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Warum hassen sie den Westen so, fragen wir uns

Zum Angriff auf die UN-Schulen in Gaza

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Von Robert Fisk - 07.01.2009 - Indepent.co.uk

Wieder einmal hat Israel den Palästinensern das Tor zur Hölle aufgerissen. 40 Zivilisten - Flüchtlinge - wurden in einer Schule der Vereinten Nationen getötet, drei weitere starben in einer zweiten UN-Schule. Nicht schlecht für eine einzige Nachtschicht in Gaza. Es ist die Arbeit einer israelischen Armee, die an die "Reinheit der Waffen" glaubt. Warum sollten wir uns wundern?

Oder haben wir die 17.500 Toten der israelischen Libanoninvasion, 1982, schon vergessen? Fast alle waren Zivilisten, Frauen und Kinder. Oder denken wir an die 1.700 palästinensischen Zivilisten, die bei den Massakern in Sabra und Schatila massakriert wurden. 1996 wurden in einer UNO-Basis in Kana 106 libanesische Flüchtlinge, Zivilisten, getötet - mehr als die Hälfte waren Kinder. Oder denken wir an die Menschen, die aus dem libanesischen Dorf Marwahin flohen, als die Israelis ihnen befohlen hatten, ihre Häuser zu verlassen - um sie anschließend vom Helikopter aus abzuschlachten. Das geschah 2006 im Libanonkrieg. Bei diesem und anderen israelischen Luftschlägen während der Libanoninvasion 2006 starben insgesamt 1.000 Libanesen, fast alles Zivilisten.

Ausgesprochen erstaunlich, dass so viele westliche Führer - Präsidenten und Premierminister - und ich fürchte auch viele Redakteure und Journalisten, der alten Lüge aufsitzen, Israel gäbe sich große Mühe, zivile Opfer zu vermeiden. Wieder einmal erklärte uns ein israelischer Botschafter: "Israel tut alles, was möglich ist, um zivile Opfer zu vermeiden". Er sagte es wenige Stunden vor dem Massaker in Gaza. Jeder Präsident und jeder Kanzler, der diese Lüge wiederholte - sie ist eine Entschuldigung, um einen Waffenstillstand zu vermeiden -, hat das Blut des Massakers der letzten Nacht an seinen Händen.

Hätte George Bush 48 Stunden zuvor den Mut aufgebracht, einen sofortigen Waffenstillstand zu fordern, die 40 Zivilisten - alte Leute, Frauen und Kinder - wären noch am Leben.

Was hier passiert, ist mehr als nur beschämend. Es ist eine Schande. Ist der Begriff ‘Kriegsverbrechen’ zu hoch gegriffen? Hätte die Hamas dieses Greuel verübt, würden wir von Kriegsverbrechen sprechen. Ja, es war ein Kriegsverbrechen, leider. Nachdem ich über so viele Massenmorde durch die Armeen des Nahen und Mittleren Ostens berichtet habe - begangen von syrischen, jordanischen, irakischen, iranischen und israelischen Truppen - sollte ich eigentlich ein Zyniker sein. Israel behauptet, es kämpfe unseren Kampf gegen den "internationalen Terror". Die Israelis behaupten, sie kämpften in Gaza für uns, für die westlichen Ideale, für unsere Sicherheit und unseren Schutz - und sie kämpften nach unseren Standards. Daher sind wir Komplizen des brutalen Gemetzels, das über Gaza gekommen ist.

Ich habe über Rechtfertigungen berichtet, die die Israelische Armee bei Greueln dieser Art in der Vergangenheit anführte. In den nächsten Stunden könnten diese Entschuldigungen erneut hervorgekramt werden. Daher nenne ich schon jetzt einige: Die Palästinenser würden ihre eigenen Flüchtlinge töten, wird es heißen; die Palästinenser würden Tote ausgraben und in die Ruinen legen; die Schuld liege letztendlich bei den Palästinensern, weil sie eine bewaffnete Gruppe unterstützten; bewaffnete Palästinenser würden bewusst unschuldige Flüchtlinge als Deckung missbrauchen.

Das Massaker von Sabra und Schatila wurde von Israels rechtsgerichteten Verbündeten - den Falangisten - ausgeführt, während israelische Truppen 48 Stunden lang zusahen und nichts unternahmen. Das wurde selbst durch eine israelische Untersuchungskommission (die Kahane-Kommission) festgestellt. Als man Israel die Schuld gab, beschuldigte die damalige israelische Regierung unter Menachem Begin ihrerseits die Welt der Schmähung. 1996 feuerte die israelische Artillerie Granaten auf eine UNO-Basis in Kana. Die Israelis behaupteten, auch Hisbollah-Kämpfer hätten in der Basis Schutz gesucht. Es war eine Lüge. Als im Libanonkrieg 2006 über 1.000 Menschen starben, lastete man es einfach der Hisbollah an. Der Konflikt wurde ausgelöst, als zwei israelische Soldaten an der Grenze durch die Hisbollah entführt wurden.

Bei einem anderen Massaker in Kana behauptete Israel, die toten Kinder seien aus einem Friedhof ausgegraben worden. Auch das war eine Lüge. Das Massaker in der libanesischen Ortschaft Marwahin wurde niemals gerechtfertigt. Die Menschen des Dorfes waren aufgefordert worden, zu fliehen. Als sie die Anordnung der Israelis befolgten, wurden sie aus der Luft durch ein israelisches Kampflugzeug angegriffen. Die Flüchtlinge hielten ihren Lastwagen an und stellten ihre Kinder rund um das Fahrzeug, mit dem sie geflohen haben, um den israelischen Piloten zu zeigen, dass es sich um unschuldige Menschen handelte. Die israelischen Helikopter mähten sie aus kurzer Distanz nieder. Nur zwei Menschen überlebten - weil sie sich tot stellten. Israel hat sich noch nicht einmal entschuldigt.

Zwölf Jahre zuvor griff ein israelischer Helikopter (im Libanon) eine Ambulanz an, die Zivilisten aus einem Nachbardorf abholte. Auch in diesem Fall hatte Israel die Flucht angeordnet. Bei diesem Vorfall starben drei Kinder und zwei Frauen. Die Israelis behaupteten, ein Hisbollah-Kämpfer hätte sich in der Ambulanz versteckt. Dies erwies sich als falsch. Über all diese Greueltaten habe ich berichtet. Ich habe sie alle untersucht und mit den Überlebenden gesprochen. Mehrere meiner Kollegen taten ebenso. Unser Schicksal ist es, mit dem schlimmsten aller Etiketten belegt zu werden: Wir wurden beschuldigt, Antisemiten zu sein.

Das Folgende schreibe ich, ohne den geringsten Zweifel, dass es so kommen wird: Wir werden (im Falle Gaza) alle diese skandalösen Konstrukte erneut hören. Sie werden lügen, die Hamas sei an allem schuld. Der Himmel weiß, es gibt wirklich genug, dessen man die Hamas beschuldigen könnte, aber nicht für dieses Verbrechen. Wir werden die Lüge von den aus den Friedhöfen ausgegrabenen Leichen zu hören bekommen und mit großer Sicherheit die Lüge, dass Hamas in der bombardierten UN-Schule war. Und ziemlich sicher wird auch wieder die Antisemitismus-Lüge auf den Tisch kommen. Unsere Führer werden unruhig hin- und herrutschen und die Welt daran gemahnen, dass die Hamas als Erste den Waffenstillstand gebrochen hätten. Stimmt nicht. Israel hat ihn am 4. November gebrochen, als es Gaza bombardierte und dabei sechs Palästinenser tötete sowie am 17. November, als bei einem weiteren israelischen Bombardement vier Palästinenser starben.

Stimmt, Israel hat das Recht auf Sicherheit. 20 getötete Israelis in den letzten zehn Jahren ist eine dunkle Ziffer. Aber 600 getötete Palästinenser in nur einer Woche und Tausende getötete Palästinenser seit 1948 - das ist eine ganz andere Dimension. Die Massaker begannen 1948 mit dem Massaker von Deir Yassin. Diese Tat half, eine Massenflucht der Palästinenser von jenem Palästinensergebieten auszulösen, die israelisch werden sollten.

Das alles erinnert nicht an das ‘normale’ Blutvergießen’ in dieser Region, vielmehr an die Greuel der Balkankriege in den 90ern. Und sollte ein Araber einmal seinem Zorn freien Lauf lassen und seiner blinden, aufrührerischen Wut gegen den Westen in die Tat umsetzen, werden wir sagen: "Was hat das mit uns zu tun? Nichts. Warum hassen sie uns?" Aber sagen wir nicht, dass wir die Antwort nicht kennen.

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 07.01.2009. Originalartikel: Why do they hate the West so much, we will ask? Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

07. Januar 2009

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