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Gute Nachrichten aus Gaza

Von Ran HaCohen, antiwar.com 16.10.2006

Als Siegmund Freund am Vorabend des 2. Weltkriegs aus dem Nazi-Österreich floh, wurde er darum gebeten, ein Statement zu unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden sei. Der alte jüdische Psychiater - so wird erzählt - habe gefragt, ob er noch folgendes hinzufügen könnte: “Ich kann die Gestapo nur jedem empfehlen”.

Israelisches Hotel verwöhnt Palästinenser

Seit der Entführung/Gefangennahme eines israelischen Soldaten am 25.Juni wird der Welt größtes Freiluftgefängnis - der Gazastreifen - ständig von mörderischen israelischen Angriffen heimgesucht. Jeden Tag gibt es mehrere Tote (in den letzten 3 Tagen 21) und viele Verletzte. Während der Libanon von Millionen israelischen Bomben bedeckt wurde, kümmerte sich keiner um den Gazastreifen. Nach der israelischen Niederlage im Libanon, nahm die frustrierte Armee mit erneuerter zerstörerischer Energie Rache an der hilflosen Bevölkerung im Gazastreifen. Gaza steht unter vollkommener Belagerung mit einer Armutsrate von 75 %, bei unerträglicher spätsommerlicher Hitze keinen Strom, geschweige denn angemessener medizinischer Versorgung.

Aber selbst in diesen dunkelsten Tagen gibt es einen Lichtstrahl. Da ist jemand der sich um die Menschen in Gaza sorgt, jemand der sie als menschliche Wesen betrachtet und sie mit Nahrung, Unterkunft, Freiheit und Würde behandelt. Ratet wer? Mutter Teresa? Beinahe. Die Antwort ist: die israelische Armee. Mindestens, wenn du Israels beliebteste Internetsite YNET fragst, die Website der am meisten gekauften israelischen Zeitung Yedioth Achronot. Lies selbst ( ynetnews.com ).

“Die IDF hat in der Nähe der Grenze des Gazastreifens ein Haftzentrum eingerichtet: Palästinenser werden in einem besonderen vorübergehenden Haftzentrum festgehalten, da die IDF eine Welle von Verhaftungen vorgenommen hat. Sie werden dort täglich verhört.”

So weit, so gut. Oder auch nicht gut. Man fragte sich, was als nächstes kommt: eine Reihe kritische Fragen? Ein kurzer Kommentar über die Illegalität dieser Prozedur? Das Völkerrecht verbietet eigentlich ausdrücklich die Entführung von Leuten aus besetzten Gebieten. Also könnten alle Israelis, die mit diesem “Haftzentrum” zu tun haben, der Kriegsverbrechen angeklagt werden. Oder wenn das Völkerrecht nicht zählt, wie ist es mit dem israelischen Gesetz? Nach welchem Paragraphen wurden diese Leute verhaftet, die in einem Gebiet wohnen, von dem sich Israel angeblich zurückgezogen hat? Hier vielleicht ein kurzer Vergleich zwischen den Zahlen der von Palästinenser entführten Israelis (Ein Soldat; 0 Zivilisten; 0 Kinder) - dagegen eine riesige Anzahl von durch Israel entführten Palästinensern. Wir sollten wenigstens sehen, wer die Verhafteten sind und etwas über sie erfahren. Also lesen wir unter YNET weiter:

“Die Armee sagt, sie habe die Soldaten instruiert, die Verhafteten in menschlicher Weise zu behandeln und betont, dass die meisten Männer nach dem Verhör entlassen werden sollen. Den entlassenen Palästinensern wird ein Lebensmittelpaket mit Zucker, Öl und Mehl gegeben. ‘Wir können stolz sein, wie die IDF die Palästinenser behandeln’, sagen Reservesoldaten, die für das Haftzentrum zuständig sind. ‘Seit gestern strömen die Verhafteten herein’, sagt ein Soldat zu YNET, ‘am Nachmittag kamen eine Reihe Palästinenser ab 15 und Erwachsene bis 45. Wir gaben uns große Mühe, dass sich die Palästinenser wohl fühlen, stellten Tische und Bänke im Schatten auf, damit sie nicht in der Sonne stehen müssen.’ Die Soldaten sagten, die Verhafteten hätten sich nicht verletzt gefühlt und einige lachten sogar. Die meisten der Palästinenser hätten keine verbundenen Augen gehabt und keine Handfesseln. ‘Jeder von ihnen wurde zum Verhör in ein Zelt geführt. Diejenigen, die Kontakte zu Terrorgruppen haben, wurden mit Bus in ein anderes Haftzentrum gebracht, die übrigen innerhalb Stunden nach Gaza entlassen’, sagte ein Soldat. ‘Wir erhielten Order, ihnen eine warme Mahlzeit zu geben und an einem Tisch erhielten sie Brot mit Schokolade und Getränke’, sagte der Reservesoldat. ‘Wir waren richtig stolz über diese Behandlung, eine Behandlung mit Respekt, sogar derjenigen, die man wegen Terroraktivitäten verdächtigte.’”

So, nun wissen wir alles. “Haftzentrum” muss eine linke oder antisemitische Diffamierung sein. Was die israelische Armee direkt außerhalb der Grenze des Gazastreifens führt ist tatsächlich ein Luxushotel mit voller Bedienung. Soldaten arbeiten als Hotelangestellte, helfen den Palästinensern zu einer kurzen Erholung von den schrecklichen Bedingungen in Gaza: Wasser, Schatten, Nahrung, Schokolade, warme Mahlzeiten, ja sogar ein Lächeln.

Nicht nur Erwachsene erfreuen sich über den Hoteldienst: sogar Kinder sind überrascht von den hilfsbereiten Soldaten, die sie aus ihren elenden Betten mitten in der Nacht herausholen, sie mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen zu diesen vom Militär geführten Oasen bringen, sie danach fragen, wie es ihnen geht (“Verhör”), sie mit den vorzüglichen Diensten des Hotels verwöhnen und sie danach entlassen, mit einer Tüte von Bonbons.

Die Soldaten sagen auch, dass die meisten Palästinenser weder verbundene Augen hatten noch Handschellen trugen. Dies kann kaum mit den dem Bericht beigefügten Fotos bestätigt werden: von dem Dutzend abgebildeter Palästinenser hatten klar 12 verbundene Augen und waren höchstwahrscheinlich mit Handschellen gefesselt. Das ist sehr gut verständlich, wenn das Gerücht über die genaue Lage des IDF-Luxus-Hotels bekannt würde, dann würden hunderttausende der verhungernden Palästinenser kommen und sich für einmal kostenloses Bett plus Frühstück melden. Man kann dieses Gefangenenzentrum wirklich nur jedem empfehlen.

Medien und Propaganda

Dieser YNET-Bericht ist ein typisches Beispiel für den Bericht der üblichen israelischen Medien über die Grausamkeiten der Besatzung und der Kriegsverbrechen. Ein großer Teil - doch bei weitem nicht alles - der Informationen ist offen und für die Öffentlichkeit zugänglich. Jeder Israeli kann wissen, dass Israel neben dem angeblich nicht mehr besetzen Gazastreifen ein Konzentrationslager mit einer großen Anzahl von Palästinensern führt, einschließlich Kindern, die aus dem Gazastreifen entführt wurden und auf unbestimmte Zeit festgehalten werden; einige werden entlassen, andere zu weiterer “Behandlung” woandershin gebracht. Aber dieser Teil der Information - dem der Artikel etwa 50 Wörter widmet - wird von mehr als 200 Wörtern mit purer Propaganda überflutet, wie in den dunkelsten Diktaturen. So werden die Nachrichten auf sichere Weise eingerahmt und im voraus jede kritische Frage im Keim erstickt. Den Eindruck, den der Leser bekommt, ist der eines Lagers irgendwo, wo die Palästinenser eine faire Behandlung erhalten.

Typisch ist auch: die Propaganda zitiert nur eine Seite, die Armee, die Soldaten, die Täter. Nicht ein einziges Opfer wird interviewt. Wir wissen nicht unter welchen Umständen sie gekidnappt wurden, wir wissen nicht, ob ein einziges Wort der Soldaten wahr ist; wir wissen nicht, was die Gefangenen zahlen müssen (Kollaboration gewöhnlich). Selbst die Tatsache, dass Kinder gefangen genommen wurden, lässt bei den Journalisten oder Editoren der “freien Presse” keine Frage hochkommen

Und um ganz sicher zu gehen, lässt diese reine Propaganda den unvermeidlichen Vergleich nicht aus zwischen Israel - der Regionalmacht, die Gaza stranguliert, tötet, seine Bewohner, Männer, Frauen und Kinder durch konventionelle und satanische experimentelle Waffen verwundet, sie willkürlich in seine Gefangenenlager entführt - und der palästinensischen Seite, die einen einzigen Soldaten entführt hat und die zivile Bevölkerung, die um den Gazastreifen wohnt, mit primitiven Raketen belästigt. So sieht der verdrehte Vergleich zwischen Opfern und Tätern aus:

“Es ist traurig wie die andere, die palästinensische Seite keinen Respekt gegenüber dem menschlichen Leben hat, sie benützt Kinder als menschliche Schutzschilde und eine unschuldige Bevölkerung ist unter ständiger Bedrohung durch Terrorgruppen.”

Kein einziger Beweis wird gegeben, aber erwartet man denn so etwas in einem Propaganda-Artikel.

Kontrovers

Bei den Reaktionen der Leser, den sogenannten Feedbacks jedoch, kann man sehen, wie israelische Demokratie arbeitet. Demokratie ermutigt auch Kontroversen - wie wir alle wissen. Auch dieser Bericht lässt heiße Debatten aufkommen. Während viele Leser sehr stolz auf das humanitäre Verhalten der Armee waren, waren sogar noch mehr Leser nicht damit einverstanden und kritisierten - gelinde gesagt - das Verhalten der Armee sehr. “Warum verhaften? Tötet sie!” schlugen mehrere Leser vor. “Warum ihnen Schokolade geben? Foltert sie, um unseren gekidnappten Soldaten zu finden!” forderte ein anderer. “Wir zahlen mit unserem Leben für unsere Moral; die Terroristen sind menschlicher Abfall!” predigte ein anderer israelischer Leser. Von den 120 Feedback-Beispielen haben weniger als 5% den Wert dieses billigen propagandistischen Berichtes hinterfragt. Also hat entweder der Rahmen perfekt gearbeitet oder die Editoren der Website haben eine ihnen passende Auswahl getroffen und damit ihren Job perfekt gemacht.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs; leichte Bearbeitung: Michael Schmid. Originalartikel: Good News From Gaza .

Veröffentlicht am

21. Oktober 2006

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