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Vor 25 Jahren: Ostermarsch zu Atomraketen in Inneringen und Großengstingen

Michael Schmid

Es gab eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt, da sind auf unserer idyllischen Schwäbischen Alb nicht nur Bäume in den Himmel gewachsen, sondern auch Raketen. Und zwar Raketen mit Atomsprengköpfen, die den hunderttausendfachen Massenmord gebracht hätten, wären sie eingesetzt worden damals zu Zeiten des Kalten Krieges. Zweier solcher Atomwaffenstellungen gab es in einem Umkreis von weniger als 15 Kilometer von unserem Wohnort Gammertingen (Kreis Sigmaringen) entfernt: Inneringen und Großengstingen. Es war vor genau 25 Jahren, vom 1. bis 3. April 1983, als uns friedensbewegte Menschen ein dreitägiger Ostermarsch zu diesen beiden Orten führte.

Wer sich noch erinnern kann, weiß dass es damals vor 25 Jahren hoch herging in der Auseinandersetzung um die Stationierung neuer Atomwaffen in Deutschland und Europa. Die Friedensbewegung hatte damals ihren absoluten Höhepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik erreicht. Natürlich interessierte sich die Presse ebenso wie Gruppen der Friedensbewegung dafür, wo denn die neuen amerikanischen Atomwaffen stationiert werden sollen. Wenn sie überhaupt stationiert werden würden, denn das Ziel der Friedensbewegung war ja, genau dies zu verhindern.

Spätestens nachdem der “Spiegel” im Februar 1983 Inneringen als wahrscheinlichen Stationierungsort neuer Pershing II-Raketen nannte, fand dieser Ort mehr Beachtung. Dabei hatte sich dort das Militär seit Jahrzehnten eingenistet gehabt, zunächst die französische Armee, später dann die US-Army - und mit ihr die Pershing IA-Atomraketen. In Inneringen war die Alarmstellung des in Schwäbisch Gmünd ansässigen Feldartillerie Batallions. Alarmstellung bedeutete, dass die Atomraketen ständig “scharf” waren, um sie sofort abschießen zu können. In Inneringen befand sich bis 1983 eine QRA-Stellung (QRA = Quick Reaction Allert) des in Schwäbisch Gmünd ansässigen Feldartillerie Batallions. Normalerweise wurden neun Pershing-I A-Atomraketen in solcher Alarmbereitschaft gehalten, dass sie in wenigen Minuten abschussbereit waren. Jede dieser Pershing IA, die eine Reichweite bis zu 720 Kilometer hatte, war mit einem Sprengkopf vom Typ W 50 bestückt, der auf eine Sprengkraft von 60 bis 400 Kilotonnen eingestellt werden konnte. Zum Vergleich: Die Hiroshimabombe hatte eine Sprengkraft von “nur” 12,5 Kilotonnen.

Unsere Gammertinger Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) war also alarmiert. Und so organisierten wir 1983 einen dreitägigen Ostermarsch, der die beiden Atomraketenstellungen Inneringen und Großengstingen einschloss.

Am Karfreitag marschierten wir von Gammertingen aus los nach Inneringen. Unterwegs wurden wir bereits durch über unsere Köpfe hinwegkreisende Hubschrauber beobachtet. Vor Ort war dann viel Polizei zu sehen und viele bewaffnete Soldaten. Zu einer Aktion an der Raketenstellung bei Inneringen fanden sich 300 bis 400 Menschen ein. Mit diesen umwanderten wir die Raketenstellung, machten eine kurze Kundgebung und ein sogenanntes “die-in”. Zudem wurde eine Resolution an den Kommandanten des Atomraketenstützpunktes und die anwesenden Soldaten verlesen. Mit einem Schweigemarsch durch den Ort wurde die Aktion beendet. Zumindest bei der Inneringer Bevölkerung hat diese Aktion große Beachtung gefunden, waren doch bis dahin Demonstranten vor Ort gänzlich unbekannt. Die überwiegende Mehrheit der Inneringer Bevölkerung hatte sich wohl daran gewöhnt, dass seit Jahrzehnten (ab etwa 1955) Militärs am Rande ihres Ortes stationiert waren. Auch die amerikanischen Atomraketen Pershing IA gab es schon jahrzehntelang. Nach dem, was dem Autor Anfang der 1980er Jahre von Einheimischen erzählt worden ist, passierte es z.B. Inneringer Bauern auch öfters, dass sie mit vorgehaltenen Gewehren von ihren Feldern verjagt wurden, wenn die Army dies aus Sicherheitsgründen für notwendig hielt. Dennoch schien bei den meisten Einwohnern Inneringens die resignative Haltung vorgeherrscht zu haben, dass gegen die Militärs nichts zu machen sei.

In den kommenden zwei Tagen setzten wir unseren Ostermarsch fort - allerdings in einer wesentlich kleineren Gruppe. Am Ostersonntag trafen wir dann in Großengstingen auf sehr viele andere Ostermarschierer, mit denen wir gemeinsam Aktionen am dortigen Atomwaffenlager durchführten. Damals waren bei Großengstingen mindestens sechs Atomsprengköpfe für die Lance-Kurzstreckenraketen gelagert.Einige Bilder vom Ostermarsch am 3. April 1983 in Großengstingen finden sich hier: “Ostermarsch zum US-Atomwaffenlager Großengstingen” .  Ausführlicher ist die Geschichte von Militär und Friedensbewegung in Großengstingen dokumentiert unter “25 Jahre: ‘Schwerter zu Pflugscharen’” .

Amerikaner verlassen Inneringen

Was unseren Protest gegen Atomwaffen in Inneringen anbelangte, sollte der Ostermarsch erst den Auftakt für weitere Aktionen bilden. Dieser Ort, an dem praktisch direkt vor unserer Haustür tickende Zeitbomben bereit gehalten wurden, die dann ab Dezember 1983 durch noch viel gefährlichere Pershing II-Raketen abgelöst werden sollten, sollte langfristig zum Fokus unseres Protestes werden. So dachten wir damals. Im Juni 1983 haben wir dann in Inneringen eine von über 50 Menschen sehr gut besuchte Veranstaltung mit dem Tübinger Arzt Dr. Simon zum Thema “Leben nach dem Atomkrieg?” durchgeführt. Und gemeinsam mit FriedensfreundInnen aus Tübingen planten wir ein mehrwöchiges Friedenscamp im Herbst 1983, von dem aus gezielt gewaltfreie Aktionen gemacht werden sollten.

Dann das! Anfang Juli 1983 begleitete ich eine große Gruppe junger Franzosen, die als Gäste beim Tübinger Verein für Friedenspädagogik waren, zu der Stellung. Ich hatte über die Hintergründe der Atomwaffen informiert und darauf hingewiesen, dass wir nun gleich Pershing-Raketen sehen würden, ein paar Meter weg von der Straße, gleich wenn wir um die Wegebiegung kommen. Doch dann konnte ich kaum mehr meinen Augen trauen. Mit großem Erstaunen sahen wir, wie die US-Soldaten ihre Raketen und alle ihre übrigen Sachen abtransportierten. Irritierte Gefühle bei mir - Freude über einen Abzug, aber doch auch etwas Enttäuschung, dass uns nun sozusagen das Objekt unseres gerade erst begonnenen Protests an diesem Ort entzogen war.

Gewaltfreie Besetzungsaktion

Nach dem Abzug der Amerikaner war zunächst unklar, was aus dem leerstehenden Pershing IA-Camp werden würde. Das ursprünglich geplante “Friedensdorf Inneringen” wurde abgesagt, weil es nicht sinnvoll erschien, im Jahr der “Nachrüstung”  Menschen in Camps abseits der Stationierungsorte einzuladen. Deshalb entschlossen sich Gruppen aus Tübingen und Freiburg, das “Friedensdorf” einfach ins Lager zu verlegen, um bei der Rückführung des Geländes ins Zivilleben zu helfen. Im November 1983 führten sie eine Besetzungsaktion durch, bei der es hieß: “Wir beleben ein Atomwaffenlager” und “Todeszone zu Lebenszone”.Diese Aktion ist ausführlich dokumentiert in der Broschüre:  Arbeitskreis Inneringen im Friedens-AK der Grünen (Hrsg.): Wir beleben ein Atomwaffenlager - Gewaltfreie Entmilitarisierung des Pershing Ia Lagers bei Inneringen. Eigenverlag. Tübingen 1984. 100 Seiten.

Wirkungsvoller Ostermarsch

Nachdem die US-Army später entschied, dass sie kein weiteres Interesse an dem Gelände habe, war noch eine zeitlang die Errichtung eines großen Bundeswehrdepots im Gespräch. Aber daraus ist nichts geworden.Die in verschiedenen Internetseiten aufgestellte Behauptung, dass in Inneringen Pershing II-Atomraketen stationiert worden seien, stimmt definitiv nicht! Mit der Stationierung dieser neuen Raketen ist überhaupt erst ab November 1983 begonnen worden und damit zu einem Zeitpunkt, als die US-Army Inneringen bereits verlassen hatte. Die Pershing II wurden in Mutlangen, Heilbronn und Neu-Ulm stationiert.

Es ist schon interessant, welche Wirkung unsere wenigen Aktivitäten hinterlassen zu haben scheinen. Da haben wir gerade einen ersten und einzigen Ostermarsch und eine Informationsveranstaltung organisiert und weitere Aktionen erst angekündet, und schon sind die Soldaten abgerückt! Da wollen wir jemand durch hartnäckigen Widerstand zum Abzug bringen und dann geht er von selbst?

Außerdem hat unser einziger Ostermarsch auch in der Wahrnehmung der Inneringer Bevölkerung offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen. So heißt es in der Inneringer Ortschronik: “Geostrategische Bedeutung erlangte Inneringen in den 60er bis 80er Jahren des 20. Jahrhunderts: Bis 1983 war … in Inneringen die QRA-Batterie (Quick Reaction Alert) … ansässig. Also quasi das andere Ende der Leitung vom ‘Roten Knopf’ in Washington, denn die Raketen waren immer scharf. Das machte den kleinen Ort auf der Alb zu einem beliebten Ausflugsziel für Ostermarschierer. Mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte hat Inneringen aber mehr und mehr an geostrategischer Bedeutung verloren.”

Noch um Einiges potenter wird dieser eine Ostermarsch bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia wahrgenommen, wenn dort zu lesen ist: “Die Raketenstellung machte Inneringen von Anfang der 1960er Jahre bis zum Abzug 1983 zum Ziel vieler Ostermarschierer.”Siehe bei Wikipedia unter Fort Black Jack .

Also bitte, ihr Skeptiker, lasst euch nicht durch kleine Teilnehmerzahlen bei Aktionen entmutigen! Wenn ich sehe, mit welch bescheidenen Mitteln dieser Ostermarsch 1983 seine Wirkung entfaltet hat - und sei es nur in der Wahrnehmung - dann kann doch mit relativ wenig Aufwand viel erreicht werden…

Dokumente:

Sollte jemand noch etwas zu Militär und Friedensaktivitäten in Inneringen beitragen möchten - z.B. Erfahrungsberichte, Bilder, Dokumente -, dann bitten wir um Kontaktaufnahme unter info@lebenshaus-alb.de .

Fußnoten

Veröffentlicht am

21. März 2008

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