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Hiroshima: “Der Fluss war voll von toten Menschen und ich konnte die Wasseroberfläche überhaupt nicht mehr sehen”

Zeugenbericht von Akira Onogi über den 6. August 1945 in Hiroshima 

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das "Hiroshima Peace Cultural Center" die Berichte von 100 Hibakusha aufzuzeichnen. Wir haben in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha bereits veröffentlicht. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist. Zum Hiroshima-Gedenktag 2008 veröffentlichen wir ein weiteres Zeugnis eines Überlebenden des Hiroshima-Verbrechens vom 6. August 1945: den Zeugenbericht von Akira Onogi.

Akira Onogi war 16 Jahre alt, als die Bombe abgeworfen wurde. Er war zuhause, 1,2 km vom Hypozentrum entfernt. Das Haus stand im Schatten einer Lagerhalle, die ihn vor der ersten Druckwelle beschützte. Alle fünf Mitglieder der Familie Onogi überlebten wie durch ein Wunder das umgehend einsetzende Feuer in ihrem Haus.

Akira Onogi: Ich war im zweiten Jahr der Mittelstufe und zusammen mit meinen Klassenkameraden zur Arbeit bei der Eba Fabrik, dem Mitsubishi Schiffbau, mobilisiert. Am Tag, als die Atombombe abgeworfen wurde, hatte ich zufällig einen Tag frei genommen und war zuhause geblieben. Zusammen mit einem Freund lag ich auf dem Boden und las. Unter dem Dachvorsprung sah ich einen blauen Lichtblitz, wie der Funke bei einem Zug oder einem Kurzschluss. Danach kam eine dampfartige Druckwelle.

Interviewer: Aus welcher Richtung?

Onogi: Also, ich bin nicht sicher, jedenfalls wurden mein Freund und ich in einen anderen Raum geschleudert, als die Druckwelle kam. Ich war eine Weile bewusstlos, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich im Dunkeln wieder. Während ich noch dachte, mein Haus wäre direkt von der Bombe getroffen worden, entfernte ich mit der Hand die rote Erde und die Dachziegel, die mich bedeckten, und zum ersten Mal konnte ich den Himmel sehen. Ich schaffte es irgendwie, ins Freie zu gelangen und sah mich um, während ich mich fragte, wie es meiner Familie ging. Ich stellte fest, dass, soweit ich sehen konnte, alle Häuser in der Umgebung eingestürzt waren.

Interviewer: Alle Häuser?

Onogi: Ja, schon, ich konnte niemanden um mich herum sehen, aber ich hörte von irgendwo jemanden "Hilfe! Hilfe!" rufen. Tatsächlich kamen die Rufe aus dem Boden, auf dem ich ging. Da ich keine andere Möglichkeit hatte, grub ich mich mit den Händen durch die rote Erde und die Dachziegel, um meiner Familie zu helfen; meiner Mutter, meinen drei Schwestern und dem Kind einer meiner Schwestern. Dann sah ich nach nebenan und erkannte den Vater der Nachbarfamilie, der beinahe nackt dort stand. Seine Haut löste sich überall vom Körper und hing von seinen Fingerspitzen herunter. Ich sagte etwas zu ihm, aber er war zu schwach um mir zu antworten. Verzweifelt sah er sich nach seiner Familie um.

Die Person auf diesem Bild war ein Nachbar von uns. Ich glaube, der Familienname war Matsumotos.

Als wir vom Rande der Brücke ins Wasser flüchten wollten, fanden wir ein kleines weinendes Mädchen, das uns bat, ihrer Mutter zu helfen. Direkt neben dem Mädchen war die Mutter unter einem heruntergefallenen Dachbalken gefangen, der auf dem unteren Teil ihrer Körpers lag. Zusammen mit den Nachbarn versuchten wir angestrengt, den Balken zu bewegen, aber ohne Werkzeug war es unmöglich. Auf einmal brach Feuer aus und brachte uns in Gefahr. Wir hatten keine andere Wahl und mussten die Frau zurücklassen. Sie war bei Bewusstsein und wir verbeugten uns mit verschränkten Händen tief vor ihr, um uns bei ihr zu entschuldigen, dann flüchteten wir. Etwa eine Stunde später fing es heftig an zu regnen. Der Regen fiel in großen schwarzen Tropfen herab. Ich trug ein kurzärmeliges Hemd und kurze Hosen und es war eiskalt. Wir wärmten uns um ein Feuer herum auf - mitten im Sommer.

Interviewer: Sie meinen, das Feuer wurde nicht vom Regen gelöscht?

Onogi: Genau. Das Feuer ließ überhaupt nicht nach. Was mich sehr beeindruckt hat, war ein 5- oder 6-jähriger Junge, dessen rechtes Bein am Oberschenkel durchtrennt war. Er hüpfte auf seinem linken Fuß, um die Brücke zu überqueren. Ich kann diese Szene immer noch ganz klar vor mir sehen. Das Wasser des Flusses, das wir heute sehen, ist sehr sauber und klar, aber am Tag des Bombenabwurfs wurden alle Häuser mit ihren Säulen, Balken und Möbelstücken von der Druckwelle in den Fluss gefegt oder sie hingen von den Brücken. Der Fluss war außerdem voll von toten Menschen, die von der Druckwelle hineingeworfen wurden, und von Überlebenden, die herkamen, um Wasser zu suchen. Jedenfalls konnte ich die Wasseroberfläche überhaupt nicht mehr sehen. Viele verletzte Menschen mit abgelöster Haut riefen um Hilfe. Offensichtlich sahen sie uns an und wir konnten unsere Augen kaum zum Fluss wenden.

Interviewer: War es nicht möglich, ihnen zu helfen?

Onogi: Nein, es waren zu viele Menschen dort. Wir kümmerten uns um die Leute um uns herum, indem wir die Kleidung von Toten als Verbandszeug nutzten, besonders für diejenigen, die besonders schrecklich verwundet waren. Etwa zu dem Zeitpunkt wurden wir irgendwie unempfänglich für all diese grausamen Dinge. Nach einer Weile erreichte das Feuer das Flussufer und wir entschieden uns, den Fluss zu verlassen. Wir überquerten die Eisenbahnbrücke und flohen in diese Richtung, entlang der Eisenbahnstrecke. Die Häuser an beiden Seiten der Strecke standen in Flammen und die Schienen waren wie eine Höhle im Feuer. Ich dachte, ich müsse dort sterben. Es war so ein grauenvolles Erlebnis. Wissen Sie, noch zehn Jahre nach dem Bombenabwurf war ich wie gelähmt, wann immer ich die Funken eines Zuges oder einen Blitz sah. Sogar wenn ich zuhause war, konnte ich nicht am Fenster sitzen, weil ich so viele Menschen gesehen hatte, die durch Glasstücke schwer verwundet worden waren. So habe ich über zehn Jahre lang immer nur mit dem Rücken zur Wand gesessen. Es war eine Art Selbsterhaltungstrieb. 

Deutsche Übersetzung: Caroline Unger. Englische Fassung: Testimony of Akira Onogi .

Siehe ebenfalls:

Weitere Zeugenberichte auf der Lebenshaus-Website unter:

Veröffentlicht am

30. Juli 2008

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