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Die israelische Kriegführung im Libanon

Interview mit Otfried Nassauer

Die israelische Kriegführung im Libanon hatte neben der Schwächung der Hisbollah zum Ziel, eine Wiederbesiedlung der Orte im Süden zu erschweren. Das sagt Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit.

Frage: Amnesty international wirft Israel vor, im Libanon auch Zivilisten angegriffen zu haben.Siehe die Pressemitteilung von ai Libanon: Israel hat vorsätzlich zivile Ziele zerstört vom 23.08.2006. Handelt es sich dabei um unvermeidliche Irrtümer oder Schäden?

Otfried Nassauer: Soweit bekannt hatten die israelischen Angriffe im Libanon mehrere Ziele. Zum einen in der Tat, die Hisbollah zu schwächen; zum zweiten durch Schäden an der Infrastruktur einen Keil zwischen Bevölkerung und Milizen zu treiben, was nicht gelungen ist, und zum dritten kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Wiederbesiedlung der Dörfer im Süden Libanons absichtlich erschwert werden sollte.

Frage: Warum sollte die Zerstörung von Infrastruktur ein integraler Bestandteil der israelischen Militärstrategie sein - immerhin musste doch die Olmert-Regierung mit internationaler Kritik rechnen?

Otfried Nassauer: Das hat sie in Kauf genommen. Im Krieg gehen moralische Argumente meist ziemlich schnell unter oder werden zweckgebunden benutzt. Israel hat gegen die Hisbollah-Angriffe mit durchaus kritisierbaren massiven Militärschlägen reagiert, die wiederum zu einer Eskalation der Hisbollareaktion geführt haben. Das ist die Logik des Krieges. Meist werden vor allem Zivilisten Opfer.

Frage: Nach israelischer Ansicht sind die zivilen Opfer vor allem deshalb zu beklagen, weil die Hisbollah Raketen aus Wohngebieten abgeschossen hat.

Otfried Nassauer: Es ist schwer zu glauben, dass diese israelische Rechtfertigung durchhaltbar ist. Sicher, die Hisbollah hat wohl einige Katjuscha-Stellungen in bewohntem Gebiete gehabt, aber die Angriffe dürften meist vor Höhlenstellungen ausgeführt worden sein, wie Israel sie während der Besetzung Libanons baute und die Hisbollah sie dann ausbaute. Deshalb waren sie auch so schwer zu treffen.

Frage: Weshalb werden in der Öffentlichkeit die Hisbollah-Angriffe auf zivile Ziele in Israel so wenig thematisiert?

Otfried Nassauer: Ich sehe keinen moralischen Unterschied zwischen beiden Kriegsseiten, wohl aber einen graduellen. Die Hisbollah besitzt, was Waffen betrifft, die israelisches Territorium erreichen können, nur über ungelenkte Raketen. Sie hat nicht die Möglichkeit, gezielt Schäden an militärischen Einrichtungen zu erreichen. Im Unterschied dazu verfügt Israel über modernste, teilweise sehr präzise Waffensysteme, mit denen Ziele viel leichter zu differenzieren sind. Außerdem haben die Milizen innerhalb Libanons israelische Militäreinheiten bekämpft. Soweit war es eine defensive Reaktion. In der Offensive hat die Hisbollah in Israel in Ermangelung anderer Möglichkeiten so genannte weiche Flächenziele angegriffen, was natürlich in keiner Weise zu rechtfertigen ist. Die unterschiedliche Reaktion in der Öffentlichkeit hat wohl vor allem damit zu tun, dass die Angriffe Israels viel massiver waren und wie Goliath gegen David daherkamen. Man sollte letztlich die Hisbollah-Führer genauso zur Verantwortung ziehen wie israelische Generäle.

Frage: Ist der Einsatz der vermutlich von der israelischen Armee eingesetzten Streumunition aus militärischer Sicht notwendig?

Otfried Nassauer: Das ist zu bezweifeln. Israel hat, soweit ich weiß, Streumunition in verschiedenen Kontexten eingesetzt. Einmal zur Bekämpfung von erkannten Katjuscha-Stellungen der Hisbollah. Zum anderen, um Dorf- und Siedlungsstrukturen schwerer wiederbesiedelbar zu machen. Dafür spricht unter anderem die Verwendung dieser Munition während der letzten Stunden des Krieges. Nach der Genfer Konvention ist das eine höchst zweifelhafte, wenn nicht gar völkerrechtswidrige Maßnahme.

Das Interview führte Kostas Kipuros

Quelle: BITS   vom 25.08.2006. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Otfried Nassauer.

Fußnoten

Veröffentlicht am

27. August 2006

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