortete ihnen: "Ihr seid verrückt! Sklaverei hat es schon immer gegeben." "Nein", sagten die Abolitionisten, "eine neue Welt zieht herauf, eine neue Welt ohne Sklaverei, eine neue Welt der Gleichheit." Sie erhoben eine neue Vision der Gleichheit auf ihre Schilde. Sie gaben ihr Leben dafür und verhalfen anderen dazu, diese neue Vision zu sehen.

Wir sind ihre Erben, meine Freunde! Wir sind die neuen Abolitionisten. Wir sagen: "Wir verkünden eine neue Welt ohne Mauern, ohne Besatzung, ohne Apartheid, ohne Gummigeschosse und Tränengas. Wir verkünden die Abschaffung von Krieg, Armut, Rassismus, Sexismus, Nuklearwaffen und Umweltzerstörung!" Erhebt diese Vision von Frieden in Gerechtigkeit auf eure Schilde und zeigt den Menschen eine neue Welt der Gewaltfreiheit!

Neuntens: Eine Spiritualität des Widerstandes ist eine Spiritualität des Kreuzes. Sie besteht darin, das Kreuz des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium auf sich zu nehmen und das Kreuz des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium zu tragen.

Der bedeutende Theologe John Howard Yoder schrieb einmal: Das Kreuz ist nicht etwa eine Reifenpanne oder ein schwieriger Verwandter. Das Kreuz ist gewaltfreier Widerstand gegen das Imperium und die Kultur des Krieges. Jesus sagt: "Nimm das Kreuz des gewaltfreien Widerstandes gegen das Imperium auf und folge mir!"

Genau das tut ihr! Das ist nun schwer und wir sprechen nicht oft davon. Martin Luther King sagte, dass wir lernen müssten, kreativ vom Leiden Gebrauch zu machen. Statt andere zu töten, sind wir bereit, uns im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden töten zu lassen. Statt dass wir anderen Gewalt antun, nehmen wir das Leiden an und haben dabei nicht einmal den Wunsch, es zu vergelten, da wir das Streben nach Gerechtigkeit mit der Liebe zu allen Menschen verbinden. King sagte: "Wir werden eure Fähigkeit, Leiden zuzufügen, mit unserer Fähigkeit, Leiden zu ertragen, ausgleichen und wir werden euch zermürben, weil unverdient leidende Liebe immer erlösend ist." Solche Liebe wirkt immer. Gandhi definierte gewaltfreien Widerstand als "bewusstes Leiden beim Streben nach der Wahrheit". Ihr tut das jetzt schon und auch wir lernen allmählich, es zu tun.

Das Evangelium sagt: Der Weg zum Widerstand gegen das Imperium ist der Weg des Kreuzes. Ich schlage vor, dass wir uns als Jesu Begleiter sehen, wenn er das Kreuz trägt. Wir wollen unser Leiden für Gerechtigkeit und Frieden mit dem seinen vereinen. Wenn wir mit Jesus, wie er in gewaltfreiem Widerstand sein Kreuz trägt, und mit den gekreuzigten Völkern der Welt eins sein können, wird unser Leiden verwandelt und wir haben Teil an Gottes Werk der Abrüstung und Erlösung. Der Fall des Imperiums ist sicher, weil das österliche Geheimnis der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit ist.

Schließlich: Eine Spiritualität des Widerstandes ist eine Spiritualität der Hoffnung und der Auferstehung. Hofft, verliert nicht den Mut! Behaltet die Hoffnung, pflegt die Hoffnung! Das heißt so viel wie: Bleibt dabei, hoffnungsvolle Dinge zu tun. Macht euch zur Auferstehung bereit, praktiziert Auferstehung!

Wie sollen wir das tun? Der große Trappistenmönch Thomas Merton gab 1960 einem jungen Friedensaktivisten einige sehr gute Ratschläge. Er sagte: "Setzt eure Hoffnung nicht auf Ergebnisse. Tut das Gute, weil es gut ist!" Setzt eure Hoffnung nicht auf Ergebnisse oder Erfolge, sondern auf den Gott des Friedens. Das Ergebnis ist bei ihm in besseren Händen als bei euch, es sind Gottes Hände. Das ist eine alte Lehre. Wir geben unser Leben für Gerechtigkeit und Frieden hin und machen uns über die Ergebnisse keine Sorgen. Wir lieben alle, setzen dem Imperium Widerstand entgegen und legen unsere Leben und unsere Arbeit in Gottes Hände. Das bedeutet: Wir erkennen an, dass alles das Gottes Werk ist.

Also hütet euch davor, sofortige Ergebnisse und Erfolg erzwingen zu wollen! Das ist die Sprache des Imperiums, des Pentagon. Es ist nicht unsere Art. Wir sind Diener des Gottes des Friedens, tun Gottes Willen und lassen Gott die Ergebnisse vollenden, auch wenn wir unser Leben in Liebe zur leidenden Menschheit und für Gottes Königreich der Gerechtigkeit und des Friedens hingeben. Unsere Hoffnung setzen wir auf Gott. Jesus sagt: Lasst euer Leben gute Früchte tragen! Das ist ein sehr gewaltfreies Bild!

Es ist umgekehrt proportional: Je mehr wir die Kontrolle übernehmen und alles selbst tun, umso weniger geschieht. Je mehr wir den Dingen ihren Lauf lassen, etwas wagen, im Glauben vorwärtsschreiten und dem Imperium Widerstand entgegensetzen, umso mehr geschieht. Wagt also etwas, vertraut auf Gott und setzt eure Hoffnung auf Gott.

Mein Freund, der Historiker Howard Zinn, sagte: Alle großen Bewegungen für sozialen Wandel in den USA - von den Abolitionisten, Suffragetten, Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegungen bis zur Anti-Kriegs-Bewegung - waren aussichtslos. Vom Anfang an bis ganz ans Ende waren sie aussichtslos. Aus-sichts-los! Ich fand das sehr tröstlich. Dann hatte es plötzlich einen Durchbruch gegeben. Wie war das gekommen? Das Entscheidende war, dass die Menschen nicht aufgaben, auch wenn es scheinbar keine Chance dafür gab, dass sich etwas verändern würde. Ganz normale Menschen nahmen täglich immer weiter kleine Handlungen für Frieden und Gerechtigkeit vor und mit der Zeit summierten sich diese kleinen Dinge zu etwas Großem. Sie haben nie aufgegeben und das hat die Welt verändert.

Howard Zinn sagte: In der Geschichte ist das, was die Machthaber am meisten fürchten, eine Bewegung, die nicht weicht. Unsere Aufgabe ist es also, nicht aufzugeben, nicht zu weichen, nicht nachzugeben, nicht den Mut zu verlieren, sondern weiterhin eine neue Welt von Frieden, Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit anzustreben.

Dr. King und Gandhi gerieten in ihren letzten Monaten in Verzweiflung. King kämpfte um Hoffnung und sprach davon. Einige Wochen, bevor er getötet wurde, formulierte er zum ersten Mal: "Hoffnung ist die endgültige Weigerung aufzugeben." Ich denke, das ist sehr wichtig. Es steht im Mittelpunkt des spirituellen Lebens. Und so ist es auch mit uns: Wir weigern uns aufzugeben.

Erinnert euch: Der Vietnam-Krieg wurde beendet, Nixon trat zurück, Somoza floh, People Power vertrieb Marcos von den Philippinen, die Berliner Mauer fiel, der Kommunismus fiel, die UdSSR brach zusammen, der Krieg in El Salvador endete und Mandela wurde aus dem Gefängnis entlassen und wurde Präsident. Fünfundachtzig gewaltfreie Revolutionen fanden in den letzten 25 Jahren statt. Vor kurzem floh Mubarak aus Kairo. Auch die Besatzung kann enden, Nuklearwaffen können abgeschafft werden und der Hunger in der Welt kann ein Ende finden. Das Imperium wird fallen. Die eigentliche Frage ist, ob es gewaltsam oder gewaltfrei fallen wird. Wir tun, was wir können, um dazu beizutragen, dass es gewaltfrei fällt, denn dann werden weniger Menschen verletzt.

Darum ermahne ich euch: Richtet euern Blick auf den auferstandenen Jesus, um das zu fördern, was euch Hoffnung gibt, um Hoffnungsvolles zu tun, um die Vision einer neuen Welt der Gewaltfreiheit aufzurichten und voller Hoffnung weiterzumachen.

Auf diesem Weg, auf diesem Sabeel des Lebens werden wir lernen, welche Dinge zum Frieden führen und werden sie tun. Wir werden eine Spiritualität des gewaltfreien Widerstandes ausleben, das Imperium herausfordern, dem Gott des Friedens treu sein, das hereinbrechende Friedensreich Gottes in Gerechtigkeit verkünden und zu dem werden, was wir schon sind: zu geliebten Söhnen und Töchtern des Gottes des Friedens, zu Gottes gesegneten Friedensstiftern. Amen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

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Fußnoten

Veröffentlicht am

08. Dezember 2014

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