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Einreise verweigert: Israel hindert Noam Chomsky an der Einreise in die Westbank

Chomsky wollte an der palästinensischen Bir-Zeit-Universität bei Ramallah einen zweiteiligen Vortrag halten und sich mit Ministerpräsident Fayyad treffen

 

Von Amy Goodman, 17.05.2010 - Democracy Now!

Am Sonntagnachmittag (16.5.) wurde Noam Chomsky von israelischen Wachposten die Einreise in die Westbank verweigert. Von Jordanien aus wollte er am Grenzübergang bei der Allenby-Brücke ins Westjordanland einreisen. Nachdem sie ihn mehr als drei Stunden verhört hatten, stempelten die Israelis in Chomskys Pass den Vermerk: ‘Einreise verweigert’. Geplant waren Vorträge an der Bir-Zeit-Universität (nahe Ramallah). Außerdem wollte sich Chomsky mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad treffen. Zunächst wurde die Entscheidung nicht begründet. Später äußerte sich das israelische Innenministerium in der israelischen Tageszeitung Haaretz. Dort hieße es, Offizielle würden sich beim Verteidigungsministerium um grünes Licht bemühen. Noam Chomsky ist uns nun aus Amman/Jordanien zugeschaltet.

Gast: Noam Chomsky - international gefeierter Professor für Linguistik am MIT (wo er über ein halbes Jahrhundert lang gelehrt hat). Er ist Autor von mehr als 100 Büchern (über Linguistik, über die Massenmedien, über den US-Imperialismus und die amerikanische Außenpolitik). Sein neues Buch heißt: ‘Hopes and Prospects’.

Amy Goodman: Israel hat Noam Chomsky die Einreise ins Westjordanland verweigert. Der weltberühmte Linguist und politische Denker wollte einen Vortrag an der Universität von Bir Zeit (nahe Ramallah) halten. Außerdem wollte er sich mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad treffen. Am Sonntagnachmittag stoppten israelische Grenzer Chomsky am Grenzübergang Allenby-Brücke, als er aus Jordanien anreiste. Nach drei Stunden Verhör stempelten sie ‘Einreise verweigert’ in seinen Pass. Auch seiner Tochter, Prof. Aviva Chomsky, die am Salem State College lehrt, wurde die Einreise verweigert.

Zunächst wurde keine Erklärung für die Entscheidung gegeben. Später teilte das israelische Innenministerium gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz mit, Offizielle (des Innenministeriums) würden derzeit versuchen, vom Verteidigungsministerium grünes Licht zu erhalten, um die Einreise doch noch zu genehmigen. Sabine Haddad, Sprecherin des israelischen Innenministeriums, sagte gegenüber Haaretz (Zitat): "Wir versuchen, Kontakt mit dem Militär aufzunehmen, um die Dinge zu bereinigen, und falls es von deren Seite keinen Einwand gibt, sehen wir keinen Grund, warum er nicht einreisen darf".

Prof. Noam Chomsky ist uns nun aus Amman/Jordanien zugeschaltet (…)

Willkommen, bei Democracy Now!, Noam Chomsky.

Noam Chomsky: Wie geht es Ihnen?

Amy Goodman: Es ist schön, Sie bei uns zu haben. Können Sie uns erklären, was genau am Sonntag passiert ist?

Noam Chomsky: Nun, das ist offensichtlich. Was Sie gerade aus dem Report des (israelischen Innenministeriums) zitiert haben, stimmt nicht ganz. Ich habe gesagt …. die grundlegenden Fakten, die Sie beschrieben haben, stimmen: Meine Tochter, ich und zwei alte Freunde wollten von Amman aus nach Ramallah. Wir wurden an der Grenze gestoppt. Wir mussten mehrere Stunden warten - wurden mehrere Stunden lang verhört. Zum Schluss wurde mir und meiner Tochter die Einreise verweigert.

Die Gründe sind ziemlich offensichtlich. Ich habe schon früher an der Universität von Bir Zeit gesprochen, aber dabei handelte es sich jedes Mal um einen Abstecher: Ich besuchte Israel, hielt an israelischen Universitäten Vorträge. Der aktuelle Anlass unterscheidet sich durch einen einzigen Umstand. Ich bekam eine Einladung von der Universität Bir Zeit, die ich - wie bei vielen anderen Anlässen auch -, sehr gerne angenommen habe. Doch dieses Mal hatte ich nicht vor, auch in Israel Vorträge zu halten. Das war der einzige Unterschied. Im Grunde sagt Israel: Wir beharren auf unserem Recht, zu entscheiden, wem wir gestatten, einzig und allein eine palästinensische Universität - auf deren Einladung hin - zu besuchen, um dort zu sprechen.

Amy Goodman: Können Sie uns etwas zu den Fragen sagen, die Ihnen gestellt wurden? Wie lange hat man Sie befragt, und wie lange wurden Sie an der Grenze festgehalten?

Noam Chomsky: An der Grenze waren wir schätzungsweise fünf Stunden oder so. Die Befragung dauerte, mit Unterbrechungen, vielleicht zwei Stunden. Der Offizier am Einreiseposten bekam seine Fragen praktisch aus dem Informationsministerium. Er stand in ständigem Telefon- bzw. Computerkontakt mit diesem Ministerium.

Amy Goodman: Wiederholen Sie noch einmal, Noam - mit wem stand der Grenzposten in Verbindung?

Noam Chomsky: Mit dem Informationsministerium.

Amy Goodman: Meinen Sie nicht das Innenministerium?

Noam Chomsky: Innenministerium, Entschuldigung, Innenministerium.

Amy Goodman: Und was ging vor - zwischen ihm und dem Innenministerium?

Noam Chomsky: Nun, es waren zwei Fragen, die immer wieder, in unterschiedlicher Form, gestellt wurden. Bei der einen ging es darum, dass man es nicht mochte, wie ich über Israel rede. Okay, wie (ich) schon auf Al-Dschasierah zitiert wurde, sind sie damit in derselben Kategorie wie so ziemlich jedes - jedes Land - dieser Welt. Davon abgesehen kann das aber unmöglich der Grund (für die Einreiseverweigerung) sein. Schließlich wurde ich auch schon von israelischen Universitäten eingeladen, um speziell über Israel zu sprechen und zwar sehr kritisch. Die Vorträge, um die es bei der jetzigen Einladung (von Bir Zeit) ging, hätten in erster Linie von Amerika und der amerikanischen Außen- und Innenpolitik gehandelt.

Die zweite Frage war die kritischere. Dabei ging es um das, was diese Reise von allen bisherigen unterschied: Ich war einfach nur angereist, um der Universität von Bir Zeit einen Besuch abzustatten. Ich hielt keine Vorträge an israelischen Universitäten (um dann noch einen Abstecher nach Bir Zeit zu machen). Das passte denen überhaupt nicht.

Amy Goodman: Und warum passte es ihnen nicht?

Noam Chomsky: Es passte ihnen nicht… nun, da muss ich raten, aber ich denke, der Grund dürfte klar sein. Sie hatten etwas gegen die Vorstellung, dass eine palästinensische Universität unabhängig ist und eine eigene Universitätspolitik betreibt - so wie jede andere Universität dieser Welt auch. Was ich sagen will: Es ist unerhört, dass eine Regierung (von totalitären Staaten abgesehen) einer Person verbietet, die Einladung einer Universität anzunehmen, um dort einen Vortrag zu halten.

Amy Goodman: Noam Chomsky - selbst wenn ich riskiere, mich wie ein Grenzer anzuhören: Worüber wollten Sie an der Universität von Bir Zeit sprechen?

Noam Chomsky: Zwei Themen waren angekündigt. Das eine hieß ‘America and the World’. Darin sollte es um die amerikanische Außenpolitik gehen - einschließlich des Sonderfalles ‘amerikanische Politik im Nahen/Mittleren Osten’. Das zweite Thema hieß ‘America at Home’. Hier sollten es um die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten selbst - vor allem in den letzten 50 Jahren - gehen.

Zum ersten Thema. Worum sollte es bei diesem Vortrag gehen? Können Sie uns ausführlich erläutern, was Sie vortragen wollten?

Ich werde das alles in einer Videokonferenz nachholen. Ich wollte über einige immer wiederkehrende Themen im Zusammenhang mit den internationalen Beziehungen der USA diskutieren - seit Gründung der Republik, aber vor allem seit den letzten… seit dem Zweiten Weltkrieg, als die USA einer der großen Akteure in der Weltpolitik wurden. Ich wollte darüber sprechen, wie sich unsere Politik während der Zeit des Kalten Krieges und seit dem Kalten Krieg, bis in die Gegenwart hinein entwickelt hat. Natürlich sollte es auch um die (amerikanische) Politik gegenüber der so wichtigen Region Naher/Mittlerer Osten gehen - seit man im Ersten Weltkrieg gemerkt hatte, dass Öl eine der wichtigsten Energieressourcen werden würde, aber vor allem seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die USA die Rolle des Hauptakteurs in Weltangelegenheiten von den Briten übernommen hatten.

Amy Goodman: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation zwischen Israel und Palästina ein? Wollten Sie sich mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten (Fayyad) treffen?

Noam Chomsky: Ich - ich wollte mich mit dem Ministerpräsidenten treffen. Leider ist mir das nun nicht möglich. Aber sein Büro rief mich heute Morgen hier in Amman an, und wir führten eine lange Diskussion.

Er verfolgt eine Politik, die, meiner Ansicht nach, ziemlich vernünftig klingt - eine Politik, die vor allem Fakten vor Ort schafft. Es ist beinahe wie… ich glaube, es ist wohl eine bewusste Nachahmung der Politik der frühen Zionisten. Auch sie hatten Fakten vor Ort geschaffen - in der Hoffnung, dass diese Fakten die politische Form, die zu einem späteren Zeitpunkt entstehen würde, bestimmen würden. (Seine) Politik klang in meinen Ohren vernünftig und gesund. Natürlich bleibt die Frage, ob oder inwieweit Israel und der determinierende Faktor USA die Umsetzung dulden werden. Aber falls die Umsetzung kommt - und natürlich falls Israel und die USA ihre reichlich illegalen, systematischen Anstrengungen aufgeben, den Gazastreifen von der Westbank zu trennen -, falls es in dieser Richtung weitergeht, könnte ein lebensfähiger Palästinenserstaat entstehen, ja.

Amy Goodman: Noam, Sie sagten eingangs, dass das, was ich in der Einleitung gesagt habe, nicht ganz stimme: Zunächst sei kein Grund für die Entscheidung angegeben worden, Sie nicht durchzulassen. Doch später sagte das (israelische) Innenministerium gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz, derzeit bemühten sich Offizielle, grünes Licht vom Verteidigungsministerium zu erwirken. Eine Sprecherin des Innenministeriums sagte: "Wir versuchen, Kontakt mit dem Militär aufzunehmen, um die Dinge zu bereinigen, und falls es von deren Seite keinen Einwand gibt, sehen wir keinen Grund, warum er (Chomsky) nicht einreisen darf".

Was stimmt nicht an dieser Aussage?

Noam Chomsky: Ich war - ich habe schon öfter Vorträge an der Bir Zeit gehalten - noch nie hat jemand beim israelischen Militär um grünes Licht nachgefragt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich bei früheren Anlässen immer auch Israel besucht habe und an israelischen Universitäten oder Versammlungen und so weiter Reden hielt. Die Universität von Bir Zeit war immer ein Abstecher gewesen. Doch diesmal wollte ich ausschließlich nach Bir Zeit und redete an keiner israelischen Universität. Die Verhörperson, die ihre Fragen ablas - die vom Ministerium kamen -, fragte mich immer wieder: "Nun, warum halten Sie keine Vorträge in Israel?" Das war der einzige Unterschied (zu früheren Anlässen). Mit den israelischen Streitkräften (IDF) hat das nichts zu tun.

Amy Goodman: Warum sind Sie so sicher, dass es nichts mit dem Militär zu tun hat?

Noam Chomsky: Weil… auf jeden Fall war es so, dass ich einen Vortrag in der Westbank halten wollte.

Amy Goodman: Mm-hmmm.

Noam Chomsky: Dieser Teil war wie sonst. Der Teil, der nicht wie sonst war, war der, dass ich nur in der Westbank sprechen wollte und nicht in Israel. Das hat nichts mit der IDF zu tun.

Amy Goodman: Hatten Sie den Eindruck, dass die wussten, dass Sie kommen würden, um über die Grenze zu gehen? Oder waren die überrascht? Haben Sie in dieser Hinsicht etwas feststellen können?

Noam Chomsky: Falls sie überrascht waren, würde das auf ein hohes Maß an Inkompetenz hinweisen, da die ganze Sache öffentlich und angekündigt war.

Amy Goodman: Wenn Israel jetzt sagen würde: Sie dürfen rein. Würden Sie gehen?

Noam Chomsky: Nur, wenn sie sagen würden, dass ich ganz normal einreisen kann. Ich will ihre Sondererlaubnis nicht. Wenn sie mir sagen würden, ich könnte ganz normal einreisen - wie bei einer Reise nach Israel oder in ein anderes Land - dann würde ich gehen, ja.

Amy Goodman: Wir unterhalten uns gerade mit Noam Chomsky, der vor kurzem…. Was genau haben die in Ihren Pass gestempelt?

Sehen wir mal nach. Was haben die rein gestempelt? Meine Tochter holt sie (die Pässe) gerade, dann kann ich nachschauen. Eine Sekunde. Da steht: "Allenby Border Control". Dann folgt das Datum, mit zwei roten Linien darüber, und dann "Entry" (und dasselbe auf Hebräisch). Dann ist da ein weiterer Stempel, mit den Worten "Entry denied" (Einreise verweigert). Interessanterweise ist das Wort "Einreise" falsch geschrieben, aber es… (unhörbar)

Amy Goodman: Und Sie sagen, diese Leute standen in ständigem Kontakt mit dem Innenministerium?

Noam Chomsky: Yeah. Ich hatte das Gefühl, der Mann, der mich befragte, versuchte, sich zu entschuldigen - so, als gäbe er nur Informationen weiter, die er laufend erhält. Er stand in direktem Kontakt mit ihnen. Aber er schien (unverständlich)

Amy Goodman: Sie sagen, Sie werden den Vortrag halten - aber per Videokonferenz?

Noam Chomsky: Morgen. Es wird hier, von Amman aus - wo ich mich gerade aufhalte -, gesendet werden.

Amy Goodman: Ich möchte Ihnen noch eine Frage zum Iran stellen - zu dem jüngsten Deal, der angekündigt wurde. Ich weiß nicht, inwiefern Sie die Nachrichten verfolgen konnten, während Sie dort waren, aber es geht um einen Deal, der das ganze Thema - Kernkraft, Atomwaffen - umfasst. Der Iran hat zugestimmt, den größten Teil seines angereicherten Urans an die Türkei abzugeben - im Tausch mit Atomenergie. Dies könnte die internationale Konfrontation bezüglich des umstrittenen iranischen Atomprogrammes entschärfen. Im Gegenzug soll der Iran leicht angereichertes Uran erhalten, um einen Reaktor - für medizinische Zwecke - zu betreiben. Der Deal wurde vom iranischen Außenminister, der Türkei und Brasilien geschlossen. Laut Iran soll dieser Austausch auch von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) überwacht werden. Was halten Sie davon?

Noam Chomsky: Falls die Berichterstattung stimmt, gibt es eigentlich keinen Grund… weshalb die USA Einwände erheben sollten. Im Grunde geht es ja um die Einwände der USA. Mehrere Dinge sind signifikant. Zunächst einmal die Konstellation Iran, Türkei, Brasilien. Die Türkei repräsentiert die Mächte in der Region. Ebenso wie die Arabische Liga hat die Türkei klargestellt, dass sie gegen Sanktionen (gegen den Iran) ist. Sie will Verhandlungen und eine diplomatische Lösung. Brasilien genießt unter den blockfreien Staaten wohl den größten Respekt und spielt eine sehr bedeutsame Rolle. Die Tatsache, dass diese beiden Länder vorpreschen… zufällig sitzen sie auch noch im UN-Sicherheitsrat…. dass ausgerechnet diese beiden Staaten offen für eine friedliche, diplomatische Lösung eintreten und sich dem Ruf nach weitergehenden Maßnahmen, oder der Androhung solcher, widersetzen, ist signifikant.

Signifikant ist zudem die Tatsache, dass diese Sache im Grunde eine Nebenbaustelle ist. Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, das Thema ‘Bedrohung durch irgendwelche Atomwaffen im Nahen/Mittleren Osten’ anzupacken, und das ist der Weg zu einer atomwaffenfreien Zone in der Region. 1995 hatten die USA zugestimmt - nachdem Ägypten darauf beharrt hatte. Es war auf einer Review-Konferenz (des Atomwaffensperrvertrages), auf einer regulären Review-Konferenz. Da erklärten Ägypten und mehrere andere blockfreie Staaten, sie würden aus dem Atomwaffensperrvertrag aussteigen, falls der Westen - gemeint waren die USA -, nicht damit einverstanden sei, das Ziel einer atomwaffenfreien Zone in der Region (Naher/Mittlerer Osten) voranzutreiben. Jede eventuelle Gefahr durch Atomwaffen sollte eliminiert oder zumindest reduziert werden. Die USA stimmten formal zu. Im Grunde ist dieses Ziel den USA heute wichtiger als damals, denn, als die USA und Großbritannien in den Irak einmarschierten, präsentierten sie ja eine dünne rechtliche Rechtfertigung, mit der sie sich absichern wollten - erinnern Sie sich? 1991 hatte der Irak gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrates verstoßen, die von ihm verlangt hatte, die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einzustellen. Nun, wir wissen, was aus diesem Vorwand geworden ist.

Wichtig ist, dass ausgerechnet diese Resolution noch eine Bestimmung, einen Artikel, enthielt, der die Unterzeichner zur Schaffung einer atomwaffenfreien Zone im Nahen/Mittleren Osten verpflichtet. Die USA und Großbritannien sind somit eine Sonderverpflichtung eingegangen - neben der allgemeinen Verpflichtung gegenüber dem Gremium, das den Atomwaffensperrvertrag überwacht. Die Gruppe der blockfreien Staaten zählt mittlerweile 118 Mitgliedsländer. Ägypten hat den Vorsitz inne. Auf Treffen bzw. Vorbereitungstreffen und bei Review-Veranstaltungen hat Ägypten in den letzten Wochen starken Druck ausgeübt. Die USA sind in einer Position… sie haben formal zugestimmt. Gleichzeitig weichen sie jedoch einem Abkommen aus, indem sie klar sagen, dass Israel von einer solchen Resolution nicht betroffen sein würde. Sie akzeptieren die israelischen Haltung, explizit, (indem sie sagen), wie es Hillary Clinton formuliert hat, das wäre vielleicht eine gute Idee, aber es ist der falsche Zeitpunkt, denn zuerst muss ein umfassendes Friedensabkommen im Nahen Osten her. Nun, wie Sie wissen, ist ein umfassendes Friedensabkommen im Nahen Osten in weite Ferne gerückt - solange Israel und die USA den wirklich sehr breiten internationalen Konsens für eine Zwei-Staaten-Lösung nicht akzeptieren wollen. Im Grunde heißt das doch: "Nun, wir werden es nicht weiterverfolgen". Und wenn sie es nicht weiterverfolgen, gibt es eben keine atomwaffenfreie Zone.

Das sind die weit zentraleren Themen. Es sollte auch betont werden, dass sowohl der UN-Sicherheitsrat, als auch die IAEA Israel - im vergangenen Herbst - explizit aufforderten, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten und seine Anlagen für Inspektionen zu öffnen. Umgehend hatte die Obama-Administration Israel davon in Kenntnis gesetzt, dass es der Bitte der Internationalen Behörde (unverständlich) keine Beachtung zu schenken brauche. Mit Indien ist es das Gleiche. Die Resolution des UN-Sicherheitsrates hätte auch Indien betroffen. Doch die Obama-Administration informierte die Inder, sie könnten die Sache ruhig ignorieren. Indien produziert Atomwaffen und zwar mit indirekter Hilfe der USA (gemäß eines Vertrages zwischen Indien, den USA und Großbritannien).

Amy Goodman: Noam, wir müssen 60 Sekunden unterbrechen. Ich möchte die Diskussion dann weiterführen. Noam Chomsky, Professor am MIT. Er wurde, gemeinsam mit seiner Tochter, Prof. Aviva Chomsky, an der Einreise in die Westbank gehindert, wo er an der Bir-Zeit-Universität sprechen wollte. Er wurde an der Einreise gehindert - an einem (israelischen) Grenzübergang an der Allenby-Brücke. Die Grenze führt von Jordanien in die Westbank. Hier ist Democracy Now!

(Pause)

Amy Goodman: Unser Gast ist Noam Chomsky. Eigentlich sollte er heute im Westjordanland sein. Stattdessen befindet er sich in Amman. Ihm und seiner Tochter Aviva Chomsky wurde die Einreise in die Westbank verweigert (…)

Noam, ich möchte Ihnen noch eine Frage zur Internationalen Atomenergieaufsichtsbehörde (IAEA) stellen. Zum allerersten Mal hat diese Behörde zaghaft angedeutet, man plane, Israels Atomwaffenprogramm in die Diskussion einzubeziehen. Israel ist das einzige Land im Nahen/Mittleren Osten, das im Besitz von Atomwaffen ist. Israel hat sich nie offiziell zu diesen Waffen bekannt. Sagen Sie uns, welche Bedeutung hat das?

Noam Chomsky: Yeah, ich fürchte, wir müssen es sehr kurz machen. Ein weiteres Interview steht an. Aber die Sache ist wirklich ziemlich wichtig. Es muss so im September oder Oktober des vergangenen Jahres gewesen sein, als die IAEA eine Resolution verabschiedete, in der sie Israel auffordert, seine… zu öffnen und dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten; seine Anlagen, seine Atomanlagen, für internationalen Inspektionen zu öffnen. Die USA und Europa haben versucht, diese Resolution zu verhindern, aber sie kam trotzdem zustande. Umgehend informierte die Obama-Administration Israel, es könne leugnen.

Soweit ich informiert bin, hat die Presse in den USA nicht darüber berichtet - mit einer Ausnahme: der Washington Times. Sie ist Washingtons zweitwichtigste Zeitung - was von gewisser Bedeutung ist.

Wer sich für Nonproliferation (von Atomwaffen) interessiert, sollte wissen: Es ist sehr wichtig, Staaten zu zwingen, zu verpflichten, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten. Im Moment gibt es drei Staaten, die nicht unterzeichnet haben: Indien, Israel und Pakistan. Alle Drei entwickeln mit Hilfe der USA Atomwaffen - und die USA bewahren sie vor Inspektionen.

Doch es geht noch weiter. In einigen Gegenden der Welt gibt es bereits atomwaffenfreie Zonen - allerdings können sie nicht vollständig realisiert werden, weil die USA dies nicht zulassen. Die Afrikanische Union ist in diesem Zusammenhang am relevantesten. Die Afrikanische Union hatte eine atomwaffenfreie Zone gefordert und schließlich auch beschlossen. Allerdings gehört eine kleine Insel - Diego Garcia - zu diesem Gebiet, die von Amerika "genutzt" wird. In erster Linie wird diese Insel als Bombengelände genutzt. Die Insel ist eines der wichtigsten Bombenzentren für den Bereich Naher/Mittlerer Osten und Zentralasien. Außerdem nutzen die USA die Insel, um dort Atomwaffen zu lagern sowie als Anlegestelle für Atomunterseeboote. Für Dinge dieser Art nutzen sie die Insel im Grunde. Die Obama-Administration hat Diego Garcia noch mehr aufgebürdet: neue Support-Systeme für Atomunterseeboote. Und jetzt bringen die USA auch noch ihre neuen so genannten "Bunkerknacker" (bunker busters) auf das Eiland. Das sind riesige Bomben, die äußerst tief eindringen sollen. Natürlich gilt das dem Iran. Gerade sind die Dinger nach Diego Garcia verschickt worden. Das alles sind Bedrohungen für den Iran, die gegen Sicherheitsratsresolutionen verstoßen.

Es tut mir leid, aber ich muss jetzt aufhören; In zwei Minuten erfolgt mein nächstes Interview.

Amy Goodman: Okay. Vielen, vielen Dank, dass Sie bei uns waren, Noam Chomsky, Professor des MIT. Noch einmal: Ihm wurde die Einreise in die Westbank verweigert, wo er an der Bir-Zeit-Universität reden wollte. Er wird diesen Vortrag aber morgen in einer Videokonferenz halten. Vielen Dank Noam, dass Sie bei uns waren.

 

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ’ Democracy Now! ‘, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 22.05.2010. Originalartikel: Denied Entry: Israel Blocks Noam Chomsky from Entering West Bank to Deliver Speech . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

24. Mai 2010

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