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Skandal: Was genau sagte Ahmadinedschad in Genf?

Die mediale Erregung nach dem Auftritt des iranischen Präsidenten in Genf war groß. Doch offenkundig hat Ahmadinedschad gar nicht gesagt, was ihm vorgeworfen wird

 

Von Rudolf Walther

Nach jedem Blitz kommt der Donner. Auch das heftige Blitzen im Vorfeld der Genfer Antirassismus-Konferenz ("Durban II") deutete daraufhin, dass der Donner kommen musste. Schon im März drohten westliche Staaten mit dem Boykott, um Maximalforderungen für das Schlussdokument abzuwehren. Um die Interessen und Empfindlichkeiten von 192 - im Prinzip gleichberechtigten - Mitgliedstaaten der UNO unter einen Hut zu bringen, wurde der Entwurf der Schlusserklärung von 60 Seiten auf 16 gekürzt. Alle heiklen Fragen (etwa Israels Regime in den besetzten Gebieten) wurden ausgeklammert. Es ist ein Zeichen des blanken Opportunismus, wenn es um israelische Politik geht, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier zwar einräumt, der bereinigten Abschlusserklärung hätte man zustimmen können, sich dann aber für den Boykott der Konferenz aussprach wie Israel, die USA und Kanada.

Pawlowsche Reflexe

Nach den propagandistischen Blitzen war der Theaterdonner von Genf zu erwarten. Dafür bürgen Lautsprecher wie der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ebenso wie die Interessen der israelischen Regierung. Ersterer muss sich bald den Wählern stellen und braucht den Donner von außen, weil seine Leistungsbilanz im Innern schlecht aussieht. Die israelische Regierung ihrerseits verhindert seit Jahren, dass über ihr Besatzungsregime, das seit dem Mauerbau und den damit verbundenen Schikanen für die palästinensischen Bevölkerung immer mehr dem südafrikanischen Apartheid-Regime gleicht, diskutiert wird.

Außer den mächtigen, aber nicht sehr zahlreichen Verbündeten der israelischen Regierung ist der Lautsprecher Ahmadinedschad der zuverlässigste Partner beim Verhindern einer Debatte dieses Besatzungsregime. Je öfter und je lauter der den "Hassprediger" gibt und über "Zionismus", "Holocaust" und "Juden" schwadroniert, desto sicherer ist der Pawlowsche Reflex in unseren Medien über Antisemitismus und historische Tatsachen, über die man nicht verhandeln dürfe. Als ob es um "Israel", "die" Israelis oder gar "die" Juden ginge! Es geht allein um die israelische Politik. Darauf, was Ahmadinedschad genau gesagt hat, kommt es in der Regel nicht mehr an. Es genügt, dass er regelmäßig laut redet und sämtliche Nachrichtenagenturen und Zeitungen sehen rot. Übereifrige predigen schon mal "das Recht" Israels "auf präventive Selbstverteidigung" (Micha Brumlik).

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat diesen simplen Mechanismus der Instrumentalisierung von Ahmadinedschad-Reden im Detail aufgedeckt. Im März 2008 soll der iranische Präsident gesagt haben "Israel must be wiped off the map" (Israel muss von der Landkarte weggewischt werden). Der rechtsradikale israelische Außenminister Avigdor Lieberman hat den Satz im Vorfeld der Genfer Konferenz wörtlich wiederholt, um zu begründen, warum Israel den Botschafter aus Bern zurückruft: der Schweizer Bundespräsident Merz begrüßte Ahmadinedschad auf dem Flughafen wie jeden Staatsgast. Dass Netanjahu/Lieberman so rigide reagieren, deutet auch an, dass sie eine Verhandlungsoffensive Obamas fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Das Problem jenes Satzes - er wurde erfunden. Die sprachkundige Wissenschaftlerin Katajun Amirpur hat genau hingesehen. Von "Landkarte" und "wegwischen" redete der iranische Präsident nirgends. Es geht nicht um die Rechtfertigung Ahmadinedschads, aber am 26. Oktober 2005 sagte er nach der Übersetzung von Amirpur wörtlich: "Dieses Besatzungsregime muss von den Seiten der Geschichte (wahlweise: Zeiten) verschwinden" - ins Profane übersetzt: "Das Besatzungsregime muss Geschichte werden." Das ist natürlich keine skandalisierungsfähige Forderung, sondern ist gedeckt durch mehrere UN-Resolutionen, die Israel missachtet. Die korrupte Regierung Olmert und ihre Lautsprecher in den westlichen Medien übernahmen deshalb die falsche Übersetzung.

Den Holocaust nicht geleugnet

Und was genau sagte Ahmadinedschad jetzt in Genf? Das ist nicht leicht herauszufinden. Keine einzige große Zeitung druckte auch nur Auszüge der Rede. Aber alle Schlagwörter von der "Vernichtung" Israels, dem "Antisemitismus", der "Judenfeindschaft" und der "Leugnung" des Holocaust waren wieder hoch im Kurs, so als ob die Propaganda-Abteilung des israelischen Außenministeriums den Journalisten die Texte diktiert hätte. Der greise Elie Wiesel und der Skandalisierungsexperte Bernard-Henri Lévy verlasen in Genf vor laufenden Kameras ganz alte Textbausteine.

Nochmals: Was sagte Ahmadinedschad in Genf? Nach der angesehenen Neuen Zürcher Zeitung vom 21. April 2009 soll er gesagt haben: "Der Weltzionismus ist die Personifizierung von Rassismus". Das lässt drei Schlüsse zu: Entweder der iranische Präsident ist intellektuell unzurechnungsfähig, denn der "Weltzionismus" ist so wenig als Person denkbar wie der Rassismus. Oder die Übersetzung ist fehlerhaft und/oder von interessierter Seite lanciert worden. Sicher ist, dass Ahmadinedschad nicht den Holocaust leugnete, wie einzelne Medien kolportierten, sondern, so berichtete es die NZZ, vom "Missbrauch des Holocausts" warnte. Das ist gelegentlich nötig.

Der 83-jährige Nahost-Experte Arnold Hottinger, der 31 Jahre lang für verschiedene Medien aus dem Nahen Osten berichtete, sagte in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger , Ahmadinejad habe "sich in Sachen Holocaust gemäßigt" und fuhr fort: "Ahmadinejad ist eine umstrittene Figur, aber nicht der Teufel, zu dem er gestempelt wird. Er weist auf Punkte hin, die diskutiert werden müssen - etwa die Staatsgründung Israels. Was bedeutete das für die Bevölkerung, die zuvor dort gelebt hat. Und was für eine Politik betreibt Israel heute gegenüber den Palästinensern? Ist das nationalistisch? Oder gar rassistisch?" Hottinger kann damit rechnen, dass ihn die Skandalisierungsexperten zum helvetischen Ahmadinejad erklären.

Quelle: der FREITAG vom 23.04.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Walther und des Verlags.

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Veröffentlicht am

24. April 2009

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