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Strategischer Imperativ

Am atomaren Abgrund: Warum Israel gegen Libanon einen totalen Krieg geführt hat

Von Jürgen Rose

Cambrigde im US-Bundesstaat Massachusetts, März 1993: Das Institute for Defense and Disarmament Studies (IDDS), ein privater, regierungsunabhängiger Think Tank, berichtet in seiner Publikation Arms Control Reporter, es sei dem Iran gelungen, sich im Dezember 1991 Atomwaffen aus der in Auflösung begriffenen Sowjetunion zu beschaffen. Es handle sich um eine nukleare Artilleriegranate, zwei Gefechtsköpfe für die SCUD-Rakete mittlerer Reichweite sowie eine Flugzeugbombe für den Jagdbomber MIG-27. Weiter wird berichtet, die atomaren Sprengsätze seien nicht komplett, sondern in Einzelteilen geliefert worden. Das nukleare Spaltmaterial stamme aus Kasachstan, während die übrigen Komponenten via Turkmenistan aus anderen Sowjetrepubliken kämen. Schließlich ist dem Report zu entnehmen: Da die Sicherungscodes für die Waffen fehlten, hätten sich zwei Experten aus der Russischen Föderation in den Iran begeben, um diese zu knacken.

Inspektionstermin des Ayatollahs

Bestätigt und präzisiert hat diese Berichte der ehemalige Direktor der Arbeitsgruppe “Terrorismus und unkonventionelle Kriegführung” des US-Kongresses, Yossef Bodansky, in seinem 2002 in Roseville (Kalifornien) erschienenen Buch The High Cost of Peace: How Washington´s Middle East Policy Left America Vulnerable to Terrorism. Dort beschreibt der Autor, wie der Atomdeal zustande kam und nennt technische Details. So besaßen nach seinen Angaben die beiden SCUD-Gefechtsköpfe eine Sprengkraft von je 40 Kilotonnen, während die atomare Artilleriegranate ein Kaliber von 152 Millimetern aufwies. Des weiteren nennt Bodansky die “Air Force´s Eighty Shahid Babai Air Base” in Isfahan sowie Lavizan nahe Teheran als Stationierungsorte dieser Waffen. Bedingt einsatzbereit seien sie Ende Januar 1992 gewesen - voll einsatzbereit einige Monate später. Sogar einen Inspektionstermin, den Revolutionsführer Ajatollah Khamenei am 10. Oktober 1992 wahrgenommen habe, erwähnt Bodansky in seinem Buch. Schließlich berichtet er noch über einen weiteren Atomwaffenhandel im Herbst 1992, bei dem es um den Erwerb von vier 50-Kilotonnen-Gefechtsköpfen ging - vorgesehen für “Nodong-1”-Raketen, die Iran in Nordkorea bestellt haben soll. Mit den brisanten Angaben des IDDS und Yossef Bodanskys korrespondiert die Aussage, mit der Russlands stellvertretender Generalstabschef vor geraumer Zeit zitiert wurde. Am 24. Mai 2002 gab General Juri Balujewski in Moskau zu Protokoll: “Iran hat von einem anderen Staat als Russland taktische Nuklearwaffen erhalten”.

Es sei in diesem Zusammenhang auch ein Gespräch erwähnt, das der Autor über dieses Thema mit Ulrich Tilgner, ZDF-Korrespondent in Teheran, vor wenigen Wochen im burgenländischen Schlaining am Rande der Sommerakademie der Österreichischen Stiftung Friedens- und Konfliktlösung geführt hat. Auf den mutmaßlichen Transfer von Nuklearwaffen in den Iran Anfang der neunziger Jahre angesprochen, antwortete Ulrich Tilgner: “Meine iranischen Gesprächspartner in Teheran haben mir dazu gesagt, ‘we have it, but we can´t use it.’”

Die Auskunft, man könne die atomaren Waffen nicht benutzen, kann zweierlei bedeuten. Entweder sie befinden sich in einem Zustand, der einen Einsatz ausschließt, weil wichtige Komponenten wie Tritium oder Präzisionszünder fehlen. Oder aber die atomaren Sprengsätze sind zwar technisch funktionsfähig, können aber den ihnen zugedachten strategischen Zweck - von iranischem Territorium aus eine glaubwürdige Abschreckung gegen Israel und dessen Nukleararsenal zu sein - mangels geeigneter Trägersysteme mit hinlänglicher Reichweite nicht erfüllen. Um letzteres Manko auszugleichen, existiert - oder muss man sagen: existierte? - für den Iran vorderhand nur eine einzige Option. Nämlich die an der Nordgrenze Israels postierte Hisbollah mit ballistischen Raketen auszurüsten, mit denen diese das israelische Kernland bedrohen konnte, und bei Bedarf die atomaren Gefechtsköpfe, zumindest das vorhandene Spaltmaterial, ebenfalls in den Libanon zu schaffen.

Ein eiserner Blockadering

De facto schloss die Logik nuklearstrategischer Abschreckung jeden amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran solange aus, solange Israel von seiner Nordgrenze her mit einem existenziell bedrohlichen Gegenschlag rechnen musste, den die Hisbollah im Auftrag Teherans auslösen konnte. Wenn also - und davon künden die immer lauter ertönenden Kriegstrommeln - der seit längerem geplante Angriff gegen das Mullahregime in Teheran geführt werden soll, musste zuvor dieser strategische Risikofaktor eliminiert werden - dann mussten die Hisbollah-Führung, deren Kommando- und Infrastruktur sowie Gefechtsstände zerstört werden. Gleiches galt für sämtliche Raketen mittlerer Reichweite und die dazugehörigen Startvorrichtungen, mit denen sich unter Umständen iranisches Nuklearinventar verschießen ließ. Schließlich musste jeder Hafen, jede Brücke und jede Straße zerbombt und der gesamte Libanon mit einem eisernen Blockadering umgeben werden, damit kein Nachschub aus Iran und Syrien die Hisbollah erreichen konnte. Dieses Unternehmen war offenkundig seit über einem Jahr zwischen den USA und ihrem israelischen Verbündeten abgestimmt, und hatte mitnichten seinen Ursprung in Grenzscharmützeln sowie der Gefangennahme zweier einzelner Soldaten am 11. Juli 2006. Es war jener militärstrategische Imperativ, der die Wucht, Gnadenlosigkeit und Totalität erklärt, mit der Israel seit dem 12. Juli seine kriegerische Mission im Libanon exekutiert hat.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

Quelle: Freitag - Die Ost-West-Wochenzeitung 33 vom 18.08.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Rose.

Anmerkung von Michael Schmid:
Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS), mahnt auf Nachfrage bezüglich der angeblichen Atomwaffen, die der Iran erhalten haben soll, zur großen Vorsicht und stellt die von Jürgen Rose in dieser Sache entwickelten Thesen in Frage. Er schreibt: “Die Gerüchte, der Iran habe von Kasachstan 3-4 Atomwaffen bekommen, wurden Anfang der 90er von den USA und Israel gestreut, aber nie substantiiert. Sie sollten Iran in Verdacht bringen und Kasachstan als unverlässlichen Gesellen darstellen. Als Kasachstan dem NPT als nichtnuklearer Staat beitrat und Russland erklärte, die kasachischen Sprengköpfe seien vollzählig übergeben worden, verstummten die Gerüchte.”

Veröffentlicht am

19. August 2006

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