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Sicherung des Nuklearmaterials schützt vor Atomterror

15 Jahre Programm zur kooperativen Bedrohungsverminderung

Von Wolfgang Kötter

Nuklearterrorismus ist für Wladimir Putin und George W. Bush “die größte Bedrohung, der wir gegenwärtig ausgesetzt sind.” Dass Terroristen Atomwaffen in die Hände bekommen, gehört zu den Horrorszenarien, vor denen sich nicht nur die Präsidenten Russlands und der USA fürchten. Niemand jedoch kennt eine Zauberformel, um den Albtraum abzuwenden. Einig sind sich die Experten jedoch darüber, dass der technisch schwierigste und aufwendigste Schritt auf dem Weg zur Bombe darin besteht, sich das erforderliche Spaltmaterial zu verschaffen. Riesige Mengen angereichertes Uran und Plutonium aber lagern in mehr als 40 Staaten und nicht immer sind sie sicher verwahrt und geschützt. Vor allem, wenn bisherige politische Ordnungsinstitutionen nicht mehr funktionieren oder beim Auseinanderbrechen ganzer Staaten völlig verschwinden, wird es brandgefährlich.

Seit dem Zerfall der UdSSR konzentrieren sich die Besorgnisse auf das nukleare Erbe in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Dort existieren tonnenweise atomwaffenfähiges Material sowie mehrere Millionen Tonnen an nuklearen Abfällen, die riesige Gebiete radioaktiv verseuchen. “Russland hat die größten Vorräte an waffenfähigem Material, genug um 40.000 bis 80.000 Atombomben herzustellen”, schätzt der in Moskau tätige US-Nuklearexperte Robert Berls ein. Nur die Hälfte sei jedoch ausreichend gesichert.

Auch in der verbliebenen Supermacht USA reifte die Erkenntnis, dass die nukleare Bedrohung künftig nicht mehr so sehr von der Stärke des einstigen Widersachers, sondern viel mehr von der Schwäche seiner Nachfolgestaaten ausgehen könnte. “Unbeaufsichtigtes Nuklearmaterial ist der Traum der Terroristen”, warnt der ehemalige demokratische US-Senator Sam Nunn: “Wir befinden uns in einem Wettrennen zwischen internationaler Kooperation und nuklearer Katastrophe.” Gemeinsam mit seinem republikanischen Kollegen Richard Lugar begründete er vor 15 Jahren, am 12. Dezember 1991, das “Programm zur kooperativen Bedrohungsverminderung”, das der Verbreitungsgefahr von herrenlosen Nuklearwaffen und -materialien durch internationale Zusammenarbeit begegnen sollte. Beide initiierten im US-Kongress den Cooperative Threat Reduction Act, der Haushaltsmittel für ein Hilfsprogramm zur Sicherung von Nuklearmaterial im ehemaligen Ostblock bereitstellte.

Den bisherigen Feind bei der Lösung seiner Sicherheitsprobleme zu unterstützen, das schien jedoch für viele Politiker mit ihrem festgefügten Feindbildern nur schwer vereinbar. Auch die offizielle US-Außenpolitik erwies sich als zu zögerlich, um den rasch wachsenden Herausforderungen adäquat zu begegnen. Permanenter politischer Druck und ständige Lobbyarbeit waren also erforderlich, um sich gegen die fortdauernde Mentalität des Kalten Krieges durchzusetzen. Einen kräftigen Impuls erhielten die Bemühungen Dank einer 250 Millionen Dollar Spende von CNN-Gründer Ted Turner, und so schlug schließlich im Januar 2001 die Geburtsstunde für die “Initiative gegen die nukleare Bedrohung” (Nuclear Threat Initiative - NTI). Das Programm umfasst eine Vielzahl von Aktivitäten gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen in Russland, der Ukraine, in Weißrussland und Kasachstan. Eingeschlossen ist ebenfalls die Rückführung von Nuklearmaterial nach Russland aus anderen Transformationsländern Osteuropas wie Albanien, Bulgarien, Polen, Tschechien und Ex-Jugoslawien. Insgesamt rund 10 Milliarden Dollar wurden bisher in das Programm investiert.

Flankierend zu den offiziellen Aktivitäten des US-State Departments und des Energieministeriums kümmert sich die Initiative unter anderem darum, bestehende Kernwaffendepots zu sichern und ausgemusterte Nuklearwaffen zu deaktivieren oder zu liquidieren. Im vergangenen Jahr wurden aus dem Reaktor Mangyschlak bei Ust-Kamenogorsk in Kasachstan mit den Mitteln von NTI fast zwei Tonnen atomwaffenfähiges Uran abgereichert, das damit nicht mehr militärisch nutzbar ist. Maßnahmen der Initiative verbessern die Sicherheit russischer Chemiewaffeneinrichtungen und finanzieren die Errichtung einer Vernichtungsanlage für Nervengaskampfstoffe. Außerdem wurden Tausende Sprengköpfe, Hunderte Interkontinentalraketen, Langstreckenbomber und U-Boote entsorgt. Waffenfähiges Spaltmaterial wurde unschädlich gemacht, Testtunnel für Atomwaffenversuche geschlossen und radioaktiv verseuchtes Gelände gereinigt.

Ziel vieler kooperativer Projekte ist die Sicherung und Vernichtung von atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen, deren Ausgangsmaterialien, Technologien und Infrastruktur. Und das ist bitter nötig.

Insgesamt registrierten die russischen Behörden im vergangenen Jahr 200 Fälle versuchten Diebstahls oder Schmuggels von Nuklearmaterial. Erst letzten April nahm die russische Polizei einen Vorarbeiter in einer Nuklearfabrik fest, der 22 kg Uran verkaufen wollte. Ein nicht zu unterschätzendes Risiko erwächst aus dem Jobverlust Zehntausender Wissenschaftler und hochspezialisierter Techniker, die vormals im Rüstungsbereich tätig waren und jetzt arbeitslos sind oder ein Leben mit Hungergehältern fristen. Lukrative Angebote anderer Staaten, Terrorgruppen oder krimineller Banden könnten in einer solchen Situation als verführerischer Ausweg für eine neue berufliche Karriere angesehen werden.

Einundzwanzig Prozent der russischen Wissenschaftler wären laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology in den USA bereit, für einen “Schurkenstaat” zu arbeiten. Konkrete Bemühungen zum “brain drain” sollen angeblich seinerzeit von den afghanischen Taliban erfolgt sein und auch Al Kaida hat sich um die Anheuerung ausländischer Waffenspezialisten bemüht. Medienberichten zufolge hatte die Polizei im Jahre 1992 in letzter Minute den Start eines Flugzeugs mit russischen Wissenschaftlern nach Nordkorea gestoppt. Um dem entgegenzuwirken, organisierte die Initiative internationale Zentren für Wissenschaft und Technologie, in denen rund 58.000 ehemalige Angehörige des Militärkomplexes der Sowjetunion gemeinsame Forschung und Entwicklung zu friedlichen Zwecken betreiben können. In Sarow bei Nishni Nowgorod - dem russischen Los Alamos - , das früher auf keiner Landkarte verzeichnet war und unter dem Tarnnahmen “Arsamas-16” firmierte, half die Initiative, eine der größten Kernwaffenschmieden der ehemaligen Sowjetunion zu schließen und in ein Computerzentrum umzuwandeln. Dabei entstanden 1.000 neue Arbeitsplätze.

Allerdings wurde auch Kritik an den Unterstützungsprogrammen laut. Nicht wenige Falken in der US-Regierung und im Kongress behaupten, das Programm sei in Wirklichkeit nichts anderes als amerikanische Hilfe für Russlands Militär. Immer wieder regt sich Widerstand der Hardliner, die versuchen, Finanzmittel zu kürzen oder gänzlich zu streichen. Einen jüngsten Erfolg erzielten sie mit der Beendigung des Wissenschaftlerprogramms im vergangenen September. Aber auch auf russischer Seite erweisen sich eingeschränkter Zugang zu Forschungseinrichtungen in nach wie vor “geschlossenen Städten” und Misstrauen gegenüber ausländischen Wissenschaftlern als Barriere für die Fortsetzung der Kooperation. “Wenn wir dieses Programm eliminieren, verlieren wir ein wichtiges Nichtverbreitungsabkommen”, bedauert Kenneth Luongo, Exekutivdirektor des russisch-amerikanischen Rates für nukleare Sicherheit in Washington.


Globale Vorräte an nuklearem Spaltmaterial (in Tonnen)
Material zivil militärisch
Plutonium 1 700      155
hochangereichertes Uran 175 1 725

 

 

 


Quelle: Bulletin of the Atomic Scientists

Eine gekürzte Fassung dieses Artikels von Wolfgang Kötter erschien ebenfalls bei ND vom 12.12.2006.

Veröffentlicht am

14. Dezember 2006

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