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Bundeswehr: Dramatische Nachwuchslage (I)

Die Bundeswehr will Eltern gezielt dafür gewinnen, ihre Kinder zur Armee zu schicken. Auch die privaten Freundeskreise bereits aktiver Soldaten geraten zunehmend in den Fokus der Rekrutierungsstrategen. Dies berichtet ein Onlineportal der deutschen Streitkräfte. Hintergrund der geschilderten Überlegungen ist die als "dramatisch" eingestufte "Nachwuchslage" des deutschen Militärs, der mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket begegnet werden soll. Hierzu zählen die Anwerbung "ausländischer Fachkräfte" und neue finanzielle Anreize ebenso wie eine Verlängerung der Verpflichtungszeiten.

Mit der deutschen Wirtschaft hat die Bundeswehr bereits mehrere Absprachen zum Zweck der Personalrekrutierung getroffen. Ein "Schaumburger Modell" etwa sieht vor, Jugendliche vor ihrer Übernahme durch die Armee von Privatunternehmen in militärisch relevanten technischen Berufen ausbilden zu lassen. Gleichzeitig versichern sich die deutschen Streitkräfte zunehmend der Expertise und Unterstützung professioneller Personalmanager.

Zielgruppe Eltern

Wie dem Bundeswehr-Onlineportal "Reader Sicherheitspolitik" zu entnehmen ist, planen die deutschen Streitkräfte, ihre Personalwerbung auf die "Zielgruppe Angehörige und Eltern" auszuweiten. "Gerade Eltern und das familiäre Umfeld" nähmen "erheblichen Einfluss auf die Berufsentscheidung junger Menschen", heißt es: "Wenn sie überzeugt sind vom Soldatenberuf, unterstützen sie ihre Tochter oder ihren Sohn bei der Entscheidung, zur Bundeswehr zu gehen."Die Personalentwicklung der Bundeswehr zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee; www.readersipo.de.

Zielgruppe Freundeskreis

Auch die Bekannten- und Freundeskreise bereits aktiver Soldaten geraten zunehmend in den Fokus der Rekrutierungsstrategen. Es gehe darum, dass Bundeswehrangehörige ihr "privates Umfeld quasi in den Beruf mit einbringen", erklären die Autoren des "Readers Sicherheitspolitik". Gedacht ist in diesem Zusammenhang nicht nur daran, in den jeweiligen Freundeskreisen für den Eintritt in die Streitkräfte zu werben, sondern diese gezielt zu nutzen, um "das Unternehmensimage des Unternehmens Bundeswehr weiterzutragen".Die Personalentwicklung der Bundeswehr zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee; www.readersipo.de.

Armutsfolgen

Hintergrund der verstärkten Rekrutierungsbemühungen ist die von Seiten des deutschen Militärs als "dramatisch" eingestufte "Nachwuchslage". So sehen sich die deutschen Streitkräfte laut ihrem "Reader Sicherheitspolitik" insbesondere im Bereich der Bundeswehrärzte und beim "fliegenden Personal" mit einem eklatanten "Fachkräftemangel" konfrontiert. Bei den Crews der Transport- und Kampfgeschwader etwa herrsche eine personelle "Unterdeckung von 20 bis 30 Prozent", heißt es: "Egal ob Jet-Pilot, Transall-Flieger oder Angehöriger der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums - Lücken gibt es in allen Bereichen." Gleichzeitig konstatieren die Autoren des "Readers Sicherheitspolitik" eine "nachlassende Qualität des potentiellen Bewerberpools". Zurückgeführt wird diese auf die zunehmende soziale Verelendung breiter Schichten der deutschen Bevölkerung ("Kinderarmut", "Hartz IV"), die sich negativ auf "Lernvermögen" und "Bildungsstand" auswirke.Die Personalentwicklung der Bundeswehr zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee; www.readersipo.de.

Werbebotschaften

Um der diagnostizierten Personalknappheit Herr zu werden, empfehlen die Autoren des "Readers Sicherheitspolitik", auch "ausländische Fachkräfte" für den Dienst in der deutschen Armee anzuwerben.Die Personalentwicklung der Bundeswehr zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee; www.readersipo.de. Ähnliche Vorschläge hatte in der Vergangenheit das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (SoWi) unterbreitet - seinerzeit wurde angeregt, "junge Deutsche mit Migrationshintergrund" zu rekrutieren.s. dazu Migranten an die Front . Bereits 2008 entwickelte General Wolfgang Born, heute Leiter der Personal-, Sozial- und Zentralabteilung im Bundesverteidigungsministerium, nach eigenen Angaben einen "Vier-Punkte-Plan für Nachwuchs". Dieser sah in einem ersten Schritt vor, "alle Maßnahmen, Verfahren und Instrumente zu optimieren, die zur Personalgewinnung angewandt werden", damit "kein Talent (…) verloren geht". Des Weiteren forderte Born, die Attraktivität des Militärdienstes insbesondere durch "finanzielle Anreize" zu erhöhen und gleichzeitig die "Verpflichtungszeiten" für Berufssoldaten zu verlängern. Mittels zielgruppengerechter "Werbebotschaften" wollte der General außerdem das Potenzial der Schulabgänger "besser ausschöpfen".Vier-Punkte-Plan für Nachwuchs; www.y-punkt.de 20.05.2008.

Personalkreisläufe

Bereits seit etlichen Jahren unterhält die Bundeswehr gemeinsam mit den Organisationen der gewerblichen Wirtschaft in mehreren "Wehrkreisen" sogenannte Beratungszentren. Aufgabe der "zivil-militärischen Kooperationsprojekte" ist es nach eigenen Angaben, einen möglichst reibungslosen "Personalkreislauf" zwischen den deutschen Streitkräften auf der einen sowie Industrie und Handwerk auf der anderen Seite zu gewährleisten.s. dazu Geschlossener Personalkreislauf . Schon 1997 wurde zudem das "Schaumburger Modell" implementiert. Dieses sieht vor, Jugendliche vor ihrer Übernahme durch die Armee von Privatunternehmen in militärisch relevanten technischen Berufen ausbilden zu lassen. Jährlich werden auf diese Weise bis zu 200 junge Menschen geschult. Anfang 2010 schlossen dann Bundeswehr und Arbeitsagentur ein förmliches Kooperationsabkommen mit dem erklärten Ziel, den Personalbedarf der deutschen Streitkräfte zu decken. Die Armee sei auf "leistungsbereite Frauen und Männer angewiesen, die bereit sind, sich (…) den fachlichen wie persönlichen Anforderungen eines Einsatzes (…) zu stellen", hieß es zur Begründung.Michael Schulze von Glaßer: Einladung Arbeitsloser in den Krieg; Neues Deutschland 22.02.2010.

Personalwirtschaft

Parallel zu den genannten Maßnahmen versichert sich die Bundeswehr jetzt auch der Expertise und Unterstützung professioneller Personalmanager. So wird der im Verteidigungsministerium für die Anwerbung von Rekruten zuständige General Wolfgang Born Ende dieses Monats an einer "Personalkonferenz" des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Organisation und Personalwirtschaft der Universität Halle-Wittenberg teilnehmen. Unter dem Motto "Armut an Nachwuchs - Reichtum an Ideen" soll Born über die Transformation der deutschen Streitkräfte zur jederzeit weltweit einsatzfähigen Interventions- und Besatzungsarmee referieren - und über die hierfür notwendige Gewinnung von "Kompetenzen und Talente(n)".PK aktuell - Programm der 18. Personalkonferenz; personal.wiwi.uni-halle.de.

Quelle: www.german-foreign-policy.com   vom 17.03.2011.

Fußnoten

Veröffentlicht am

18. März 2011

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