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Todesfahrten auf dem deutschen Schienennetz: Technisch durchdacht

Nach vergeblichen Verhandlungen mit der Bahn AG zeigt die Stadt Weimar seit diesem Wochenende eine Ausstellung über die Deportation von elftausend jüdischen Kindern in die NS-Vernichtungslager. Ausstellungsort ist das Stadtmuseum, in dem der Weimarer Oberbürgermeister sowie der Stadtkulturdirektor die Exponate jetzt vorstellten. Die deportierten Kinder, darunter etwa 500 aus Deutschland und 100 aus Österreich, waren auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn nach Sobibor und Auschwitz geschleust worden. Das Reichsbahn-Nachfolgeunternehmen, die Berliner Bahn AG, weigert sich seit zwei Jahren, mit Fotos und Dokumenten der deportierten Kinder auf den Stationen ihrer letzten Reise zu erinnern. Trotz öffentlicher Ermahnungen durch den Bundesminister für Verkehr und zahlreiche Bundestagsabgeordnete setzt die Unternehmensführung um den Vorsitzenden Hartmut Mehdorn ihre Blockade fort. Die für Ende Mai terminierten Gespräche über das Ausstellungskonzept fanden nicht statt, da die Bahn AG keinen Kontakt mit den Initiatoren aufnimmt. “Wie lange noch soll die Erinnerung an die ermordeten Kinder verschleppt werden”, fragt Beate Klarsfeld von der Pariser Organisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France”. Die deutsche Inititiative “Elftausend Kinder” ruft “zu zivilen Protesten und Demonstrationen auf, um an die Opfer der Massendeportationen auf dem deutschen Schienennetz entschlossen zu erinnern”. german-foreign-policy.com dokumentiert den Wortlaut.

Der jetzt eröffneten Ausstellung im Weimarer Stadtmuseum, die bis zum 5. Juli zu sehen sein wird11.000 jüdische Kinder. Mit der Reichsbahn in den Tod; www.weimar.de/11000_juedische_Kinder.weimar , gingen scharfe Auseinandersetzungen mit dem Bahn-Vorsitzenden Mehdorn voraus. So hatte der ehemalige Oberbürgermeister Volkhardt Germer in mehreren Schreiben an Mehdorn darauf gedrängt, das Weimarer Bahnhofsgelände zu öffnen und den Reisenden einen Blick auf Fotos und Dokumente der Kinder zu gestatten. Mehdorn lehnte das Ansinnen “aus prinzipiellen Erwägungen” strikt ab, obwohl über die Weimarer Gleisanlagen Massentransporte nach Buchenwald und Auschwitz gingen. Daraufhin machte der Weimarer OB die Kontroverse öffentlich. Seine Schreiben an Mehdorn “wurden zunehmend deutlicher”“Kampf gegen den Faschismus ist nicht beendet”. Gespräch mit Volkhardt Germer; junge Welt 19.04.2006, beschreibt Germer (SPD) den Ton der Korrespondenz. “Trotz mehrfacher Bitten” blieb Mehdorn bei seiner Weigerung.

Bloß gestellt

Wie bereits bei der kürzlichen Ausstellungseröffnung in Karlsruhesiehe dazu Champagnerlaune wurden Einladungen an die Berliner Bahn AG von der Unternehmensführung auch in Weimar ausgeschlagen. Stattdessen entsandte der Vorstand subalterne Beobachter, die zu Stellungnahmen nicht befugt sind. Laut Tenor der Weimarer Presse hat sich die Mehdorn-Gruppe vollständig isoliert und hofft, durch Verschleppen Zeit zu gewinnen. Die Ausstellung sei “der Bahn AG ein Dorn im Auge”, schreibt die Thüringische Landeszeitung.Die 3.Klasse nach Auschwitz: Kindertransporte in den Tod; Thüringische Landeszeitung 02.06.2006 Auch die Thüringer Allgemeine stellt das Unternehmen bloß.Mit der Reichsbahn in den Tod; Thüringer Allgemeine 02.06.2006 In einer Stellungnahme des Weimarer Aktionskomitees “11.000 Kinder” wird “scharfe Kritik an der Geschichtspolitik” der Bahn geübt.Pressemitteilung vom 01.06.2006

Zugzwang

Der öffentliche Unwille über die Abwehr der Gedenk-Forderungen macht sich ebenso im Deutschen Bundestag breit. In einer Kleinen Anfrage wollten Abgeordnete der Fraktion “Die Linke” Mitte Mai wissen, warum die Bahn AG “mit umstrittenen Begründungen die Präsentation der Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen” ablehnt.Bundestags-Drucksache 16/1491: Fotoausstellung “11000 Kinder” in deutschen Bahnhöfen Weiter heißt es in der Parlamentsvorlage, die Bundesregierung müsse “als Mehrheitsaktionär der Deutschen Bahn AG (…) ein Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit der Deutschen Bahn haben und dieses Interesse auch nach außen dokumentieren”. Darauf antwortete die Bundesregierung Ende Mai, Bundesminister Wolfgang Tiefensee habe “den Vorstandsvorsitzenden der DB AG, Dr. Hartmut Mehdorn, bereits am 24. März 2006 persönlich darum gebeten”, die Ausstellungs-Verweigerung “nochmals prüfen zu lassen” - eine neue Ermahnung an Mehdorn, der nun sogar im Bundestag unter Zugzwang gesetzt wird.

Zusammenhang

Aber Mehdorn scheint zu glauben, er könne die Unmutsbekundungen aussitzen. Durch seinen Pressesprecher hatte er mitteilen lassen, “bis Ende Mai” gemeinsam mit “den Initiatoren der Ausstellung ein Detailkonzept auszuarbeiten und festzulegen”.[8]Presseinformation der Deutschen Bahn AG 26.04.2006 Bisher hat die Bahn AG jedoch weder mit der Pariser Organisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF) noch mit der deutschen Initiative “Elftausend Kinder” Kontakt aufgenommen, bestätigen beide Seiten. Seit Mitte vergangenen Jahres lehnt der Bahn-Vorstand jeden Kontakt mit den Initiatoren ab, weil Mehdorn “Aktionen, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Verbrechen des Nationalsozialismus und unserem Unternehmen herstellen”Schreiben vom 27.07.2005, nicht duldet. Dass dieser Zusammenhang objektiv besteht, lässt sich den Forschungsergebnissen namhafter Historiker entnehmen.siehe dazu das Interview mit Prof. Ahlrich Meyer Über die anhaltende Gesprächsverweigerung scheint die Bundesregierung nicht informiert zu sein: In ihrer aktuellen Antwort auf die Kleine Parlamentsanfrage behauptet sie, es würden “derzeit” Gespräche zwischen “den Initiatoren der Ausstellung und der DB AG geführt”.Bundestags-Drucksache 16/1491: Fotoausstellung “11000 Kinder” in deutschen Bahnhöfen “Leider kann davon keine Rede sein”, sagte die Pressesprecherin der deutschen Initiative am gestrigen Samstag auf Anfrage dieser Redaktion. “Seitdem die Bahn AG vor zwölf Monaten erklärt hat, wir seien ihrer Zusammenarbeit nicht wert, hat sie keinen Brief, keine Bitte, keinen Appell beantwortet. Die Unternehmensführung stellt sich taub und setzt diese Politik bisher fort.”

In einer gemeinsamen Pressemitteilung der deutschen Initiative und der Pariser Organisation heißt es zur Weimarer Ausstellungseröffnung, man werde die Proteste intensivieren, “bis den 11.000 Kindern (und sämtlichen übrigen Deportierten) auf den deutschen Publikumsbahnhöfen Ehre erwiesen wird”.Noch immer keine Ausstellung über Kindertransporte auf den deutschen Bahnhöfen. Bahn AG schweigt; Pressemitteilung 02.06.2006 Dieser Forderung gaben in Weimar Demonstranten Nachdruck, die dem Aufruf des lokalen Aktionskomitees folgten und nach einem Halt am Buchenwald-Denkmal zum Hauptbahnhof zogen (unser Foto). Auf dem Bahnhofsvorplatz stellten sie Koffer ab, die an die Deportierten erinnerten. In Weimar war am 18. August 1944 der letzte bekannte Bahntransport aus Drancy (bei Paris) angekommen und lieferte die Verschleppten dem Tod im nahen Konzentrationslager Buchenwald aus.

Nur wenige

Um die Exponate der Weimarer Ausstellung (Kurator: Christoph Schwarz) siehe dazu das Interview mit Christoph Schwarz . insbesondere Jugendlichen näher zu bringen, wurden 16 Schülerinnen und Schüler als Ansprechpartner für Gruppenbesucher ausgebildet. In einem umfangreichen Begleitprogramm geht Harry Stein “Spuren jüdischer Familien in Weimar” nach, Prof. Ahlrich Meyer wird am 28. Juni über die “Endlösung” in Frankreich referieren. Das Aktionskomitee “11.000 Kinder” und der Verein “Gerberstraße 1” laden zu Exkursionen nach Erfurt ein. Dort stehen bis heute die Überreste der Firma Topf und Söhne, jenes Unternehmens, das die Todesfahrten auf dem deutschen Schienennetz einem technisch durchdachten Ende zuführte: Topf und Söhne lieferte Belüftungsanlagen für die Gaskammern von Auschwitz und kümmerte sich um das Funktionieren der Verbrennungsöfen. Dort wurden die elftausend Kinder eingeäschert. Nur wenige überlebten.

Wir dokumentieren die Pressemitteilung der deutschen Initiative “Elftausend Kinder” und der Pariser Organisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” hier .

Bitte lesen Sie auch das EXTRA-Dossier Elftausend Kinder .

Quelle: Informationen zur Deutschen Außenpolitik vom 04.06.2006.

Fußnoten

Veröffentlicht am

05. Juni 2006

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