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In AKW-Umgebung 60% erhöhte Krebsrate

Die aktuelle Studie des Mainzer Kinderkrebsregisters bestätigt das jahrelange Engagement der IPPNW


Eine von der Ulmer Ärzteinitiative, Regionalgruppe der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, vor Jahren auf den Weg gebrachte offizielle Studie bestätigt nun, dass die Krebsrate und das Leukämierisiko von Kindern in der Nahumgebung deutscher Atomkraftwerke deutlich erhöht ist. Die Untersuchung des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz hat zum Ergebnis, dass das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, mit zunehmender Nähe zu einem Atomkraftwerk zunimmt. Das Bundesamt für Strahlenschutz, das die Studie in Auftrag gegeben hat, weist darauf hin, dass "nachweislich das Risiko für Kinder an Leukämie zu erkranken umso größer ist, je näher sie am Reaktor wohnen".

Die Fall-Kontroll-Studie beweist eine um 60% erhöhte Krebsrate und ein 120% erhöhtes Leukämie-Risiko für Kinder unter 5 Jahren, die im 5-km-Umkreis von Atomkraftwerken wohnen. Die Studie umfasst die 16 Standorte aller deutschen Atomkraftwerke und einen langen Studienzeitraum von 24 Jahren (1980-2003).

Die Studie mit dem Titel "Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie) war 2001 von der IPPNW und der Ulmer Ärzteinitiative durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit eingefordert worden, nachdem eine von der IPPNW initiierte Studie, durchgeführt von Dr. Alfred Körblein (Umweltinstitut München), signifikant erhöhte Kinderkrebsraten in der Umgebung von bayerischen Atomkraftwerken ergeben hatte. Erst nach massivem öffentlichem Druck und über 10.000 Protestbriefen an Behörden und Ministerien hatte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Notwendigkeit weiterer Studien akzeptiert. Den Auftrag für die Studie vergab das BfS im Jahr 2003 an das Mainzer Kinderkrebsregister.

Nachdem nun der Zusammenhang zwischen erhöhten Krebs- und Leukämieraten und der Wohnortnähe zum Atomkraftwerk nachgewiesen wurde, müssen die Ursachen dafür umgehend weiter aufgeklärt werden. Die betroffene Bevölkerung an AKW-Standorten sollte schnell und umfassend mit geeigneten Screening-Methoden untersucht werden.

"Bei diesen massiven Befunden an jedem deutschen Atomkraftwerks-Standort ist eine strahlenbedingte Ursache auf jeden Fall hoch wahrscheinlich. Wer jetzt noch über Zufall spricht, macht sich lächerlich", so Dr. med. Angelika Claußen, Vorsitzende der IPPNW. "Das im europäischen Umweltrecht verankerte Vorsorgeprinzip gebietet es nun, die deutschen Atomkraftwerke umgehend stillzulegen."

Die IPPNW fordert jetzt das Bundesumweltministerium auf, umgehend die offensichtlich zu laschen Grenzwerte für radioaktive Emissionen aus den Atomkraftwerken zu überprüfen und deutlich zu senken. Ab sofort sollten nicht mehr die betroffenen Kinder und Eltern die Beweislast für die Ursache der Erkrankung tragen müssen, sondern umgekehrt die Betreiber der Atomanlagen.

Quelle: IPPNW-Pressemitteilung vom 9.12.2007

Kinderkrebs um Atomkraftwerke: Strahlenschutz-Grenzwerte müssen überprüft werden!

Nicht die aktuellen Studienergebnisse müssen überprüft werden, sondern die derzeit gültigen Strahlenschutz-Grenzwerte

Ohne Alfred Körblein und Reinhold Thiel wüsste die deutsche Öffentlichkeit nicht, dass bei Kindern das Risiko, an Krebs oder Leukämie zu erkranken, zunimmt, je näher sie an einem der deutschen Atomreaktoren wohnen. Das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz, das Bundesamt für Strahlenschutz, die Strahlenschutzkommission des Bundes und das Bundesumweltministerium - sie alle wollten jahrzehntelang von erhöhten Krebserkrankungen neben Atomkraftwerken nichts wissen, obwohl Ärztinnen und Ärzte vor Ort genau dies immer wieder festgestellt hatten.

Noch 1997 konnte oder wollte das Mainzer Kinderkrebsregister in seiner damaligen Studie (die so genannte "Michaelis-Studie") eine erhöhte Krebsrate um deutsche Atomkraftwerke nicht erkennen. Der Wissenschaftler Dr. Alfred Körblein vom Umweltinstitut München schaute sich die Daten aus Mainz nochmals gründlich an und überprüfte den methodischen Ansatz der etablierten Wissenschaftler. Der Physiker kam 1998 zum Ergebnis, dass man mit den Daten des Mainzer Kinderkrebsregisters nachweisen kann, dass die Krebsrate bei Kleinkindern im Nahbereich der deutschen Atomkraftwerke um 54 Prozent signifikant erhöht ist.

Auf Initiative von Reinhold Thiel, Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, veröffentlichte Körblein 2001 eine weitere Studie zu Krebserkrankungen bei Kindern um bayerische Atomkraftwerke. Ergebnis: Die Kinderkrebsrate ist demnach signifikant erhöht, am höchsten um das Atomkraftwerk Gundremmingen mit 38 Prozent. Thiel machte die brisanten Ergebnisse öffentlich und die IPPNW verlangte vom Bundesamt für Strahlenschutz weitere Untersuchungen zur Ursachenabklärung. Doch die Strahlenschutzbehörde erkannte damals Körbleins Berechnungen nicht an. Das Mainzer Kinderkrebsregister stellte die wissenschaftliche Kompetenz von Körblein in Frage.

Für den niedergelassenen Arzt und IPPNW-Mitglied Reinhold Thiel, der in der Nähe des Atomkraftwerks Gundremmingen bei Ulm praktiziert, war das eine Herausforderung. Er sorgte für massiven öffentlichen Druck und dafür, dass über 10.000 Protestbriefe aus der Bevölkerung bei Behörden und Ministerien eingingen. Im Juli 2001 schließlich erkannte das Bundesamt für Strahlenschutz Körbleins Berechnungen an und akzeptierte die Notwendigkeit weiterer Studien. Als Konsequenz daraus beauftragte die Behörde 2003 das Deutsche Kinderkrebsregister mit umfangreichen Fall-Kontrollstudien mit Arbeitstitel "Kinderkrebs um Kernkraftwerke" (KiKK). Körbleins methodische Vorschläge flossen in diese Studie ein.

Im Dezember 2007 liegt nun endlich das Ergebnis vor. Es ist brisant: Das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, nimmt mit zunehmender Nähe zu einem Atomkraftwerk zu. Und: Die Fall-Kontroll-Studie beweist eine um 60% erhöhte Krebsrate und ein 120% erhöhtes Leukämie-Risiko für Kinder unter 5 Jahren, die im 5-km Umkreis von Atomkraftwerken wohnen. Die Arbeit ist mit einem Studienzeitraum von 24 Jahren von 1980 bis 2003 außergewöhnlich gut abgesichert.

Faktisch bestätigt die aktuelle Studie, was schon 1998 Körblein an der Mainzer Studie von 1997 kritisiert hat.

Diejenigen, die jetzt einräumen müssten, dass ihre Forschungsergebnisse von 1997 nicht mehr stimmen, behaupten nun in der neuen Studie, mit der Radioaktivität könnten die Krebserkrankungen und Leukämien neben Atomkraftwerken nichts zu tun haben.

Bundesumweltminister Gabriel stützt sich ebenso wie die CDU-Politikerin Reiche auf die offiziellen Strahlenschutzgrenzwerte. Doch diese Strahlenschutzgrenzwerte sind offensichtlich wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar.

Das Risiko der Radioaktivität wird von den Behörden deutlich unterschätzt. So hat das EU-Forschungsprojekt "Soul" seinem Leiter Dr. Peter Jacob vom GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit zufolge etwa 4mal höhere Strahlenschäden in der Umgebung der russischen Atomwaffenschmiede Majak festgestellt als nach dem Risikomodell, das der deutschen Strahlenschutzverordnung zugrunde liegt, zu erwarten wären.

Das bedeutet, dass die deutschen Strahlenschutzgrenzwerte offensichtlich zu hoch angesetzt sind. Im Übrigen ist inzwischen weitgehend unstrittig, dass es für die gesundheitlichen Auswirkungen von Radioaktivität keinen Schwellenwert gibt.

Es ist auch zu kurz gegriffen, wenn Minister Gabriel eben diese Grenzwerte als Grundlage nimmt, um vor laufenden Kameras zu behaupten, ein Zusammenhang zwischen den Atomkraftwerken und den Krebserkrankungen sei zweifelhaft. Die aktuellen Zahlen des Mainzer Kinderkrebsregisters, die die Arbeiten von Körblein bestätigen, werden in keiner Weise in Frage gestellt. Man ist sich inzwischen einig darin, dass Krebs und Leukämie zunehmen, je dichter Kinder an Atomreaktoren wohnen.

Die IPPNW stellt fest: Nicht die aktuellen Studienergebnisse müssen überprüft werden, sondern die derzeit gültigen Strahlenschutz-Grenzwerte.

IPPNW-Feature vom 9.12.2007

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Veröffentlicht am

11. Dezember 2007

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