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Martin Luther King: Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen

Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis/Tennessee, wo er zur Unterstützung des Müllarbeiterstreiks war, ermordet. Am Abend des 3. April hielt er in der Meason Temple Church in Memphis eine Ansprache, die später mit dem Titel "Berggipfelrede" versehen wurde. Viele, die diese Rede gehört hatten, waren überzeugt, King habe seinen Tod vorausgeahnt. Sicherlich war ihm der Gedanke durch eine Bombendrohung, die es vor seinem Abflug aus Atlanta gegeben hatte, und andere Morddrohungen sehr nahe. King fasste in dieser Rede sein Leben zusammen und ließ es noch einmal vorüberziehen.

Anlässlich des 40. Todestages von Martin Luther King am 4. April 2008 dokumentieren wir nachfolgend diese Rede.

Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen

Martin Luther King

Ich freue mich über jeden von euch, der heute Abend hier ist, trotz einer "Sturmwarnung". Ihr zeigt, dass ihr in jedem Fall weitermachen wollt. Es geschieht etwas in Memphis, es geschieht etwas in unserer Welt. Wisst ihr, wenn ich am Anfang der Zeit stünde und die Möglichkeit hätte, so etwas wie einen allgemeinen Überblick über die ganze Menschheitsgeschichte bis zum heutigen Tag zu gewinnen, und wenn Gott, der Allmächtige, zu mir sagen würde: "Martin Luther King, in welchem Zeitalter würdest du gern leben?", dann würde ich meinen geistigen Flug in Ägypten beginnen. Und ich würde Gottes Kinder beobachten bei ihrem wunderbaren Treck aus den dunklen Kerkern Ägyptens durch das Rote Meer, durch die Wüste zum Gelobten Land.

Trotz dieses großartigen Anblicks würde ich dort nicht stehenbleiben. Ich würde mich weiterbewegen und meinen Geist zum Olymp erheben. Und ich würde Plato, Aristoteles, Sokrates, Euripides und Aristophanes um den Parthenon versammelt sehen bei ihren Diskussionen über die großen und ewigen Menschheitsfragen. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben. Ich würde mich weiterbewegen, zur Blütezeit des römischen Imperiums. Und ich würde die Entwicklungen unter den verschiedenen Imperatoren erleben. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben. Ich würde sogar vordringen in das Zeitalter der Renaissance und einen kurzen Eindruck von den kulturellen und ästhetischen Leistungen der Renaissance erhalten. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben. Ich würde sogar dort hingehen, wo der Mann, nach dem ich genannt worden bin, seine Heimat hatte. Und ich würde Martin Luther beobachten, wie er die 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg nagelt. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben. Ich würde vordringen zum Jahr 1863 und beobachten, wie ein unschlüssiger Präsident mit dem Namen Abraham Lincoln schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass er die Emanzipationsproklamation unterzeichnen muss. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben. Ich würde vordringen zu den frühen dreißiger Jahren und sehen, wie ein Mann mit dem Problem des nationalen Bankrotts ringt. Und wie er beschwörend ausruft, dass wir nichts außer der Furcht zu fürchten haben. Aber ich würde dort nicht stehenbleiben.

So seltsam es anmuten mag: ich würde mich an den Allmächtigen wenden und sagen: "Wenn Du mir erlaubst, nur ein paar Jahre in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu leben, dann bin ich glücklich." Freilich, das ist eine seltsame Erklärung, denn die Welt ist in ziemlicher Unordnung. Unsere Nation ist krank. Unruhe ist im Land. Verwirrung überall. Es ist eine seltsame Erklärung. Aber irgendwie weiß ich, dass man nur dann, wenn es dunkel genug ist, die Sterne sehen kann. Und ich sehe Gott am Werk in diesem Abschnitt des 20. Jahrhunderts - und zwar so, dass Menschen auf seltsame Weise antworten. Es geschieht etwas in unserer Welt. Große Menschenscharen erheben sich. Wo sie auch sind - sie sind ein Zeichen. Ob sie in Johannesburg (Südafrika), Nairobi (Kenia), Accra (Ghana), New York City, Atlanta (Georgia), Jackson (Mississippi) oder in Memphis (Tennessee) sind - der Schrei ist stets der gleiche: "Wir wollen frei sein!"

Ein weiterer Grund, warum ich glücklich bin, in dieser Epoche zu leben, ist dieser: wir sind gezwungenermaßen an einen Punkt gekommen, wo wir uns mit Problemen auseinandersetzen müssen, die in der Geschichte der Menschheit schon lange existieren, zu deren Lösung aber nie ein Zwang bestand. Wenn wir überleben wollen, müssen wir sie anpacken. Die Menschen haben jahrelang über Krieg und Frieden geredet. Aber jetzt können sie nicht mehr darüber reden. Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Entweder Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz. Genau an diesem Punkt stehen wir heute. So auch in der Revolution, in der es um die Menschenrechte geht. Wenn nichts getan wird - und zwar schnell -, um die farbigen Völker der Welt aus ihrem seit langem bestehenden Zustand der Armut, der Kränkung und der Vernachlässigung herauszubringen, dann ist die ganze Welt zum Untergang verurteilt. Ja, ich bin wirklich glücklich, dass Gott mir erlaubt hat, in dieser Periode zu leben, damit ich sehe, was sich schon entwickelt. Ich bin glücklich, dass er mir erlaubt hat, in Memphis zu sein. Ich kann mich erinnern, wie Neger - nach den Worten von Ralph (Abernathy) - umhergingen und sich kratzten, wo es nicht juckte, und lachten, wenn sie nicht gekitzelt wurden. Aber jene Zeit ist vorbei. Wir meinen es ernst, und wir sind entschlossen, unseren rechtmäßigen Platz in Gottes Welt zu gewinnen. Das ist es, worum es bei dieser ganzen Angelegenheit geht. Wir haben uns nicht in negativem Protest oder irgendwelchen negativen Streitereien mit irgend jemand engagiert. Wir sagen, dass wir entschlossen sind, Mensch zu sein. Wir sind entschlossen, jemand zu sein. Wir sagen, dass wir Gottes Kinder sind. Und deshalb nicht leben müssen, wie wir gezwungen werden zu leben.

Nun, was bedeutet das alles in dieser hervorragenden Periode der Geschichte? Es bedeutet, dass wir zusammenhalten müssen. Wir müssen zusammenhalten und Einheit bewahren. Ihr wisst, immer wenn der Pharao die Sklaverei in Ägypten verlängern wollte, hatte er ein bevorzugtes Mittel dafür. Welches? Er ließ die Sklaven untereinander streiten. Aber sobald sich die Sklaven zusammentun, geschieht etwas am Hof des Pharao, und dann kann er die Sklaverei nicht mehr aufrechterhalten. Kommen die Sklaven zusammen, dann kommen sie bald heraus aus der Sklaverei. Deshalb lasst uns Einheit bewahren! Zweitens: Lasst uns die Probleme dort sehen, wo sie sind! Das Problem heißt: Ungerechtigkeit. Das Problem ist die Weigerung der Stadt Memphis, fair und ehrlich im Umgang mit ihren Angestellten zu sein, die in diesem Falle Müllarbeiter sind. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit weiter auf dieses Problem richten und nicht auf die kleinen Gewaltausbrüche. Ihr wisst, was neulich passierte. Die Presse erwähnte nur die Zerstörung einiger Fenster. Ich habe die Zeitungsartikel gelesen. Äußerst selten gingen sie so weit zu erwähnen, dass 1300 Müllarbeiter streikten, und dass die Stadt Memphis nicht fair zu ihnen war, und dass Oberbürgermeister Loeb unbedingt einen Arzt braucht. So weit ging die Berichterstattung nicht.

Jetzt werden wir wieder marschieren. Wir müssen es, um zu zeigen, wo das Problem liegt. Um jedem vor Augen zu führen, dass hier 1300 von Gottes Kindern leiden. Manchmal sind sie hungrig, manchmal erleben sie dunkle und traurige Nächte und fragen sich, wie diese Sache ausgehen wird. Darum geht es. Und wir müssen unserer Nation sagen: wir wissen, wie sie ausgeht. Denn wenn Menschen ergriffen sind von dem, was recht ist, und wenn sie dafür Opfer zu bringen bereit sind, dann gibt es keinen Halt kurz vor dem Sieg.

Kein Knüppel wird uns aufhalten. Wir verstehen es meisterhaft in unserer gewaltlosen Bewegung, Polizeikräfte zu entwaffnen; sie wissen nicht, was sie tun sollen. Ich habe sie so oft gesehen. Ich entsinne mich, wie wir während jenes großen Kampfes in Birmingham (Alabama) jeden Tag von der Baptistischen Kirche in der 16. Straße losmarschierten, zu Hunderten zogen wir aus. Und "Bull" Connor befahl den Polizisten, die Hunde loszulassen, und sie kamen. Aber wir sangen vor den Hunden: "Ich werde vor niemandem weglaufen". Dann befahl "Bull" Connor: "Dreht die Wasserschläuche auf!" Wie ich euch schon sagte, "Bull" Connor kannte die Geschichte nicht. Er kannte eine Art Physik, die irgendwie nicht zu der Trans-Physik passte, von der wir wussten. Es war die Tatsache, dass da ein bestimmtes Feuer war, das kein Wasser löschen konnte. Wir stellten uns den Wasserschläuchen entgegen. Wir kannten Wasser. Wer zu den Baptisten oder einer verwandten Denomination gehörte, war untergetaucht worden; wer zu den Methodisten und einigen anderen Denominationen gehörte, war besprengt worden. In jedem Fall waren wir mit Wasser vertraut. Sie konnten uns nicht aufhalten.

Wir gingen einfach auf die Hunde zu und schauten sie an, wir gingen einfach auf die Wasserschläuche zu und schauten sie an, und dabei sangen wir: "Über meinem Kopf sehe ich Freiheit in der Luft". Dann wurden wir in Polizeiwagen geworfen, manchmal zusammengepfercht wie Ölsardinen in einer Büchse. Und "Bull" Connor rief: "Fahrt sie fort!" Das taten sie auch, während wir im Gefängniswagen weiter sangen: "Wir werden siegen." Gelegentlich landeten wir im Gefängnis, und wir sahen, wie unsere Gebete, Worte und Lieder die Gefängnis-Wärter bewegten, die durch die Fenster schauten. Es existierte dort eine Macht, mit der "Bull" Connor nicht fertig wurde. So verwandelten wir schließlich den "Bullen" Connor in einen jungen Ochsen und gewannen den Kampf in Birmingham.

Jetzt müssen wir in Memphis ebenso vorangehen. Ich fordere euch auf, dabei zu sein, wenn wir am Montag losmarschieren. Was die einstweilige Verfügung betrifft: wir werden morgen vor Gericht gehen, um diese illegale und verfassungswidrige einstweilige Verfügung zu bekämpfen.

Wir sagen zu Amerika nicht mehr als dies: "Stehe zu dem, was du auf dem Papier versprochen hast." Wenn ich in China oder Russland oder irgendeinem totalitären Land lebte, dann könnte ich vielleicht diese illegalen einstweiligen Verfügungen verstehen. Dann könnte ich vielleicht die Verweigerung gewisser Grundrechte aus dem 1. Zusatz zur Verfassung verstehen, weil sie sich in jenen Ländern nicht darauf verpflichtet haben. Aber irgendwo lese ich etwas von Versammlungsfreiheit, von Redefreiheit, von Pressefreiheit; irgendwo lese ich, dass die Größe Amerikas in dem Recht besteht, für das Recht zu protestieren. Und deshalb sage ich: uns werden keine Hunde oder Wasserwerfer zur Umkehr bringen, uns wird keine einstweilige Verfügung zur Umkehr bringen. Wir marschieren weiter.

Wir brauchen euch alle. Wisst ihr, ich finde es wunderbar, all diese Prediger des Evangeliums zu sehen. Es ist ein herrliches Bild. Von wem darf man mit größerem Recht erwarten, dass er die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen artikuliert, als vom Prediger? Ein Prediger muss eine Art Feuer in seinem Gebein verschlossen haben. Und wo ihm Ungerechtigkeit begegnet, da muss er sie beim Namen nennen. In gewisser Weise muss der Prediger ein Amos sein und sagen: "Wenn Gott spricht, wer muss dann nicht prophezeien?" Wie Amos muss er sagen: "Es ströme aber wie Wasser das Recht und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach." In gewisser Weise muss der Prediger mit Jesus sagen: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesalbt, die Probleme der Armen aufzugreifen." Ich möchte die Pastoren loben, die Führung, die diese edlen Männer bedeuten - James Lawson, der an unserem Kampf seit Jahren beteiligt ist; für diesen Kampf kam er ins Gefängnis; für diesen Kampf wurde er von der Vanderbilt University ausgeschlossen. Aber er macht immer noch weiter und kämpft für das Recht seiner Leute. Pastor Ralph Jackson, Pastor Billy Kyles … ich könnte in der Aufzählung fortfahren, aber die Zeit lässt es nicht zu. Doch ich möchte ihnen allen danken.

Ich möchte ihnen danken, weil Pastoren oft mit nichts, außer mit sich selbst beschäftigt sind. Ich bin jedes Mal glücklich, wenn ich Pastoren sehe, die einen sinnvollen Dienst tun.

Es ist nicht falsch, über "lange weiße Gewänder dort drüben" zu reden, dies Symbol hat seine Berechtigung. Aber letztlich wollen die Menschen Kleider und Schuhe hier unten auf der Erde tragen. Es ist nicht falsch, über Straßen zu reden, in denen Milch und Honig fließt, aber Gott hat uns befohlen, uns um die Slums hier unten zu sorgen, und um seine Kinder, die nicht einmal drei ausreichende Mahlzeiten pro Tag erhalten. Es ist nicht falsch, über das neue Jerusalem zu reden, aber eines Tages muss ein Prediger Gottes über das neue New York, das neue Atlanta, das neue Los Angeles, das neue Philadelphia und das neue Memphis (Tennessee) reden. Das ist unsere Aufgabe.

Was wir noch tun müssen, ist dies: unsere direkte Aktion mit der Macht eines wirtschaftlichen Boykotts verbinden. Zugegeben: wir sind arme Leute. Als Individuen sind wir arm im Vergleich zu den weißen Amerikanern. Wir sind arm. Aber bleibt nicht bei dieser Erkenntnis stehen, vergesst nicht, dass wir kollektiv - d. h. wir alle zusammen - reicher sind als alle Nationen der Welt - von neun Staaten abgesehen. Habt ihr das schon gewusst? Wenn wir von den USA, der UdSSR, Großbritannien, West-Deutschland, Frankreich und einigen anderen Ländern, die ich jetzt nicht aufzählen will, absehen, dann sind wir, die amerikanischen Neger in ihrer Gesamtheit, reicher als die meisten Länder der Erde. Unser jährliches Einkommen beträgt mehr als 30 Milliarden Dollar, ein Betrag, der größer ist als das Exportvolumen der USA und größer als der Staatshaushalt Kanadas. Wusstet ihr das? Das bedeutet Macht, wenn wir sie zu sammeln verstehen.

Wir brauchen uns mit niemand zu streiten. Wir brauchen nicht zu fluchen oder böse Worte zu verlieren. Wir benötigen keine Steine und Flaschen. Wir benötigen keine Molotow-Cocktails. Wir müssen nur zu den Geschäften und den Großindustrien in unserem Land gehen und sagen: "Gott hat uns hierher geschickt, um zu sagen, dass ihr seine Kinder nicht richtig behandelt. Ihr sollt, das fordern wir von euch, faire Behandlung der Kinder Gottes zum ersten Punkt eurer Tagesordnung machen. Freilich, wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann haben wir eine Tagesordnung, der wir folgen müssen. Unsere Ordnung verlangt von uns, euch die wirtschaftliche Unterstützung zu entziehen."

Deshalb bitten wir euch heute Abend: geht zu euren Nachbarn und sagt ihnen, sie sollen keine Coca Cola in Memphis kaufen. Geht und sagt ihnen, sie sollen keine "Sealtest"-Milch kaufen. Sagt ihnen, sie sollen kein - wie heißt es doch noch? - kein "Wonder"-Brot kaufen. Und wie heißt die andere Brotfirma, Jesse? … Sagt ihnen, sie sollen kein "Hartz"-Brot kaufen. Wie Jesse Jackson gesagt hat: bisher haben nur die Müllarbeiter Schmerzen gefühlt, nun müssen wir die Schmerzen gleichsam neu verteilen. Wir haben diese Firmen ausgesucht, weil ihre Einstellungspraktiken unfair sind. Wir haben diese Firmen ausgesucht, weil sie damit anfangen können zu erklären, dass sie für die Rechte der Streikenden eintreten werden. Außerdem können sie Oberbürgermeister Loeb veranlassen, das Richtige zu tun.

Nicht nur das: wir müssen auch die von Schwarzen kontrollierten Institutionen stärken. Ich fordere euch auf, euer Geld aus den Banken in der Innenstadt abzuziehen und in der "Tri-State"Bank zu deponieren. Wir streben eine "bank-in"-Bewegung in Memphis an. Geht zur Spar- und Darlehnskasse. Ich verlange nichts von euch, was wir in der SCLC nicht selbst tun. Richter Hooks und andere können euch bestätigen, dass die SCLC ein Konto bei der Spar- und Darlehnskasse hat. Wir sagen nur: Schließt euch an! Zahlt euer Geld dort ein! Es gibt 6 oder 7 Versicherungsgesellschaften hier in Memphis, die von Schwarzen kontrolliert werden. Schließt eure Versicherungen (insurance) dort ab. Wir streben ein "insurance-in" an. Das sind ein paar praktische Dinge, die wir tun können. Wir beginnen so allmählich, eine breite ökonomische Basis herzustellen. Gleichzeitig üben wir dort Druck aus, wo er wirklich spürbar ist. Ich bitte euch, lasst hier nicht nach!

Lasst mich, bevor ich meine Rede beschließe, noch dies sagen: wir müssen diesen Kampf bis zum Ende führen! Es wäre tragisch, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt in Memphis aufhören würden. Wir müssen den Konflikt durchstehen bis zum Ende.

Wenn wir unseren Marsch durchführen, dann müsst ihr dabei sein. Auch wenn ihr der Arbeit oder der Schule fernbleiben müsst: seid dabei! Kümmert euch um eure Brüder! Vielleicht gehört ihr selber nicht zu den Streikenden. Aber bedenkt: entweder erheben wir uns gemeinsam, oder wir gehen gemeinsam unter. Lasst uns eine Art gefährlicher Selbstlosigkeit entwickeln.

Eines Tages kam ein Mann zu Jesus. Er wollte einige Fragen zu Grundproblemen des Lebens stellen. An einigen Stellen wollte er Jesus überlisten und ihm zeigen, dass er mehr wusste als Jesus, und ihn in Verlegenheit bringen. Zweifellos hätte jene Anfrage leicht in einer philosophischen oder theologischen Debatte enden können. Aber Jesus holte die Anfrage sofort aus der Höhe der Abstraktion und machte sie gleichsam fest an einer gefährlichen Kurve zwischen Jerusalem und Jericho. Und er erzählte von einem Mann, der unter die Räuber gefallen war. Wie ihr wisst, gingen ein Levit und ein Priester auf der anderen Straßenseite an ihm vorbei. Sie hielten nicht an, um ihm zu helfen. Schließlich kam ein Mann vorbei, der einer anderen Rasse angehörte. Er stieg von seinem Tier und beschloss, sich in seiner Situation nicht durch andere vertreten zu lassen. Vielmehr beugte er sich zu ihm, leistete erste Hilfe und half dem Mann in Not. Jesus beendete die Erzählung mit der Erklärung: das war ein guter Mensch, das war ein großer Mensch, weil er es fertigbrachte, sich mit seinem "Ich" in das "Du" zu versetzen und sich um seinen Bruder zu sorgen.

Oft strengen wir unsere Phantasie an, um herauszufinden, warum der Levit und der Priester nicht anhielten. Manchmal vermuten wir, sie waren gerade auf dem Weg zu einer kirchlichen Versammlung und mussten weitergehen nach Jerusalem, um nicht zu spät zu kommen. Oder unsere Spekulationen beziehen sich auf jenes religiöse Gesetz, wonach "jemand, der an religiösen Zeremonien teilnehmen wollte, 24 Stunden vor der Zeremonie keinen menschlichen Körper mehr anrühren durfte". Und gelegentlich fragen wir uns, ob sie vielleicht nach Jerusalem oder Jericho gingen, um eine "Vereinigung zur Verbesserung der Straße nach Jericho" zu organisieren. Das ist denkbar. Vielleicht waren sie der Meinung, es sei besser, das Problem bei der Wurzel zu packen, statt sich an ein einzelnes Symptom zu verlieren.

Doch lasst mich erzählen, was ich vermute: Möglicherweise hatten diese Männer Angst. Denn die Straße nach Jericho ist gefährlich. Ich entsinne mich noch der Situation, als meine Frau und ich zum ersten Mal in Jerusalem waren. Wir mieteten ein Auto und fuhren von Jerusalem hinunter nach Jericho. Als wir erst eine kurze Strecke auf der Straße gefahren waren, sagte ich zu meiner Frau: "Ich verstehe, warum Jesus diese Straße als Szenerie für das Gleichnis verwendet hat." Es handelt sich nämlich um eine Straße mit vielen Kurven und Serpentinen. Sie lädt förmlich dazu ein, einen Hinterhalt zu errichten. Man fährt in Jerusalem los, diese Stadt liegt etwa 1200 Fuß über dem Meeresspiegel. Wenn man 15 bis 20 Minuten später in Jericho ankommt, befindet man sich etwa 2200 Fuß unter dem Meeresspiegel. Es ist wirklich eine gefährliche Straße. Zur Zeit Jesu war sie bekannt als der "Blutpass".

Möglicherweise schauten sich der Levit und der Priester den Mann am Boden an und fragten sich, ob die Räuber wohl noch in der Nähe wären. Oder sie waren der Meinung, der Mann auf dem Boden markiere nur. Vielleicht täuschte er einen Überfall und Verletzungen vor, um sie anzulocken und dann auf einfache und schnelle Weise gefangenzunehmen.

Deshalb war die erste Frage, die sich der Priester wie der Levit stellten: "Wenn ich anhalte, um diesem Mann zu helfen, was wird mir passieren?" Aber dann kam der barmherzige Samariter vorbei und kehrte die Frage um: "Wenn ich nicht anhalte, um diesem Mann zu helfen, was wird ihm dann passieren?" Das ist die. Frage, die heute Abend vor euch steht. Nicht: "Wenn ich anhalte, um den Müllarbeitern zu helfen, was wird dann aus meiner Arbeit?" Nicht: "Wenn ich anhalte, um den Müllarbeitern zu helfen, was wird dann aus all den Stunden, die ich als Pastor normalerweise täglich und wöchentlich in meinem Büro verbringe?" Die Frage ist nicht: "Wenn ich anhalte, um diesem Mann in Not zu helfen, was wird mir passieren?" Die Frage ist: "Wenn ich nicht anhalte, um den Müllarbeitern zu helfen, was wird ihnen passieren?" Das ist die Frage! Lasst uns heute Abend aufstehen mit einer größeren Bereitschaft.

Lasst uns feststehen mit größerer Bestimmtheit. Lasst uns vorangehen in diesen Tagen machtvoller Herausforderung mit dem Ziel, Amerika zu dem zu machen, was es sein sollte. Wir haben die Gelegenheit, aus Amerika eine bessere Nation zu machen. Auch heute möchte ich Gott danken für die Gelegenheit, hier bei euch zu sein. Wie ihr wisst, signierte ich vor einigen Jahren in New York City mein erstes Buch. Und während ich saß, um die Autogramme zu geben, kam eine geistesgestörte schwarze Frau auf mich zu. Ich hörte von ihr nur eine Frage: "Sind Sie Martin Luther King?" Ich schaute gerade herunter auf meine Unterschriften und sagte: "Ja". Und in der nächsten Minute fühlte ich einen Schlag gegen meine Brust. Bevor ich es merkte, hatte mir jene geistesgestörte Frau einen Stich versetzt. Ich wurde so schnell wie möglich in das Harlem Hospital gebracht. Es war ein unglücklicher Samstagnachmittag. Die Klinge des Messers war weit vorgedrungen und ihre Spitze reichte, wie die Röntgenaufnahmen zeigten, fast bis an die Aorta, die Hauptschlagader. Und wenn diese Ader durchschlagen ist, dann ertrinkt man in seinem eigenen Blut - das ist das Ende.

Die New York Times berichtete am nächsten Tag, dass ich gestorben wäre, wenn ich nur geniest hätte. Etwa vier Tage später, nach der Operation, nachdem die Klinge herausgenommen war, erlaubte man mir, mich im Rollstuhl innerhalb des Krankenhauses zu bewegen. Ich durfte auch einen Teil der an mich gerichteten Post lesen. Freundliche Briefe kamen aus allen Staaten, aus der ganzen Welt. Ich las einige, doch einen werde ich nie vergessen. Ich erhielt ein Schreiben vom Präsidenten und vom Vizepräsidenten. Ich habe den Inhalt jener Telegramme vergessen. Ich erhielt einen Besuch und einen Brief vom Gouverneur von New York, doch ich habe vergessen, was in jenem Brief stand. Aber da war noch ein anderer Brief, von einem jungen Mädchen, das die White Plains High School besuchte. Ich las jenen Brief, und ich werde ihn nie vergessen. Er lautete ganz schlicht: "Lieber Dr. King! Ich bin eine Schülerin der 9. Klasse in der White Plains High School. Es sollte zwar keine Rolle spielen, aber ich möchte doch erwähnen: ich bin ein weißes Mädchen. In der Zeitung las ich von Ihrem Missgeschick und Ihrem Leiden. Ich las auch, dass Sie gestorben wären, wenn Sie hätten niesen müssen. Ich schreibe Ihnen ganz einfach deswegen, weil ich Ihnen sagen möchte: Ich bin so glücklich, dass Sie nicht niesen mussten."

Ja, ihr sollt heute Abend wissen: auch ich bin glücklich, dass ich nicht niesen musste. Denn: hätte ich geniest, wäre ich 1960 nicht in diesem Gebiet gewesen, als Studenten in allen Gegenden des Südens mit Sit-ins an den Imbisstheken begannen. Ich wusste: als sie diese Sit-ins durchführten, traten sie ein für die besten Elemente des amerikanischen Traums. Sie brachten die ganze Nation zurück zu jenen großen Brunnen der Demokratie, die von den Gründervätern in der Unabhängigkeitserklärung und in der Verfassung tief gegraben worden waren. Hätte ich geniest, wäre ich 1961 nicht hier gewesen, als wir uns zu einer Freiheitsfahrt entschlossen und der Rassentrennung im Verkehr zwischen den Bundesstaaten ein Ende machten. Hätte ich geniest, wäre ich 1962 nicht hier gewesen, als die Neger von Albany, Georgia, sich entschlossen, den Rücken aufzurichten. Immer, wenn Männer und Frauen ihren Rücken aufrichten, dann machen sie Fortschritte. Denn niemand kann auf einem Rücken reiten, wenn er nicht gebeugt ist. Hätte ich geniest, ich wäre 1963 nicht hier gewesen, als die schwarzen Einwohner von Birmingham, Alabama, das Gewissen der Nation anrührten und die Bürgerrechtsgesetzgebung auslösten. Hätte ich geniest, ich hätte später im August keine Gelegenheit gehabt, Amerika von meinem Traum zu erzählen. Hätte ich geniest, ich hätte nicht die eindrucksvolle Bewegung in Selma, Alabama, miterleben können. Hätte ich geniest, ich hätte nicht gesehen, wie in Memphis eine Gemeinschaft jenen Brüdern und Schwestern zu Hilfe kommt, die leiden. Ich bin so froh, dass ich nicht niesen musste.

Und man sagte mir … Nun, das spielt jetzt keine Rolle. Es spielt wirklich keine Rolle, was jetzt geschieht. Ich verließ Atlanta heute früh, wir waren eine Gruppe von sechs, und als der Flug begann, sagte der Pilot über den Lautsprecher: "Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, aber wir haben Dr. Martin Luther King an Bord. Um sicher zu gehen, dass alles Gepäck kontrolliert und alles an Bord in Ordnung war, mussten wir alles sorgfältig prüfen. Das Flugzeug wurde die ganze Nacht bewacht." Und dann landete ich in Memphis. Und einige sprachen von den Drohungen, die im Umlauf waren, und von dem, was mir von einigen unserer kranken weißen Brüder widerfahren könnte.

Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Ich mache mir keine Sorgen. Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgend etwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.

Quellenvermerk: (c) Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh.

Veröffentlicht in: King, Martin Luther: Testament der Hoffnung: letzte Reden, Aufsätze u. Predigten / Martin Luther King. Eingel. u. übers. von Heinrich W. Grosse. - Orig.-Ausg., 4. Aufl., (25.-32. Tsd.). - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn. 1981.

Veröffentlicht am

03. April 2008

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