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Mordechai Vanunu wieder in Haft

Das "Verbrechen" dieses Helden hat uns sicherer gemacht

 

Von Daniel Ellsberg, 03.01.2010 - Los Angeles Times / ZNet

Mordechai Vanunu - mein Freund, mein Held, mein Bruder - wurde in Israel erneut verhaftet. Er stehe "unter Verdacht", das "Verbrechen" begangen zu haben, "sich mit Ausländern zu treffen".

Ich selbst bin Komplize dieses "Verbrechens", da ich zweimal mit der ausdrücklichen und offenen Absicht nach Israel gereist bin, Vanunu zu treffen und dessen Handlungsweise ausdrücklich zu unterstützen, für die er 18 Jahre im Gefängnis verbracht hat. Sein jetziges "Verbrechen" bestehe darin, wiederholt und offen gegen die Konditionen, durch die seine Bewegungsfreiheit, seine Redefreiheit und seine Bekanntschaften eingeschränkt werden, gepfiffen zu haben. Die Beschränkung seiner Menschenrechte ist etwas, was direkt vom Britischen Mandat übernommen wurde: Koloniale Regeln, die einen klaren Verstoß gegen die Universelle Erklärung der Menschenrechte darstellen. Solche Restriktionen haben keinen Platz in einem Land, das Respekt für die Herrschaft des Rechts und für die fundamentalen Menschenrechte heischt. Vanunus Verhaftung und Inhaftierung sind empörend. Dies muss sofort aufhören.

Was ich von Mordechai und seinem Verhalten halte, habe ich 2004 in einem Leitartikel für die Los Angeles Times zum Ausdruck gebracht. Ich könnte es heute nicht besser sagen. Der Artikel erschien am Tag seiner Freilassung aus dem Gefängnis. Ich kann nur hinzufügen, dass ich stolz wäre, der "amerikanische Vanunu" zu sein. Allerdings hat man in meinem Fall ein mögliches Urteil wegen Verrats von Staatsgeheimnissen (115 Jahre Gefängnis)Anmerkung d. Übersetzerin: Daniel Ellsberg - ein ehemaliger Offizieller des US-Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums - leitete 1971 die ‘Pentagon Papers’ an die Presse weiter und sorgte so für deren Veröffentlichung: http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Ellsberg . vermieden. Man warf mir lediglich die Enthüllung staatlichen Fehlverhaltens vor. Dieses verblasst, verglichen mit dem Fehlverhalten der Israelis, als sie Vanunu angriffen, ihn unter Drogen setzten, kidnappten, bis sie ihn vor Gericht bringen konnten. Von den 11 Jahren Einzelhaft, die er erleiden musste, ganz zu schweigen.

Folgender Artikel von mir erschien am 21. April 2004 in der Los Angeles Times:

Mordechai Vanunu ist der größte Held des Atomzeitalters. Er setzte alles, was er besaß, bewusst aufs Spiel, um sein Land und die Welt vor dem wahren Ausmaß der atomaren Bedrohung, unter der wir stehen, zu warnen. Er musste voll bezahlen und etwas ertragen, das in vielerlei Hinsicht schlimmer war als der Tod. Er bezahlte den Preis für einen heroischen Akt: Er tat genau das, was er tun sollte, und was andere auch tun sollten.

Vanunu beging sein "Verbrechen" 1986: Er übergab der London Sunday TimesAnmerkung d. Übersetzerin: Zu Mordechai Vanunu: http://de.wikipedia.org/wiki/Mordechai_Vanunu . eine Reihe von Fotos, die er in der israelischen Atomwaffenfabrik bei Dimona aufgenommen hatte. Er war dort als Techniker tätig.

Für diese Aktion - die enthüllte, dass das (nukleare) Programm und die (nuklearen) Bestände der Israelis viel umfangreicher waren, als von der CIA und anderen angenommen -, wurde Vanunu im Flughafen von Rom durch Agenten des israelischen Mossad gekidnappt und heimlich (nach Israel) zurückgebracht. In einem nicht öffentlichen Verfahren wurde er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die ersten 11 1/2 Jahre musste er in Einzelhaft verbringen. Seine Zelle war 6 auf 9 Fuß groß. Einzelhaft unter solch unvergleichlichen Bedingungen wurde von Amnesty International als "grausam, inhuman und degradierend" bezeichnet.

Heute wird Vanunu entlassen - nachdem er seine volle Strafzeit abgesessen hat. Doch er ist weiter "unfrei" - durch Restriktionen gegen seine Bewegungsfreiheit und seine Kontakte: Er darf Israel nicht verlassen und muss sich in einer bestimmten Stadt aufhalten. Er darf nicht mit Ausländern kommunizieren - nicht von Angesicht zu Angesicht, nicht per Fax oder E-Mail. (Diese Restriktionen sind als reine Strafe anzusehen, da alle Geheiminformationen, über die er verfügt haben mag, mittlerweile fast zwei Jahrzehnte alt sind).

Die Ironie des Ganzen ist, dass keinem Land mehr an einer präventiven Nonproliferation gelegen sein dürfte als Israel - vor allem im Nahen/Mittleren Osten. Doch Israels geheime Atompolitik (bis heute gibt Israel nicht zu, über Atomwaffen zu verfügen) ist kurzsichtig und selbstzerstörerisch. Sie fördert die nukleare Proliferation, anstatt sie zu blockieren, denn diese Politik ermutigt die Nachbarstaaten dazu, eigene, vergleichbare Atomwaffen zu entwickeln.

Ohne demokratischen Druck und die Mobilisierung der Öffentlichkeit - was wiederum öffentliches Bewusstsein und Diskussionen voraussetzen würde -, wird sich nichts ändern. Genau das aber wollte Mordechai Vanunu anregen.

Weder in Israel - noch in den USA, in Russland, England, Frankreich, China, Indien oder Pakistan - wurde die Entscheidung, eine Atommacht zu werden, auf demokratischem Wege getroffen, nicht einmal mit Wissen des gesamten jeweiligen Kabinetts. Wäre es zu einer öffentlichen Debatte gekommen, so hätte wahrscheinlich keines dieser Länder seine eigene Bevölkerung oder den Rest der Welt davon überzeugen können, dass es einen legitimen Grund für den Besitz von Hunderten (nuklearen) Gefechtsköpfen gibt, wie sie Israel angeblich besitzt (und die über jede plausible, notwendige Abschreckung weit hinausgehen). Wir brauchen - dringend - mehr Menschen wie Vanunu. Das gilt nicht nur für Israel sondern für alle (erklärten oder nicht erklärten) Atommächte. Oder wer würde nicht erkennen, welchen Wert ein heldenhafter pakistanischer, indischer, irakischer, iranischer oder nordkoreanischer Vanunu (mit vergleichbaren Enthüllungen) für die Weltsicherheit hätte?

Die Welt braucht Geheimnisverrat dieser Art - nicht nur durch Bürger solcher Länder, die heute von Atomwaffenstaaten voreilig als "Schurkenstaaten" bezeichnet werden. Jeder Atomwaffenstaat verfolgt eine heimliche Politik, geheime Ziele, Programme und Pläne, die im Widerspruch zu seinen Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag stehen und der ‘Prinzipienerklärung’ (Declaration of Principles), die 1995 auf der ‘Konferenz zur Erneuerung des Atomwaffensperrvertrages’ erklärt wurde. Jeder Offizielle, dem solche Verstöße bekannt werden, könnte und sollte sich überlegen, so zu handeln, wie es Vanunu getan hat.

Auch ich hätte zu Beginn der 60er Jahren so handeln sollen - auf Grundlage dessen, was ich über atomare Geheimpläne und -praktiken der USA wusste. Damals war ich beratend für das Verteidigungsministerium tätig. Man hatte mich vom Rand Corp. ausgeliehen, weil es Probleme mit dem Kommando und der Kontrolle über die Atomwaffen gab. Ich war es, der den ‘Leitfaden des Verteidigungsministeriums für den Joint Chiefs of Staff (Generalstab)’ verfasste, der Teil der allgemeinen Atomkriegsplanungen war. Die extremen Gefahren unserer Praxis beziehungsweise Planungen waren mir bewusst.Siehe U.S. Nuclear War Planning for a Hundred Holocausts by Daniel Ellsberg on September 13, 2009.

Heute habe ich das Gefühl, versagt zu haben, weil ich diese Dokumente geheim gehalten habe und die katastrophal rücksichtslose Haltung nur auf sicherem Wege zur Kenntnis brachte. Das war falsch. Aber damals hatte ich noch nicht Vanunus Beispiel vor Augen, das mich hätte leiten können.

Dann endlich bekam ich ein Beispiel vor Augen geführt - in Form der jungen Amerikaner, die lieber ins Gefängnis gingen, als sich an einem Krieg zu beteiligen, der hoffnungslos und unmoralisch war, wie ich selber wusste. Dies inspirierte mich 1971 dazu, hochgeheime Präsidentenlügen über den Vietnamkrieg an 19 Zeitungen weiterzuleiten. Ich bereue nur, dass ich es nicht schon früher getan habe - bevor die Bomben zu fallen begannen.

Vanunu hätte längst aus seiner Einzelhaft und seiner Haft entlassen werden sollen - nicht, weil er "genug gelitten hat", sondern, weil er das Richtige, das Mutige getan hat. Er tat es, obwohl für ihn absehbar war, dass man versuchen würde, ihn zum Schweigen zu bringen und ihn zu bestrafen.

Die empörenden, illegalen Restriktionen, denen er unterworfen werden soll, sobald er - nach 18 Jahren - das Gefängnis verlässt, sollten überall Proteste und Widerstand hervorrufen - nicht nur, weil diese Einschränkungen gegen fundamentale Menschenrechte verstoßen, sondern auch, weil die Welt die Stimme dieses Mannes hören muss.

Der Kult und die Geheimhaltungskultur, die in allen Atomwaffenstaaten vorherrschen, bedrohen die Menschheit und werden deren Überleben weiter gefährden. Vanunu hat diese gefährliche, falsche Geheimhaltung herausgefordert. Wir sollten seinem Beispiel - weltweit - folgen.Siehe: Hiroshima Day: America Has Been Asleep at the Wheel for 64 Years by Daniel Ellsberg on August 6, 2009.

Daniel Ellsberg ist ein US-amerikanischer Ökonom und ehemaliger Whistleblower des Pentagons. Durch die Veröffentlichung der von ihm an die Öffentlichkeit gebrachten Pentagon-Papiere deckte er einen Skandal im Umfeld des Vietnamkrieges auf.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 03.01.2010. Originalartikel: Nuclear Hero’s ‘Crime’ Was Making US Safer . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

04. Januar 2010

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